{"id":101,"date":"2008-08-07T15:45:41","date_gmt":"2008-08-07T14:45:41","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/2008\/08\/07\/locker-bleiben-westen_101"},"modified":"2008-08-07T15:45:41","modified_gmt":"2008-08-07T14:45:41","slug":"locker-bleiben-westen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/2008\/08\/07\/locker-bleiben-westen_101","title":{"rendered":"Locker bleiben, Westen!"},"content":{"rendered":"<p><strong>Zwei kurze Thesen zu der derzeitigen Aufregung um die &#8222;Menschenrechtssituation&#8220; in China<\/strong><\/p>\n<p>1. Wir, der Westen, regen uns auch deshalb nicht nur deshalb so lautstark \u00fcber Tibet und die Internetzensur auf, weil die Olympischen Spiele er\u00f6ffnet werden. Nein, die besonders helle Emp\u00f6rung, die seit Tagen aus den Fernsehern in jedem europ\u00e4ischen Wohnzimmer schreit, ist auch aus einer unterschwelligen Angst geboren. Denn unausgesprochen f\u00fcrchten wir nicht anderes, als dass Chinas Aufstieg eine westliche Lebensl\u00fcge entlarven k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Die n\u00e4mlich, dass nur Liberalit\u00e4t und Demokratie auf Dauer Wohlstand versprechen. Chinas Wolkenkratzer und glitzernden Olympiabauten verursachen im westlichen Denkschema eine schwindelerregende Bildst\u00f6rung. Wenn Reichtum, technischer Fortschritt und Innovation auch in einer Diktatur m\u00f6glich sind, wenn sie dort noch dazu rasanter und effizienter zu haben sind als in langatmigen Demokratien, was ist denn dann eigentlich der globale Wettbewerbsvorteil des westlichen Systems?<\/p>\n<p>2. Keine Sorge. China leuchtet gar nicht. Nur seine Gro\u00dfst\u00e4dte glitzern. Deshalb sollten nicht wir, sondern Chinas Kapital-Kommunisten sich Sorgen machen. Denn der Reichtum, den wir im Fernsehen sehen, spiegelt nur die oberste, d\u00fcnne Schicht der chinesischen Gesellschaft wieder. Sicher, China mag immer reicher werden. Aber wenn das Riesenreich gleichzeitig nicht auch gerechter wird, k\u00f6nnte der F\u00fchrung dieser Reichtum zum Fluch werden. Denn: Kann ein Volk von 1,3 Milliarden sozial stabil bleiben, wenn eine oder zwei Millionen Menschen in ihm reich werden, ein gro\u00dfer Rest dagegen weiter hungert? Noch dazu, wenn Maos neues China (das es ja kulturell immer noch ist) bis in die letzten Provinzen auf das Versprechen gebaut wurde, nach dem elenden Feudalismus vergangener Jahrhunderte endlich gerechte Lebensverh\u00e4ltnis herzustellen?<\/p>\n<p>Henning Mankell, der schwedische Krimi-Autor, hat die gesellschaftliche Zerrei\u00dfprobe, vor der China momentan steht, in einer Dialogszene seines neuen Romans <em>Der Chinese <\/em>anschaulich zusammengefasst.<\/p>\n<p><em>\u201cIch verstehe das nicht\u201d, <\/em>sagt Brigitta Roslin, die schwedische Richter und Heldin des Buches, zu Ho, einer gem\u00e4\u00dfigten Reformkommunistin. <em>\u201cChina ist eine Diktatur. Die Freiheit ist st\u00e4ndig eingeschr\u00e4nkt, die Rechtssicherheit schwach. Was wollen Sie eigentlich verteidigen?\u201d<\/em><\/p>\n<p><em>\u201cChina ist ein armes Land&#8220;, <\/em>antwortet Ho. <em>&#8222;Die wirtschaftliche Entwicklung, von der alle reden, kommt nur einem begrenzten Teil der Bev\u00f6lkerung zugute. Wenn dieser Weg, China in die Zukunft zu f\u00fchren, mit einer Kluft, die sich st\u00e4ndig erweitert, wenn dieser Weg weiter beschritten wird, muss er in eine Katastrophe f\u00fchren. China wird in ein hoffnungsloses Chaos zur\u00fcckgeworfen werden. Oder es wird zur Ausbildung starker faschistischer Strukturen kommen. Wir verteidigen die Hunderte von Millionen Bauern, die trotz allem jene sind, die mit ihrer Arbeit die Entwicklung tragen. Eine Entwicklung, an der sie selbst immer weniger teilhaben. (&#8230;) In dem Machtkampf, der in China im Gange ist, geht es ums Leben und Tod. Arm gegen Reich, Machtlos gegen M\u00e4chtig. Es geht um Menschen, die mit wachsender Wut sehen, wie all das, wof\u00fcr sie gekampft haben, wieder zunichtegemacht wird, und es geht um jene anderen, die nur die M\u00f6glichkeit sehen, eigene Reicht\u00fcmer und Machtpositionen zu erwerben, von denen sie fr\u00fcher nicht einmal tr\u00e4umen konnten. Dann sterben Menschen.\u201d<\/em><\/p>\n<p>Statt bei Mankell k\u00f6nnte Chinas KP auch bei George Orwell nachschlagen. Wom\u00f6glich n\u00e4mlich befindet sich China jetzt in jener Animal-Farm-Phase, in der die Schweine noch glauben, den Schafen, H\u00fchnern und Pferden weiszumachen zu k\u00f6nnen, es gebe Tiere, die gleicher seien als andere.<\/p>\n<p>Bevor wir also allzu viel Angst davor entwickeln, Chinas Erfolge k\u00f6nnten die Reichweite und Strahlkraft liberareler Gesellschaftsordnungen L\u00fcgen strafen, erinnern wir uns, was anderen Gro\u00dfm\u00e4chten, etwa 1789 in Europa, zum Verh\u00e4ngnis wurde. Die untersch\u00e4tzte Sprengkraft, die die Sehnsucht eines Volkes nach Gerechtigkeit birgt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwei kurze Thesen zu der derzeitigen Aufregung um die &#8222;Menschenrechtssituation&#8220; in China 1. Wir, der Westen, regen uns auch deshalb nicht nur deshalb so lautstark \u00fcber Tibet und die Internetzensur auf, weil die Olympischen Spiele er\u00f6ffnet werden. 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