{"id":32,"date":"2008-02-09T20:51:50","date_gmt":"2008-02-09T19:51:50","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/2008\/02\/09\/heute-mal-die-zukunft-in-ordnung-bringen_32"},"modified":"2008-02-09T20:51:50","modified_gmt":"2008-02-09T19:51:50","slug":"heute-mal-die-zukunft-in-ordnung-bringen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/2008\/02\/09\/heute-mal-die-zukunft-in-ordnung-bringen_32","title":{"rendered":"Heute mal die Zukunft in Ordnung bringen"},"content":{"rendered":"<p>Wenigstens da waren sich Amerikaner und Europ\u00e4er einig: Die Nato hat ein Verkaufsproblem. Wer wei\u00df schon noch, warum deutsche Soldaten in Afghanistan stehen? Wie, wenn \u00fcberhaupt, l\u00e4sst sich dem Souver\u00e4n noch klar machen, dass es seine Sicherheit ist, die da am fernen Hindukusch verteidigt wird? So lautet die klamme Bilanz des ersten Tages der 44. M\u00fcnchner Sicherheitskonferenz.<br \/>\nWas die verteidigungspolitische Prominenz des Nato-Westens im edlen Hotel Bayerischer Hof abhielt, war vor allem eine Vergewisserungsveranstaltung \u00fcber die eigene Ungewissheit.<\/p>\n<p>Allen lauten amerikanischen Rufen nach deutschen Soldaten f\u00fcr den S\u00fcden Afghanistans zum Trotz, predigte Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) das Konzept der \u201cvernetzten Zusammenarbeit\u201d. Unverdrossen betete er das Gebet von der \u201eselbsttragenden Sicherheit\u201c herunter, welche es in Afghanistan herstellen gelte, und zwar vor allem durch Ausbildung einheimischer Kr\u00e4fte.<br \/>\nEinig war sich Jung mit seinen amerikanischen Counterparts immerhin \u00fcber die mangelnde Unterst\u00fctzung durch die Heimatfront. Es werde in der \u00d6ffentlichkeit \u201ezu wenig dargestellt\u201c, so Jung, dass immerhin 28 Millionen Afghanen von der Terrorherrschaft der Taliban befreit worden seien, knapp sieben Millionen Kinder wieder zur Schule gehen k\u00f6nnten und schon 4,7 Millionen Fl\u00fcchtlinge in ihre Heimat zur\u00fcckgekehrt seien, weil sie die Lage mittlerweile f\u00fcr hoffnungsvoll und sicher genug hielten.<\/p>\n<p>Leider ahnt man, warum die Kommunikation zwischen Verteidigungsministerium und Wahlvolk trotzdem krankt. Dann n\u00e4mlich, wenn Jung unelegant doziert, der \u201ekombrehensiff abrootsch\u201c sei entscheidend \u201eim Hinblick auf einen positiven Prozess in Afghanistan.\u201c So redet man niemanden hei\u00df.<\/p>\n<p>Wie sich ein Publikum rhetorisch packen l\u00e4sst, f\u00fchrte kurz darauf der republikanische US-Senator Lindsey Graham aus South Carolina vor. Er war anstelle des erfolgsverhinderten Pr\u00e4sidentschaftskandidaten John McCain auf das M\u00fcnchner Podium gekommen.<br \/>\n\u201eGewinnen wir in Afghanistan?\u201c, fragte er schlicht. Und antwortete einfach: \u201eIch bin mir nicht so sicher.\u201c Da wurde es schon still im Saal. Regelrechte And\u00e4chtigkeit produzierte Graham in der Folge mit einer Reihe von selbstkritischen Bekenntnissen.<\/p>\n<p>\u201eEs geht in Afghanistan auch um einen Krieg der Ideen\u201c, sagte er. Und: \u201eWenn wir Fehler machen wie Guant\u00e1namo, laufen wir Gefahr, diesen Kampf zu verlieren. Denn mit so etwas verlieren wir unseren moralischen Vorsprung. Wir haben ganz einfach eine Reihe von Fehlern gemacht seit dem 11. September 2001.