{"id":1043,"date":"2010-06-16T15:42:58","date_gmt":"2010-06-16T13:42:58","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/?p=1043"},"modified":"2010-06-16T15:42:58","modified_gmt":"2010-06-16T13:42:58","slug":"wer-braucht-belgien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/2010\/06\/16\/wer-braucht-belgien_1043","title":{"rendered":"Wer braucht Belgien?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Nach dem Wahlsieg der Separatisten: K\u00f6nnten Flamen und Wallonen nicht auch getrennt \u00fcberleben?<\/strong><\/p>\n<p>Viele Missverst\u00e4ndnisse \u00fcber Belgien beginnen mit der Annahme, es sei ein Land. Das ist eine Besch\u00f6nigung. Belgien ist, um es unromantisch aber korrekt auszudr\u00fccken, die staatgewordene Konkursmasse der europ\u00e4ischen Imperialzeit, entstanden 1831 infolge einer Absprache zwischen den Rivalen Frankreich, Preu\u00dfen und Gro\u00dfbritannien. Das strategisch begehrte Gebiet an der Nahtstelle des romanischen und germanischen Sprach- und Kulturraumes sollte keiner der eifernden Gro\u00dfm\u00e4chte allein zufallen. Die Herrscherh\u00e4user beschlossen deshalb, ein Kunst-K\u00f6nigreich als Pufferzone einzurichten.<\/p>\n<p>Das mag gut gemeint gewesen sein; doch schon bald nachdem der s\u00e4chsische Prinz Leopold I. zum Monarchen bestellt worden war, zeigte sich, dass das Nationalgef\u00fchl der Belgier zu schwinden begann. Keine 189 Jahre sp\u00e4ter, bei den Wahlen am vergangenen Sonntag, wurde die \u201eNeue Fl\u00e4mische Allianz\u201c (N-VA) st\u00e4rkste politische Kraft im Br\u00fcsseler Parlament. Die N-VA besteht nicht etwa aus fremdenfeindlichen, nationalistischen Hitzk\u00f6pfen wie der ber\u00fcchtigte Vlams Belang. Ihr Chef, der beleibt-selbstironische Historiker Bart De Wever, sagt blo\u00df: \u201eLasst Belgien ruhig verdampfen.\u201c<\/p>\n<p>Je l\u00e4nger man dar\u00fcber nachdenkt, desto berechtigter erscheint der Gedanke: Ja, warum eigentlich nicht?<\/p>\n<p>Die Tschechoslowakei hat sich 1992 sanft in zwei geteilt. Vermisst sie jemand? Luxemburg ist winzig, Estland, Lettland und Litauen genauso. Geht es ihnen deswegen schlecht? Weshalb, kurzum, sollten sich nicht auch Flamen und Wallonen aus einer \u00fcberkommenen historischen Zwangsehe befreien?<\/p>\n<p>Weil, sagt der zweite Wahlsieger des vergangenen Sonntags, der Sozialdemokrat Elio Di Rupo, Belgien auf \u201eSolidarit\u00e4t\u201c gebaut sei. So freilich nennt der Wallone, der nun Ministerpr\u00e4sident werden k\u00f6nnte, ohne rot zu werden die mehreren Milliarden Euro, die jedes Jahr als Transfer vom reicheren fl\u00e4mischen Norden in den \u00e4rmeren franz\u00f6sisch-sprachigen S\u00fcden flie\u00dfen. Die Arbeitslosigkeit in der Wallonie liegt mit rund 14 Prozent fast doppelt so hoch wie der belgische Durchschnitt. Anfang der 1960er Jahre wurden in den Zechen zwischen Ardennen und Maas noch einundzwanzig Millionen Tonnen Kohle pro Jahr gef\u00f6rdert. Heute sind es keine zwei Millionen Tonnen mehr, und wer durch die verarmten Arbeiterquartiere von L\u00fcttich oder Charleroi streift, kann kaum glauben, dass er sich in Westeuropa befindet. Und er wird, anders als in Flandern, kaum auf Leute treffen, die neben der franz\u00f6sischen noch andere Sprachen pflegen. Statt auf mutigen Strukturwandel und Weltoffenheit zu setzen, so sehen es viele Flamen, klammerten sich Di Rupo und die seinen unbeirrt an die Segnungen der Umverteilungspolitik.