{"id":49,"date":"2008-04-02T17:33:10","date_gmt":"2008-04-02T16:33:10","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/2008\/04\/02\/%e2%80%9cwir-schatzen-mut%e2%80%9d_49"},"modified":"2008-04-02T17:33:10","modified_gmt":"2008-04-02T16:33:10","slug":"%e2%80%9cwir-schatzen-mut%e2%80%9d","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/2008\/04\/02\/%e2%80%9cwir-schatzen-mut%e2%80%9d_49","title":{"rendered":"\u201cWir sch\u00e4tzen Mut\u201d"},"content":{"rendered":"<p>Schneidende Worte hat George W. Bush f\u00fcr seinen letzten Nato-Gipfel gew\u00e4hlt. In Bukarest trat er vor dem offiziellen Beginn des gro\u00dfen Allianztreffens vor kleinem, zumeist pro-atlantisch gesinntem Publikum ans <a href=\"http:\/\/www.whitehouse.gov\/news\/releases\/2008\/04\/20080402-2.html\">Rednerpult<\/a>. Wie erwartet, gab der amerikanische Pr\u00e4sident in Kurzform sein sicherheitspolitisches Verm\u00e4chtnis zu Protokoll.<\/p>\n<p>Es kulminierte in einem Bekenntnis, das die einen Verb\u00fcndeten als Liebeserkl\u00e4rung begreifen durften. Gewisse andere liegen sicher nicht falsch, wenn sie es als endg\u00fcltigen Ausdruck tief empfundener Bedeutungslosigkeit werten.<\/p>\n<p>\u201cWir sch\u00e4tzen Mut\u201d, bekannte Bush \u00fcber die Washingtoner Weltsicht. \u201cWir sch\u00e4tzen V\u00f6lker, die die Freiheit lieben. Und wir sch\u00e4tzen Menschen, die glauben, dass Freiheit zu Sicherheit f\u00fchrt.\u201d<\/p>\n<p>Daf\u00fcr erntete der scheidende US-Pr\u00e4sident donnernden Applaus vor allem von den jungen Rum\u00e4nen, die f\u00fcr den Vortrag ausgew\u00e4hlt und in den ersten Reihen platziert worden waren. F\u00fcr viele Osteurop\u00e4er ist Amerika noch immer die Macht des anti-totalit\u00e4ren Guten, weshalb das entschlossene Engagement rum\u00e4nischer Soldaten im Irak und Afghanistan an der Seite der US-Truppen deshalb unangezweifelt bleibt.<\/p>\n<p>Den wenigen Vertretern Deutschlands im Saal hingegen fiel es sichtlich schwer, sich zum Beifall ebenfalls von ihren St\u00fchlen zu erheben. Zu belastet ist das Verh\u00e4ltnis zu diesem weltenbrennerischen Neocon noch immer. Und zu sehr begreift manch Germane Bushs Worte als Anspielung auf ein Deutschland, dass hier in Bukarest schon im Vorfeld des eigentlichen Gipfels als l\u00e4stiger Bedenkentr\u00e4ger und Entscheidungsbremser abgestempelt ist.<\/p>\n<p>\u201cSchon verstanden\u201d, knurrte ein deutscher Regierungsvertreter auf dem Weg nach drau\u00dfen.<\/p>\n<p>Wirklich?<\/p>\n<p>Was sich in Bukarest abzeichnet, ist \u2013 Bushs Abschied von der Weltb\u00fchne hin oder her \u2013 eine Neukalibrierung des westlichen Verteidigungsb\u00fcndnisses. Deutschland droht, dabei in die Riege der unsicheren und deshalb unwichtigen Kantonisten abzusteigen.<\/p>\n<p>Aller Voraussicht nach werden die 26 Staats- und Regierungschefs der Nato am Donnerstag die drei Balkanstaaten Kroatien, Mazedonien und Albanien als Neumitglieder ins B\u00fcndnis aufnehmen. Schon diese Erweiterung war f\u00fcr Deutschland schwer zu schlucken. Albanien, so ist aus Diplomatenkreisen zu vernehmen, sei aus Berliner Sicht f\u00fcr eine Nato-Mitgliedschaft eigentlich noch nicht reif.<\/p>\n<p>Doch nun dr\u00e4ngt die scheidende US-Regierung auch noch, Georgien und Ukraine einen Fahrplan f\u00fcr die Mitgliedschaft anzubieten. Deutschland ist zwar nur einer von mehreren europ\u00e4ischen Staaten, die diesen Schritt f\u00fcr verfr\u00fcht halten. Dennoch trifft die Deutschen in Bukarest die geballte Wut vieler Georgier, Osteurop\u00e4er und Amerikaner.