{"id":479,"date":"2009-04-03T17:34:55","date_gmt":"2009-04-03T16:34:55","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/?p=479"},"modified":"2009-04-03T17:34:55","modified_gmt":"2009-04-03T16:34:55","slug":"afghanistan-ist-unser-test","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/2009\/04\/03\/afghanistan-ist-unser-test_479","title":{"rendered":"&#8222;Afghanistan ist unser Test!&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ph\u00e4nomen Obama: Der neue US-Pr\u00e4sident wird in Europa f\u00fcr Forderungen beklatscht, f\u00fcr die sein Vorg\u00e4nger ausgebuht worden w\u00e4re<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/04\/obamastrassburg.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/04\/obamastrassburg.jpg\" alt=\"\" title=\"obamastrassburg\" width=\"410\" height=\"307\" class=\"alignnone size-full wp-image-478\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/04\/obamastrassburg.jpg 410w, https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/04\/obamastrassburg-300x224.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 410px) 100vw, 410px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&#8222;He has got the whole world in his hands&#8220;, darf Lisa Doby zur Einstimmung singen. Die Folkgitarristin ist Afroamerikanerin und lebt seit zehn Jahren im Elsa\u00df. Die menschgewordene neue transatlantische Harmonie, mit anderen Worten. Ihre zarten Gitarrenkl\u00e4nge f\u00fcllen die Luft der Stra\u00dfburger Sporthalle, in der gut 4000 Sch\u00fcler aus Deutschland und Frankreich auf Barack Obama warten. Eigentlich ist der zum Nato-Gipfel hier. Aber der US-Pr\u00e4sident kennt, wie eine amerikanische Diplomatin sagt, &#8222;den Hunger der Europ\u00e4er nach ihm und seinen Botschaften.&#8220; Und den wolle er stillen. &#8222;There is love&#8220;, singt Lisa Doby, &#8222;yeah, there is love!&#8220;<\/p>\n<p>Aber da ist auch Krieg. Ein Krieg, den die Nato zu verlieren droht. Und das will auch Obama nicht. Deswegen fordert er mehr Gewalt. Mehr Gewalt gegen die Taliban, die Hilfstruppen von al-Qaida. Aber dieser Ruf nach mehr Feuerkraft st\u00f6rt die jugendlichen Tausenden, unter deren Jubel er jetzt in die Halle einzieht, kein bisschen. Wenn Obama es m\u00f6chte, dann, scheint es, ergibt pl\u00f6tzlich auch der Krieg am fernen Hindukusch wieder einen Sinn.<\/p>\n<p>Nach einigen Artigkeiten (&#8222;Oft sieht man bei diesen Gelegenheit alles ja nur aus dem Fenster. Deshalb wollte ich gerne hier mit Euch sprechen.&#8220;), kommt Obama auf das Thema zu sprechen, dass jenseits seines ersten Europabesuches dieses Gipfelwochenende beherrscht. Kann der Westen Afghanistan noch gewinnen?<\/p>\n<p>&#8222;Ich h\u00f6re manchmal die Frage: Was soll das alles?&#8220;, sagt Obama unter Anspielung auf die Kritiker, die die Mission in Afghanistan allm\u00e4hlich f\u00fcr sinnlos halten. &#8222;Und ich antworte: Wir w\u00fcrden diese Mission nicht unternehmen, wenn wir sie nicht f\u00fcr unverzichtbar f\u00fcr unsere Sicherheit hielten.&#8220; Schlie\u00dflich m\u00fcsse man annehmen: &#8222;Wenn es weitere al-Qaida-Attacken gibt, dann gibt es sie mit hoher Wahrscheinlichkeit in Europa.&#8220;<\/p>\n<p>Sicher: Rhetorik, moralische Glaubw\u00fcrdigkeit und &#8211; vor allem &#8211; die Afghanistan-Strategie von Obama sind besser kalibriert als die seines Vorg\u00e4nger. Aber \u00fcberraschend ist dennoch, wie leichthin es dem neuen Pr\u00e4sidenten gelingt, seine Zuh\u00f6rer von einer Kausalit\u00e4t zu \u00fcberzeugen, f\u00fcr die es seit immer l\u00e4ngerer Zeit immer weniger Anhaltspunkte gibt. Von einem Zusammenhang n\u00e4mlich zwischen der Schlagkraft von al Qaida und der Lage in Afghanistan. Der islamische Terrorismus schlie\u00dflich hat sich von Afghanistan l\u00e4ngst entkoppelt.<\/p>\n<p>&#8222;Wir haben kein Interesse, Afghanistan zu besetzen. Wir haben genug damit zu tun, Amerika wieder aufzubauen&#8220;, sagte Obama, und Applaus brandet auf. Seltsamerweise wird der Beifall noch heftiger, als er sagt: &#8222;Aber die Mission in Afghanistan ist ein Test daf\u00fcr, ob wir <em>gemeinsam<\/em> Sicherheit f\u00fcr uns schaffen k\u00f6nnen. Europa, und das sage ich deutlich, sollte nicht erwarten, dass Amerika die B\u00fcrde (des milit\u00e4rischen Teils der Mission) alleine schultert!&#8220;<\/p>\n<p>H\u00e4tte George Bush es gewagt, auf diese Weise von den Europ\u00e4ern mehr Kampftruppen zu fordern, das Publikum h\u00e4tte sich mit Grausen und Entsetzen abgewendet.<\/p>\n<p>Was macht Obama anders? Ja, er hat eine neue Strategie, eine des &#8222;vernetzten Ansatzes&#8220;, die auch Pakistan und den Iran als Partner einschlie\u00dfen soll. Ja, er gibt zu, Amerika habe \u00fcber den Krieg im Irak den notwendigen &#8222;Fokus&#8220; auf Afghanistan verloren.<\/p>\n<p>Aber hat sich deswegen an dem Grundproblem der mangelnden Begr\u00fcndbarkeit des Einsatzes etwas ge\u00e4ndert? Daran also, dass al-Qaida heute Afghanistan gar nicht mehr braucht, um Anh\u00e4nger zu rekrutieren und Attentate zu planen? Weil dies mittlerweile sogar im Sauerland geht, per ideologischer Anleitung aus dem Internet und Bombenmaterial aus dem Baumarkt? Nein, hat es nicht.<\/p>\n<p>Die Beschw\u00f6rung eines abstrakten gemeinsamen Zieles, der Wichtigkeit eines Erfolges f\u00fcr die Nato, mag in der Honeymoon-Phase zwischen Obama und den Europ\u00e4ern noch ein paar Wochen lang Harmonie stiften. Aber je konkreter Obama gezwungen sein wird, ein wachsendes Engagement in Afghanistan zu begr\u00fcnden, desto deutlicher k\u00f6nnte zutage treten, dass die Europ\u00e4er trotz aller Sympathie eine Einsch\u00e4tzung nicht teilen: Dass Afghanistan eine gemeinsame Herzensangelegenheit sei.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ph\u00e4nomen Obama: Der neue US-Pr\u00e4sident wird in Europa f\u00fcr Forderungen beklatscht, f\u00fcr die sein Vorg\u00e4nger ausgebuht worden w\u00e4re &#8222;He has got the whole world in his hands&#8220;, darf Lisa Doby zur Einstimmung singen. Die Folkgitarristin ist Afroamerikanerin und lebt seit zehn Jahren im Elsa\u00df. Die menschgewordene neue transatlantische Harmonie, mit anderen Worten. 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