{"id":28,"date":"2008-02-04T18:05:00","date_gmt":"2008-02-04T17:05:00","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/2008\/02\/04\/kein-frieden-ohne-mcdonalds_28"},"modified":"2008-02-04T18:05:00","modified_gmt":"2008-02-04T17:05:00","slug":"kein-frieden-ohne-mcdonalds","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/2008\/02\/04\/kein-frieden-ohne-mcdonalds_28","title":{"rendered":"Kein Frieden ohne McDonald&#8217;s"},"content":{"rendered":"<p>Es gibt Themen, mit denen besch\u00e4ftigt sich der Europa-Korrespondent eher pflichtschuldig, denn aus Leidenschaft. Der Kosovo geh\u00f6rt dazu. Seit Wochen kocht Br\u00fcssel vor Kosovo. <em>Wann <\/em>genau wird die abtr\u00fcnnige Serbenprovinz ihre Unabh\u00e4ngigkeit erkl\u00e4ren? <em>Welche <\/em>EU-L\u00e4ndern erkennen diese Sezession dann an? <em>Welche <\/em>verweigern einer EU-gef\u00fchrten Rechtsstaatsmission wom\u00f6glich die Zustimmung? <em>Was <\/em>passiert in der Folge in anderen Staaten, in denen ebenfalls geografisch konzentrierte Minderheiten die Eigenst\u00e4ndigkeit anstreben? Erhitztes Spekulieren allerorten.<\/p>\n<p>Immerhin geht soeben ein Aufatmen durch Europas Hauptstadt, angesichts des knappen Wahlsiegs des EU-freundlichen Boris Tadic. Schon bald, so stellt es Kommissionspr\u00e4sident Manuel Barroso jetzt in Aussicht, k\u00f6nnten die Au\u00dfenminister der Union ein politisches Kooperationsabkommen mit Belgrad abschlie\u00dfen, um den Freihandel, die Reisem\u00f6glichkeiten und den Studentenaustausch zu erleichtern.<\/p>\n<p>Aber offen gesagt interessiert mich an der ganzen Debatte vor allem eine Metafrage, die vielleicht viel zu selten gestellt wird.<\/p>\n<p>Sie lautet:<\/p>\n<p><em>Warum <\/em>beruhigen sich die Balkanesen nicht endlich einmal? Seit 1991 zerlegt sich Ex-Jugoslawien in seine Einzelteile, das Kosovo ist der siebte Mini-Staat, der auf dessen ehemaligem Territorium entsteht. Ich glaube nicht falsch zu liegen, wenn ich behaupte, dass der Konflikt zwischen Serben und Kosovo-Albanern inzwischen vielen Mitteleurop\u00e4ern \u00e4rgerlich archaisch erscheint. Er tut dies vor allem deswegen, weil er sich einer Zivilisationslogik zu entziehen scheint, von der wir dachten, sie h\u00e4tte sich mittlerweile mindestens bis in die EU-Peripherie durchgesetzt.<\/p>\n<p>Sie fu\u00dft auf der Gr\u00fcndungsphilosophie der EU, die besagt, dass wirtschaftlich eng miteinander verflochtene Gesellschaften keinen Krieg gegeneinander f\u00fchren. Dieses Ex-EU-Friedenspatent hat sich mittlerweile l\u00e4ngst \u00fcber Europa hinaus entgrenzt. Die Globalisierung ist in vielen Bereichen nichts anderes als die EUisierung der Welt. Immer wieder wird die wirtschaftliche Einebnung des Planeten als Garantie f\u00fcr Frieden beschrieben.<\/p>\n<p>&#8222;Wo Kommerz ist, herrschen gesittete Manieren und Moral&#8220;, schrieb schon Montesquieu. &#8222;Die nat\u00fcrliche Wirkung des Handels ist es, zu Frieden zu f\u00fchren.&#8220;<\/p>\n<p>\u201eDer Freihandel ist Gottes Form der Diplomatie\u201c, dichtete prophetisch der britische Politiker Richard Cobden 1857. \u201eEs gibt keinen anderen sicheren Weg, V\u00f6lker in den Banden des Friedens zu vereinen.