{"id":1073,"date":"2010-10-06T16:44:45","date_gmt":"2010-10-06T14:44:45","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/?p=1073"},"modified":"2010-10-06T16:44:45","modified_gmt":"2010-10-06T14:44:45","slug":"deutsch-und-moslem-sein-geht-das","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/2010\/10\/06\/deutsch-und-moslem-sein-geht-das_1073","title":{"rendered":"Deutsch und Moslem sein &#8211; geht das?"},"content":{"rendered":"<p><em>Liebe Leser,<\/em><\/p>\n<p><em>meine letzten Artikel zu Geert Wilders haben ungew\u00f6hnliche viele Kommentare ausgel\u00f6st. Allein 148 Reaktionen folgten dem Text &#8222;<\/em><a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2010\/40\/Geert-Wilders-Berlin\"><em>Ich, Retter des Abendlands<\/em><\/a><em>&#8222;.<\/em><\/p>\n<p><em>Selten habe ich es erlebt, dass\u00a0die Meinung der Leser so einhellig war. Der Islam, hie\u00df es in\u00a0fast allen Kommentaren, sei unvereinbar mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung, er sei eine aggressiv-expansionistische Ideologie, die Intoleranz\u00a0statt\u00a0Verst\u00e4ndigung predige.\u00a0Der Westen sei naiv, wenn er dieser Bewegung mit den Ma\u00dfst\u00e4ben der Religionsfreiheit begegne.<\/em><\/p>\n<p><em>Nat\u00fcrlich gibt es eine radikale Auslegung des Koran, und nat\u00fcrlich l\u00e4sst sich der Islam als\u00a0Anleitung zur T\u00f6tung &#8222;Ungl\u00e4ubiger&#8220; lesen. Wer das bestreiten wollte, muss in den vergangenen zehn Jahren blind gewesen sein.<\/em><\/p>\n<p><em>Aber das ist eben nicht die ganze Wahrheit.<\/em><\/p>\n<p><em>Unter den vielen Mails, die auf die Artikel folgten,\u00a0war eine\u00a0von einer jungen Muslima, die mich beeindruckt hat.\u00a0Ich m\u00f6chte sie deshalb hier\u00a0wiedergeben; in der\u00a0Hoffnung, dass sie eine vielleicht\u00a0etwas\u00a0genauere\u00a0Diskussion anst\u00f6\u00dft. Der Name der Autorin wird auf ihrer\u00a0eigenen Wunsch hin nicht komplett\u00a0genannt.<\/em>\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<p><strong>Wo bleibt das Wir?<\/strong><\/p>\n<p>Mein Name ist Zohra M., ich bin 19 Jahre jung, Tochter eines Algeriers und einer Deutschen \u2013 und gl\u00e4ubige Muslimin. Vor wenigen Monaten habe ich das Abitur mit einem Durchschnitt von 1,7 abgeschlossen, im Oktober werde ich, so Gott will, anfangen zu studieren.<\/p>\n<p>In den Augen Thilo Sarrazins und Freunde gelte ich sicherlich als \u201eAusnahme unter den Jugendlichen mit t\u00fcrkischem oder arabischem Migrationshintergrund\u201c. Dem muss ich widersprechen. Oder kann sich ein Islamischer STUDENTENverein, wie wir ihn hier in Darmstadt haben, allein durch Ausnahmen bilden und entwickeln?<\/p>\n<p>Seit einigen Wochen verfolge ich nun die neu aufgeflammte Debatte um \u201edie Muslime\u201c, \u201edie arabischen und t\u00fcrkischen Einwanderer\u201cin Deutschland. Ich will gar nicht bestreiten, dass es tats\u00e4chlich Migranten gibt, die kein Interesse an der deutschen Sprache und Kultur haben. Aber ich wehre mich dagegen, mit ihnen in einen Topf geworfen zu werden. Ich wehre mich dagegen, dass aufgrund einer Minderheit eine ganze Religionsgemeinschaft den Kopf hinhalten muss.