{"id":1189,"date":"2011-03-31T15:21:46","date_gmt":"2011-03-31T13:21:46","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/?p=1189"},"modified":"2011-04-04T13:57:40","modified_gmt":"2011-04-04T11:57:40","slug":"mehr-liebe-wagen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/2011\/03\/31\/mehr-liebe-wagen_1189","title":{"rendered":"Mehr Liebe wagen!"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Der belgischer Sexualforscher Bo Coolsaet warnt, dass wir die Innigkeit verlernen. Dabei brauchen wir sie &#8211; gerade in der Politik<\/em><\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_1192\" aria-describedby=\"caption-attachment-1192\" style=\"width: 199px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2011\/03\/Bo-Coolsaet1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2011\/03\/Bo-Coolsaet1-199x300.jpg\" alt=\"Ulla Kimmig\" title=\"Bo Coolsaet\" width=\"199\" height=\"300\" class=\"size-medium wp-image-1192\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2011\/03\/Bo-Coolsaet1-199x300.jpg 199w, https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2011\/03\/Bo-Coolsaet1.jpg 369w\" sizes=\"auto, (max-width: 199px) 100vw, 199px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1192\" class=\"wp-caption-text\">&copy; Ulla Kimmig (http:\/\/www.ullakimmig.de)<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Eigentlich wollten wir mit Bo Coolsaet \u00fcber die Liebe reden. \u00dcber die schlimme Entwicklung, genauer gesagt, dass es immer <em>weniger<\/em> Liebe gibt auf der Welt. Was daran liegt, dass immer weniger Menschen zur Liebe f\u00e4hig sind.<\/p>\n<p>Dies jedenfalls behauptet der Sexualwissenschaftler in einem neuen Buch, das in seiner Heimat Belgien gerade die Bestsellerlisten st\u00fcrmt. \u00dcber den Niedergang der Liebe also wollen wir reden. Und was passiert? Wir sitzen kaum eine halbe Stunde zusammen, da sprechen wir \u00fcber Karl-Theodor zu Guttenberg und Muammar Gadhafi \u2013 und zwar absolut folgerichtig. Es ist erstaunlich: Die Liebe und die Politik und der Liebesmangel und die Sehnsucht, all das l\u00e4sst sich bei ernsthafter Betrachtung kein bisschen trennen!<\/p>\n<p>Aber der Reihe nach. Wer ist eigentlich dieser Bo Coolsaet?<\/p>\n<p>Es ist zun\u00e4chst einmal ein Gl\u00fcck, dass sein hellwei\u00dfer Lockenschopf in der Nachmittagssonne strahlt wie ein Leuchtturm, sonst w\u00fcrde man die Einfahrt zu seinem Anwesen in der N\u00e4he von Antwerpen glatt verpassen. Mit schwungvollen, frohgemuten Ganzk\u00f6rperbewegungen winkt er das Auto von der l\u00e4ndlichen Baumallee hinein in den heckenges\u00e4umten Weg, der zu seiner \u201eEulenburg\u201c f\u00fchrt. Prachtvoll hat der Professor den alten Bauernhof zu einer Landvilla im Atriumstil renoviert.<\/p>\n<p><strong>Der Pinsel der Liebe<\/strong><\/p>\n<p>Hier lebt der Mediziner, Heilkundler und Sexualtherapeut von internationalem Ruf, wenn er nicht gerade Vortr\u00e4ge in New York h\u00e4lt, arabische \u00d6lscheichs mit Erektionsproblemen visitiert, in Neuguinea Phallus-Skulpturen von Eingeborenen erwirbt oder in der Urologie der Klinik von Antwerpen seine regul\u00e4ren Patienten betreut. Auf mittlerweile drei B\u00fccher gr\u00fcndet sich die Prominenz des 71j\u00e4hrigen Flamen, sein popul\u00e4rwissenschaftlicher Erstling \u201eDer Pinsel der Liebe \u2013 Leben und Werk des Penis\u201c von 1998 wurde in 17 Sprachen \u00fcbersetzt, \u201eHOMage\u201c von 2007 widmete sich dem m\u00e4nnlichen Altern. Coolsaets neues Buch gibt es bisher nur auf Fl\u00e4misch, sein Titel \u201eDe Alchemie van Liefde &amp; Lusten\u201c erschlie\u00dft aber auch dem Ausl\u00e4nder auf Anhieb \u2013 ganz zu schweigen von dem barocken Design mit dem Goldschnitt, die es zu einem geradezu erotisierenden Handschmeichler machen. 