{"id":467,"date":"2009-03-31T15:21:29","date_gmt":"2009-03-31T14:21:29","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/?p=467"},"modified":"2009-03-31T15:21:29","modified_gmt":"2009-03-31T14:21:29","slug":"ein-gipfel-zum-kuscheln","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/2009\/03\/31\/ein-gipfel-zum-kuscheln_467","title":{"rendered":"Ein Gipfel zum Kuscheln"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Nato wird 60 Jahre alt. Das muss gefeiert werden. Auch wenn das B\u00fcndnis gerade seinen ersten Krieg verliert<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/03\/strassburger-idylle_c_jb.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/03\/strassburger-idylle_c_jb.jpg\" alt=\"\" title=\"strassburger-idylle_c_jb\" width=\"410\" height=\"307\" class=\"alignnone size-full wp-image-472\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/03\/strassburger-idylle_c_jb.jpg 410w, https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/03\/strassburger-idylle_c_jb-300x224.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 410px) 100vw, 410px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die Nato wird die Vergangenheit feiern, als g\u00e4be es kein Morgen. Am Rhein, der Frontlinie zweier Weltkriege, kommt das Verteidigungsb\u00fcndnis ab Freitag zu seinem 60. Gr\u00fcndungstag zusammen. Das Protokoll f\u00fcr den gro\u00dfen Jubil\u00e4umsgipfel, den Frankreich und Deutschland gemeinsam ausrichten, m\u00f6chte r\u00fchrige Bilder, die an den Gr\u00fcndungszweck der Allianz gemahnen. In Stra\u00dfburg, auf der franz\u00f6sischen Uferseite, wird Nicolas Sarkozy die Bundeskanzlerin erwarten. Angela Merkel soll, gefolgt von den 24 \u00fcbrigen Staatschefs der Allianz, vom deutschen Kehl aus auf einer Fu\u00dfg\u00e4ngerbr\u00fccke \u00fcber den Flu\u00df schreiten. In der Mitte wird man dann so tun, als sei gerade erst Frieden eingekehrt in Europa. B\u00fcndnisk\u00fcsse mit Obama, Kampfstrahlen in die Kameras der Welt.<\/p>\n<p>Etwas weiter entfernt, in den Bergschluchten des Hindukusch, droht die gewaltigste Milit\u00e4rmacht aller Zeiten derweil den ersten Krieg zu verlieren, in den sie sich begeben hat. Ein paar Tausend Taliban, so zeigt sich, sind in der Lage, geschickter und schlagkr\u00e4ftiger zu agieren als 26 High-Tech-Armeen der reichsten L\u00e4nder der Welt. Wenn sich daran nichts \u00e4ndert, k\u00f6nnte die Nato in Afghanistan bald enden wie vor ihr schon Briten und Russen: aufgerieben von Aufst\u00e4ndischen, die zwar weniger sind als sie, aber einiger und entschlossener.<\/p>\n<p>Im Anschluss an die Geburtstagsartigkeiten haben die Regierungen in Stra\u00dfburg einen halben Tag lang Zeit, dar\u00fcber zu beraten, wie sie dieses Debakel verhindern wollen. Daneben stehen noch ein paar untergeordnete Themen auf der Tagesordnung. Die Frage nach dem k\u00fcnftigen Verh\u00e4ltnis zu Russland zum Beispiel. Die Aufnahme von Albanien und Kroatien als Neumitglieder. Die Diskussion um Leitlinien f\u00fcr ein neues Strategisches Konzept. Und, ach so, auch die Einigung auf einen neuen Generalsekret\u00e4r nach dem t\u00fcrkischen Widerstand gegen den d\u00e4nischen Ministerpr\u00e4sidenten Anders Fogh Rasmussen.<\/p>\n<p>\u201eEs wird ein atemloser Gipfel\u201c, hei\u00dft im Nato-Hauptquartier in Br\u00fcssel. Selbst die Beteiligten bem\u00fchen sich, die Erwartungen zu d\u00e4mpfen. Dabei b\u00f6te Stra\u00dfburg nicht weniger als die Gelegenheit, gemeinsam mit Obama den Neustart-Knopf f\u00fcr das B\u00fcndnis zu dr\u00fccken. Stattdessen sieht es wie \u00fcblich so aus, als werde Amerika voranpreschen und Europa hinterhertrotten.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/03\/afgh2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/03\/afgh2.jpg\" alt=\"\" title=\"afgh2\" width=\"284\" height=\"213\" class=\"alignnone size-full wp-image-476\" \/><\/a><\/p>\n<p>Barack Obama will das Blatt in Afghanistan dadurch wenden, dass er 17 000 Soldaten aus dem falschen (Irak) in den richtigen Krieg (Hindukusch) umsiedelt. Die West-Europ\u00e4er sind mit ihm immerhin soweit einig, als sie seine Irakkriegs-Bewertung teile. Eine Herzensangelegenheit wird ihnen die Afghanistanmission deswegen aber noch lange nicht. \u201eWenn man heute noch sagt, auch unsere Sicherheit werde am Hindukusch verteidigte, erntet man nur L\u00e4cheln\u201c, gestand Ruprecht Polenz, Vorsitzender des Ausw\u00e4rtigen Ausschusses des Bundestags, gegen\u00fcber dem Publikum des <em>Brussels Forum<\/em>, zu dem der German Marshall Fund kurz vor dem Gipfel hochrangige Politiker aus aller Welt zusammen gebracht hatte. \u201e60 Prozent unserer Bev\u00f6lkerung sind gegen die Mission\u201c, erinnerte der CDU-Abgeordnete.