{"id":109,"date":"2008-09-04T12:45:26","date_gmt":"2008-09-04T11:45:26","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/2008\/09\/04\/des-kremls-general_109"},"modified":"2008-09-04T12:45:26","modified_gmt":"2008-09-04T11:45:26","slug":"des-kremls-general","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/2008\/09\/04\/des-kremls-general_109","title":{"rendered":"Des Kremls General"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der russische Nato-Botschafter Dimitri Rogosin schockt Europa immer wieder mit seinen Ausbr\u00fcchen. Was denkt der Mann wirklich? Ein Treffen<\/strong><\/p>\n<p><a href='https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2008\/09\/rogosin.jpg' title='rogosin.jpg'><img src='https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2008\/09\/rogosin.jpg' alt='rogosin.jpg' \/><\/a><\/p>\n<p>Der Raum war zu klein f\u00fcr den Mann und seine Botschaft. Um die f\u00fcnfzig Journalisten dr\u00e4ngten Mitte August in das Besprechungszimmer der russischen Mission bei der Nato, um zu h\u00f6ren, wie Dmitri Rogosin den soeben gef\u00e4llten Beschluss der Allianz bekr\u00e4hen w\u00fcrde. Mit Russland, so hatten die 26 Au\u00dfenminister Nato-Au\u00dfenminister nebenan im Hauptgeb\u00e4ude Minuten vorher beschlossen, k\u00f6nne es nach dem Feldzug gegen Georgien kein \u201ebusiness as usual\u201c mehr geben. Der Nato-Russland-Rat werde bis auf Weiteres auf Eis gelegt. Hochspannung im Russenquartier: Wie w\u00fcrde Rogosin, das <em>enfant terrible<\/em> der europ\u00e4ischen Diplomatenszene, darauf reagieren?<\/p>\n<p>Der Mann entt\u00e4uschte nicht.<\/p>\n<p>\u201eDie Allianz ist jetzt isoliert!\u201c, schmetterte er den stifteschwingenden Reportern entgegen. Statt endlich zu erkennen, welch Fehler es gewesen sei, den georgischen Pr\u00e4sidenten Michael Saakaschwili zu umarmen, lasse sich die Nato nun auch noch von den USA in einen neuen Kalten Krieg treiben. Sp\u00e4testens nach der georgischen Aggression gegen S\u00fcdossetien m\u00fcsse doch klar sein: \u201eDiese Nato sollte erst Hitler, dann Saddam Hussein und erst danach Herrn Saakaschwili aufnehmen.\u201c In dem unklimatisierten, stickigen Raum tropften den ungl\u00e4ubigen Journalisten nach einst\u00fcndiger Tirade Schwei\u00dfperlen auf die Notizbl\u00f6cke. Dimitri Rogosins Hemdkragen dagegen bekam nicht einmal einen feuchten Rand.<\/p>\n<p>Es sind solche mephistophelischen Momente, die den 44j\u00e4hrigen Rogosin erscheinen lassen wie die leibhaftige russische Au\u00dfenpolitik. Blitzschnell ausholen, krachend zuschlagen und das Staunen der Welt mit k\u00fchler Miene quittieren. Im Januar setzte Wladimir Putin den hartgesottenen Nationalisten mit dem jungenhaften Rehblick auf den Br\u00fcsseler Nato-Posten. Seitdem l\u00e4sst der gelernte Journalist keine Gelegenheit aus, anti-diplomatische Schockwellen durch den Medien\u00e4ther zu senden. Den Vormarsch der 58. russischen Armee nach Georgien kommentierte er mit den Worten: \u201eJetzt f\u00e4hrt Amerikas Lieblingskind zur H\u00f6lle!\u201c<\/p>\n<p>Wenn es Putins Absicht war, ein Megaphon des russischen Weltschmerzes in die Nato-Zentrale zu h\u00e4ngen, dann hat er mit Rogosin eine talentierte Wahl getroffen. Im kleinen Kreis und ohne Kameralicht kann Rogosin zwar wohltemperiert reden. Doch selbst dann, in einem ansonsten n\u00fcchternen Gepr\u00e4ch mit der <em>ZEIT<\/em> etwa, pfefferte er nonchalant mit Grobheiten nach. Den georgischen Pr\u00e4sidenten bezeichnet Reogosin als einen \u201eBastard\u201c und einen \u201eDrogenabh\u00e4ngigen mit krimineller Vergangenheit\u201c. Fliehende Georgier vergleicht er mit \u201eKakerlaken\u201c. Dabei macht er eine tribbelnde Fingerbewegung \u00fcber den Marmortisch und lacht den Reporter komplizenhaft an.<\/p>\n<p>Ach, Herr Rogosin, nun einmal ehrlich, was soll das? Sind all diese Ausf\u00e4lle nicht blo\u00df rhetorischer Punkrock, um Russland Geh\u00f6r zu verschaffen in europ\u00e4ischen Salons?