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Extremismus

Paradoxes Wählerverhalten in Wien: Warum punktet eine rechtsextremistische Kampagne bei Wählern mit Migrationshintergrund?

Von 20. Oktober 2010 um 12:33 Uhr

Gastbeitrag von Felix Lill

„Eigentlich hab’ ich ja nichts gegen Ausländer, aber…“ In Wien ist dieser Satz nicht selten zu hören. Dann werden die klassischen Argumente aufgezählt, obwohl keine empirische Evidenz für sie spricht: „Die nehmen unsere Arbeitsplätze weg“, „die fressen unsere Renten auf“, „die sind kriminell“, „jetzt dürfen sie auch noch in den Gemeindebauten wohnen, die wir von unseren Steuern bezahlen“…

Bei den Wiener Gemeinderatswahlen am 10. Oktober hat die Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) nicht durch Zufall über 26% gewonnen. Eigentlich ist das Ergebnis nichts Neues: Erst vor zwei Jahren, bei den österreichweiten Nationalratswahlen, gewannen die rechtspopulistischen Parteien, FPÖ und die Splitterpartei BZÖ (Bündnis Zukunft Österreich), zusammen sogar leicht über 28%. Zu Lebzeiten Jörg Haiders, dessen Tod erst zwei Jahre her ist, war Rechtspopulismus ohnehin salonfähig. Haider konnte vor knapp zehn Jahren sogar mit der konservativen ÖVP auf Bundesebene koalieren. Aber nach Jörg Haiders Tod glaubten viele, das Thema sei so langsam vom Tisch.

Der jüngste Wahlkampf, den der FPÖ-Spitzenkandidat Heinz Christian Strache geführt hat, ist der bisher wohl rechtsextremistischste gewesen. Wahlslogans lauteten: „Mehr Mut für unser Wiener Blut – Zu viel Fremdes tut niemandem gut“ oder „Sarrazin statt Muezzin“. So weit ging es, dass Neonazis auf Websites ihr Gefallen an Strache bekundeten, der ihnen sonst immer zu milde gewesen war. Aber auch in breiten Teilen der österreichischen Bevölkerung, beobachtet das Nachrichtenmagazin „profil“ in seiner aktuellen Ausgabe, herrscht ein durch Tatsachen nicht zu begründendes Gefühl der ständigen Benachteiligung vor. Ein beliebter Sündenbock sind immer wieder „die Ausländer.“

Laut einer Umfrage des Sozialforschungsinstituts SORA und des Instituts für Strategieanalysen ISA war für 68% der FPÖ-Wähler der Anti-Zuwanderung-Standpunkt ein zentraler Grund für ihre Stimmentscheidung; über ein Drittel nannten auch explizit die islamophobe Haltung der Partei.

Interessant ist aber, dass von den wahlberechtigten Wienern mit Migrationshintergrund, die rund ein Viertel aller Wahlberechtigten ausmachten, immerhin 16% die FPÖ wählten – das sind 3% Stimmenanteil mehr als die Grünen und 2% mehr als die ÖVP von dieser Gruppe erhielten. Das ist zwar weniger als bei einigen vorigen Wahlen, aber angesichts des eindimensionalen und extrem ausländerfeindlichen Wahlkampfes der FPÖ auf den ersten Blick erstaunlich.

Werden Wähler mit Migrationshintergrund auf ein solches Stimmverhalten angesprochen, begründen sie dies typischerweise mit Selbstschutz: Weitere Zuwanderung vermeiden, mit harter Hand gegen die Klischees straffälliger Migranten angehen, nicht in einen Topf mit den Fremden, den Zuwanderern geworfen werden. Definiert man Wahlberechtigte mit Migrationshintergrund als eine Wählergruppe, ist hier bei einem beträchtlichen Anteil ein adverses Verhalten beobachtbar: Anstatt sich gegen die Hetze von Straches FPÖ stark zu machen, wollen jene 16% lieber zum (österreichischen) Kern der Gesellschaft gehören. Im Resultat dürfte das auf Kosten aller Wiener Bürger mit Migrationshintergrund gehen, denn das Gros der FPÖ-Wähler wird nicht wissen oder gar unterscheiden, welcher Türke oder Serbe nun sein Kreuz für die FPÖ gemacht hat. Rechtsextremismus, von dem jene Wiener mit Migrationshintergrund am wenigsten profitieren, könnte so durch eigenes Zuarbeiten aufflammen.

