{"id":320,"date":"2009-02-05T14:44:18","date_gmt":"2009-02-05T13:44:18","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/?p=320"},"modified":"2009-02-05T14:44:18","modified_gmt":"2009-02-05T13:44:18","slug":"der-obama-vom-bayerischen-hof","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/2009\/02\/05\/der-obama-vom-bayerischen-hof_320","title":{"rendered":"Der Obama vom Bayerischen Hof"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/02\/ischinger_quelle-msc.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/02\/ischinger_quelle-msc.jpg\" alt=\"\" title=\"ischinger_quelle-msc\" width=\"330\" height=\"232\" class=\"alignnone size-full wp-image-323\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/02\/ischinger_quelle-msc.jpg 330w, https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/02\/ischinger_quelle-msc-300x210.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 330px) 100vw, 330px\" \/><\/a><strong>Wolfgang Ischinger ist der neue Chef der M\u00fcnchner Sicherheitskonferenz, die morgen beginnt.<br \/>\nHohe Erwartung heften sich an seine diplomatische Kunst<\/strong><\/p>\n<p>Es gab einmal statischere Zeiten auf Erden, da hie\u00df das j\u00e4hrliche informelle Weltgipfeltreffen in M\u00fcnchen \u00bbWehrkundetagung\u00ab. Die \u201eWehrkunde\u201c hat sich als Kosename bei den ausl\u00e4ndischen G\u00e4sten gehalten, nicht minder die Bezeichnung als \u201cNato-Kriegstagung\u201d bei den Gegnern der Veranstaltung. Recht eigentlich und immer mehr aber verdiente die Sicherheitskonferenz im Hotel Bayerischer Hof den Namen Terrarium.<\/p>\n<p>Denn ganz wie auf dem echten Planeten geht es dort eng, hei\u00df und \u00fcberbev\u00f6lkert zu. Und es riecht nach Streit. \u00dcber dreihundert Teilnehmer werden sich von Freitag bis Sonntag im Saal des Hotels Bayerischer Hof dr\u00e4ngen, unter ihnen mehr als ein Dutzend Staats- und Regierungschefs, rund f\u00fcnfzig Minister und etwa siebzig offizielle Delegationen aus \u00fcber 50 L\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Drei Tage lang also sitzen die Spitzen der Weltpolitik gleichsam wie auf einer Herdplatte beieinander \u2013 was Ann\u00e4herungen ebenso zwangsl\u00e4ufig wie unvorhersehbar macht. Entsprechend hoch sind in diesem Jahr die Erwartungen an den neuen Zeremonienmeister von M\u00fcnchen, dem f\u00fcr diesen Job vom Ausw\u00e4rtigen Amt freigestellten deutschen Spitzendiplomaten Wolfgang Ischinger. Der ehemalige Botschafter in Washington und London, ein Mann von ausgesuchter angels\u00e4chsischer Manierlichkeit, hat dieses Ehrenamt von Horst Teltschik \u00fcbernommen, dem ehemaligen au\u00dfenpolitischen Berater von Helmut Kohl. Teltschnik verstand es, als Moderator in M\u00fcnchen die Weltunordnung mit selbstbewusster Hilfe seines Oberstufenenglisch ebenso polternd wie kumpelhaft zu sortierten. Man wird, das sei gesagt, sein ranschmei\u00dferisches Sag-Du-zu-mir an die Gro\u00dfen der Welt vermissen, denn es lag ein Restschein von \u00dcbersichtlichkeit darin.<\/p>\n<p>In den Teltschik-Jahren immerhin war die Welt noch insoweit in Ordnung, als das amerikanische Zeitalter als unbeendet galt. Das \u00e4nderte sich schlagartig am 9.Februar 2007. Da betrat Wladimir Putin das M\u00fcnchner Podium, um kontrolliert zu detonieren. \u00bbEine unipolare Welt (\u2026) ist vernichtend, am Ende auch f\u00fcr den Hegemon selbst!\u00ab, rief er in die versteinerten Gesichter im Saal. Es war eine intellektuelle Kriegserkl\u00e4rung an das \u00dcberlegenheitsgef\u00fchl des Westens, und seitdem hat Russland mit Taten (Krieg mit Georgien) nachgelegt und bewiesen, \u00bbdass es sich seine Sicherheit nicht stehlen l\u00e4sst wie \u00c4pfel aus Nachbars Garten\u00ab (so der russische Nato-Botschafter Dimitri Rogosin).