{"id":1067,"date":"2010-09-29T11:04:21","date_gmt":"2010-09-29T09:04:21","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/?p=1067"},"modified":"2010-09-29T11:04:21","modified_gmt":"2010-09-29T09:04:21","slug":"in-wilders-westen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/2010\/09\/29\/in-wilders-westen_1067","title":{"rendered":"In Wilders&#8216; Westen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Islamkritiker Geert Wilders wird Teil der niederl\u00e4ndischen Regierung &#8211; ideell zumindest. Warum erklimmt ausgerechnet im liberalen Holland ein Populist solche H\u00f6hen?<\/strong><\/p>\n<p>\u00dcberall dieses seltsam hohe Wasser. Mehre Meter \u00fcber der Erdoberfl\u00e4che flie\u00dfen die Kan\u00e4le durch die Landschaft, gehalten nur von schmalen D\u00e4mmen. Das Polderland, von frommen Christen entw\u00e4ssert und urbar gemacht, hat sich im Lauf der Jahrhunderte abgesenkt, der nat\u00fcrliche Puffer gegen das Meer ist dadurch verschwunden. Im Grunde, d\u00e4mmert es einem auf der Reise zu dem Moslem, der seine Landsleute gegen die Springflut Geert Wilders mobilisieren will, sind die Niederlande eine gro\u00dfe Leichtsinnigkeit.<\/p>\n<p>Am 9. Juni w\u00e4hlten anderthalb Millionen B\u00fcrger des K\u00f6nigreiches einen Extremisten zum dritten Mann im Staate. Der zankige Jurist Wilders, der den Islam f\u00fcr eine politische Ideologie h\u00e4lt und den Koran mit Hitlers \u201eMein Kampf\u201c vergleicht, erhielt 24 der 150 Parlamentssitze in Den Haag. Nach fast dreieinhalb Monaten Koalitionsverhandlungen haben gestern Liberale (VVD, 31 Sitze) und Christdemokraten (CDA, 21 Sitze) entschieden, sich von Wilders\u2019 \u201eFreiheitspartei\u201c (PVV) tolerieren lassen. Wilders, das menschgewordene Ressentiment, wird zwar keine Minister in der neuen Regierung stellen, ihr aber dennoch, wenn man so m\u00f6chte, ideell angeh\u00f6ren. Ein Mann, der sagt \u201eEs ist eine Schlacht im Gange, und wir m\u00fcssen uns verteidigen\u201c, wird umarmt vom b\u00fcrgerlichen Lager \u2013 und er wird Gegenleistungen erwarten f\u00fcr seine Unterst\u00fctzung der Minderheitsregierung.<\/p>\n<p>Was ist los mit den Niederlanden? Wie kommt es, dass ausgerechnet in diesem fortschrittlichen, vermeintlich besonnenen und liberalen Land ein obsessiver Hitzkopf solche H\u00f6hen erklimmt?<\/p>\n<p><strong>&#8222;Etwas brennt in der Gesellschaft&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Henny Kreeft sitzt, ein Pal\u00e4stinensertuch um den Hals gewickelt, in der Kantine des Krankenhauses von Harderwijk, einem beschaulichen Hafenst\u00e4dtchen vor den Toren Amsterdams. Vor einigen Jahren hat Kreeft die Moslims Partij Nederlands gegr\u00fcndet, um, wie er sagt, \u201eeine\u00a0 Gegenstimme gegen den Unsinn\u201c zu etablieren, die Wilders verbreite. Kreeft sucht eine Weile nach den richtigen Worten, um zu beschreiben, was gerade mit seiner Heimat geschieht. \u201eEtwas brennt in der Gesellschaft. Nein, anders: Etwas schwelt unter der Oberfl\u00e4che. Es geht nicht um den Islam. Es geht um den Zustand unserer Gesellschaft.