<\/p>\n<p>Der Grund daf\u00fcr liegt nicht allein im Nein zu einer eurasischen Nato-Ausdehnung. Die vielen Neins und Jeins der Deutschen zu wichtigen Nato-Projekten addieren sich vielmehr allm\u00e4hlich zu einer Haltung, die von vielen Verb\u00fcndeten als \u2013 freundlich ausgedr\u00fcckt \u2013 verwunderlich begriffen wird. Oder, unfreundlicher: als schleichender Abschied Deutschlands aus den Kernstaaten der Allianz.<\/p>\n<p>Das zweite und dritte Nein der Deutschen betrifft Afghanistan. Die Bundesregierung werde keine zus\u00e4tzlichen Soldaten schicken, schon gar keine in den S\u00fcden, machte die Bundeskanzlerin k\u00fcrzlich unmissverst\u00e4ndlich klar. Bush sagte darauf hin in einem Interview mit der WELT, er werde von Deutschland keine Entscheidungen mehr fordern, die politisch unm\u00f6glich seien. Mit anderen Worten: Er schreibt die Germanen ab.<\/p>\n<p>Auch an den weitreichenden Einsatzbeschr\u00e4nkungen f\u00fcr seine Truppen am Hindukusch will Deutschland nicht r\u00fctteln \u2013 obwohl der Nato-Generalsekret\u00e4r ohne Unterlass die Abschaffung aller nationalen \u201ccaveats\u201d fordert.<\/p>\n<p>Ein klares Jein ringen sich die Deutschen zu den Raketenabwehrpl\u00e4nen ab, mit denen die USA Langstreckenraketen aus dem Iran abfangen wollen. Hier bestehe noch Pr\u00fcfungsbedarf, wiederholen deutsche Diplomaten immer wieder gebetsm\u00fchlenhaft.<\/p>\n<p>Ein weiteres Nichts ist aus Angela Merkels Ank\u00fcndigung geworden, die Nato wieder zur wichtigsten Plattform f\u00fcr transatlantische Beratungen zu machen. Tats\u00e4chlich sind die Tagungen rund um den Bukarester Gipfel zwar von der ersten Regierungsriege vieler Nato-Partner besetzt. Die Bundesregierung hingegen hat es nicht geschafft, prominente Botschafter auf die wichtigen Plenen zu entsenden. \u201cDramatisch\u201d nennt ein amerikanischer Beobachter die d\u00fcnne deutsche Beteiligung an den Strategiedebatten.<\/p>\n<p>Nicht nur den Amerikanern, auch den Osteurop\u00e4ern dr\u00e4ngt sich bei all dem der Eindruck auf, Deutschland leide unter einer geopolitischen Kompassst\u00f6rung. Statt klarer Solidarit\u00e4t mit der Nato sei es Berlins erste Sorge, Moskau nicht zu vergr\u00e4tzen. Ein Vertreter Georgiens sprach gar von deutschem \u201cAppeasement\u201d gegen\u00fcber Wladimir Putin.<\/p>\n<p>Das mag \u00fcberzogen sein. Aber das Label haftet. Deutschland, so viel ist sicher, gilt nicht l\u00e4nger als wichtigster transatlantischer Br\u00fcckenpfeiler auf dem europ\u00e4ischen Kontinent. F\u00fcr diese Aufgabe steht mittlerweile ein anderer bereit. Frankreichs Pr\u00e4sident Sarkozy wartet nur darauf, die Rochade zu vollenden, die Deutschland so sichtbar in Bukarest eingeleitet hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schneidende Worte hat George W. Bush f\u00fcr seinen letzten Nato-Gipfel gew\u00e4hlt. In Bukarest trat er vor dem offiziellen Beginn des gro\u00dfen Allianztreffens vor kleinem, zumeist pro-atlantisch gesinntem Publikum ans Rednerpult. Wie erwartet, gab der amerikanische Pr\u00e4sident in Kurzform sein sicherheitspolitisches Verm\u00e4chtnis zu Protokoll. 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