{"id":388,"date":"2009-02-26T13:11:44","date_gmt":"2009-02-26T12:11:44","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/?p=388"},"modified":"2009-02-26T13:11:44","modified_gmt":"2009-02-26T12:11:44","slug":"%e2%80%9elieber-rom-als-reykjavik%e2%80%9c","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/2009\/02\/26\/%e2%80%9elieber-rom-als-reykjavik%e2%80%9c_388","title":{"rendered":"\u201eLieber Rom als Reykjavik!\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>Irland f\u00fcrchtet den wirtschaftlichen Untergang. Und hofft auf Rettung aus Europa<\/strong><\/p>\n<p><em>Dublin<\/em><br \/>\nDer Wirt von Reilly\u2019s Pub in Dublins Lower Merrion Street wartet neuerdings an Freitagabenden verd\u00e4chtig lange auf seine Stammkundschaft. Einige der Beamten aus dem Finanzministerium gleich nebenan schieben sich erst weit nach neun Uhr durch die Eingangst\u00fcr der holzget\u00e4felten Eckkneipe. Sie lockern die Krawatten, bestellen ein Feierabendbier und sagen Sachen wie: \u201eJunge, die Entfernung zwischen Irland und Island sollten wir vielleicht besser in Wochen berechnen als in Meilen.\u201c<\/p>\n<p>Die gr\u00fcne Insel erlebt den gef\u00fchlten Untergang. Jahrzehntelang profitierte die Iren vom Besten beider Wirtschaftswelten; von phantastischen US-Direktinvestitionen und von endlos sprudelnden EU-Subventionen. \u201eWirtschaftspolitisch sahen wir uns in der goldenen Mitte zwischen Boston und Berlin\u201c, sagt ein Finanzbeamter und umgreift sein Pint-Glas. Doch der Flug des Phoenix, jahrelang zu messen in zweistellige Wachstumsraten und den teuersten Ladenmieten Europas, geriet zu nah an die Sonne. Jetzt zerrieselt der Wohlstand der Iren zu Asche. Die Immobilienblase ist geplatzt, viele Banken sind pleite und die Arbeitslosigkeit hat sich innerhalb eines Jahres auf 8,4 Prozent beinahe verdoppelt. Die Wirtschaft k\u00f6nnte laut Vorhersagen in diesem Jahr um sechs Prozent schrumpfen und das Haushaltsdefizit das europ\u00e4ische Rekordma\u00df von 10 Prozent erreichen.<\/p>\n<p>\u201eWir stehen unter Schock\u201c, sagt der Schriftsteller Hugo Hamilton (<em>Gescheckte Menschen, Legenden<\/em>). \u201eIch habe von Leuten geh\u00f6rt, die in den Schlafzimmern ihrer Kinder Reiss\u00e4cke horten. Eine Mutter hat ihre Teenager-S\u00f6hne sogar zum L\u00f6chergraben in den Garten geschickt, zwecks \u00dcberlebenstraining, sagte sie.\u201c Die b\u00fcrgerlich-gr\u00fcne Regierung suche zwar krampfhaft nach L\u00f6sungen, verliere aber blo\u00df in jeder Umfrage mehr Vertrauen. Die Zustimmung zur ehemals st\u00e4rksten Fianna Fail-Partei ist binnen Jahresfrist um 20 Prozent abgerutscht. Ein bekannter Fernsehmoderator brach unl\u00e4ngst live im Staats-TV vor lauter Verzweiflung in Tr\u00e4nen aus. Zu sehr f\u00fchlte er sich an das bitterarme Irland seiner Jugend erinnert. \u201eEs w\u00e4re gut\u201c, fasst Hamilton zusammen, \u201ewenn uns Europa jetzt etwas F\u00fchrung bieten w\u00fcrde.