{"id":241,"date":"2007-02-27T10:29:13","date_gmt":"2007-02-27T08:29:13","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/berlinjournal\/?p=241"},"modified":"2007-02-27T10:29:13","modified_gmt":"2007-02-27T08:29:13","slug":"gotter-basteln-in-schoneberg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/berlinjournal\/?p=241","title":{"rendered":"G\u00f6tter basteln in Sch\u00f6neberg"},"content":{"rendered":"<p>Dass ich eine Kirche nochmal von innen sehen w\u00fcrde \u2013 ich h\u00e4tte es nicht gedacht. Ich bin n\u00e4mlich mit einer bekennenden Atheistin zusammen und auch mir ist das Summen, Brummen und Klimbim der Religionen zuweilen suspekt. Gestern sa\u00df ich aber doch in einer Kirche. Meine Die Tochter singt n\u00e4mlich auf ausdr\u00fccklichen, eigenen Wunsch in einem Kinderchor mit und dieser Kinderchor wurde von einer Sch\u00f6neberger Kirchengemeinde angefragt, einen Nachmittagsgottesdienst f\u00fcr Jugendliche zu versch\u00f6nern. Dass die Atheistenfrau und ich da als Publikum zugegen sind, ist nat\u00fcrlich Ehrensache.<\/p>\n<p>Ich sitze da also hineingezw\u00e4ngt in einer Kirchenbank. Zur rechten die erw\u00e4hnte Atheistin, zur linken eine mir nicht bekannte, glockenrockumwogte, weithin sichtbar gl\u00e4ubige Christin. Ich bin quasi gesandwicht. Ansonsten rekrutiert sich das Publikum aus ein paar versprengten Konfirmanden, zitternden Opas und den Eltern der Kinderchormitglieder. Auftritt Pfarrer, ein korpulenter Lebemann mit wei\u00dfweinbedingter Erdbeernase. Er macht auf l\u00e4ssig, \u00f6kumenisch, flockig &#8211; und anstatt, wie es sich geh\u00f6rt, eisenharte Liturgie mit donnernden Predigten zu verbinden, beginnt er die anwesenden Halbstarken und Eltern der Chorkinder in den Gottesdienst mit einzubeziehen. \u201eJa, wem von euch ist Gott denn schon mal begegnet\u201c, fragt er mit blitzenden Schweins\u00e4uglein in die Runde. Obwohl ich nicht gl\u00e4ubig bin bete ich, dass er nicht meine Atheistenfrau anspricht, denn so, wie sie drauf ist, sagt sie knallhart, dass sie nicht an Gott glaubt. Macht er aber auch nicht, er sp\u00fcrt es wohl irgendwie. M\u00fcrbe rhabarbert der eine oder andere Anwesende von Epiphanien im Kaisers-Supermarkt oder \u00e4hnlich unwirtlichen Orten, der Pfarrer ist\u2019s soweit zufrieden. Doch dann ein Schock. Der Pfarrer erhebt seine Stimme: \u201cWir teilen uns nun in vier Arbeitsgruppen. Wir haben vier Tische mit Bastelmaterial vorbereitet. Jeder, ich wiederhole jeder, auch die Erwachsenen \u2013 er blickt neckisch \u00fcber den Rand seiner Lesebrille \u2013 darf nun gestalten, wie er seinen Gott sieht.\u201c Ohje. Ich mache ja bei sowas immer sofort mit. Ich kann jederzeit die feine Membran zwischen Ironie und Mitmachen durchl\u00e4ssig werden lassen und schlendere zu einem Basteltisch. Ergreife eine Packung \u201eWasserbomben\u201c, blase einen dieser Miniaturluftballons bis kurz vors Platzen auf, male mit Edding einen Smiley darauf, knote ihn unten zu, stecke ihn oben auf einen Strohhalm, dessen unteres Ende ich ein einem F\u00fcnfmarkst\u00fcckgro\u00dfen St\u00fcck Knetmasse fixiere. Fertig ist mein Gott. Rundherum Supersache.<\/p>\n<p>Oh, der Pastor hat mich beobachtet. Er sieht mich aus einigen Metern entfernung durchdringend an. Lasse schuldbewusst meinen Gott auf die Tischplatte sinken und versuche mich vom Tisch wegzuschleichen. Zu sp\u00e4t. Der Pfarrer eilt auf mich zu. Schwei\u00dfperlen auf der Nase, schnauft er: \u201eDas ist von Ihnen, ja? Darf ich das haben? Ich m\u00f6chte dazu gleich was sagen\u201c. Schei\u00dfe. Gleich wird er mich vor allen Leuten fertig machen, mich unw\u00fcrdigen kleinen L\u00e4sterboy, der alles mit einer in Sekunden hingequasten Gott-Karikatur ins