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Die programmatische Ausrichtung der Parteien zur Bundestagswahl 2013 – Eine Kurzanalyse der ersten Wahlprogramm(entwürfe)

 

Marc Debus und Jochen Müller
Der Termin der Bundestagswahl 2013 rückt näher und so beginnen auch die Parteien, ihre programmatischen Standpunkte zu formulieren. Bislang liegen von den momentanen Bundestagsparteien die Wahlprogramme bzw. Entwürfe von Sozialdemokraten, Liberalen, Bündnis 90/Die Grünen und der Linken vor. Unterscheiden sich die darin enthaltenen programmatischen Positionen von denjenigen, mit denen die Parteien in den Bundestagswahlkampf 2009 gezogen sind? Insbesondere dem Wahlprogramm der SPD zur kommenden Bundestagswahl wurde in den Medien unterstellt, dass die Sozialdemokraten verstärkt „linkere“ Positionen bezogen hätten.

Wir kommen auf der Basis einer vollständig computerisierten Inhaltsanalyse der bisher vorliegenden Wahlprogramme bzw. Programmentwürfe zu einem anderen Ergebnis. Nach unseren Untersuchungen sind es weniger die Sozialdemokraten und auch nicht die Grünen oder die Linke, die in signifikanter Form ihre programmatische Ausrichtung verschoben hat, sondern vielmehr die FDP. Die unten stehende Abbildung, in der die Positionen auf einer wirtschafts- und einer gesellschaftspolitischen „Links-Rechts-Achse“ inklusive eines statistischen Unsicherheitsbereichs abgebildet sind, zeigt, dass der Wahlprogrammentwurf der Freien Demokraten sich in Fragen der Wirtschafts- und Sozialpolitik sehr stark hin zu einer moderateren, der Position der Union in diesem Politikfeld nahezu inhaltsgleichen Ausrichtung entwickelt hat. Möglicherweise macht sich hier eine Abänderung in der sozioökonomischen Position der FDP bemerkbar, die momentan auch beim Thema Mindestlohn zu beobachten ist. In der Gesellschaftspolitik haben die Liberalen ebenfalls ihre Positionierung verändert und bewegen sich – aufgrund ihrer Aufgabe explizit progressiver Standpunkte – ebenfalls auf die Position des Wahlprogramms von CDU und CSU aus dem Jahr 2009 zu. Zwar ist die FDP nach wie vor gesellschaftspolitisch deutlich libertärer ausgerichtet als die Union 2009, aber dennoch fällt ins Auge, wie sehr sich durch die im Wahlprogrammentwurf der Liberalen die inhaltliche Distanz zwischen den Regierungsparteien verkürzt hat.

Programmatische Positionen der Parteien 2009 und 2013 im Vergleich
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Behält die FDP diese programmatische Ausrichtung in der finalen Version ihres Wahlprogramms bei, dann deutet dies darauf hin, dass die Liberalen es – mit Hinblick auf das Ergebnis der Niedersachsen-Wahl vom Januar 2013 – den Anhängern der Union leichter machen wollen, ihre Zweitstimme der FDP zu geben. Dies würde die Gefahr verringern, dass die Freien Demokraten den Einzug in den Bundestag verpassen und damit eine Neuauflage der schwarz-gelben Koalition nicht möglich wäre. Im Hinblick auf die Regierungsbildung nach der Bundestagswahl 2013 impliziert die Positionsverschiebung der FDP insbesondere im Bereich der Wirtschafts- und Sozialpolitik aber auch, dass nicht nur die Distanz zum bisherigen Koalitionspartner CDU/CSU verkleinert wurde, sondern auch der Abstand zu SPD und Grünen. Insofern zementiert der Wahlprogrammentwurf der Liberalen nicht unbedingt das Bündnis mit der Union, sondern dürfte auch Politikkompromisse mit SPD und Grünen im entscheidenden Politikfeld Wirtschaft und Soziales leichter machen. Sollte es nach der Bundestagswahl im September 2013 keine klaren Verhältnisse geben, dann verspricht – gegeben die bislang vorliegenden Wahlprogramme und Entwürfe – der Regierungsbildungsprozess durchaus spannend zu werden.

5 Kommentare

  1.   Julian

    Interessante Analyse! Kann man irgendwo erfahren, was für ein Modell dem zugrundeliegt?

  2.   JOhn

    Das ist hier Journalismus, keine Wissenschaft. Wäre ja noch schöner, wenn man die Methodik offenlegen müsste, nach der man zu der einen oder anderen Thesen bzw. Meinung kommt.

  3.   Mitkrieger

    @Julian: Dahinter steckt die Wordscore Methode von Michael Laver, Kenneth Benoit, and John Garry (2003) http://www.tcd.ie/Political_Science/wordscores/papers.html

    @JOhn: Klar hat das Verfahren einen wissenschaftlichen Hintergrund, hier bloggen ja Wissenschaftler zu ihren Ergebnissen.

  4.   Matze

    Ohne jetzt das Modell und die Fakten zu kennen, aber gefühlt hat die SPD mit der Hartz4 Strategie einen Sprung in die neoliberale Richtung gemacht, der Sie eigentlich deutlich näher in die Region der CDU bringen müsste.

    Interessant wäre in diesem Zusammenhang, mal den Sprung für die Wahljahre der Bundestagswahlen ’02 und ’05 davor zu sehen….

    Ebenso hat die CDU durch Übernahme diverser populärer Themen zumindest im Wahljahr 2013 sich in Richtung linker/progressiver Positionen bewegt.


  5. Imagespielereien sind ganz unterhaltsam und da lässt sich die Verwirrung stiften, die eine Politik braucht, die inzwischen offen eine Konzentration des Reichtums auf Wenige fördert, die sich kaum mehr ungestraft mit dem Etikett Allgemeininteresse verkaufen lässt.
    Die politische Repräsentantenszenerie gleicht mehr einem munter debattierenden Hofstaat, der genau weis, wo er seine Kniebeugen zu leisten hat.
    In einer Demokratie mit dem dafür unverzichtbaren Primat echter Mehrheiten hätten es die mit feudalen Vorrechten agierenden Minderheiten erheblich schwerer, sich weiter des bestenfalls murrenden Steuerzahlers nach Belieben zu bedienen.