\u201c Ihm, so Graham, w\u00e4re viel wohler, wenn Terrorverd\u00e4chtige, die in Afghanistan festgenommen w\u00fcrden, vor ordentliche Gerichte gestellt w\u00fcrden, wo ihnen \u201eunter den Augen der Welt\u201c ein fairer Prozess gemacht werden k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Das war Salbe auf die transatlantische Seele.<\/p>\n<p>In solchen Momenten zeigte diese 44. Sicherheitskonferenz mit aller Deutlichkeit: Amerikas Falken sind m\u00fcde. Zwar mag erst Ende n\u00e4chsten Jahres eine Regierung der Demokratischen Partei die \u00c4ra Bush II beenden. Doch der neokonservative Moment der Washingtoner Au\u00dfenpolitik ist schon heute vorbei. Da m\u00f6gen die Amerikaner noch so entschieden nach gerechter Lastenteilung im B\u00fcndnis rufen \u2013 von den Methoden der soft power Europa zeigen sie sich mittlerweile erstaunlich beeindruckt.<\/p>\n<p>\u201eIhr Deutschen stellt 3000 Soldaten und leistet damit den drittgr\u00f6\u00dften Beitrag in Afghanistan\u201c, sagt die amerikanische Nato-Botschafterin Victoria Nuland gegen\u00fcber der <em>ZEIT<\/em>. \u201eWas Deutschland gerade leistet, und zwar nicht nur f\u00fcr die Zukunft Afghanistans, sondern auch bei der Entwicklung eines weltweiten Beitrags Deutschlands zu Frieden und Sicherheit, ist extrem wertvoll. Bei der Nato sprechen wir von ,vernetzter Sicherheit\u2019. Es geht dabei nicht nur ums Milit\u00e4r, sondern auch um Regierungsf\u00e4higkeit, Entwicklung, Drogenbek\u00e4mpfung &#8211; alle diese Aspekte eben, die zusammen gedacht werden m\u00fcssen.\u201c \u2013 Pl\u00f6tzlich sind wir alle Nation Builder.<\/p>\n<p>Ein wie gro\u00dfes Umdenken derartige Statements beweisen, wird deutlich, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass vor nicht langer Zeit die US-Regierung Nation Building im Wesentlichen mit Regime Change gleichsetzte. George Bush, Richard Cheney und Donald Rumsfeld dachte noch am Vorabend des Irakkrieges, die Iraker w\u00fcrden die amerikanischen Soldaten mit Blumen begr\u00fc\u00dfen und sofort selbst mit dem Aufbau einer demokratischen Gesellschaft beginnen, sobald Saddam Hussein gest\u00fcrtzt sei. Als Pr\u00e4sidentschaftskandidat sagte Bush noch \u00fcber sein Bild der US-Armee:<br \/>\n&#8222;Ich glaube nicht, dass unsere Soldaten f\u00fcr etwas eingesetzt werden sollten, was als Nation-Building bezeichnet wird. Meiner Meinung nach sollten unsere Soldaten daf\u00fcr eingesetzt werden, einen Krieg zu f\u00fchren und zu gewinnen.&#8220;<br \/>\n(zitiert nach Francis Fukuyama, <em>Scheitert Amerika?<\/em>, List 2007, S. 55)<\/p>\n<p>Zwei Kriege sp\u00e4ter haben er und seine Regierung offenkundig eine Menge dazugelernt.<\/p>\n<p>Aber gilt das auch f\u00fcr die Europ\u00e4er?<\/p>\n<p>Es hat etwas Geducktes, Verdruckstes und furchtbar Verlegenes, wenn Franz Josef Jung S\u00e4tze sagt wie: \u201eAllein milit\u00e4risch werden wir diesen Prozess nicht gewinnen\u201c Denn allein nicht-milit\u00e4risch d\u00fcrfte man diesen Prozess (gemeint ist die dauerhafte Befriedigung Afghanistans) noch viel weniger gewinnen.