{"id":1215,"date":"2011-04-18T14:26:48","date_gmt":"2011-04-18T12:26:48","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/?p=1215"},"modified":"2011-04-18T16:43:50","modified_gmt":"2011-04-18T14:43:50","slug":"finnen-von-sinnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/2011\/04\/18\/finnen-von-sinnen_1215","title":{"rendered":"Finnen von Sinnen?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Nein. Mit Rassismus hat der Wahlerfolg der EU-Skeptiker im Norden wenig zu tun<\/strong><\/p>\n<p>Das Missverst\u00e4ndnis beginnt schon beim Namen. Die &#8222;Wahren Finnen&#8220;, die bei den Parlamentswahlen am Wochenende beachtliche 19 Prozent der Stimmen holten, hei\u00dfen im wahren Finnischen mitnichten so.\u00a0Das <em>perus<\/em>\u00a0im Parteiname\u00a0<em>Perussuomalaiset<\/em> bedeutet soviel wie bodenst\u00e4ndig, erdverbunden, basisnah. Die &#8222;Basisfinnen&#8220; also werden aller Voraussicht nach der neuen finnischen Regierung angeh\u00f6ren. Der <em>Spiegel<\/em> zeigt eine\u00a0erschreckend braun gef\u00e4rbte Europakarte mit L\u00e4ndern, in denen jetzt &#8222;Rechtspopulisten&#8220;\u00a0in den Parlamenten sitzen. Was Le Pen in Frankreich, so die Insinuation, ist Timo Soini, der Chef der Basisfinnen, im hohen Norden. Rassistische EU-Feinde \u00fcberall.<\/p>\n<p>Ach, wenn die Welt so einfach w\u00e4re. Es stimmt ja, die Basisfinnen ziehen rechte, man darf sogar unterstellen, hier und da rassistische W\u00e4hler an. Aber Finnland besteht nicht pl\u00f6tzlich zu 19 Prozent aus Rassisten. Zumal die waschechten Rassisten, die es gibt, ganz andere Parteien w\u00e4hlen. Mit der niederen Ansprache des\u00a0Protolappen, kurzum,\u00a0ist der Erfolg der Basisfinnen nicht zu erkl\u00e4ren. Er\u00a0muss andere Gr\u00fcnde haben.<\/p>\n<p>Einer davon besteht darin, dass es eben nicht einfach &#8222;rechts&#8220; ist, gegen Euro-Hilfszahlungen an Griechenland und Portugal zu sein. Die Sozialdemokraten in Finnland (und Deutschland!) sind es ebenfalls &#8211; jedenfalls in der bisherigen Form ohne Bankenbeteiligung. Es ist auch nicht rechts, sich dar\u00fcber zu erregen, dass das Parlament bei den Zahlungen zu wenig mitzureden hat. Das tun die Gr\u00fcnen in Deutschland auch. Ebenso wenig rechts ist es, darauf zu beharren, dass die Volkswirtschaften im Euro-Raum ihres eigenen Gl\u00fcckes Schmied sind und nicht auf die Solidarit\u00e4t anderer bauen d\u00fcrfen. Darauf haben sich s\u00e4mtliche Regierungen der Europ\u00e4ischen Union geeinigt, nachzulesen in Artikel 125 des Lissabon-Vertrages.<\/p>\n<p>Die 19 Prozent, die gestern in Helsinki auf den Bildschirmen aufleuchteten, stehen also f\u00fcr ein neues, lager\u00fcbergreifende politisches Motiv. Sie stehen f\u00fcr einen Unmut, f\u00fcr ein Rest-Unverst\u00e4ndnis, das die Menschen bei allem guten Willen f\u00fcr die europ\u00e4ische Integration mit der Art und Weise bef\u00e4llt, wie diese EU funktioniert. Oder fehlfunkioniert. Es sind 19 Prozent, die nicht glauben wollen, dass\u00a0die gegenw\u00e4rtige Art von Europapolitik &#8222;alternativlos&#8220; ist. Solche Skepsis ist nicht demokratiefeindlich. Im Gegenteil. Von Zweifeln wie diesen\u00a0leben europ\u00e4ische Demokratien.<\/p>\n<p>Dass sich der kritische Unmut nun ausgerechnet im politisch sonst so stillen und konsensorientierten\u00a0Finnland Bahn bricht, hat zum\u00a0einen mit Timo Soinis Person zu tun. Selbst seine sch\u00e4rfsten Gegner gestehen ihm zu, ein sympathischer, einnehmender\u00a0und durchaus liberaler Kerl zu sein. Zum anderen hat es\u00a0mit der tiefen protestantischen Grundierung des Landes zu tun. Die Finnen sind ein recht legalistisches Volk. &#8222;Wenn es Regeln gibt, dann m\u00fcssen diese Regeln eingehalten werden&#8220;, sagte mir der bisherige Au\u00dfenminister Alexander Stubb, &#8222;wir sind, was das angeht, ein Mini-Deutschland. Sehr streng.&#8220;<\/p>\n<p>Die protestantische Grundierung beschr\u00e4nkt sich nicht nur auf die Gesetzestreue, sie umfasst auch den Arbeitsethos. Finnland steckte selbst einmal in einer Lage wie Griechenland. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1990\/91 verlor Finnland schlagartig seinen wichtigsten Handelspartner f\u00fcr Rohwaren. Das Bruttosozialprodukts sankte um 10 Prozent ab, die Banken wackelten, die Arbeitslosigkeit schoss auf 20 Prozent. Was taten die Finnen? Freilich, sie erhielten auch Hilfen vom IWF. Aber parallel dazu werteten sie die Finnmark ab, k\u00fcrzten ihren Sozialsektor dramatisch zusammen und schworen das Land auf einen radikalen Strukurwandel ein. Sie investieren Geld in den High-Tech-Sektor, die IT-Branche und Bildung. In Finnland arbeiten heute pro Kopf mehr Menschen in der Forschung als in jedem anderen OECD-Land.<\/p>\n<p>Warum, fragen sich jetzt mehr als 19 Prozent aller Finnen, sollen andere L\u00e4nder so etwas nicht auch hingekommen? Nun, k\u00f6nnte man antworten,\u00a0akut muss man diesen L\u00e4ndern, Griechenland und Portugal, eben helfen, \u00fcberhaupt noch irgendwas hinbekommen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Aber was, wenn sie es trotz all der Milliarden\u00a0nicht schaffen?<\/p>\n<p>Tja.<\/p>\n<p>Dieser Zweifelsbereich bleibt die Erfolgszone der Timo Soinis.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nein. Mit Rassismus hat der Wahlerfolg der EU-Skeptiker im Norden wenig zu tun Das Missverst\u00e4ndnis beginnt schon beim Namen. Die &#8222;Wahren Finnen&#8220;, die bei den Parlamentswahlen am Wochenende beachtliche 19 Prozent der Stimmen holten, hei\u00dfen im wahren Finnischen mitnichten so.\u00a0Das perus\u00a0im Parteiname\u00a0Perussuomalaiset bedeutet soviel wie bodenst\u00e4ndig, erdverbunden, basisnah. Die &#8222;Basisfinnen&#8220; also werden aller Voraussicht nach [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":66,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-1215","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1215","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/66"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1215"}],"version-history":[{"count":13,"href":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1215\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1231,"href":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1215\/revisions\/1231"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1215"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1215"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1215"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}