{"id":122,"date":"2008-09-26T10:52:39","date_gmt":"2008-09-26T09:52:39","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/2008\/09\/26\/niemand-hat-die-absicht_122"},"modified":"2008-09-26T10:52:39","modified_gmt":"2008-09-26T09:52:39","slug":"niemand-hat-die-absicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/2008\/09\/26\/niemand-hat-die-absicht_122","title":{"rendered":"Niemand hat die Absicht&#8230;"},"content":{"rendered":"<p><a href='https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2008\/09\/mikko.png' title='mikko.png'><img src='https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2008\/09\/mikko.png' alt='mikko.png' \/><\/a><\/p>\n<p><strong>&#8230; Weblogs zu regulieren!, stellt die Europaabgeordnete Marianne Mikko jetzt mal klar.<\/strong><\/p>\n<p>Die arme Estin. Hasstiraden von Bloggern aus ganz Europa sind ihr in den letzten Tagen entgegengeflogen. Denn die Sozialdemokratin hatte sich beklagt, dass in Weblogs oftmals &#8222;b\u00f6sartig&#8220; und mit &#8222;undurchschaubaren Motiven&#8220; \u00fcber die Europ\u00e4ische Union berichtet werde. &#8222;Lukaschenka!&#8220;, &#8222;Ceaucescu!&#8220; habe der Cyberspace sie daraufhin getauft, berichtet sie. &#8222;Das war schon hart.&#8220;<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich darf Frau Mikko (sie war zwanzig Jahre lang selbst Journalistin) die Inhalte von Wegblogs kritisieren. Wenn sie allerdings gleichzeitig einen Bericht f\u00fcr das Europaparlament verfasst, in dem davon die Rede ist, \u00fcber den &#8222;Status&#8220; von Weblogs m\u00fcsse diskutiert werden, dann bekommt ihre Kritik gleich einen etwas anderen, n\u00e4mlich doch regulatorischen Klang.<\/p>\n<p>Nicht gerade beruhigend wirkt auch die Mitteilung der Gr\u00fcnen-Fraktion, das EU-Parlament sei gegen die &#8222;\u00fcberm\u00e4\u00dfige&#8220; Regulierung von Blogs.<\/p>\n<p>Mit 307 zu 262 hat das Europ\u00e4ische Parlament gestern Mikkos Bericht \u00fcber \u201eGemeinn\u00fctzige B\u00fcrger- und Alternativmedien in Europa\u201c angenommen. Das <a href=\"http:\/\/www.europarl.europa.eu\/news\/expert\/infopress_page\/039-37795-266-09-39-906-20080922IPR37794-22-09-2008-2008-true\/default_de.htm\">Papier<\/a> h\u00e4lt fest, dass Blogger einen Beitrag zur Meinungsvielfalt leisten. Die Abgeordneten fordern in der Resolution aber auch eine Diskussion dar\u00fcber, was Blogger eigentlich sind (Journalisten oder nicht?) und welche Rechte und Pflichten f\u00fcr sie gelten sollten.<\/p>\n<p>Nun k\u00f6nnte man meinen, diese Fragen seien durch die Wirklichkeit l\u00e4ngst beantwortet.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich sind Blogger Journalisten, wenn sie regelm\u00e4\u00dfig und mit dem Anspruch auf Information \u00fcber das Weltgeschehen berichten. Ebenso nat\u00fcrlich sagt das noch nichts \u00fcber die journalistische Qualit\u00e4t ihrer Arbeit aus. In aller Regel wird die schlechter sein als die von professionellen Journalisten, weil viele Hobby-Blogger a) nicht gelernt haben zu recherchieren und zu schreiben und b) ihre Beitr\u00e4ge nicht von anderen Redakteuren gegengelesen und kritisch gepr\u00fcft werden, bevor sie an die \u00d6ffentlichkeit gehen (mindestens Punkt b gilt \u00fcbrigens auch f\u00fcr diesen Blog).<br \/>\nAndererseits gibt es Blogger, die in ihrem Spezialgebiet besser informiert sind und beeindruckender arbeiten als bezahlte Journalisten. Einen formalen Anspruch auf Anerkennung als Journalisten, sprich auf einen Presseausweis, haben sie freilich nur dann, wenn sie ihren regelm\u00e4\u00dfigen Lebensunterhalt aus der Bloggerei bestreiten.<\/p>\n<p>Deshalb nichts wie r\u00fcbergehuscht ins Parlament und Frau Mikko ein paar Fragen gestellt.<\/p>\n<p>Also, Frau Mikko, was genau wollen Sie eigentlich regeln?<\/p>\n<p>&#8222;Ich will darauf aufmerksam machen, dass Weblogs sehr trickreich sein k\u00f6nnen. Und dass sie bisweilen problematisch agieren, wenn es etwas darum geht, Quellen zu \u00fcberpr\u00fcfen oder Informanten geheim zu halten. Das beunruhigt mich ein bisschen. Sie wissen doch, wie viel Macht ein Wort haben kann. Worte k\u00f6nnen Menschen t\u00f6ten.&#8220;<\/p>\n<p>Das stimmt. Aber damit das nicht passiert, gibt es doch l\u00e4ngst Regeln in Europas Nationalstaaten, sogar solche, die die Freiheit des Wortes einschr\u00e4nken. Wer einen anderen beleidigt oder verleumdet, macht sich strafbar. Wer zur Gewalt aufruft, macht sich strafbar. Wer seine Informanten verr\u00e4t, knippst sich als Journalist selber aus. Wer Unsinn berichtet, \u00fcber den wird berichtet, dass er Unsinn berichtet.<\/p>\n<p>Also, wo ist der Regelungsbedarf?<\/p>\n<p>&#8222;Ich rufe dazu auf, dass Blogger wie menschliche Wesen handeln&#8220;, antwortet Mikko. &#8222;Ich rufe zum Humanismus auf!&#8220;<\/p>\n<p>Das ist nie verkehrt. Gleichwohl provoziert es beim kritischen Blogger die Frage: Hat das Europaparlament eigentlich nichts Dringenderes zu tun? Zumal man dreimal raten darf, was aus Mikkos Bericht am Ende werden wird. Die Kommission wird ihn zur Kenntnis nehmen. Und der Rat (also die europ\u00e4ischen Regierungen) wird sich wahrscheinlich niemals mit dem Thema besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck bleibt wieder einmal der Eindruck, dass sich das Europaparlament bisweilen benimmt wie eine NGO: Mit viel Tamtam &#8222;Bewusstsein schaffen&#8220; f\u00fcr Probleme, und zwar im relativ sicheren Wissen, dass aus dem Tamtam nie Politik wird.<\/p>\n<p>&#8222;Schreiben&#8220;, hat Mark Twain einmal gesagt, &#8222;ist gar nicht so schwer. Man muss nur die falschen W\u00f6rter weglassen.&#8220;<\/p>\n<p>Vielleicht sollte das Europaparlament diese journalistische Weisheit beherzigen, bevor es seine n\u00e4chste Medieninitiative startet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8230; Weblogs zu regulieren!, stellt die Europaabgeordnete Marianne Mikko jetzt mal klar. Die arme Estin. Hasstiraden von Bloggern aus ganz Europa sind ihr in den letzten Tagen entgegengeflogen. 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