<\/p>\n<p>\u201eIch denke wirklich, was ich sage\u201c, antwortet Rogosin. \u201eEs mag schon sein, dass meine Wortwahl schockiert. Aber wenn sie schockiert, dann hoffe ich damit zu erreichen, dass die Leute beginnen, nach der Wahrheit zu suchen.\u201c<\/p>\n<p>Rogosins Wahrheit \u00fcber die Weltlage sieht so aus: Die Nato ist eine Milit\u00e4rallianz, die den Amerikanern dazu dient, die Europ\u00e4er kleinzuhalten. Und obwohl die Amerikaner die Terrorinternationale al-Qaida, die sie am 11. September angegriffen hat, mithilfe der CIA in Afghanistan selbst geschaffen hat, lassen sich die Europ\u00e4er f\u00fcr den weltumspannenden US-Anti-Terrorkrieg einbinden, inklusive eines v\u00f6lkerrechtswidrigen Krieges gegen den Irak. Dieses Amerika, dieses Europa wollen Russland jetzt daf\u00fcr bestrafen, dass es im Kaukasus sein legitimes Recht wahrgenommen hat? Das legitime Recht seine eigenen Staatsb\u00fcrger vor dem V\u00f6lkerm\u00f6rder Saakaschwili zu sch\u00fctzen? Dabei m\u00fcsse doch gerade Amerika die neue russische Sicherheitsdoktrin verstehen: was f\u00fcr die USA der 11. September 2001 gewesen sei, sei f\u00fcr Russland der 8. August 2008 gewesen \u2013 ein massiver Angriff auf seine Staatsb\u00fcrger. Den j\u00fcngsten Beschluss der EU, die Verhandlungen \u00fcber ein neues Partnerschaftsabkommen mit Russland auszusetzen, bis sich Moskaus Truppen aus dem Kerngebiet Georgiens zur\u00fcckgezogen haben, gei\u00dfelt er deshalb \u201eunfair\u201c.<\/p>\n<p>Rogosin spricht vielmehr von einer \u201ePufferzone\u201c, die Russland um S\u00fcdossetionen und Abchasien einrichten musste. Sie sei selbstverst\u00e4ndlich nur eine vor\u00fcbergehende L\u00f6sung. \u201eWir w\u00fcnschen uns, dass aus in diesem Gebiet eine demilitarisierte, international kontrollierte Zone wird, gerne auch mit OSZE- und EU-Beobachtern\u201c, sagt er. \u201eNat\u00fcrlich werden die russischen Truppen dort nicht f\u00fcr immer bleiben. Nat\u00fcrlich werden wir uns zur\u00fcckziehen.\u201c Die Anerkennung von S\u00fcdossetien und Abchasien als eigenst\u00e4ndige Staaten, sie zeige doch gerade, dass Moskau kein Interesse habe, diese Provinzen zu besetzen.<\/p>\n<p>Es mag eine Ironie der Geschichte sein, dass Rogosin gerade wegen seines \u00fcbersch\u00e4umenden Nationalismus zum Diplomaten wurde \u2013 und gerade wenn es um milit\u00e4rische Selbstbeschr\u00e4nkung Russlands geht, macht ihn seine Vita wenig glaubw\u00fcrdig. 2003 gr\u00fcndete Rogosin die Partei \u201eRodina\u201c, (\u201eMutterland\u201c). Ihr Hauptversprechen lautete, ethnische Russen zu besch\u00fctzen, sei es gegen kaukasische Gastarbeiter, sei es als Minderheiten in ehemaligen Sowjetstaaten. 2006, als \u201eRodina\u201c dem Kreml zu m\u00e4chtig wurde, belegte Putin die Partei mit einem Wahlverbot.<\/p>\n<p>\u201eDas war eine harte Zeit\u201c, erinnert sich Rogosin heute. Zum Gl\u00fcck allerdings habe sich in dieser Krise ein Mensch als echter Freund erwiesen \u2013 der heutige Au\u00dfenminister Sergej Lawrow. \u201eIch erz\u00e4hle Ihnen jetzt etwas, was ich noch niemanden erz\u00e4hlt habe\u201c, sagt Rogosin zum Abschied. \u201eLawrow war der einzige, der mich weiter angerufen und mich unterst\u00fctzt hat. So etwas vergisst man nicht. 18 Monate sp\u00e4ter rief mich Putin an, und sagte, er w\u00fcrde gerne unsere Beziehung erneuern. Seitdem halte ich den Posten bei der Nato. Deswegen betrachte ich Herrn Lawrow als einen treuen Kameraden. Niemand, keine Intrige, wird je zwischen uns kommen k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p>Und wieder scheint er zu wirklich zu sagen, was er denkt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der russische Nato-Botschafter Dimitri Rogosin schockt Europa immer wieder mit seinen Ausbr\u00fcchen. Was denkt der Mann wirklich? Ein Treffen Der Raum war zu klein f\u00fcr den Mann und seine Botschaft. 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