\u201c<\/p>\n<p>\u00dcber das tolerante Treiben an der Londoner B\u00f6rse schrieb Voltaire im sechsten der &#8222;Philosophischen Briefe&#8220;: Es ist dies ein &#8222;respektablerer Ort als viele Gerichtss\u00e4le. Man sieht Vertreter jeder Nation versammelt, zum Wohle der Menscheit. Der Jude, der Mohammedaner und der Christ handeln hier miteinander als teilten sie dieselbe Religion, und die Bezeichnung &#8222;Ungl\u00e4ubige&#8220; reservieren sie f\u00fcr jene, die bankrott gehen (&#8230;). Am Ende dieser friedlichen und freien Versammlung gehen die einen zur Synagoge, die anderen eins trinken; dieser l\u00e4sst sich in einem gro\u00dfen Bottich im Namen des Vaters vom Sohne f\u00fcr den Heiligen Geist taufen, jener l\u00e4sst seinem Sohn die Vorhaut beschneiden und \u00fcber das Kind hebr\u00e4ische W\u00f6rter murmeln, die er \u00fcberhaupt nicht versteht; die anderen gehen in ihre Kirche, um mit dem Hut auf dem Kopf die Inspiration Gottes zu erwarten, und alle sind zufrieden.\u00ab<\/p>\n<p>1996 beobachtete der amerikanische Intellektuelle Martin Walker: &#8222;Das Zeitalter der Geopolitik ist einem Zeitalter gewichen, das man das Zeitalter der Geo\u00f6konomie nennen k\u00f6nnte.&#8220; Und im Jahr 2000 formulierte der Amerikaner Robert Wright mit Nonzero: The Logic Destiny die Theorie, dass die Geschichte trotz mancher Querschl\u00e4ge &#8222;gerichtet&#8220; verlaufe, n\u00e4mlich weg von einer konfrontativen, kriegsgeneigten Welt hin zu einer kooperativen Ordnung, in der Krieg f\u00fcr alle Nationen zuverl\u00e4ssig ein Verlustgesch\u00e4ft bedeutet. &#8222;In der grunds\u00e4tzlichen Flugbahn der Geschichte entstehen immer wieder neue Technologien, die immer neue und reichere Formen der Nicht-Nullsummen-Interaktion erlauben. Im Ergebnis wird die Menschheit in einem gr\u00f6\u00dfer und reicher werdenden Netz von gegenseitigen Abh\u00e4ngigkeiten verankert.&#8220;<\/p>\n<p>Oder, in den heutigen Worten des EU-Kommissionsvorsitzenden Barroso:<\/p>\n<p>\u201eWir m\u00f6chten Serbiens Fortschritt in Richtung der Europ\u00e4ischen Union beschleunigen. Wir glauben, dass engere Bande mit der EU nicht nur die Rolle Serbien auf der internationalen B\u00fchne st\u00e4rken wird, sondern auch zu gr\u00f6\u00dferem Wohlstand und Wohlergehen f\u00fcr das serbische Volk f\u00fchren wird.\u201c<\/p>\n<p>Ein wenig popularisierend fasste der amerikanische Journalist Thomas Friedman diesen Gedanken zu Anfang des 3. Jahrtausends in die \u201eTheorie der Konfliktvermeidung durch den Goldenen Doppelbogen\u201c zusammen. In seinem Buch <em>Die Welt ist flach <\/em>schreibt er:<\/p>\n<p>\u201eSobald ein Land wirtschaftlich so weit entwickelt ist, dass es \u00fcber eine ausreichend gro\u00dfe Mittelschicht verf\u00fcgt, um eine Kette von McDonald\u2019s-Restaurants zu unterhalten, wird es ein McDonald\u2019s-Land, und Menschen in McDonald\u2019s-L\u00e4ndern f\u00fchren nicht gern Kriege, sondern stellen sich lieber nach Big Macs an.\u201c<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich, so Friedman, h\u00e4tten (jedenfalls nach Auskunft der McDonald\u2019s-Pressestelle) bisher noch nie zwei L\u00e4nder, in denen sich McDonald\u2019s-Filialen bef\u00e4nden, gegeneinander Krieg gef\u00fchrt \u2013 von Grenzstreitigkeiten und B\u00fcrgerkriegen abgesehen.