<\/p>\n<p>Daran erinnerte der selbstkritische Senator Graham die Europ\u00e4er. \u201eDer Kampf ist im S\u00fcden\u201c, sagte er mit Blick auf die regelrechten Schlachten, die sich Amerikaner, Kanadier und Briten dort t\u00e4glich mit Taliban-Verb\u00e4nden liefern. Neben Deutschland geraten immer wieder Spanien, Italien und Frankreich wegen weitreichender Einsatzbeschr\u00e4nkungen (der so genannten <em>caveats<\/em>) in die Kritik.<\/p>\n<p>Den wahrscheinlich nachhaltigsten Beweis zur Verunsicherung der europ\u00e4ischen Nato-Partner lieferte indes der franz\u00f6sische Verteidigungsminister Herv\u00e9 Morin. In einer l\u00e4nglichen, erschreckend uninspirierten Rede reihte der 47j\u00e4hrige eine beachtliche Anzahl sicherheitspolitischer Plattit\u00fcden (\u201eWir m\u00fcssen global denken!\u201c) und Alltagsfragen (\u201eSoll die Nato ein globales Stabilisierungsinstrument werden?\u201c) aneinander, bekannte sowohl seine Freundschaft f\u00fcr die Nato (\u201eEuropa muss mehr f\u00fcr die Lastenteilung im B\u00fcndnis tun. Europa muss erwachsen werden!\u201c) wie auch f\u00fcr Europ\u00e4ische Verteidigungsgemeinschaft (\u201eEurop\u00e4ische Kr\u00e4fte m\u00fcssen zuerst f\u00fcr das das eingesetzt werden, was die EU betrifft\u201c), bis er das Publikum pl\u00f6tzlich mit einem &#8211; in der Tat nicht f\u00fcr Afghanistan h\u00f6chst treffenden &#8211; Zitat von  Antoine de Saint-Exup\u00e9ry aufweckte: \u201eDie Zukunft ist immer nur die Gegenwart, die es in Ordnung zu bringen gilt.\u201c So weit, so literarisch.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Generationenaufgabe in Afghanistan gilt vielleicht noch pr\u00e4ziser eine Weisheit von Theodore Roosevelt: &#8222;We cannot always build a future for our youth. But we can always build our youth for the future.&#8220;<\/p>\n<p>In M\u00fcnchen bleibt der versammelten Verteidigungselite f\u00fcr die globale Aufr\u00e4umarbeit noch der Sonntag. Er beginnt mit einer Rede des amerikanischen Verteidigungsministers Robert Gates, die mit Spannung erwartet. Gates immerhin geh\u00f6rt zu jenen Republikanern, die sich mehr echte Kooperation mit Europa w\u00fcnschen.<br \/>\nAber vielleicht hat sein j\u00fcngster Brief an die Nato-Kollegen gezeigt, dass es f\u00fcr Europa nicht unbedingt ein Grund zur Freude muss, wenn Amerika in absehbarer Zeit ein bisschen europ\u00e4ischer, sprich: multilateraler wird?<\/p>\n<p>Denn immerhin, auch ein Weltmachtf\u00fchrer mit Namen John McCain, Barack Obama oder Hillary Clinton wird sich um ein paar der verbleibenden Probleme des Planeten k\u00fcmmern m\u00fcssen. Und deren Zahl nimmt eher zu denn ab. Neben Irak und Afghanistan werden immer mehr Staaten zu Wackelkandidaten, von denen entweder B\u00fcrgerkrieg, Terror- und Atomwaffenexport oder gleich alles zusammen droht. Kosovo, Somalia, Libanon, Pal\u00e4stina, Syrien, Iran, Nordkorea. Um nur die Liste mit Stand vom Wochenende zu nennen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenigstens da waren sich Amerikaner und Europ\u00e4er einig: Die Nato hat ein Verkaufsproblem. Wer wei\u00df schon noch, warum deutsche Soldaten in Afghanistan stehen? Wie, wenn \u00fcberhaupt, l\u00e4sst sich dem Souver\u00e4n noch klar machen, dass es seine Sicherheit ist, die da am fernen Hindukusch verteidigt wird? So lautet die klamme Bilanz des ersten Tages der 44. 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