\u201c<\/p>\n<p>Europa allerdings erwartet umgekehrt erst einmal ein bisschen mehr Verantwortungsgef\u00fchl und Solidarit\u00e4t von den Inselbewohnern. \u201eIch w\u00fcrde der irischen Regierung dringend raten, ihre Bev\u00f6lkerung vom EU-Lissabon-Vertrag zu \u00fcberzeugen\u201c, sagt Martin Schulz, der Fraktionsvorsitzende der Sozialdemokraten im Europ\u00e4ischen Parlament. Tats\u00e4chlich \u00fcberkommt immer mehr gebeutelte Iren die nackte Scham dar\u00fcber, dass sie im vergangenen Jahr per Volksabstimmung \u201eNein\u201c zum gro\u00dfen Reformwerk gesagt haben. Zwar h\u00e4tte der Lissabon-Vertrag die Krise kein bisschen abgemildert. Aber den Iren geht es jetzt vor allem um ein w\u00e4rmendes kontinentales Gemeinschaftsgef\u00fchl.<\/p>\n<p>\u201eWissen Sie, wir denken gerade \u00fcber einen griffigen Slogan f\u00fcr das zweite Referendum nach\u201c, sagt der irische Finanzminister Brian Lenihan. \u201eEin Vorschlag lautet: Lieber Rom als Reykjavik.\u201c Immerhin, der Humor ist dem Mann noch nicht vergangen. Dabei z\u00e4hlt er neben dem Premierminister Brian Cowen zu den derzeit meistgehassten Politikern auf der Insel. In dieser Woche will Lenihan eine Gehaltsk\u00fcrzung im \u00f6ffentlichen Dienst um 6,5 Prozent durchsetzen. Und die, sagt er, sei nur die erste bittere Pille, die das Volk zu schlucken habe \u2013 mag es sich noch so sehr str\u00e4uben. \u201eKein Truthahn mag Weihnachten\u201c, sagt Lenihan. \u201eAber wir haben keine Wahl. Wir sind Teil des Euro-Raums, und wir wollen es bleiben. Bis zum Ende der Legislaturperiode 2012 haben wir Zeit, das Erforderliche zu tun, um unsere Kreditw\u00fcrdigkeit wiederherstellen.\u201c<\/p>\n<p>So lange will ein gro\u00dfer Teil der Iren die derzeit Herrschenden aber nicht mehr ertragen. Im  ehrw\u00fcrdigem Pfeifenladen <em>Peterson\u2019s<\/em> gegen\u00fcber dem Trinity College sorgt ein \u00e4lterer Herr mit Tweedm\u00fctze am Samstagmorgen vor. \u201eGib mir mal noch ein paar Packungen Tabak, bevor hier die Revolution ausbricht\u201c, bittet er den Mann hinterm Tresen. Tats\u00e4chlich f\u00fcllen sich eine halbe Stunde sp\u00e4ter die Hauptstra\u00dfen der Innenstadt mit gesch\u00e4tzten 120 000 zornigen B\u00fcrgern. Angestellte des \u00f6ffentlichen Dienstes aus allen Teilen des Landes haben zur Demonstration gegen die Regierung aufgerufen, selbst Polizisten marschieren mit. Die klagenden Laute irischer Bagpipes wehen durch die Stadt, geblasen vom nationalen Feuerwehrcorps. \u201eUnsere Ersparnisse sind weg, unsere H\u00e4user sind wertlos!\u201c, z\u00fcrnen die Demonstranten. Und warum? \u201eWeil diese Regierung in der Keltischen-Tiger-Zeit nichts gespart hat. Jetzt muss sie die Rentenkasse pl\u00fcndern\u201c, sagt ein Gewerkschafter.<\/p>\n<p>Eine junge Frau, die einen Kinderwagen vor sich herschiebt, sagt, ihrem Mann sei gerade gek\u00fcndigt worden, und die monatliche Hypothekenrate f\u00fcr ihr Haus betrage 1500 Euro. \u201eWir m\u00fcssen zwei Kinder ern\u00e4hren\u201c, sagt sie. \u201cAber wovon denn jetzt?\u201c Weg mit dieser Regierung!, fordern Hunderte Marschierer auf Plakaten. Immer mehr Verb\u00e4nde k\u00fcndigen nach der Gro\u00dfdemo Urabstimmungen an. Irland droht eine beispiellose Streikwelle.<\/p>\n<p>Der Finanzminister zeigt sich unersch\u00fcttert. \u201eWenn sie die irische Regierung lahm legen wollen, k\u00f6nnen sie das versuchen. Sicher, kann sein, dass wir das nicht \u00fcberleben. Aber mir geht es schlicht darum, das Land zu sch\u00fctzen.