{"id":451,"date":"2009-04-27T21:54:32","date_gmt":"2009-04-27T19:54:32","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/berlinjournal\/?p=451"},"modified":"2009-04-27T21:54:32","modified_gmt":"2009-04-27T19:54:32","slug":"am-schlachtensee","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/berlinjournal\/?p=451","title":{"rendered":"Am Schlachtensee"},"content":{"rendered":"<p>Wenn es hei\u00df ist, geht man an einen Badesee. Da entspannt man sich und sammelt Kr\u00e4fte f\u00fcr alles, was da kommt. Dieses Geheimnis wird von Generation zu Generation weitergegeben, und im Gro\u00dfen und Ganzen funktioniert das auch. Au\u00dfer man wohnt in Berlin. Da funktioniert das inzwischen nicht mehr so richtig gut. In Berlin ist das n\u00e4mlich so: Man steigt am Schlachtensee aus der S-Bahn, tr\u00e4gt einen vorschriftsm\u00e4\u00dfigen Picknickkorb am Handgelenk, darin einige Flaschen des k\u00fchlen Pilsbieres, vielleicht gar ein sanftes Frikadellchen oder auch gesalzenes Geb\u00e4ck. Nun sucht man sich auf der proppevollen Liegefl\u00e4che einen ungenutzten Quadratmeter, entrollt eine Badematte, legt sich ein Handtuch unter den Kopf und macht eine kleine Schl\u00e4ferei.<\/p>\n<p>Macht man eben nicht, weil unten am Ufer jemand abgestochen wird. So h\u00f6rt es sich zumindest an. Wenn man genauer hinschaut, sieht man, dass es nur eine achtk\u00f6pfige Meute muskelbepackter M\u00e4nner, dem Installateur- oder Ger\u00fcstbauerhandwerk zuzuordnen, ist, aus Leibeskr\u00e4ften schreiend, die damit besch\u00e4ftigt sind, sich gegenseitig ins Wasser zu schmei\u00dfen, sich im Wasser zu balgen, mit einem Medizinball zu bewerfen, br\u00fcllend wieder aus dem Wasser zu steigen, nur um sich subito wieder ins Wasser zu st\u00fcrzen. Ein perpetuum mobile der Grobheit, ein Sisyphos-Treiben. Man schaut zun\u00e4chst missmutig, nach einigen Minuten fasziniert auf dieses Treiben, das ohne jeden Zweck erscheint, ungerecht und erratisch anmutend werfen die Menschen einander ein ums andere Mal ins Wasser, br\u00fcllen und johlen, es nimmt kein Ende, sie haben schier unersch\u00f6pfliche Energievorr\u00e4te, immer weiter geht das, es ist einfach sagenhaft. Gerade, als man sich daran gew\u00f6hnt hat, kommt er. Der Nebel. Dichter, dichter Nebel. Er kommt von einem kleinen Alu-Grill. Von einem kleinen Alu-Grill, der offenbar falsch bedient wird. Von einem kleinen Alu-Grill, der nicht nur falsch bedient wird, sondern hier eigentlich gar nichts zu suchen hat. Zwei gr\u00fcngesichtige juvenile Deppen kokeln an dem Grill herum, operieren mit Kohle, Grillanz\u00fcndern und Spiritus, die Rauchschwaden werden dichter und dichter, sie ziehen mit pestilenzartigem Gestank in Richtung Badewiese. Erste Rufe werden laut: &#8222;\u00dfndisda? Seid wohl bekloppt, wa. Gloobck nicht, grilln die hier, \u00e1schl\u00f6cha.