\u201c<\/p>\n<p>Kreeft hat ein Gef\u00fchl daf\u00fcr. Denn er war selbst Teil dieses Schwelens. Es erfasste die Niederlande schon lange vor Geert Wilders Erfolgen.<\/p>\n<p>Anfang der 2000er Jahre trat der Muslim Henny Kreeft der Liste Pim Fortuyn (LPF) bei. Fortuyn, auch so ein schillernder Aufr\u00fcttler und Aufmischer des politischen Establishments, war auf dem besten Weg, einen unerwarteten Wahlerfolg einzufahren, als ihn im Mai 2002 ein militanter Tiersch\u00fctzer erschoss. Ob der Provokateur Fortuyn (\u201eIch hasse den Islam nicht, aber ich finde, er ist eine zur\u00fcckgebliebene Kultur\u201c) sich als Regierungsmitglied lange h\u00e4tte halten k\u00f6nnen, mag man bezweifeln. Bestreiten l\u00e4sst sich blo\u00df nicht, dass Fortuyn mit seiner Art, Probleme aggressiv zu benennen statt zu beschwichtigen, Millionen Niederl\u00e4ndern aus der Seele sprach. Eben auch Henny Kreeft. \u201eFortuyn wollte ja die richtigen Dinge: Eine bessere Krankenversorgung, mehr Lehrer, mehr Sicherheit, mehr Polizei. Bei der LPF hatte ich im \u00dcbrigen \u00fcberhaupt keine Probleme mit meiner muslimischen Identit\u00e4t. Jeder wusste und respektierte, wie ich dachte und lebte. Fortuyn wollte mehr Chancen f\u00fcr Muslime, er wollte sie integrieren statt ausgrenzen.\u201c<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter trat Kreeft einer regionalen Splitterpartei der LPF bei. Doch als Geert Wilders die Bildfl\u00e4che der niederl\u00e4ndischen Politik betrat, sei auch diese Gruppe von einem regelrecht Islamhass erfasst worden. \u201eSchlie\u00dflich haben sie sich mich rausgeworfen.\u201c<\/p>\n<p><strong>Der &#8222;faschistische&#8220; Koran<\/strong><\/p>\n<p>Seither sieht es Kreeft als seine B\u00fcrgerpflicht, den immer schrilleren anti-islamischen Tiraden in den Niederlanden eine aufgekl\u00e4rte muslimische Sicht entgegenzuhalten. \u201eWenn man einem Kind jeden Tag sagt, das Wasser ist blau, das Wasser ist blau\u201c, sagt Kreeft mit leicht ersch\u00f6pfter Miene, \u201edann glaubt das Kind das irgendwann, obwohl das Wasser in Wahrheit gr\u00fcn oder braun ist. Genau so redet Wilders mit den Holl\u00e4ndern. Es ist schrecklich.\u201c<\/p>\n<p>Warum blo\u00df hat der Polit-Guru aus Venlo einen solchen Erfolg damit? \u00dcber Holland breche ein \u201eTsunami der Islamisierung\u201c herein, behauptet er, der \u201efaschistische\u201c Koran m\u00fcsse verboten werden, ebenso neue Moscheebauten. Nat\u00fcrlich gibt es islamischen Extremismus in den Niederlanden, und nat\u00fcrlich hat der Mord an dem Filmemacher Theo van Gogh, ver\u00fcbt 2004 von einem blindw\u00fctigen Dschihadisten, das Land tief geschockt. Aber steht dieser Exzess f\u00fcr eine \u201eIslamisierung\u201c des Landes? Wo sind sie denn, die ganzen Migranten?, fragen Migrationsforscher und legen Berechnungen vor, deren zufolge in der Bilanz Tausende von T\u00fcrken, Marokkaner und Surinamer das Land.