{"id":57,"date":"2005-12-03T23:06:44","date_gmt":"2005-12-03T21:06:44","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/berlinjournal\/?p=57"},"modified":"2005-12-03T23:06:44","modified_gmt":"2005-12-03T21:06:44","slug":"mein-erster-abend-in-berlin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/berlinjournal\/?p=57","title":{"rendered":"Mein erster Abend in Berlin"},"content":{"rendered":"<p>Heute vor zehn Jahren bin ich nach Berlin gezogen. Mein erster Abend in Berlin sah so aus:<\/p>\n<p>Ich war frisch nach Berlin gezogen. Hui, aufregend! Die Eisenacher- Ecke Motzstra\u00dfe, da hatte ich mich einquartiert. Eine sicherlich nicht unzweifelhafte Gegend, und dies in mehrerlei Hinsicht. Kenner munkelten von verrufenen Bars, \u00fcbelriechenden Darkrooms, Haschisch spritzenden Halbstarken und \u00e4hnlichem.<\/p>\n<p>Nun mache ich also an meinem ersten Abend eine kleine Erkundung durch die Gegend. Fange im damals noch seligen Caf\u00e9 Swing an, erfrische mich dort mit Kaltgetr\u00e4nken wie ein F\u00fcrst, erlebe eines der seinerzeit dort gereichten herrlichen Gratiskonzerte und alles ist fein. Von dort aus unter Zuhilfenahme grundlagenf\u00f6rdernder Imbissstuben noch weiter durch die eine oder andere Rabaukenschwemme, eine davon hei\u00dft sogar \u201eHeckmeck\u201c und wirbt an der Au\u00dfenseite mit dem rhythmisch beleuchteten Schild: \u201eBIER UND SCHNAPS\u201c. Ja das ist doch gro\u00dfartig!<\/p>\n<p>So gegen vier stolpere ich beseelt nach Hause. Und stelle fest: Oh, das ist ja eine Gastst\u00e4tte bei mir unten im Haus. Und die ist auch noch offen. Ballin Ballin ick komme! Die Gastst\u00e4tte hei\u00dft &#8222;The Thistle&#8220;, zu deutsch \u201eDIE DISTEL\u201c (!!) [sprechen Sie das mal betrunken aus!]. In dieser Gastst\u00e4tte: Hochprofessionelle Schwerst- und Randales\u00e4ufer, teils direkt von der Gef\u00fchllosenschule auf den Tresenplatz r\u00fcbergewandert und dort mittels Saugnapf festgeschwei\u00dft. Mir doch egal. Ich halte es mit Milva und denke mir \u201eICH HAB KEINE AHAHAANGST!\u201c Da muss ich rein, durch die verschmierte Schaufensterscheibe der Lokalit\u00e4t funkelt g\u00fclden eine wohlsortierte Scotch Malt-Auswahl.<\/p>\n<p>Innendrin stark verwestes Personal. Es dudelt ein Geldspielautomat. Am Geldspielautomaten: Ein P\u00e4rchen. Es schmei\u00dft w\u00e4hrend ich die ersten Erfrischungen einnehme, ca. 100 DM in den Automat. Offensichtlich die letzten Ersparnisse, denn als das Geld alle ist, sacken beide in sich zusammen und legen Ihre H\u00e4upter auf den Tresen zum Schlafen nieder. In einer anderen Ecke wird bereits halbherzig gepr\u00fcgelt. Hektisch zuckt eine Neonr\u00f6hre in der Musikbox.<\/p>\n<p>Angestachelt und im Furor meiner inzwischen eingetretenen Verwahrlosung werfe ich mutig ein Markst\u00fcck in den Geldspielautomaten. Es erscheinen zwei Kronen, noch zwei Kronen, und dann noch eine Krone in der Mitte. Das bedeutet 100 Sonderspiele. Auf Anhieb. Erhebliche Kadenzen in Dur sondert der Automat ab und macht dann sehr lange &#8222;taktaktaktaktak&#8220; (Der Sonderspielz\u00e4hler).<\/p>\n<p>Binnen kurzem gewinne ich etwas mehr als 100 Mark. Es w\u00e4re wahrscheinlich nicht v\u00f6llig falsch zu sagen, dass ich mit dem Einsatz von einer Mark die letzten Ersparnisse des P\u00e4rchens eingefahren habe, welches soeben noch auf dem Tresen schlief und jetzt wach wird und mich ungut anschaut. Eigentlich, stelle ich fest, schauen mich ALLE in der Kneipe ungut an. Kein Wunder, ich passe in diese Schankwirtschaft etwa so nahtlos hinein wie ein Rabbiner in einen Schienenersatzverkehr zwischen Oranienburg und J\u00fcterbog nachts um halb drei.<\/p>\n<p>Was tun? Ich tue das n\u00e4chstliegende.<\/p>\n<p>Werfe 10 DM in die Musikbox, dr\u00fccke 20x hintereinander &#8222;Take me to the matador&#8220; von Garland Jeffreys, ziehe sodann am &#8222;Lokalrunde&#8220;-Tau, das an einem Kl\u00f6ppel h\u00e4ngt, welcher wiederum an einer Glocke biblischen Ausma\u00dfes h\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Mit der Miene eines Vollstreckers zapft der Zapfmann 24 gro\u00dfe Pils, ich bin meine 100 Mark gleich wieder los und gehe freundlich l\u00e4chelnd r\u00fcckw\u00e4rts raus, einem Sch\u00e4ferhund latsche ich auf den Schwanz dabei, aber der Hund blinzelt mich nur an. Nicht mal unfreundlich, eher gelangweilt.<\/p>\n<p>Jetzt wohne ich in Friedenau.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute vor zehn Jahren bin ich nach Berlin gezogen. 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