{"id":48,"date":"2008-04-04T10:02:06","date_gmt":"2008-04-04T09:02:06","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/2008\/04\/04\/koloss-demos_48"},"modified":"2008-04-04T10:02:06","modified_gmt":"2008-04-04T09:02:06","slug":"koloss-demos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/2008\/04\/04\/koloss-demos_48","title":{"rendered":"Koloss Demos"},"content":{"rendered":"<p>Wenn Rum\u00e4niens Diktator Nicolai Ceausescu das noch erlebt h\u00e4tte, er w\u00e4re wahrscheinlich gestorben vor Zorn. Von den S\u00e4ulenw\u00e4nden seines \u201eHaus des Volkes\u201c mitten in Bukarest h\u00e4ngen blaue Nato-Banner mit dem Logo des Gipfeltreffens. Riesige T\u00fccher sind es, fast als habe Christo soeben mit der Verpackung des monstr\u00f6sen Geb\u00e4udes begonnen. Weithin sichtbar k\u00fcnden sie von der Zusammenkunft der 26 Staats- und Regierungschefs des einstigen Feindb\u00fcndnisses Nato.<\/p>\n<p>Schwierig, sich eine eindrucksvollere historische Zweckentfremdung eines politischen Monuments vorzustellen.<\/p>\n<p>12 Stockwerke hoch, noch einmal so viele tief und 270 Meter lang, sollte der Volkspalast, ein neoklassischer Marmorgigant, von der \u00dcberlegenheit der Sozialismus k\u00fcndigen. Stattdessen ist er steinernes Zeugnis des real existierenden Gr\u00f6\u00dfenwahns jenes wohl repressivsten kommunistischen Regimes Europas geblieben. Der Palast sei, gleich nach dem Pentagon, das zweitgr\u00f6\u00dfte Geb\u00e4ude der Welt, wird des\u00f6fteren kolportiert. Das mag stimmen oder auch nicht. In der Liga der zynischen Bauten des Planeten d\u00fcrfte er jedenfalls einen der vordersten Pl\u00e4tze einnehmen.<\/p>\n<p>Ceaucescu lie\u00df 1984 mit den Bauarbeiten beginnen, w\u00e4hrend viele Rum\u00e4nien unter bitterer Armut, winterlicher K\u00e4lte und manchmal gar Hunger litten. Einen Mitarbeiterin des rum\u00e4nischen Au\u00dfenministeriums, Mitte Drei\u00dfig, die half, den Nato-Gipfel vorzubereiten, berichtet aus ihrer Schulzeit in den 80ern: &#8222;Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich im Winter im Klassenzimmer, wenn ich die Tafel wischen sollte, erst einmal die Eisdecke im Wassereimer durchschlagen musste. In dieser K\u00e4lte sa\u00dfen wir den ganzen Tag in der Schule.&#8220;<\/p>\n<p>In seine gigantomanische W\u00e4rmestube zog der Diktator Ceaucescu niemals ein. Kurz vor der Fertigstellung, im Revolutionsjahr 1989, wurden er und seine beim Volk noch verhasstere Frau nach einem Schnellverfahren exekutiert.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr geben sich in dieser Woche nun gleich zwei Gro\u00dfmacht-Pr\u00e4sidenten eben dort die Klinke in die Hand. Sowohl George W. Bush wie auch Wladimir Putin werden bei dem Treffen im heutigen Bukarester Parlamentspalast ihre sicherheitspolitischen Verm\u00e4chtnisse hinterlassen \u2013 der eine als m\u00e4chtigster F\u00f6rderer, der andere als lautester Herausforderer der Nato.<\/p>\n<p>Fast m\u00f6chte man den Bukarestern daf\u00fcr danken, dass sie den Palast nicht, wie von einigen 89er-Revolution\u00e4ren damals gefordert, mit ein paar Tonnen Dynamit pulverisierten, sondern ihn in seinem ganzen Gepr\u00e4nge fertig stellten und sp\u00e4ter sowohl f\u00fcr ihre Volksvertreter wie f\u00fcr internationale Konferenzen \u00f6ffneten. Denn f\u00fcr die Gelegenheit dieser Woche, f\u00fcr das Aufeinandertreffen von neokonservativer und neozaristischer Hybris, lie\u00dfe sich kaum eine sprechendere Kulisse finden. Ob sich Bush und Putin von der Architektur mahnen lassen? Immerhin, der Megabau steht heute eindrucksvoll f\u00fcr die Macht des Demos, der Bev\u00f6lkerung. Die Umwidmung des Kolosses durch die Rum\u00e4nen in einen <em>wahren <\/em>Palast des Volkes macht ihn, neben seinem Charakter als geschichtlichem Mahnmal, zugleich zu einer Trutzburg der Souver\u00e4nit\u00e4t.<\/p>\n<p>Ob sich dort drin nicht auch die Gr\u00f6\u00dften ein wenig kleiner f\u00fchlen?<\/p>\n<p>Russlands Vertreter bei der Nato-Tagung wissen offenbar nicht recht, was sie empfinden sollen nach den Beschl\u00fcssen, die ihnen das B\u00fcndnis ein wenig weiter auf den Leib r\u00fccken l\u00e4sst. Die f\u00fcr Georgien und die Ukraine in Aussicht gestellte Mitgliedschaft in der Nato h\u00e4lt Moskau laut offizieller Stellungnahme f\u00fcr einen &#8222;riesigen strategischen Fehler&#8220;. Etwas vers\u00f6hnlicher \u00e4u\u00dferte sich der russische Nato-Botschafter Dimitri Rogosin gegen\u00fcber der Tageszeitung Kommersant:<\/p>\n<p>&#8222;Es ist klar, dass Russland Ansichten Geh\u00f6r fanden&#8220;, sagt er, &#8222;obwohl sie nicht das einz\u00edge waren, was eine Rolle spielte.&#8220;<\/p>\n<p>Dass einer der n\u00e4chsten Nato-Gipfel im Kreml stattfindet, scheint nach Ansicht der Mehrheit der hiesigen Beobachter dennoch unwahrscheinlich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn Rum\u00e4niens Diktator Nicolai Ceausescu das noch erlebt h\u00e4tte, er w\u00e4re wahrscheinlich gestorben vor Zorn. Von den S\u00e4ulenw\u00e4nden seines \u201eHaus des Volkes\u201c mitten in Bukarest h\u00e4ngen blaue Nato-Banner mit dem Logo des Gipfeltreffens. 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