5000 Belgier erlagen schon am ersten Erscheinungstag der Versuchung des neuen Coolsaet und griffen zu.<\/p>\n<p>\u201eWelcome, welcome!\u201c ruft unser Einstein der Lust und schlie\u00dft den Gast so st\u00fcrmisch in die Arme, dass man denkt, holla, wenn das aber mal kein Liebe<em>s\u00fcberschuss<\/em> ist!<\/p>\n<p>Stimmt, sagt Bo Coolsaet und lacht, als wir drinnen vorm knisternden Kamin Platz genommen haben. Er sei in der gl\u00fccklichen Lage, es wirklich zu kennen, das gro\u00dfe \u201eLiebes-Gef\u00fchl\u201c, sagt er, w\u00e4hrend er eine Packung kubanischer Zigaretten \u00f6ffnet. Seinen Eltern habe er das zu verdanken, erz\u00e4hlt er mit seligem L\u00e4cheln. Die beiden h\u00e4tten sich wahrhaft und tief geliebt, und diese Liebe h\u00e4tten sie an ihre Kinder weitergegeben. Andere, immer mehr Menschen, erlebten dies leider nicht, sagt der Experte.<\/p>\n<p>Die Menschheit <em>liebt<\/em> also wirklich immer weniger, Herr Professor?<\/p>\n<p>Coolsaet nickt ein stummes, schweres Nicken und schnalzt bedauernd mit der Zunge.<\/p>\n<p>\u201eJa.\u201c<\/p>\n<p><strong>Warum die Liebe stirbt<\/strong><\/p>\n<p>Die Beeintr\u00e4chtigung der Liebesf\u00e4higkeit beginne schon im Mutterleib, erkl\u00e4rt er. Forschungen auf dem Felde der so genannten Epigenetik h\u00e4tten gezeigt, dass Umwelteinfl\u00fcsse w\u00e4hrend der Zellteilung Einfluss auf die Aktivit\u00e4t des Erbgutes und damit auf die Pr\u00e4gung von Menschen haben k\u00f6nnen. \u201eDurchleidet die Mutter w\u00e4hrend der Schwangerschaft Stress oder Beziehungsprobleme, kann sich dies genetisch auf die Liebesf\u00e4higkeit des Kindes auswirken.\u201c<\/p>\n<p>Als zweiter Faktor beeinflusse in der fr\u00fchen Kindheit das emotionale Klima innerhalb der Familie die \u201eW\u00e4rme des Menschen\u201c, wie Coolsaet die Empf\u00e4nglichkeit f\u00fcr Empfindsamkeit nennt. Sind die Eltern durch ihre Jobs genervt oder von wirtschaftlichen Sorgen geplagt, sei gut m\u00f6glich, dass sich das K\u00fchle im Miteinander auf die Pers\u00f6nlichkeit des Kindes \u00fcbertrage. Schlie\u00dflich, ab etwa drei Jahren, m\u00fcsse eine starke Vaterfigur daf\u00fcr sorgen, dass das Kind von der einseitigen Bindung an die Mutter gel\u00f6st werde. Unterbleibe diese Entkopplung, so wie es bei der steigenden Zahl der Alleinerziehenden der Fall sei, k\u00f6nne dies sp\u00e4ter im Leben der Kinder zu Bindungsproblemen f\u00fchren.<\/p>\n<p>Er habe so viele Patienten behandelt, berichtet Coolsaet, die schlicht nicht wussten, was Liebe ist, wie sich dieses \u201eFeeling\u201c anf\u00fchlt, weil sie einfach nie mit Liebe in Ber\u00fchrung gekommen seien.<\/p>\n<p>Stress, Leistungsdruck und Familienzerfall lassen also die Liebe sterben \u2013 die Liebe in ihrer reinsten bio-chemischen Form?<\/p>\n<p>Noch ein Nicken. Noch ein bedauerndes Schnalzen.<\/p>\n<p>\u201eDie gute Nachricht lautet allerdings: Es gibt immer Hoffnung, dass Menschen auch sp\u00e4ter im Leben ge\u00f6ffnet werden k\u00f6nnen und lernen zu lieben.\u201c Coolsaet ist \u00fcberhaupt kein religi\u00f6ser Mensch, beteuert er, aber das, was Liebe eigentlich ist, kann er nach vielen Jahren der Forschung nur mit einem \u00fcberirdischen Begriff beschreiben. \u201eSakrale Fusion\u201c lautet seine Definition. Sie komme zustande, wenn zwei Menschen einander erlauben, gegenseitig in ihre Gef\u00fchle einzudringen, sagt der Professor und malt zwei Kreise auf ein Blatt Papier, die eine Schnittmenge bilden. \u201eDadurch entsteht eine neue, dritte Identit\u00e4t, eine Wir-Identit\u00e4t.