Zwar bleibt Michael Häupl (SPÖ) Wiener Bürgermeister, aber mehr als ein Viertel der Wiener wird nun von der FPÖ repräsentiert. Womöglich werden bald auch von einigen Türken, Polen, und Abstämmigen des ehemaligen Jugoslawiens diese Sprüche zu hören sein: „Ich hab’ ja nichts gegen Ausländer. Aber…“

Felix Lill hat Volkswirtschaftslehre an der Wirtschaftsuniversität Wien sowie Philosophie der Sozialwissenschaften an der London School of Economics studiert und absolviert derzeit ein Master-Programm an der Hertie School of Governance in Berlin. Seit mehreren Jahren arbeitet er als freier Journalist, u.a. für Die Presse, Tages-Anzeiger, taz und Spiegel Online. In diesem Jahr wurde er mit dem österreichischen Sportjournalistenpreis in der Kategorie „Print“ ausgezeichnet.

Jeder siebte Schüler "sehr ausländerfeindlich"?

Von 19. März 2009 um 13:43 Uhr

“Rechtsextremismus unter Schülern alarmiert Regierung” titelte der Spiegel. Eine neue Studie an 42.000 Neuntklässlern habe ergeben, dass jeder siebte Schüler “sehr ausländerfeindlich” und jeder zwanzigste “eindeutig rechtsextrem” sei und/oder einer “Kameradschaft” angehöre. Am weitesten verbreitet ist Ausländerfeindlichkeit in Regionen, wo es vergleichsweise wenig Ausländer gibt, und unter Haupt- und Förderschülern. Der Innenminister äußert sich betroffen. Stimmt das so?

Ja und nein. Mit 42.000 Befragten lässt sich beispielsweise der bundesweite Anteil derjenigen, die rechtsextremen Gruppen angehören, sehr präzise schätzen: Aller Wahrscheinlichkeit liegt der wahre Anteilswert in der jugendlichen Bevölkerung in einem Bereich von 4,8%-5,2%. Aufgrund des Auswahlverfahrens stehen auch die Aussagen über regionale Unterschiede auf einem soliden Fundament. Problematischer ist die Abgrenzung von “sehr ausländerfeindlichen” und “eindeutig rechtsextremen” von “weniger ausländerfeindlichen” und “etwas rechtsextremen” Schülern. Wie in Meinungsumfragen üblich, wurde den Schülern eine ganze Reihe von ähnlichen, aber nicht identischen Aussagen zum Thema Rechtsextremismus vorgelegt, die sie beantworten sollten. Kaum ein Befragter wird hier ausschließlich ausländerfeindliche oder -freundliche Antworten geben. Daraus resultiert ein Problem: Wie viele Fragen muss ein Jugendlicher (im Sinne der Fragestellung) positiv beantworten, um als “eindeutig rechtsextrem” zu gelten? Solche Schwellenwerte sind stets willkürlich. Je nach Festlegung ergeben sich etwas mehr oder etwas weniger dramatische Zahlen.

Ein viel größeres Problem ergibt sich jedoch aus der Psychologie des Antwortverhaltens. Stichprobenverfahren wurden ursprünglich zur Qualitätssicherung in der Industrie entwickelt, wo unbelebte Objekte untersucht werden. Menschen hingegen sind soziale Wesen. die stets und in häufig schwer vorhersehbarer Weise auf die soziale Dimension der Befragungssituation reagieren. Rassismus, insbesondere Antisemitismus, ist in der deutschen Gesellschaft in höchstem Maße tabuisiert. Sind Gymnasiasten also tatsächlich weniger ausländerfeindlich als Hauptschüler oder machen sie sich einfach nur mehr Gedanken darum, was die Gesellschaft in Form des Interviewers von ihnen erwartet? Sind pubertierende Jungen tatsächlich stärker antisemitisch eingestellt als gleichaltrige Mädchen oder empfinden sie einfach größere Lust am Tabubruch? Und wie setzen sich die im Interview gemessenen Einstellungen in Verhalten um? Diese Fragen sind auf der Grundlage von Umfragedaten alleine nicht zu beantworten.