\u201c Erwartet er f\u00fcr diese Opferbereitschaft wenigstens ein bisschen Entgegenkommen aus Br\u00fcssel? St\u00fctzungsgelder vielleicht, falls es ganz schlimm kommt? Er k\u00f6nne, sagt Lenihan nach einigem Z\u00f6gern, nicht ausschlie\u00dfen, dass Europa dem irischen Bankensektor zur Hilfe kommen m\u00fcsse.<\/p>\n<p>Die erste sp\u00fcrbare Reaktion der EU-Kommission auf die Krise bestand derweil in der Androhung eines Defizit-Strafverfahrens gegen Dublin. \u201eDas fanden wir gut\u201c, sagt der Politikchef der <em>Irish Times<\/em>, Stephen Collins. \u201eImmerhin waren das mal klare Worte. Der Premierminister beruft ja blo\u00df ein Komitee nach dem n\u00e4chsten, trifft selbst keine Entscheidungen mehr. Diese Tr\u00e4gheit macht die Leute wahnsinnig.\u201c Als Folge steige die Anerkennung der Europ\u00e4ischen Union als \u201eSchutzgemeinschaft\u201c.<\/p>\n<p>Am kommenden Sonntag treffen sich deren 27 Staatschefs in Br\u00fcssel, zu einem von, so ist zu h\u00f6ren, noch vielen Krisengipfeln dieses Jahres. W\u00e4chst daraus tats\u00e4chlich Hoffnung auf Erl\u00f6sung?<\/p>\n<p>\u201eNat\u00fcrlich wollen wir euer Geld\u201c, sagt David McWilliams und nimmt einen hastigen Schluck aus der Teetasse. \u201eOb es Herrn Steinbr\u00fcck nun gef\u00e4llt oder nicht \u2013 er muss Irland behandeln wie eines seiner Bundesl\u00e4nder.\u201c Der 42j\u00e4hrige McWilliams ist derzeit der gefragteste Kommentator Irlands. Zw\u00f6lf Jahre lang arbeitete er als Karrierebanker, dann stieg er zum erfolgreichsten Sachbuchautor und zum TV-Star auf der Insel auf. Er sagte den keltischen Boom ebenso voraus wie den Absturz. Jetzt prophezeit er: \u201eDie Deutschen werden uns aus der Patsche helfen.\u201c Irland vergleicht er mit einem unzurechnungsf\u00e4higen Kind, und Deutschland mit dem Erwachsenen, der f\u00fcr es haftet. \u201eWissen Sie, am Ende geht es um den Ruf der Familie, sprich: den Euro-Raum.\u201c Die reicheren Staaten der EU, ist McWilliams sicher, k\u00f6nnten schlicht nicht zulassen, dass mit Irland der erste Dominostein der W\u00e4hrungsunion kippt. Denn wenn das passiere, risse es auch andere Staaten um. Spanien, Griechenland, Portugal, Italien\u2026 Der wahrscheinlichste Ausweg aus dem Schlamassel sei, glaubt McWilliams, dass die EU europ\u00e4ische Staatsanleihen herausgebe, f\u00fcr die alle Mitgliedsl\u00e4nder eintr\u00e4ten. Das w\u00fcrde zwar Deutschlands Kreditw\u00fcrdigkeit ein wenig schm\u00e4lern, aber Geld in die Br\u00fcsseler Gemeinschaftskasse sp\u00fclen.<\/p>\n<p>Dass es die Iren deswegen am Ende emotional und \u00f6konomisch weg von Boston und hin nach Br\u00fcssel treibt, darf man allerdings getrost bezweifeln. Sie werden ein atlantisches V\u00f6lkchen bleiben, mit geteilter Treue und Hoffnung zu beiden Ufern. In den T-Shirt-L\u00e4den der Hauptstadt, die schon das Sortiment f\u00fcr den Nationalfeiertag St Patrick\u2019s Day anbieten, h\u00e4ngt ein vielsagender neuer Verkaufshit. Das Hemd zeigt ein Konterfei des neuen US-Pr\u00e4sidenten, eingerahmt von gr\u00fcnen keltischen Zierb\u00e4ndern. Darunter steht: \u201eO`Bama\u201c Und: \u201cIt\u2019s great to be Irish!\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Irland f\u00fcrchtet den wirtschaftlichen Untergang. 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