Das Politik-Blog

Noch einmal: Über das (erhebliche) Protest-Potenzial einer (möglichen) Sarrazin-Partei

Von 26. September 2010 um 13:07 Uhr

Thilo Sarrazin und seine Äußerungen. Gibt es ein Potenzial, mit einer rechtspopulistischen Partei in Deutschland Fuß zu fassen? Wie groß ist es? Die (mediale) Öffentlichkeit sucht nach Antworten auf diese Fragen. Aber die Demoskopie kann sie kaum liefern. Wir mögen in einer Demoskopie-Demokratie leben – aber bei solchen Fragen stoßen herkömmliche Meinungsumfragen an ihre Grenzen.

Wir kennen das Muster aus dem amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf 2008: Die Hautfarbe Obamas – hat sie den Ausgang der Wahl beeinflusst? So essenziell die Fragen auch sind: Zu aufgeladen und vorbelastet sind die Themen. Entsprechend groß ist die Gefahr, dass sich die “wahren“ Antworten von Befragten mit Vorurteilen, Ressentiments, aber auch wahrgenommener politischer Korrektheit vermischen. Eine Frage “Beeinflusst Obamas Hautfarbe ihre Wahlentscheidung?” verbietet sich in einer seriösen Umfrage. Gleiches gilt für die (mögliche) Wahl einer rechtspopulistischen Partei. Auch danach kann man – allen demoskopischen Versuchen zum Trotz – nicht “mal eben” fragen.

Müssen wir die Forscherflinte ins Korn werfen? Müssen wir schlicht warten, ob sich eine (neue) rechtspopulistische Partei – zum Beispiel um Thilo Sarrazin herum – gründet? Und wie viele Stimmen diese Partei dann am Wahltag bekommt? Oder können wir etwas Besseres tun? Yes, we can.

Am Beispiel Obamas und seiner Hautfarbe haben amerikanische Kollegen gezeigt: Mit klugen, sensiblen Instrumenten, so genannten list experiments, können wir auch Antworten auf sensible Fragen bekommen. Und mit ähnlichen Fragen lässt sich auch das Potenzial einer “Sarrazin”-Partei abschätzen.

“Im Folgenden finden Sie eine Liste von Parteien und ihren Spitzenkandidaten.

  • Partei mit Sigmar GABRIEL an der Spitze
  • Partei mit Renate KÜNAST an der Spitze
  • Partei mit Oskar LAFONTAINE an der Spitze
  • Partei mit Angela MERKEL an der Spitze
  • Partei mit Thilo SARRAZIN an der Spitze
  • Partei mit Horst SEEHOFER an der Spitze
  • Partei mit Guido WESTERWELLE an der Spitze

Wie viele von diesen Parteien kämen bei einer bevorstehenden Wahl für Sie grundsätzlich in Frage?”

Diese Frage soll geeignet sein, das Potenzial einer Sarrazin-Partei abschätzen zu können? Was soll uns die schlichte Anzahl wählbarer Parteien sagen? 1, 2, 3 – nach mehr wird hier nicht gefragt. Tatsächlich ist die Frage als solche wertlos.

Äußerst wertvoll wird sie erst, wenn wir sie ergänzen. In einer zweiten Gruppe von Befragten stellen wir eine nahezu identische Frage – bei einer kleinen Ausnahme: Die “Sarrazin”-Partei fehlt in der zweiten Liste. Konkret: Wir zeigen 500 repräsentativ ausgewählten Menschen die Liste inklusive Sarrazin und 500 anderen, ebenfalls repräsentativ ausgewählten Menschen die gekürzte Liste. 500 Menschen haben Sarrazin als zusätzliche Option, 500 haben diese zusätzliche Option nicht. Diesen winzigen Unterschied bemerken die Befragten aber nicht. Die gesuchte Information nach Sarrazin wird unbemerkt, en passant ermittelt.