<\/p>\n<p>Mittlerweile sind die Kriegsherren aus Washington von der Weltb\u00fchne abgetreten. Deshalb lautet die gro\u00dfe Frage, ob es Ischinger gelingt, die Vers\u00f6hnungschance, die wom\u00f6glich zwischen Ost und West liegt, zu nutzen \u2013 als Obama vom Bayerischen Hof, gewisserma\u00dfen. So wird etwa der Nato-Generalsekret\u00e4r Jaap de Hoop Scheffer am Rande der Konferenz das Gespr\u00e4ch mit dem russischen Vizepremier Sergej Iwanov suchen \u2013 ein bedeutender Schritt f\u00fcr das B\u00fcndnis, das sich nach der Georgien-Krise bis auf Weiteres vorgenommen hatte, die Beziehungen zu Russland einzufrieren. Nach und nach tauen sie auf, Russland darf beispielsweise auf Arbeitsebene wieder im Nato-Rat mitreden \u2013 aber von einem soliden, konstruktiven Verh\u00e4ltnis, das sich beide Seiten unter anderem wegen Afghanistan w\u00fcnschen, ist man noch weit entfernt.<\/p>\n<p> \u00bbNat\u00fcrlich kann die Konferenz als Katalysator dienen\u00ab, gibt Ischinger bescheiden Auskunft. \u00bbUnd ich \u00fcberlege mir schon, was sinnvoller Weise bewerkstelligt werden kann.\u00ab Er k\u00f6nne \u00bbobjektive Voraussetzungen\u00ab schaffen f\u00fcr Kontaktanbahnung hinter den Kulissen, sagt der Botschafter a.D. Immerhin habe Barack Obama soeben das 30 Jahre alte Tabu durchbrochen, auf keinen Fall mit dem Iran in einen Dialog zu treten. Es trifft sich, dass nun nicht nur der amerikanische Vizepr\u00e4sident Joe Biden, sondern auch der iranische Parlamentspr\u00e4sident Ali Laridschani nach M\u00fcnchen reisen. \u00bbSicher kann ich\u00ab, sagt Ischinger, \u00bbfalls das gew\u00fcnscht ist, Hand- und Spanndienste leisten \u2013 etwa durch das Placement bei Tisch.\u00ab Nicht ausgeschlossen also, dass die ersten politischen Gespr\u00e4che zwischen Washington und Teheran nach drei Jahrzehnten bei einem Abendessen stattfinden, das (sic!) Horst Seehofer als gastgebender bayerischer Ministerpr\u00e4sident f\u00fcr die Staatsm\u00e4nner ausrichtet. Ischinger will nichts versprechen, er h\u00e4lt\u2019s mit Beckerbauer. \u00bbSchaun mer mal!\u00ab, sagt er frohgelaunt.<\/p>\n<p>Wohl hat er sonst einiges anders organisiert als bisher: Die Panels sind gr\u00f6\u00dfer, die Redezeiten f\u00fcr manche Diven der Weltpolitik k\u00fcrzer als je zuvor. Nicht jedem gef\u00e4llt das. Als ein \u00bbdesaster in the making\u00ab, bezeichnen Ischinger-Kritiker die Vorbereitung der Konferenz. Aber im Grunde schwingt darin die \u00fcbliche Hoffnung mit \u2013 auf gro\u00dfes politisches Kino.<\/p>\n<p>Apropos Staatsm\u00e4nner. Es geh\u00f6rte bisher zu den \u2013 vor allem von Frauen ernsthaft beklagten \u2013 M\u00fcnchner Gewissheiten, \u00bbdass man da immer nur auf alte M\u00e4nner trifft\u00ab (O-Ton einer Nato-Diplomatin). Diese Tatsache tr\u00e4gt entscheidend zum Mief des 20. Jahrhunderts bei, der M\u00fcnchen noch immer umweht. Seither hat sich schlie\u00dflich nicht nur Russland emanzipiert. Wolfgang Ischinger wei\u00df um das Problem. Und bem\u00fcht sich um \u00bbZustrom frischen Blutes\u00ab, vor allem weiblicher Provenienz. \u00bbDaran bin ich bisher kl\u00e4glich gescheitert\u00ab, gesteht er. \u00bbDer Frauenanteil ist weiterhin beklagenswert niedrig.\u00ab Testosteron, wer will\u2019s bestreiten, regiert die Welt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wolfgang Ischinger ist der neue Chef der M\u00fcnchner Sicherheitskonferenz, die morgen beginnt. Hohe Erwartung heften sich an seine diplomatische Kunst Es gab einmal statischere Zeiten auf Erden, da hie\u00df das j\u00e4hrliche informelle Weltgipfeltreffen in M\u00fcnchen \u00bbWehrkundetagung\u00ab. 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