{"id":603,"date":"2009-05-27T16:04:15","date_gmt":"2009-05-27T15:04:15","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/?p=603"},"modified":"2009-05-27T16:04:15","modified_gmt":"2009-05-27T15:04:15","slug":"machs-allein-obama-teil-ii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/2009\/05\/27\/machs-allein-obama-teil-ii_603","title":{"rendered":"Mach&#8217;s allein, Obama (Teil II)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Warum es die Europ\u00e4ische Union im Gegensatz zu den USA nicht schafft, gen\u00fcgend Polizeiausbilder nach Afghanistan zu bekommen<\/strong><\/p>\n<p>(<strong><a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/video\/player?videoID=20090511e72eb5\">Videobeitrag inklusive<\/a><\/strong>)<\/p>\n<p><em>Kabul<\/em><\/p>\n<p>82 000 einheimischen Polizisten versehen laut Angaben der Nato bisher in Afghanistan ihren Dienst. Das sind offenkundig viel zu wenige f\u00fcr ein konfliktgebeuteltes Land von 32 Millionen Menschen (in Deutschland, zum Vergleich, gibt es bei 80 Millionen Einwohnern etwa 250 000 Beamte). Die amerikanische Regierung will nun, dass es mehr werden. Und zwar schnell. Notfalls mit einem 8-w\u00f6chigen Crashkurs, so \u00e4hnlich, wie er bereits zum raschen Aufwuchs der afghanischen Armee praktiziert wird (siehe dazu unser <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/video\/player?videoID=20090511e72eb5 \">VIDEO<\/a>).<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/video\/player?videoID=20090511e72eb5 \"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/05\/soldatentraining-kabul.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/05\/soldatentraining-kabul.jpg\" alt=\"\" title=\"soldatentraining-kabul\" width=\"410\" height=\"307\" class=\"alignnone size-full wp-image-608\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/05\/soldatentraining-kabul.jpg 410w, https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/05\/soldatentraining-kabul-300x224.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 410px) 100vw, 410px\" \/><\/a><\/a><\/p>\n<p>Schlie\u00dflich stehen im August Wahlen an in Afghanistan, und bis dahin sollen so viele Uniformierte wie m\u00f6glich auf den Stra\u00dfen patrouillieren.<\/p>\n<p>\u201eWir wissen, dass man die Polizei zu ordentlichen Gesetzesh\u00fctern erziehen muss\u201c, sagt der amerikanische General Richard P. Formica. Der st\u00e4mmige Offizier koordiniert im US-Hauptquartier in Kabul den Polizeiaufbau im Land. \u201eAber um ein Gesetzesh\u00fcter zu sein, muss man erstmal \u00fcberleben. Und dabei helfen wir ihnen.\u201c Nat\u00fcrlich gebe es auch eine Polizeiakademie, an der in 3j\u00e4hrigen Kursen Polizisten f\u00fcr h\u00f6here R\u00e4nge ausbildet w\u00fcrden, sagt Formica. \u201eBlo\u00df kriegt man\u201c, sagt er mit durchaus donnernder Stimme, \u201ekeine Zehntausende Polizisten auf die Stra\u00dfe, wenn man sie alle an die Uni schickt.\u201c<\/p>\n<p>Zumal der Job f\u00fcr Einsteiger neben 120 Dollar monatlich eine gesteigerte Lebensgefahr mit sich bringt. 2000 Polizisten, hei\u00dft es, seien 2008 get\u00f6tet worden. Die neue staatliche Ordnungstruppe ist das erste Ziel f\u00fcr Taliban und Drogenbarone. \u201eEs mag grob klingen\u201c, erg\u00e4nzt der britische Brigadegeneral Neil Baverstock, \u201eaber wir brauchen einfach erstmal eine Pr\u00e4senztruppe da drau\u00dfen.\u201c Gro\u00dfbritannien macht\u2019s deshalb wie Amerika: Es setzt Soldaten ein, um Polizisten zu trainieren.<\/p>\n<p>Der US-General Formica, ein Irak-Kriegs-Veteran, freut sich deshalb \u00fcber den neuen Wind, der seit der Einsetzung der Obama-Regierung in Washington wehe: \u201eIm Irak, wenn wir da etwas brauchten, haben wir es bekommen. In Afghanistan, wenn wir da etwas brauchten, haben wir uns \u00fcberlegt, wie wir ohne es zurechtkommen. Das \u00e4ndert sich gerade. Wir sp\u00fcren, dass die Regierung es ernst meint mit ihren neuen Priorit\u00e4ten.\u201c<\/p>\n<p>Wie anders hingegen die Stimmung, die im Hauptquartier der europ\u00e4ischen Polizeimission EUPOL in Kabul herrscht. Die EU-Ausbilder residieren in einem neuen zweist\u00f6ckigen B\u00fcrogeb\u00e4ude von ausgesuchter Behaglichkeit, mit begr\u00fcntem Atrium und heimischem roten Backstein. Ein paar Afghanen liefern gerade schmucke, handgekn\u00fcpfte Teppiche an, die ein paar deutsche Polizisten fachm\u00e4nnisch in Augenschein nehmen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/05\/eupol_ii.