Genau das haben wir Anfang vergangener Woche im Rahmen einer Studie an der Universität Mannheim in Kooperation mit dem Meinungsforschungsinstitut YouGovPsychonomics getan. Und das Ergebnis? Im Durchschnitt nennen die ersten 500 Befragten (mit Sarrazin in der Liste) eine Zahl von 1,83 wählbaren Parteien. Dagegen nennen die zweiten 500 Befragten (ohne Sarrazin in der Liste) im Durchschnitt nur 1,57 wählbare Parteien. Ein Unterschied von 0,26, für den die einzig mögliche Erklärung ist, dass 26 Prozent der ersten Gruppe sich vorstellen können, eine “Sarrazin”-Partei zu wählen. Das Potenzial von Sarrazin liegt nach diesen Zahlen also bei 26 Prozent.

Warum ich an diese Zahl glaube? Kein einziger Befragter musste in der Umfrage direkt angeben: “Ja, ich würde Sarrazin wählen”. Wir haben dieses Potenzial indirekt, aber dennoch zielgenau erfasst.

Wo lässt sich dieses Potenzial verorten? Das größte Potenzial liegt in der Gruppe der Befragten, die 2009 nicht an der Bundestagswahl teilgenommen (oder ihre Stimme einer kleinen Partei gegeben) haben: Über die Hälfte, nämlich 56 Prozent der Befragten aus dieser Gruppe können sich vorstellen, eine Sarrazin-Partei zu wählen. Auch 25 Prozent der Befragten, die 2009 die Linkspartei gewählt haben, sind nach den Ergebnissen dieser Studie bereit, Sarrazin zu wählen. Beides sind eindeutige Hinweise auf vorhandenes Protestpotenzial. Unter den Grünen-Wählern dagegen sind es gerade einmal magere zwei Prozent.

Dies zeigt: Es gibt großen Unmut unter den Wählern. Und ein Blick in die Niederlande oder jüngst nach Schweden zeigt auch: Dieser Protest kann seinen Weg ins Parteiensystem finden. Dies könnte auch in Deutschland geschehen, wie diese Zahlen zeigen. Noch allerdings ist das alles hypothetisch, eine Sarrazin-Partei gibt es nicht. Ob es sie je geben wird – wer weiß das schon? Diese Frage kann auch die beste Methode nicht beantworten.

Zur Methode:

Die Erhebung wurde von YouGovPsychonomics im Zeitraum vom 20. bis zum 22. September durchgeführt, befragt wurden 1000 Personen.

PS: Mittlerweile habe ich hier noch einen Nachtrag zur Validität der Methode veröffentlicht.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Es gibt ganz sicher ein enormes Wählerpotenzial für eine neue Partei.
    Und das Beste: Sie steht in den Startlöcher: “DIE FREIHEIT”(Rene Stadtkewitz)
    einfach mal googeln…. ;o)

    Antworten

    • 26. September 2010 um 16:26 Uhr
    • jolante1
  2. 2.

    Aha, DIE FREIHEIT. Sehr originell. Endlich mal ein Wert, den sich nicht schon alle anderen auf die Fahnen schreiben…das dann noch mit dem indellegduellen Überbau dieses Vertreter-Typen, das wird der Burner!

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    • 26. September 2010 um 17:43 Uhr
    • Rüdiger
  3. 3.

    Problematisch an der Frage finde ich ihre Zuspitzung auf Sarrazin. Ich kenne leider keine Zahlen, ob die Medienberichterstattung insgesamt zu “Sarrazin” eher Personen- oder Themen-zentriert war, meinem Eindruck nach aber eher Ersteres. Die Frage wird daher wohl zu einem gewissen Teil nach Kriterien ‘Person Sarrazin’ und nicht ‘Inhalte Sarrazindebatte’ beantwortet worden sein.

    Für die längerfristige Entwicklung einer Partei, die sich evtl. dauerhaft im dt. Parteiensystem etablieren könnte, darf der Fokus jedoch nicht nur auf eine Person gerichtet sein, sondern die Partei muss auch an eine entsprechende ideologische Basis anknüpfen.
    Um herauszufinden, ob es eine Wählergruppe gibt, deren Interessenkonstellation nicht repräsentiert ist und die mobilisierbar ist, scheint es mir geeigneter, die Meinungen der Wähler zu bestimmten Themen zu erfassen und dann mit den (wahrgenommenen) Positionen der Parteien abzugleichen.