L\u00e4cherliche zieht. Wird mich das Stahlgewitter seiner kirchlichen Macht sp\u00fcren lassen. Doch damit nicht genug, ich habe Kinder infiziert, alle wollen auch so einen Gott basteln, Wasserbomben aufpusten und es mir nachtun, aber ihre kleinen Kinderlungen schaffen es nicht. Ich weide mich ein bisschen an ihrem Elend und schleiche mich zur Kirchenbank zur\u00fcck, wo die Gattin mich ebenfalls bereits mit w\u00fctend gr\u00fcnen Augen anfunkelt. Sie findet es nat\u00fcrlich doof Gott basteln zu m\u00fcssen. Aber genauso doof und noch dazu kindisch findet sie, dass ich mich \u00fcber das Gottbasteln lustig mache. Alles findet sie doof, ich sehe es in ihrem Gesicht.<\/p>\n<p>Eine Viertelstunde sp\u00e4ter werden die Arbeiten vorgestellt. Der Pastor h\u00e4lt vollgekleckste Kinderbilder und schiefe Basteleien hervor, alles h\u00f6chst gut gemeint. Dann macht er eine Kunstpause und holt meine, nun, Installation hervor. H\u00e4lt sie in die Luft. Eisiges Schweigen in der Kirche. Nun wird er mich in der Luft zerrei\u00dfen. Ich senke mein Haupt.<\/p>\n<p>Der Pastor hebt an und deutet in meine Richtung: \u201eDieser junge Mann hier, er hat etwas ganz Besonderes gebastelt.\u201c Dann h\u00e4lt er meinen wackeligen Gott in die H\u00f6he. Das Grinsegesicht wackelt auf dem Strohhalm hin und her. Die ersten Konfirmanden beginnen zu kichern. Der Pastor f\u00e4hrt fort:<br \/>\n\u201eEs ist sch\u00f6n zu sehen, wie euch dieses Bildnis erfreut hat. Ihr alle habt fr\u00f6hlich gelacht. Freude, das ist die Botschaft Gottes. Doch in diesem kleinen Kunstwerk steckt noch mehr. Man k\u00f6nnte zum Beispiel einwenden, diese Wasserbombe ist nicht zum Aufblasen gedacht. Doch weit gefehlt, wenn man sich ein bisschen M\u00fche gibt, geht es. Die \u00dcberwindung von Schwierigkeiten, das Durchhalten, das Festhalten an einem Ziel, das ist hier wundersch\u00f6n ausgedr\u00fcckt. Doch noch mehr sehen wir: Hoch schwebt Gott \u2013 an einem Strohhalm &#8211; \u00fcber uns und betrachtet unser Tun. Doch er hebt nicht ab, erhebt sich nicht \u00fcber uns. Erdverbunden ist er, durch den Strohhalm.. Er ist biegsam, aber er bricht nicht. Einem Bambusstengel gleich tr\u00e4gt dieser leichte, kleine Strohhalm dieses gro\u00dfe, fr\u00f6hliche Gesicht, m\u00fchelos. In st\u00fcrmischen Zeiten \u2013 er pustet gegen den Halm, sodass der Luftballon wie eine Boxbirne vor- und zur\u00fcckschauckelt \u2013 gibt er nach, h\u00e4lt aber seine Last nahezu spielerisch. Und ja \u2013 woran denken wir, wenn wir nicht weiter wissen? An den rettenden Strohhalm, an den wir uns klammern.\u201c<\/p>\n<p>Kunstpause.<\/p>\n<p>\u201eDie Knetmasse hier unten wiederum soll uns ein Vorbild f\u00fcr Festigkeit sein. Auch sie ist eigentlich weich, gibt aber einen festen Halt, so wie die Ackerkrume f\u00fcr die Saat. Auch erlaubt uns die Knetmasse, den Gott \u00fcberall hinzustellen.\u201c Zum Beweis pappt er meinen Gott seitlich an sein h\u00f6lzernes Rednerpult und f\u00e4hrt fort: \u201eGott ist, wo wir gehen und stehen. Gott ist bei uns, immer und \u00fcberall!<\/p>\n<p>Es ist still geworden in der Kirche. Hinten h\u00f6re ich, wie sich jemand ger\u00fchrt schneuzt. Sagenhaft.<br \/>\nBin auch ganz bewegt. Erw\u00e4ge kurz, mich spontan taufen zu lassen.<\/p>\n<p>Dann macht es \u201eklatsch\u201c und mein gebastelter Gott f\u00e4llt zu Boden. Billige Knetmasse halt. Ich schw\u00f6re, in dem Moment als er zu Boden fiel, hat er mich kurz angezwinkert, mein kleiner Gott. Und daher sind Gott und ich jetzt Freunde.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass ich eine Kirche nochmal von innen sehen w\u00fcrde \u2013 ich h\u00e4tte es nicht gedacht. 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