&#8220; Nun werden die Deppen hektisch, wedeln mit blo\u00dfen H\u00e4nden \u00fcber der Feuerstelle hin und her und verst\u00e4rken damit den Qualmaustritt auf das Zehnfache. Schnell formiert sich aus den im Qualm sitzenden ein Mob, der sich im Halbkreis um die Grill-Anf\u00e4nger herum aufbaut und skandiert, &#8222;ausmachen, ausmachen ihr Spastis&#8220;: Irgendwer erbarmt sich und gie\u00dft einen halben Liter Wasser in die Glut. Langsam kehrt Ruhe ein. Habe ich Ruhe gesagt? Langsam kehrt der L\u00e4rm auf den Ursprungspegel zur\u00fcck. Die gerade erw\u00e4hnten Installateure fr\u00f6nen weiterhin ihrem debilen Spiel, dessen finales Ziel es wohl sein soll, dass alle Mitspieler ertr\u00e4nkt werden. Es ist wirklich erstaunlich, wie sehr sie schreien k\u00f6nnen, ohne heiser zu werden. Immer wieder h\u00f6rt man das laute Klatschen von Arschbomben auf dem Wasser. Gejohl wird abgel\u00f6st von lautem Gejohle, das wiederum abgel\u00f6st wird von extralautem, superlautem Spezialgejohl und rekordverd\u00e4chtigem 1a Spitzen- Gejohl mit optionalem Schwerst-Wasserspritzen.<\/p>\n<p>Nun kommen andere Schwaden angeraucht. Vier struppige Menschen sitzen nebenan, die schlimmste Sorte Mensch, die es gibt: Wei\u00dfe mit Dreadlocks. Schwaben, die erst 2009 die Band Rage against the Machine entdeckt haben, auf Hochbetten schlafen und Ben Becker f\u00fcr Subkultur halten. Sie sitzen da und kiffen. Nun, das soll mir ausnahmsweise recht sein, das geht wenigstens leise vonstatten. Erleichtert entkronkorkt man ein Pilsbier, nimmt einen geziemenden Schluck, fast sind einem nun auch die johlenden Wasserspritzer vom Ufer sympathisch, es macht sich eine Art Frieden breit. Doch da h\u00f6rt man den Klang des Sommers 2009. Der Klang des Sommers 2009 ist der Klang eines Nokia-Handys, auf dem Musik \u00fcber den Lautsprecher abgespielt wird. Falls es nicht bekannt sein sollte, erkl\u00e4re ich es hier kurz: Die t\u00e4glich mehr werdenden Deppen dieser Welt haben alle zusammen Anfang des Jahres einen Brief an Nokia geschrieben, weil sie festgestellt haben, dass ihr vors\u00e4tzlich ausge\u00fcbtes MP3-Player-Kopfh\u00f6rergezischel inzwischen niemanden mehr in Bus und Bahn nervt. &#8222;Lieber Nokia&#8220;, so haben sie geschrieben, &#8222;niemand beachtet uns mehr. Niemand zollt uns Respekt. Wir werden ignoriert, und das darf nicht sein, denn unser Daseinssinn und -zweck ist es, der Menschheit eine wahrhaftige Gei\u00dfel zu sein, auf dass wir ihre Toleranz pr\u00fcfen k\u00f6nnten. Daher, lieber Nokia, erfinde uns doch bitte etwas, das laut und klein ist und pl\u00e4rrt und nervt, am Besten ein Musikabspielger\u00e4t was unsere ganzen vier oder f\u00fcnf mp3-Dateien, die wir beistzen, in m\u00f6glichst h\u00e4sslichem Klang abspielen kann. K\u00f6nnt ihr das?\u201c &#8211; &#8222;Ja&#8220;, haben die Nokias geantwortet, \u201edas k\u00f6nnen wir.&#8220; Und dieser Klang kleiner, pl\u00e4rrrender Handys, das ist der Klang des Sommers 2009.