<\/p>\n<p>Friedmans Beobachtung stimmt zwar nicht. Was stimmt, ist aber, dass wenn sie zwei McDonald\u2019s-L\u00e4nder gegeneinander f\u00fchren, uns eben diese Kriege immer besonders bizarr, kleinkariert und unzeitgem\u00e4\u00df vorkommen. Der Krieg zwischen Gro\u00dfbritannien (gro\u00dfer Burger-Vertilger) und Argentinien (gro\u00dfer Burger-Lieferant) um die Falklandinseln von 1982 w\u00e4re so ein Beispiel. Der 33-Tage-Krieg zwischen dem Libanon und Israel von 2006 ein anderes. Als Ikonografie letzteren Konflikts ist uns treffenderweise ein Foto in Erinnerung, dass eine Gruppe junger Menschen in einem glitzernden Cabrio vor der Tr\u00fcmmerlandschaft S\u00fcd-Beiruts zeigt. Die Ausfl\u00fcgler machen darauf einen so erstaunten Eindruck, als seien sie auf dem Weg in ein Drive-in pl\u00f6tzlich im Zweiten Weltkrieg gelandet.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich ergibt eine kurze Internetrecherche, dass gibt es zwar in <a href=\"http:\/\/www.freitag.de\/2002\/13\/02131001.php\">Belgrad <\/a> eine Mc-Donald\u2019s-Filiale gibt, nicht aber in <a href=\"http:\/\/www.washingtonpost.com\/wp-srv\/inatl\/zforum\/99\/swardson051199.htm\">Pristina<\/a>. Ist also die fehlende wirtschaftliche Mittelschicht Schuld daran, dass der Balkan einfach nicht zur Ruhe kommen will? Oder, anders gefragt, warum hat Serbien die Mitgliedsvoraussetzung allerfriedliebender V\u00f6lker ergattert, das Kosovo aber nicht?<\/p>\n<p>Einen Teil der Antwort gibt heute im <a href=\"http:\/\/www.wirtschaftspresse.biz\/pshb\/fn\/relhbi\/sfn\/buildhbi\/GoPage\/205550,205551\/BMC\/biz_cn_detailsuche\/BMC\/biz_cn_suchergebnisse\/GLOBAL\/brueggmann\/vZeit1\/0\/vZeit2\/0\/vZeit\/all\/SORT0\/YR\/DESC0\/YES\/PerPage\/10\/PAGENO\/0\/simple\/1\/isNewSearch\/1\/SH\/0\/depot\/0\/index.html\">Handelsblatt <\/a>der in Pristina ans\u00e4ssige indische Weltbankvertreter Ranjit Nayak:<br \/>\n&#8222;40 Prozent der Kosovaren leben unter der Armutsgrenze, weitere 15 Prozent sind sogar extrem arm.&#8220; Das Bruttoinlandsprodukt des Kosovo sei so gro\u00df wie das von \u00c4gypten, die Bev\u00f6lkerung sei zur H\u00e4lfte j\u00fcnger als 25 Jahre und zum nahezu gleichen Anteil arbeitslos.<\/p>\n<p>Der andere Teil der Antwort lautet wom\u00f6glich, dass die rund 2 Millionen Kosovaren zuviel Hoffnung und Energie auf die Wirkung der Unabh\u00e4ngigkeit gesetzt haben. Und sich zu sehr auf die UN verlassen haben, die in den vergangenen acht Jahren 22 Milliarden Dollar in die Provinz gepumpt hat, um die Wirtschaft anzuwerfen und Verwaltungsstrukuren zu schaffen. 17 000 Nato-Soldatten sollen f\u00fcr Sicherheit sorgen und unter anderem die sch\u00e4tzungsweise 120 000 Serben inj der Provinz besch\u00fctzen. Nach acht Jahren UN-Protektorat wird aus dem Kosovo nun ein EU-Protektorat. Doch statt Partnerschaft und Wirtschaft bl\u00fchen heute vor allem Nationalismus, Korruption und organisiertes Verbrechen.<\/p>\n<p>Der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama sieht einen &#8222;eindeutigen Zusammenhang&#8220; zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und Demokratie. &#8222;Transformationsprozesse geschehen zwar unabh\u00e4ngig vom Entwicklungsniveau eines Landes, sie werden jedoch seltener in L\u00e4ndern wieder r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht, in denen das Bruttoinlandsprodukt (BIP) eine Schwelle von 6000 Dollar pro Kopf der Bev\u00f6lkerung erreicht oder \u00fcberschritten hat&#8220;, schreibt Fukuyama (<em>Scheitert Amerika?