\u201c<\/p>\n<p><strong>Guttenberg und Ghadafi &#8211; zwei ganz wichtige F\u00e4lle<\/strong><\/p>\n<p>So. Und genau hier kommen, nun wohl ein bisschen weniger \u00fcberraschens, Karl-Theodor zu Guttenberg und Oberst Gadhafi ins Spiel. Ebenso n\u00e4mlich wie sich die Menschen eine Wir-Identit\u00e4t im Privaten und Intimen w\u00fcnschen, w\u00fcnschen sie sich auch eine Gef\u00fchlsidentit\u00e4t mit ihren F\u00fchrern, erkl\u00e4rt Coolsaet und tippt auf die Kreiszeichnung. Der charismatische KT zu Guttenberg bot dem Volk eine breite emotionale Schnittmenge. Colonel Gadhafi eher nicht. Deswegen wollte das Volk die Beziehung mit dem Letzteren aufl\u00f6sen. Und den Ersteren \u2013 emotional betrachtet, jedenfalls \u2013 umarmt halten.<\/p>\n<p>Als Referenz f\u00fcr die Richtigkeit dieser These kann der Chef-Poet der Bild-Zeitung, Franz Josef Wagner, dienen. Wohl keiner hat so stellvertretend f\u00fcr die Massen der Innigkeit der Deutschen mit dem Burgherrn gehuldigt. Guttenbergs Besuch samt Ehefrau in Afghanistan, der sei doch nichts anderes eine \u201eLiebeserkl\u00e4rung\u201c gewesen, schrieb Wagner: \u201eWir sind eine Familie, wir geh\u00f6ren zusammen. Herz zeigen, Gef\u00fchle zeigen. All diese menschlichen Dinge geschehen so selten in der Politik.\u201c Mit anderen Worten: Das mit uns ging so tief rein, das darf nie\u2026 Noch mal Wagner: \u201e 420.609 Facebook-Fans w\u00fcnschen sich Guttenberg zur\u00fcck. Was f\u00fcr eine Lovestory. Deutschland ist verliebt.\u201c Ganz genau. Uns seit wann durchforsten Verknallte ihre Doktorarbeiten? Ja und, ach, wer vergibt nicht L\u00fcgen, die im Grunde doch der Liebesmehrung dienen sollten?<\/p>\n<p>Sexologisch betrachtet, sagt Coolsaet, sind nun die scheiternden Despotien im arabischen Raum Opfer des genauen Guttenberggegenteilseins. \u00a0\u201eDie Leute dort vermissen Politiker mit W\u00e4rme, die sie m\u00f6gen k\u00f6nnen, die ein Wir-Gef\u00fchl erzeugen.\u201c Menschen eben, die selbst zur Liebe f\u00e4hig seien. \u201eGadhafi zu erkl\u00e4ren, was Liebe ist\u201c, sagt Coolsaet und lacht ein barockes Lachen, \u201ew\u00e4re ziemlich schwierig!\u201c In der Tat, denkt man, w\u00e4hrend der Professor Champagner eingie\u00dft, da f\u00fcllt sich der Begriff vom demokratischen Fr\u00fchling mit ganz neuer Bedeutung.<\/p>\n<p><strong>Wie hegt man sie, wie pflegt man sie?<\/strong><\/p>\n<p>Doch Obacht!, mahnt Coolsaet. Wie in der echten Liebe auch lohne bei der Volk-Politiker-Bindung genaues Hinsehen. Er streckt die H\u00e4nde auseinander. Fusionen k\u00f6nnen verschwinden, wenn die Basis nicht stimmt! Die Entt\u00e4uschung, siehe Jugendliebe, stelle sich umso sicherer ein, je oberfl\u00e4chlich-verkl\u00e4rter das Volk f\u00fcr die F\u00fchrer schw\u00e4rme. \u201eHatte diese Hetzjagd auf Guttenberg in Teilen der Presse nicht etwas von entt\u00e4uschter Schw\u00e4rmerei?\u201c, fragt Coolsaet nicht unkeck. \u201eVielleicht w\u00e4re es besser gewesen, den Mann nicht so zu idealisieren, f\u00fcr die Deutschen und f\u00fcr ihn.\u201c<\/p>\n<p>Wie pflegt man sie denn fachgerecht, wie l\u00e4sst man sie gedeihen, die Liebe zwischen Volk und Herrschern? Da ist der Professor \u00fcberfragt. In seinem Buch empfiehlt er Paaren, gemeinsam zu kochen. Das verbinde Gespr\u00e4ch, Gef\u00fchl und Genuss. 32 Jahre lang, immerhin, ging das bei Professor Coolsaet gut. Dann trennte er sich von seiner gro\u00dfen Liebe. Aber in der K\u00fcche steht schon Leenje, die neue Dame an seiner Seite. Heute Abend kochen sie, morgen fliegen sie nach Birma, zum Wandern. \u201eMan braucht\u201c, sagt Bo Coolsaet und lacht wie ein kleiner Junge, \u201enat\u00fcrlich auch Gl\u00fcck!\u201c<\/p>\n<p><em>Foto: Ulla Kimmig<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der belgischer Sexualforscher Bo Coolsaet warnt, dass wir die Innigkeit verlernen. Dabei brauchen wir sie &#8211; gerade in der Politik Eigentlich wollten wir mit Bo Coolsaet \u00fcber die Liebe reden. \u00dcber die schlimme Entwicklung, genauer gesagt, dass es immer weniger Liebe gibt auf der Welt. 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