<\/p>\n<p>Ich h\u00f6re also nun aus 8 cm Luftlinie ein Nokia N95, das einen mir unbekannten Aggro-Rap-Soundtrack bereitstellt. Irgendwas unmelodisches von einem Diddy O. oder Puff Diddy, einem dieser goldverplombten Rapper mit Gestikulierkrankheit, die jedes Mal schon f\u00fcr das Wechseln ihres Namens oder der Stra\u00dfenseite oder f\u00fcr das Einsteigen in ein Automobil mehrere Millionen Dollar kassieren. Ich \u00f6ffne vorsichtig meine Augen. Eigentlich muss ich es nicht, weil ich sowieso wei\u00df, was ich sehen werde, aber es ist wie ein Unfall. Man schaut eben doch hin. Ich sehe einen gegelten, jungen Mann, er steht dort in einer Khaki-Hose, einem Nike-T-Shirt und Nike-Turnschuhen, deren Gegenwert recht genau meiner monatlichen Umsatzsteuervorauszahlung entspricht. Er hat eine monstr\u00f6se, leuchtend wei\u00dfe, um 35 Winkelminuten phasenverschobene Baseballkappe auf, und zwar eine, deren halbrunder Hut-Teil an seiner h\u00f6chsten Erhebung fast 50cm hoch ist und deren Krempe breit und lang genug w\u00e4re, einem ausgewachenen Iglo-Schlemmerfilet Schatten zu spenden. Er steht da, h\u00e4lt auf H\u00fcfth\u00f6he sein Handy in der Hand und schaut herum. Sonst tut er nichts. Er tut nur einfach da stehen. Und hoffen, dass man ihn bewundert oder hasst. Er m\u00f6chte auf jeden Fall eine Reaktion. Dazu ist er da. Und deshalb reagiere ich auch nicht. Ich ignoriere ihn.<\/p>\n<p>Erst nach einer Viertelstunde merke ich, dass er offenbar nur 4 MB Speicher im Handy hat, er spielt jedenfalls immer wieder das Lied von vorne. Das bekommt mir nicht, das wei\u00df ich noch von der Popkomm 1998, auf der ich  &#8211; als m\u00e4nnliche Hostess arbeitend, insgesamt 25.000 mal das Lied &#8222;Samba di Janeiro&#8220; h\u00f6ren musste und darob richtig gehend krank wurde. Mit Fieber. Ich schaue den Morgenl\u00e4nder also an. Er schaut zur\u00fcck. Ja, jetzt hat er mich da, wo er mich haben wollte. Ich schaue nochmal. Er schaut zur\u00fcck. &#8222;K\u00f6nnten Sie sich bitte ein wenig zur Seite stellen? Oder die Musik leiser machen? Ich w\u00fcrde gerne etwas schlafen&#8220;.<\/p>\n<p>Und ja &#8211; der junge Mann nickt mir zu. So geht&#8217;s. Liebe Berliner, ich habe gerade ein Beispiel gegeben, wie man das macht. Respektvoll, h\u00f6flich, mein Gegen\u00fcber auf Augenh\u00f6he angesprochen. Und zack &#8211; da nickt er! Er bleibt allerdings da stehen, wo er stand. Auch l\u00e4sst er die Musik weiter laufen. Ich warte einige Minuten. Wiederhole dann, auf sein Handy zeigend, &#8222;Entschuldigung. Die Musik. Leiser bitte. Oder woanders hin gehen. Bitte.&#8220;. Er nickt wieder, sonst \u00e4ndert sich jedoch nichts.<\/p>\n<p>Ich z\u00fccke mein Nokia N95 und steppe durch die Songdatenbank meiner 1 Gigabyte Mini-SD Karte. Was nehmen wir denn. Dinosaur Junior? Die Babyshambles? Interpol? Oder kann man ihn mit Reggae qu\u00e4len? Linton Kwesi Johson? Nein, wir nehmen Frank Zappa, Apostrophe, ein sechsmin\u00fctiger Fieberwahn, das muss funktionieren. Ich schalte ein. Der Aggro-Rap ist nicht mehr zu h\u00f6ren, er ist maskiert, wie die Tontechniker das nennen. Mein Zappa ist einfach lauter. Ich bin froh, dass ich vor dem \u00dcberspielen aufs Handy alle Lieder nochmal per Software komprimiert habe. Der junge Mann geht weg. Das wiederum macht mir so gute Laune, ich glaube, ich ziehe jetzt mal meine Badehose an und gehe mit den Klempnern und Ger\u00fcstbauern plantschen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn es hei\u00df ist, geht man an einen Badesee. 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