<\/p>\n<p>Ein Witz, der dieser Tage in Belgien kursiert, illustriert das sozio-\u00f6konomische Schisma zwischen Nord und S\u00fcd recht trefflich. An einer wallonischen Fabrikwand h\u00e4ngt ein Schild mit der Aufschrift <em>On ne parle pas flamand<\/em> (Wir sprechen kein Fl\u00e4misch). An einer fl\u00e4mischen Fabrikwand das Schild <em>On ne parle pas \u2013 au travail<\/em> (Wir sprechen nicht \u2013 wir arbeiten).<\/p>\n<p>Viele der Flamen, die die N-VA gew\u00e4hlten haben, glaubt der Br\u00fcsseler Politikprofessor Dave Sinardet, h\u00e4tten dies nicht getan, weil sie allen Ernstes eine Teilung des Landes wollten. \u201eSie \u00e4rgern sich blo\u00df \u00fcber die Blockade der Wallonen, wenn es um Reformen geht. Es reicht ihnen allm\u00e4hlich.\u201c Tats\u00e4chlich fordert auch N-VA-Chef Bart De Wever keine sofortige Scheidung. Er spricht erst einmal von einer \u201eKonf\u00f6deration\u201c.<\/p>\n<p>Viel weniger Belgien, das wei\u00df er, w\u00e4re auch kaum m\u00f6glich. Denn es gibt da ein drittes Gebilde, das die vagabundierenden Regionen beieinanderh\u00e4lt wie ein Atomkern. Br\u00fcssel. Im Fall einer Spaltung Belgiens m\u00fcsste die Hauptstadt entweder dem Norden oder dem S\u00fcden zugeschlagen werden \u2013 oder einen autonomen Status erhalten, \u00e4hnlich wie Washington D.C. Doch nie und nimmer w\u00fcrden Flamen oder Wallonen auf das pulsierendere Verwaltungszentrum Europas verzichten, das hunderttausenden Pendlern Arbeit beschert. \u201eBr\u00fcssel abzul\u00f6sen w\u00e4re so, als w\u00fcrden die Saudi-Arabier sagen, wir planen eine Zukunft ohne \u00d6l\u201c, sagt Kurt de Boeuf, ein langj\u00e4hriger Mitarbeiter des ehemaligen belgischen Ministerpr\u00e4sidenten Guy Verhofstad. Der Flame glaubt ohnehin: \u201eDie Wallonie kann sich erholen. Das Investment-Level n\u00e4hert sich dem von Flandern an. Au\u00dferdem, Flandern altert, und in der Wallonie gibt es viele junge Leute. Irgendwann werden wir einen Rententransfer von S\u00fcd nach Nord brauchen.\u201c<\/p>\n<p>Bis es soweit ist, glaubt der Politikprofessor Sinardet, wird Belgien \u00fcberleben. \u201eUm Solidarit\u00e4t zu \u00fcben, muss man schlie\u00dflich kein Sozialist mehr sein. Wir sehen doch gerade, dass Lastenteilung ein sehr europ\u00e4ischer Gedanke wird.\u201c Das freilich ist die hoffnungsvolle Sicht der Dinge. In vielen Staatskanzleien, gerade im Norden Europas, sieht man das ganz anders. Eine Transferunion nach belgischem Modell, das w\u00e4re der reinste europ\u00e4ische Albtraum \u2013 zur Nachahmung keinesfalls zu empfehlen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach dem Wahlsieg der Separatisten: K\u00f6nnten Flamen und Wallonen nicht auch getrennt \u00fcberleben? Viele Missverst\u00e4ndnisse \u00fcber Belgien beginnen mit der Annahme, es sei ein Land. Das ist eine Besch\u00f6nigung. 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