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/05\/eupol_ii.jpg\" alt=\"\" title=\"eupol_ii\" width=\"410\" height=\"307\" class=\"alignnone size-full wp-image-609\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/05\/eupol_ii.jpg 410w, https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/05\/eupol_ii-300x224.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 410px) 100vw, 410px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Das EU-Projekt hat deutsche Wurzeln \u2013 und nicht alle hier sind gut auf die beiden Missionschefs zu sprechen, die Berlin nach Kabul entsandt hatte. \u201eDas war ein Kaffee-Job f\u00fcr die, ein gut bezahlter Kaffee-Job\u201c, l\u00e4stert ein nordeurop\u00e4ischer Diplomat.<\/p>\n<p>Mittlerweile hat der D\u00e4ne Kai Vittrup die Leitung von EUPOL \u00fcbernommen. Er ist ein drahtiger Mann, dem anzumerken ist, wie er f\u00fcr seine Aufgabe brennt. Noch ist er nicht dazu gekommen, in seinem B\u00fcro Bilder aufzuh\u00e4ngen, und im Zimmer nebenan wird gerade heftig geh\u00e4mmert und gebohrt. \u201eWir m\u00fcssen f\u00fcr Ergebnisse sorgen\u201c, sagt Vittrup ungeduldig. &#8222;Ich will auch Leute in den (gef\u00e4hrlichen) Osten des Landes rausschicken. Aber dazu brauchen wir Unterk\u00fcnfte und die logistische Einbindung ins Milit\u00e4r.&#8220;<\/p>\n<p>Vittrups gr\u00f6\u00dftes Problem, sagt er, bestehe darin, dass sich europ\u00e4ische Polizisten, anders als Soldaten, nicht nach Afghanistan zwingen lie\u00dfen. Der Einsatz im Ausland ist freiwillig, und wer den Schritt von Zuhause weg schon wage, sagt Vittrup, der w\u00e4hle als Standort doch eher das Kosovo oder Georgien statt Afghanistan. \u201eDa ist es viel freundlicher. Da gibt es sch\u00f6ne Innenst\u00e4dte und Stra\u00dfencaf\u00e9s. Die Optionen f\u00fcr Kabul sind etwas andere. Hier kann man get\u00f6tet werden.\u201c Das mache einen Einsatz in Afghanistan auch f\u00fcr Frau und Kind schwer vermittelbar.<\/p>\n<p>Das Resultat: Der EU-Mission fehlen noch immer viel zu viele Ausbilder. 30 000 Polizisten will Vittrup in den n\u00e4chsten Jahren ausbilden. Doch daf\u00fcr m\u00fcsste er viel mehr Trainer hinaus in die St\u00e4dte schicken k\u00f6nnen, nach Mazar-i-Sharif oder nach Herat. \u201eWir k\u00f6nnen nur hoffen\u201c, res\u00fcmiert der D\u00e4ne, \u201edass sich mehr Freiwillige finden.\u201c<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/05\/eupol.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/05\/eupol.jpg\" alt=\"\" title=\"eupol\" width=\"410\" height=\"307\" class=\"alignnone size-full wp-image-612\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/05\/eupol.jpg 410w, https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/05\/eupol-300x224.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 410px) 100vw, 410px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Vielleicht k\u00f6nnte es helfen, wenn die Europ\u00e4ische Union die Anreize f\u00fcr Polizisten erh\u00f6hen w\u00fcrden, sich auf die Mission zu begeben. Denn bisher scheinen vor allem zwei Motivationen EU-Polizisten nach Afghanistan zu treiben, auf die niemand setzen kann, der eine Vielzahl von Beamten braucht: Idealismus f\u00fcr die Sache und Frust in der Heimat.<\/p>\n<p>Von beiden berichtet der deutsche Bundespolizist Martin Heyne. Der 38j\u00e4hrige Beamte entschied sich 2005, f\u00fcr neun Monate als Aufbauhelfer nach Kabul zu gehen. Neben dem \u201estarken inneren Wunsch, sich einer herausfordernden Auslandsverwendung zu stellen\u201c, sagt Heyne, habe er auch nach einer Erleichterung f\u00fcr sein Privatleben gesucht.<\/p>\n<p>\u201eIch denke, dass Auslandsverwendungen oft eine Flucht vor einer Situation in der Heimat sind. Ich selbst befand mich in einer Ehekrise. Nach dem ersten Heimaturlaub, aus der Distanz heraus, habe ich mich dann einvernehmlich von meiner Frau getrennt. 2006 habe ich mich scheiden lassen. Andere Kollegen haben \u00e4hnliche Erfahrungen gemacht.