{"id":290,"date":"2009-01-23T15:51:54","date_gmt":"2009-01-23T14:51:54","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/?p=290"},"modified":"2009-01-23T15:51:54","modified_gmt":"2009-01-23T14:51:54","slug":"stolz-vor-freiheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/2009\/01\/23\/stolz-vor-freiheit_290","title":{"rendered":"Stolz vor Freiheit"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Siehe an. Die EU hat einen Kunst-Skandal<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/01\/entropa-bulgaria_quelle_jolly_janner1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/01\/entropa-bulgaria_quelle_jolly_janner1.jpg\" alt=\"\" title=\"entropa-bulgaria_quelle_jolly_janner1\" width=\"210\" height=\"160\" class=\"alignnone size-full wp-image-301\" \/><\/a><\/p>\n<p>Vielleicht ist dem K\u00fcnstler David Cerny noch gar nicht klar, welch grandioses Werk er vollbracht hat.<\/p>\n<p>Seit Anfang Januar h\u00e4ngt eine gigantische Installation des Tschechen im Br\u00fcsseler EU-Ratsgeb\u00e4ude. Sie zeigt die 27 Mitgliedsl\u00e4nder als eigenwillige Skulpturen in einem Ausstanzrahmen. Die meisten der Allegorien sind zwar ausgesprochen unoriginell (Holland ist eine Flut, aus der nur noch Minarette herausschauen, Polen ein Kartoffelacker, Schweden ein Ikea-Karton und Deutschland ein Autobahnnetz, in dem stereotyp denkende Menschen ein Hakenkreuz erkennen k\u00f6nnen), aber wer vor dem Gesamtwerk steht, ist dann doch beeindruckt vom handwerklichen K\u00f6nnen, dem Mut und der Komik, die Cerny sich erlaubt hat.<\/p>\n<p>Denn nicht nur hat er die tschechische Ratspr\u00e4sidentschaft genarrt, indem er einfach alle Skulpturen selbst anfertigte, statt sie (Vielfalt, wichtig in der EU!) auf 27 europ\u00e4ische K\u00fcnstlerateliers zu verteilen. Er hat auch die Liberalit\u00e4t und Toleranz des angeblich so liberalen und toleranten Staatenbundes herausgefordert. Ergebnis: Die EU f\u00e4llt erb\u00e4rmlich durch.<\/p>\n<p>Sicher, man mag es anst\u00f6\u00dfig finden, dass Cerny Bulgarien als Stehtoilette darstellt. Aber es ist nicht so, als g\u00e4be es daf\u00fcr keine Gr\u00fcnde. Erstens: Stehtoiletten werden in der lingua franca der Sanit\u00e4rindustrie als Turkish Toilets bezeichnet und Bulgarien war Jahrhunderte lang Teil des osmanischen Reiches, was mancher dort bis heute einfach echt schl&#8230;echt findet. Zweitens sind nach Auskunft des K\u00fcnstlers die archaischen Keramiken in Bulgariens Badezimmern weithin verbreitet. Und drittens versickern in Bulgarien jedes Jahr viele Millionen Euro Br\u00fcsseler F\u00f6rdermittel in privaten Kan\u00e4len. Regelrecht weggesp\u00fcltes Geld, sozusagen.<\/p>\n<p>Der bulgarische Botschafter freilich fordert, das Klo m\u00fcsse verschwinden, und die Tschechen wollen ihr Geld zur\u00fcck. Mittlerweile ist die Skulptur mit einem Tschador-artigen schwarzen Tuch \u00fcberh\u00e4ngt. Schade. Bisher hatten wir gedacht, das europ\u00e4ische Imperium unterscheide sich vom Osmanenreich gerade dadurch, dass die Kunstfreiheit der Nationalheiligkeit vorgeht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Siehe an. Die EU hat einen Kunst-Skandal Vielleicht ist dem K\u00fcnstler David Cerny noch gar nicht klar, welch grandioses Werk er vollbracht hat. Seit Anfang Januar h\u00e4ngt eine gigantische Installation des Tschechen im Br\u00fcsseler EU-Ratsgeb\u00e4ude. Sie zeigt die 27 Mitgliedsl\u00e4nder als eigenwillige Skulpturen in einem Ausstanzrahmen. 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