<\/p>\n<p>Sicher, in Rotterdam, Utrecht oder Amsterdam verursachen vor allem Jugendgangs aus marokkanischen und t\u00fcrkischen Migranten Probleme. Aber ist daran wirklich eine Religion schuld? Oder sind die gro\u00dfen Angstmacher Jugendkriminalit\u00e4t, Machokultur und Inl\u00e4nderhass nicht vielmehr Folge einer illusorischen, allzu gutgl\u00e4ubigen Einwanderungspolitik? \u201eDas am wenigsten Interessante an unseren Islamisten ist der Islam\u201c, befindet der Amsterdamer Soziologe Abram de Swaan. Wenn das stimmt, gilt dieser Schluss dann nicht auch f\u00fcr die neuen Populisten? Ist das am wenigsten Interessante an Geert Wilders wom\u00f6glich seine Islamfeindlichkeit? Stecken hinter dem Aufstieg des zornigen Blondschopfs in Wahrheit ganz andere, komplexere niederl\u00e4ndische \u00c4ngste?<\/p>\n<p>In den H\u00e4userfassaden entlang der Amsterdamer Grachten hat es noch \u00fcberlebt, das stolze, das selbstgewisse \u201eGoldene Zeitalter\u201c der Niederlande. Als perfekte Stadt, als architektonische Widerspiegelung der Ordnung Gottes haben seine kalvinistischen Sch\u00f6pfer Amsterdam im 17. Jahrhundert angelegt, gebaut auf festen S\u00e4ulen, wie die niederl\u00e4ndische Gesellschaft selber. Jahrhunderte lang wusste jeder Holl\u00e4nder, ob orthodox, reformiert oder freiheitlich, wo sein Platz war, welche Kirche er besuchte, welche Zeitungen er las, aus welcher Quelle er seine Werte zog. Und heute?<\/p>\n<p><strong>Holland kann nicht mehr neutral bleiben<\/strong><\/p>\n<p>In einem der prachtvollen Patrizierh\u00e4user an der Herengracht, in einem hohen Raum mit religi\u00f6sem Deckenbild, sitzt Geert Mak und kommt aus den Erkl\u00e4rungsversuchen nicht heraus. Der Erfolgsschriftsteller (\u201eIn Europa\u201c, \u201eDas Jahrhundert meines Vaters\u201c) hat die Seele seines Landes ausgelotet wie vielleicht kein zweiter. Und wie sie verst\u00f6rt ist!, lautet sein Befund.<\/p>\n<p>\u201eNat\u00fcrlich ist die Angst vor dem Islam nur ein Symbol f\u00fcr seine tiefere Beunruhigung\u201c, sagt Mak. \u201eDie Niederlande waren immer ein kleines Land, aber zugleich waren wir der Globalisierung auch immer besonders stark ausgesetzt. Deswegen war es den Holl\u00e4ndern immer wichtig, sich in Sturmzeiten in ihre H\u00e4user, in ihre Ordnung zur\u00fcckziehen zu k\u00f6nnen. Es mag paradox sein, aber es gab schon immer dieses Schisma zwischen Weltoffenheit und Provinzialit\u00e4t. Am liebsten\u201c, sagt Mak und lacht, \u201ew\u00e4ren wir immer eine Insel gewesen, wie Gro\u00dfbritannien.\u201c<\/p>\n<p>In den vergangenen Jahrzehnten sind genau die R\u00fcckzugsmauern zusammengebrochen, welche die Niederl\u00e4nder stattdessen gegen die Unbilden der Welt errichtet hatten. Ein eigentlich gesamteurop\u00e4isches Ph\u00e4nomen, Entkonfessionalisierung, die Aufl\u00f6sung sozialer Bindungen, Werteunsicherheit, all das trifft, sagt Mak, die Holl\u00e4nder besonders hart. Sie verlieren so schnell so viel, und die entstehenden Kontraste stechen ihnen st\u00e4rker ins Auge als anderen Europ\u00e4ern: \u201e1958 geh\u00f6rte weniger als ein Viertel der Niederl\u00e4nder keiner Religionsgemeinschaft an, 2020 werden es voraussichtlich drei Viertel sein. Nur 1,2 Prozent der Bev\u00f6lkerung nimmt sonntags an katholischen Gottesdiensten teil \u2013 die Zahl der Moscheebesucher ist inzwischen h\u00f6her.