<\/p>\n<p>\u201eDie Muslime\u201c, dass sind nicht nur die T\u00fcrken und die Araber. Der Islam ist keine Nationalit\u00e4t, er ist eine Religion, die auf der ganzen Welt verbreitet ist. Es ist also hirnrissig, einen Unterschied zwischen \u201edem Deutschen\u201c und \u201edem Moslem\u201c zu machen, denn beide Aspekte schlie\u00dfen sich nicht zwangsl\u00e4ufig aus.\u00a0<\/p>\n<p>Ich bin selbst Halb-Deutsche, in Deutschland geboren und aufgewachsen, ich spreche flie\u00dfend deutsch und habe in der Schule den Deutsch-Leistungskurs belegt. Gleichzeitig praktiziere ich meine Religion, indem ich bete, faste, den Koran lese. Wo, bitte, befindet sich hier ein Widerspruch?<\/p>\n<p>Obwohl ich mich selbst als liberale Muslima einsch\u00e4tze und offen auf andere Menschen zugehe, unabh\u00e4ngig von ihrer Herkunft oder Religion, musste auch ich in Zeiten der Islam-Debatte leider feststellen, wie ich mich gezwungenerma\u00dfen in ein gewisses Schema gedr\u00e4ngt f\u00fchle. Ich kann nicht mehr \u00fcber meine Religion informieren, nein, ich muss sie rechtfertigen und besch\u00fctzen.<\/p>\n<p>Die Fragen lauten heutzutage nicht mehr \u201eWarum muss eine muslimische Frau ein Kopftuch tragen?\u201c oder \u201eWas ist der genaue Sinn, im Ramadan zu fasten?\u201c. Genau genommen sind es auch keine Fragen mehr, sondern Vorw\u00fcrfe wie \u201eDer Islam ist eine Religion, die die Frau unterdr\u00fcckt!\u201c und \u201eEinen Monat lang zu fasten kann ja nur ungesund sein!\u201c<\/p>\n<p>Wie ist es dazu gekommen, dass uns Muslimen statt Interesse und Neugier pl\u00f6tzlich Ablehnung und Misstrauen entgegenschlagen? Ist es nicht gerade diese Ablehnung und dieses Misstrauen, dass uns zum R\u00fcckzug in die eigenen Reihen zwingt, es uns so schwer macht, die Stimme zu erheben und zu sagen \u201eWir haben mit Terrorismus, Gewalt und Intoleranz nichts zu tun!\u201c, sodass wir gar keine andere Wahl haben, als unter uns zu bleiben, wo man uns akzeptiert?<\/p>\n<p>Mit \u201euns\u201c meine ich die Muslime, die sich gerne mit Andersgl\u00e4ubigen austauschen, die die deutsche Gesellschaft nicht als Feindbild betrachten und sich gerne integrieren und sozial einbringen m\u00f6chten.<\/p>\n<p>Ich hoffe, dass\u00a0man als Muslim\u00a0bald (wieder) die Chance dazu bekommt. Dass man Muslimen wie mir Geh\u00f6r verschafft und uns auch ernst nimmt. Dass man zu geistreichen Diskussionen mit uns bereit ist, ohne uns in eine Ecke mit Kriminellen und Fundamentalisten zu dr\u00e4ngen. Dass eines Tages aus \u201euns\u201c und \u201eeuch\u201c wieder ein \u201ewir\u201c wird.<\/p>\n<p>Zohra M.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Leser, meine letzten Artikel zu Geert Wilders haben ungew\u00f6hnliche viele Kommentare ausgel\u00f6st. Allein 148 Reaktionen folgten dem Text &#8222;Ich, Retter des Abendlands&#8222;. Selten habe ich es erlebt, dass\u00a0die Meinung der Leser so einhellig war. 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