<\/em>, List 2007, S. 131 f.).<br \/>\n&#8222;Das erkl\u00e4rt die Korrelation zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und Demokratie (&#8230;) und legt den Schluss nahe, dass eine politische Entwicklung eine erfolgreiche wirtschaftliche Entwicklung zur Vorraussetzung hat.&#8220;<\/p>\n<p>Dem Journalisten Fareed Zakaria kommt sofort Europa in den Sinn, wenn er danach fragt, warum der Wohlstand der Nation die Freiheit f\u00f6rdert:<\/p>\n<p>&#8222;Wirtschaftswachstum schuf die beiden wichtigsten Voraussetzungen einer nachhaltigen Liberalisierung und Demokratisierung: Erstens sicherte es gesellschaftlichen Schl\u00fcsselgruppen, speziell den Unternehmern und der Bourgeoisie, einen von der Amtsgewalt losgel\u00f6sten Einfluss. Zweitens lernte der Staat in den Verhandlungen mit diesen Gruppen, seine Habgier und seine Launen zu z\u00fcgeln, Spielregeln zu beachten und wenn schon nicht auf die W\u00fcnsche der Gesellschaft als ganzer, so doch wenigstens auf diejenigen der Eliten einzugehen. Das &#8211; oft unbeabsichtigte &#8211; Ergebnis war ein Zuwachs an Freiheit.&#8220; (<em>Das Ende der Freiheit<\/em>, dtv 2007, S. 67)<\/p>\n<p>Vielleicht also erscheint uns das Kosovo-Problem so archaisch, weil es dort immer noch zu viele irrationale Akteure gibt, denen gro\u00dfe Leidenschaften wichtiger sind als basale Bed\u00fcrfnisse (fassen wir f\u00fcr eine ironische Sekunde das Burgervertilgen darunter). Und aus gro\u00dfen Leidenschaften, schon Shakespeare hat\u2019s gepredigt, entstehen gro\u00dfe Fehler.<br \/>\n&#8222;Die antiken Griechen glaubten, dass der menschlichen Natur etwas innenlebte, das sie <em>thumos <\/em>nannten, ein Temperament und eine Wildheit, die dazu diente, den Clan, den Stamm oder Staat zu verteidigen&#8220;, notiert Robert Kagan in seinem Buch The Return of History. &#8222;Die Aufkl\u00e4rer nun glaubten, dass Handel den <em>thumos <\/em>der Menschen z\u00e4hmen oder gar beseitigen k\u00f6nne.&#8220;<\/p>\n<p>Stolz, Glaube, Nationalismus \u2013 es gibt sie eben doch noch, die Menschen, denen derlei wichtiger ist als irdisches Gut. Wir notierten das erste Anti-Brecht\u2019sche Globalisierungsgesetz: Wo erst die pers\u00f6nliche Moral kommt und dann das Fressen, versagt die Friedenskraft des gelben Doppelbogens.<\/p>\n<p>Also, liebe Kosovaren: bitte, traut euch und baut ein McDonald&#8217;s. Dann klappt&#8217;s vielleicht auch mit dem Nachbarn.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt Themen, mit denen besch\u00e4ftigt sich der Europa-Korrespondent eher pflichtschuldig, denn aus Leidenschaft. Der Kosovo geh\u00f6rt dazu. Seit Wochen kocht Br\u00fcssel vor Kosovo. Wann genau wird die abtr\u00fcnnige Serbenprovinz ihre Unabh\u00e4ngigkeit erkl\u00e4ren? Welche EU-L\u00e4ndern erkennen diese Sezession dann an? Welche verweigern einer EU-gef\u00fchrten Rechtsstaatsmission wom\u00f6glich die Zustimmung? 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