    Trotzdem: Vielen Dank für den Post, interessante Frage!

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    • 26. September 2010 um 19:12 Uhr
    • Julia
  4. 4.

    Interessanter Ansatz!
    Würde auch “Sarrazinpartei” wählen.Auch wenn ich der Gruppe der Nichtwähler nie angehört habe. Es müßten allerdings noch mehr prominete Köpfe dabei sein um die glaubwürdigkeit einer solchen Partei zu untermauern. Die führenden Politiker der jetztigen Parteien wie auch eines großen Teils der normalerweise linksgerichteten Medien würden aber alles daran setzen diese neue Partei auf Nähe NPD Niveau abzustempeln !!
    Von daher ist es zwingend erforderlich glaubwürdige Politiker bzw. Menschen des öffentlichen Lebens zu finden die sich in bzw. für die neue Partei engagieren!

    Antworten

    • 26. September 2010 um 19:22 Uhr
    • zeitzeuge
  5. 5.

    Netter Ansatz. Allerdings sollte man die Aussagekraft der Ergebnisse nicht überschätzen. Nur ein Beispiel: Muss die höhere Zahl wählbarer Parteien als Beleg für eine Entscheidung zugunsten der “Sarrazin-Partei” gelesen werden? Könnte die Nennung der “Sarrazin-Partei” nicht auch die Entscheidung zwischen den anderen Parteien beeinflussen?

    Antworten

    • 27. September 2010 um 08:47 Uhr
    • Lucy
  6. 6.

    Kaffeesatz

    Die Währung in Unternehmen ist Umsatz, nicht Marktbefragungen. Die Währung im politischen System sind Wahlen, nicht Befragungen.

    Wir haben nun jahrelang gesehen, dass demoskopische Umfragen neben den Wahlergebnissen liegen. Da helfen winzige Stuicpröbleinchen von 1000 Persoenen auch nicht.

    Kaffeesatz belibt Kaffeesatz. Man könnte auch Astrologie betreiben oder einen Affen wählen lassen (empirisch gesichert auf gleichem Signifikanz-Nievau).

    Wer war noch mal Sarrazin? Der größte Buchautor aller Zeiten, der sich für 1.000 € mehr im Monat fürs Nichtstun vom Bundespräsidenten das große Schweigen abkaufen ließ? (Hinweis für HartzIV-Empfänger: Ihr müsst mit Wulff sprechen: dann gibts wie bei Sarrazin 1.000 € mehr (!) im Monat fürs Nichtstun. Wenn irh nur wartet, gibts nur 5 € von Merkel.)

    Ach ja, früher …

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    • 27. September 2010 um 11:54 Uhr
    • Jan Dark
  7. 7.

    Sarrazin ist Sozialdemokrat und kein Rechtspopulist. Ausserdem steht er für keine Parteigründung zur Verfügung. Nicht jeder, der das Scheitern von Multi-Kulti aufzeigt ist “rechts”. Diese Titulierungen sollen nur signalisieren, dass man lieber ausgrenzen als diskutieren muß und offensichtlich panische Angst, hat in einer argumentativen Diskussion den kürzeren zu ziehen.

    Antworten

    • 27. September 2010 um 12:06 Uhr
    • Gerd Becker
  8. 8.

    Ich habe ein Verständnisproblem.
    500 Befragte = 1,83 wählbare Parteien.
    500 Befragte = 1,57 wählbare Parteien.
    Differenz = 0,26

    Laut Kommentar sind das 26%. Das verstehe ich nicht.
    Bei mir sind o,26 bezogen auf 1,83 14,2%.
    Bezogen auf 1,57 sind es 16,56%.
    Auch sind 1,57 nur 85,79% von 1,83.

    Ich kann machen was ich will. Auf 26% komme ich nicht. kann mir jemand helfen? Bin ich zu blöd?

    Antworten

    • 27. September 2010 um 12:08 Uhr
    • Jürgen Fleischer
  9. Kommentar zum Thema

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