\u201c Die neutrale Haltung, welche die friedens- und ordnungsliebenden Niederl\u00e4ndern in beiden Weltkriegen einnahmen, sie l\u00e4sst sich gegen\u00fcber der Globalisierung und den Migrationsstr\u00f6men nicht mehr erkl\u00e4ren. Wilders zu w\u00e4hlen, glaubt Geert Mak, bedeute f\u00fcr 15 Prozent der Niederl\u00e4nder nunmehr gleichsam, der Bedrohung der \u201eEntholl\u00e4ndischung\u201c den Krieg zu erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Wie gef\u00e4hrlich ist all das? Zehn bis f\u00fcnfzehn Prozent Abgeh\u00e4ngte und Radikale gibt es in fast jedem europ\u00e4ischen Land. K\u00f6nnen die ernsthaft Demokratie und inneren Frieden gef\u00e4hrden?<\/p>\n<p>Ach was, sagt Hennie Kreeft. Demonstrativ schaut er sich in der Krankenhauskantine um. \u201eSehen Sie irgendwo Bodyguards? Ich brauche keine. Ich schlafe gut.\u201c Lass Wilders machen, lass ihn machen!, sagt Kreeft mit einer wegwerfenden Handbewegung. Er glaubt sogar, es diene den Interessen der Muslime, wenn Wilders noch eine zeitlang tobe. \u201eDenn der Mann wird von seinem Sockel fallen.\u201c<\/p>\n<p><strong>&#8222;Wir f\u00fchlen uns zu sehr im Recht&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Der Schriftsteller Mak ist da skeptischer. Das Problem sei, sagt er, dass die Niederl\u00e4nder zu sehr an ihren \u201eUnschuldsmythos\u201c glaubten. \u201eDie Deutschen haben aus der Geschichte der 30er Jahre gelernt, dass man sich an Extremismus gew\u00f6hnen kann, wenn er nach und nach einsetzt. Diese Erkenntnis teilen bei uns die wenigsten. Wir f\u00fchlen uns zu gut, zu sehr im Recht.\u201c<\/p>\n<p>Im Jahr 2000, als J\u00f6rg Haider in \u00d6sterreich an der Regierungsbildung beteiligt wurde, entr\u00fcsteten sich die Niederl\u00e4nder lauter als andere Europ\u00e4er. \u201eKann man einen Pyromanen als Feuerwehrhauptmann akzeptieren, nur weil er versichert, er sei ein wahrer Brandbek\u00e4mpfer?\u201c, fragten damals Politiker eben jener CDA, die sich jetzt anschickt, mit Wilders zu paktieren.<\/p>\n<p>\u201eDie Heuchelei und Feigheit der niederl\u00e4ndischen Christdemokraten und Liberalen kotzt mich an\u201c, entf\u00e4hrt es dem sonst so bed\u00e4chtigen Geert Mak. \u201eDiskrimierung und Rassismus, denken sie, ist immer nur ein Problem der anderen. Aber nein! Wir k\u00f6nnen sehr rassistisch sein.\u201c Er z\u00f6gert ein bisschen, bevor er weiterspricht. Mit Holland, sagt er dann, m\u00fcsse Europa diplomatisch jetzt das machen, was auch Holland immer gemacht habe: Scharfe Entr\u00fcstung zeigen \u2013 und Wachsamkeit.. \u201eIch finde es schrecklich und erniedrigend, aber ich muss es jetzt zum ersten Mal sagen: Ich hoffe in den kommenden Monaten auf internationale Aufsicht, auf Druck von au\u00dfen. Wir brauchen das jetzt.\u201c<\/p>\n<p>Um zu verhindern, meint Mak damit, dass in Holland D\u00e4mme brechen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Islamkritiker Geert Wilders wird Teil der niederl\u00e4ndischen Regierung &#8211; ideell zumindest. Warum erklimmt ausgerechnet im liberalen Holland ein Populist solche H\u00f6hen? \u00dcberall dieses seltsam hohe Wasser. Mehre Meter \u00fcber der Erdoberfl\u00e4che flie\u00dfen die Kan\u00e4le durch die Landschaft, gehalten nur von schmalen D\u00e4mmen. 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