<\/p>\n<p>Zwar stellen die Deutschen mit \u00fcber 3500 Soldaten das drittgr\u00f6\u00dfte Kontingent der internationalen Aufbautruppe (Isaf), aber sie scheuen jede Aktion, die als Kampfeinsatz gewertet werden k\u00f6nnte. In Frankreich, dem anderen Gastgeberland des Nato-Jubil\u00e4umsgipfels, fordert die Opposition, die Regierung m\u00f6ge endlich einen Zeitplan erstellen, wann die Nation mit der leidigen Mission durch sei.<\/p>\n<p>Ist Afghanistan also das verklingende Echo eines B\u00fcndnisversprechens, an das die Europ\u00e4er 20 Jahre nach dem Mauerfall in Wahrheit schon lange nicht mehr glauben? Trotz des Sympathie-Bonus Obama zweifeln Amerikas Au\u00dfenpolitiker daran, ob Europa in Afghanistan wirklich Frieden will, oder ob es nicht recht eigentlich mit Afghanistan in Frieden gelassen werden m\u00f6chte. \u201eF\u00fchlt sich Europa der Aufgabe wirklich so verpflichtet wie die Vereinigten Staaten es tun?\u201c, fragt US-Nato-Botschafter Kurt Volker. Vielleicht, schl\u00e4gt er vor, w\u00e4re es ganz gut, die \u00f6ffentliche Meinung f\u00fcr das Projekt zur\u00fcck zu gewinnen.<\/p>\n<p>Die j\u00e4mmerliche Zahl von 177 Polizeiausbildern hat die \u201esoft power\u201c Europ\u00e4ische Union bis heute f\u00fcr den Wiederaufbau aufgetrieben \u2013 und ist damit mitverantwortlich daf\u00fcr, dass Afghanistan noch weit entfernt ist von jener \u201eselbsttragenden Sicherheit\u201c, die sich die internationale Gemeinschaft so dringend w\u00fcnscht. \u201eDie Polizei ist in keinem guten Zustand\u201c, mahnte in Br\u00fcssel der neue US-Beauftragte f\u00fcr Afghanistan und Pakistan, Richard Holbrooke. Er forderte \u201eeinen sehr betr\u00e4chtlichen Zuwachs\u201c an Sicherheitskr\u00e4ften.<\/p>\n<p>Auf bis zu 400 000 Soldaten wolle die Obama-Regierung die Afghanische Nationalarmee aufstocken, meldet die <em>New York Times<\/em>. &#8222;V\u00f6llig unrealistisch&#8220; nennt ein europ\u00e4ischer Nato-Diplomat dieses Ziel. Aber auch an einen weiterreichenden strategischen Wandel k\u00fcndigt der Sonderbeauftragte Holbrooke an. Es gebe kein Afghanistan und kein Pakistan mehr, sagt er, es gebe nur noch \u201eAfpak\u201c, sprich: ein zusammenh\u00e4ngendes Problem. Solange die Taliban ihren Nachwuchs im pakistanischen Grenzgebiet trainieren, solange wird die Isaf-Mission in Afghanistan nicht beruhigen k\u00f6nnen.<br \/>\nDer europ\u00e4ische Beitr\u00e4g zu diesem neuen \u201eRegional Approach\u201c, so ist zu h\u00f6ren, k\u00f6nnte in der Schulung pakistanischer Offiziere bestehen oder im Bau von Schulen, wo es heute nur Koran-Madrassas gibt.<\/p>\n<p>Von Russland erhofft die Nato derweil, dass Moskau den Isaf-Truppen neue Nachschubwege an den Hindukusch er\u00f6ffnet. Als Zuckerbrot bietet die Allianz Moskau trotz des Georgienkrieges eine \u201ephasenweise Wiederann\u00e4herung\u201c an. Mit anderen Worten: Der Gipfel k\u00f6nnte die R\u00fcckkehr zu den gewohnten Beziehungen mit Russland markieren. Russlands Nato-Botschafter Dimitri Rogosin kommentiert das Angebot gewohnt ruppig. \u201eH\u00fcbsche Foto-Gelegenheiten und Medienrauschen\u201c interessierten ihn nicht, sagt er. Wohl aber aber \u201eechte Partnerschaft\u201c, verbunden bittesch\u00f6n mit der \u201eR\u00fcckkehr Russlands auf die rechtm\u00e4\u00dfige Position der Weltb\u00fchne.\u201c Blo\u00df: Wo genau ist der?<\/p>\n<p>Klar ist, die B\u00fchne Europas geh\u00f6rt am kommenden Wochenende ganz dem neuen US-Pr\u00e4sidenten Barack Obama. Da m\u00f6gen seine mitreisenden Diplomaten hinter den Kulissen fordern, was sie wollen. Die erste Europareise des sympathiem\u00e4chtigsten Mannes der Welt wird kein Missklang st\u00f6ren. Obama, hei\u00dft es von amerikanischen Offiziellen, kenne den \u201eHunger\u201c der Europ\u00e4er nach frischen Botschaften aus dem Wei\u00dfen Haus. \u201eEr wird sich alle M\u00fche geben, den zu stillen\u201c, sagt eine seiner Diplomatinnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Nato wird 60 Jahre alt. Das muss gefeiert werden. Auch wenn das B\u00fcndnis gerade seinen ersten Krieg verliert Die Nato wird die Vergangenheit feiern, als g\u00e4be es kein Morgen. Am Rhein, der Frontlinie zweier Weltkriege, kommt das Verteidigungsb\u00fcndnis ab Freitag zu seinem 60. Gr\u00fcndungstag zusammen. 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