\u201c<\/p>\n<p>Und Heyne machte noch eine Erfahrung, von der viele Afghanistan-R\u00fcckkehrer berichten. Er fing sich eine Darmerkrankung ein, die langwierig tropenmedizinisch behandelt werden musste. Bis heute, sagt Heyne, leide er unter erheblichen Magen-Darm-Problemen. \u201eIch denke, sie h\u00e4ngen mit psychischem Stress zusammen, der zumindest zum Teil wohl auch auf die Auslandsverwendung zur\u00fcckgeht.\u201c In der R\u00fcckschau sei die Zeit in Kabul ein \u201eknallharter Knochenjob\u201c gewesen. W\u00fcrde er ihn zu denselben Bedingungen noch einmal machen? Ja, sagt der Beamte, der derzeit am Frankfurter Flughaften Dienst tut &#8211; &#8222;wenn die Gesundheit wieder stimmt&#8220;.<\/p>\n<p>Denn Heyne glaubt trotz aller zahlenm\u00e4\u00dfigen Erfolge der Amerikaner, dass die deutsche Methode beim Polizeiaufbau erfolgversprechender sei.<\/p>\n<p>&#8222;Ohne die f\u00fcr uns typische Gr\u00fcndlichkeit und Nachhaltigkeit kaum Aussicht auf ein Missionsende besteht. Denn die endemische Korruption in Afghanistan und die aus sozialem Verst\u00e4ndnis heraus gewachsene Vetternwirtschaft machen jede auf kurze Sicht geplante Ma\u00dfnahmen zu einem Debakel. Mein Motto f\u00fcr den Afghanistan-Einsatz lautete immer: Entweder wir machen es richtig oder gar nicht.&#8220;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/05\/soldaten-kandahar.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/05\/soldaten-kandahar.jpg\" alt=\"\" title=\"soldaten-kandahar\" width=\"410\" height=\"307\" class=\"alignnone size-full wp-image-614\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/05\/soldaten-kandahar.jpg 410w, https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/05\/soldaten-kandahar-300x224.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 410px) 100vw, 410px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die holl\u00e4ndischen Soldaten in Kandahar freuen sich derweil auf die Truppenverst\u00e4rkung aus Amerika. Die Krieger, die jetzt Tag f\u00fcr Tag auf dem Airfield im S\u00fcden landen, z\u00e4hlen zu den feuerst\u00e4rksten, modernsten Einheiten, die die USA zu bieten haben. Die \u201e2nd Marine Expeditionary Brigade\u201c rauscht heran, nebst einer \u201eCombat Aviation Brigade\u201c mit 100 Kampfhubschraubern. Nach Nation Building klingt das nicht gerade.<\/p>\n<p>Keine Sorge, sagen die Holl\u00e4nder. \u201eDas Kommando hier f\u00fchren wir. Und unsere Strategie ist gut. Die Amerikaner werden sich der anpassen m\u00fcssen.\u201c Das hei\u00dfe konkret: Nicht den Kampf suchen, sondern Sicherheitsdienste leisten f\u00fcr jene Afghanen, die ihr Land voranbringen wollen. F\u00fcr Polizisten, Lehrer, Bauarbeiter. Sieben niederl\u00e4ndische Offiziere seien schon im Pentagon gewesen und h\u00e4tten ihre Counterparts dort entsprechend eingestimmt. \u201eDie wissen jetzt, was Sache ist. Ihre Hauptaufgabe ist es nicht, die Taliban zu besiegen, sondern die Bev\u00f6lkerung f\u00fcr sich zu gewinnen.\u201c<\/p>\n<p>Auch so kann transatlantische Zusammenarbeit aussehen. Wenn Europa sich was traut.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warum es die Europ\u00e4ische Union im Gegensatz zu den USA nicht schafft, gen\u00fcgend Polizeiausbilder nach Afghanistan zu bekommen (Videobeitrag inklusive) Kabul 82 000 einheimischen Polizisten versehen laut Angaben der Nato bisher in Afghanistan ihren Dienst. Das sind offenkundig viel zu wenige f\u00fcr ein konfliktgebeuteltes Land von 32 Millionen Menschen (in Deutschland, zum Vergleich, gibt es [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":66,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[614],"tags":[],"class_list":["post-603","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-global-player-europa"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/603","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/66"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=603"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/603\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=603"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=603"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=603"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}