{"id":66,"date":"2008-05-19T15:27:14","date_gmt":"2008-05-19T14:27:14","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/2008\/05\/19\/die-zweite-entdeckung-amerikas_66"},"modified":"2008-05-19T15:27:14","modified_gmt":"2008-05-19T14:27:14","slug":"die-zweite-entdeckung-amerikas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/2008\/05\/19\/die-zweite-entdeckung-amerikas_66","title":{"rendered":"Die zweite Entdeckung Amerikas"},"content":{"rendered":"<p>Eigentlich ist S\u00fcdamerika f\u00fcr die Europ\u00e4er ja kein ganz neuer Kontinent. Das geeinte Europa selbst aber macht sich jetzt erst, f\u00fcnfhundert Jahre nach der Conquista, auf, Lateinamerika zu entdecken.<\/p>\n<p>Soeben trafen die 27 Staatschef der EU in Lima die Pr\u00e4sidenten Lateinamerikas, um \u00fcber gemeinsame Zukunftsaufgaben zu sprechen. Aus Sicht der Europ\u00e4ischen Union spielt S\u00fcdamerika auf der Weltb\u00fchne mittlerweile die Rolle eines immer ernster zu nehmenden Heranwachsenden. Einer, mit dem es sich aus mehreren Gr\u00fcnden lohnt, engere Beziehungen aufzubauen.<\/p>\n<p>Da ist zum einen das, was S\u00fcdamerika nicht mehr ist: ein mit Dikaturen gespickter Erdteil.<\/p>\n<p>Waren in den 70er Jahren fast noch \u00fcberall autorit\u00e4re Regime an der Macht, herrschen mittlerweile in beinahe allen lateinamerikanischen Staaten &#8211; Kuba ausgenommen &#8211; demokratisch legitimierte Regierungen.<\/p>\n<p>Und da ist das, was S\u00fcdamerika noch nicht ist: ein stabiler, verl\u00e4sslicher Partner in der Weltpolitik. Von den 550 Millionen Einwohnern leben mehr als 200 Millionen unter der Armutsgrenze. 80 Millionen leiden gar Hunger. Die soziale und wirtschaftliche Kluft macht viele Menschen anf\u00e4llig f\u00fcr populistische Linkspolitiker, mit denen eine konstruktive Au\u00dfenpolitik kaum m\u00f6glich erscheint. In Bolivien und Venezuala herrschen mit Evo Morales und Hugo Chavez sozialistische Hei\u00dfsporne, Kolumbien und Ecuador sind innenpolitisch zerrissen und fragil.<\/p>\n<p>Die Strategie der EU der lautet, mit der Bek\u00e4mpfung von Armut zugleich sich selbst zu helfen. Denn ebenso wie Lateinamerika weiteren Wirtschaftsaufschwung und \u201cgood governance\u201d braucht, braucht Europa den Kontinent als Absatzmarkt &#8211; und f\u00fcr den Klimaschutz, wie Br\u00fcsseler Diplomaten gerne etwas lauter ank\u00fcndigen. &#8222;Zusammen&#8220;, z\u00e4hlt der Vorsitzende der Sozialdemokraten im Europaparlament, Martin Schulz, in der <em>FAZ<\/em> auf, &#8222;verf\u00fcgen Europa, Lateinamerika und die Karibik-Staaten \u00fcber eine Milliarde Menschen, ein Viertel des weltweiten Bruttosozialprodukts, sie z\u00e4hlen 60 Staaten, besetzen zurzeit sieben Sitze im Sicherheitsrat und ein Drittel der Stimmen der Generalversammlung der Vereinten Nationen.&#8220;<\/p>\n<p>Bundeskanzlerin Angela Merkel nutzte den Gipfel in Peru, um zus\u00e4tzlich Brasilien, Kolumbien und Mexiko zu besuchen,<br \/>\nbegleitet von einer elfk\u00f6pfigen Wirtschaftsdelegation. Die Bundesregierung hatte darauf gehofft, dass zwischen der EU und der s\u00fcdamerikanischen Freihandelszone MERCOSUR ein Assoziierungsabkommen zustande kommt &#8211; noch immer aber stocken die Verhandlungen, &#8222;auch weil die EU ihrer moralischen Verplichtung nicht nachkommt, den Agrarprotektionismus abzuschw\u00e4chen&#8220;, so Martin Schulz.<\/p>\n<p>\u201cW\u00e4hrend die Mitglieder des MERCOSUR einen besseren Zugang zum abgeschotteten EU-Markt f\u00fcr Agrarprodukte anstreben, erhoffen sich europ\u00e4ische Unternehmen Erleichterungen f\u00fcr Investitionen und bei der Vergabe von Staatsauftr\u00e4gen\u201d, hei\u00dft es im &#8211; durchaus lesenswerten &#8211; <a href=\"http:\/\/www.kas.de\/wf\/doc\/kas_13703-544-1-30.pdf\">Strategiepapier <\/a>der CDU\/CSU-Bundestagsfraktion zu Lateinamerika.<\/p>\n<p>Angela Merkel hat ihre ersten starken Eindr\u00fccke von Lateinamerika schon vor Beginn der Reise empfangen, die sie vom 13. bis zum 20. Mai auf den Subkontinent f\u00fchrt: Venezuelas Staatschef Hugo Chavez r\u00fcckte die Bundeskanzlerin rhetorisch in die Nachbarschaft des Nationalsozialismus, als Erbin einer politischen Rechten, \u00bbdie Hitler und den Faschismus unterst\u00fctzt hat\u00ab.<\/p>\n<p>Trotz solcher pr\u00e4potenten Potentaten will Europa in S\u00fcdamerika aufs Gas dr\u00fccken. Denn vor allem China macht als Handelspartner Konkurrenz &#8211; durch den massenhaften <em>Im<\/em>port von s\u00fcdamerikanischen Rohstoffen und den <em>Ex<\/em>port von Technik.<\/p>\n<p>\u201cDie EU, mit 20 Prozent Anteil die weltgr\u00f6\u00dfte Handelsmacht, wickelt hingegen mit Lateinamerika weniger als 5 Prozent ihres gesamten Au\u00dfenhandels ab\u201d, klagt die CDU. H\u00f6chste Zeit also, den Kontinent ein zweites Mal zu entdecken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eigentlich ist S\u00fcdamerika f\u00fcr die Europ\u00e4er ja kein ganz neuer Kontinent. Das geeinte Europa selbst aber macht sich jetzt erst, f\u00fcnfhundert Jahre nach der Conquista, auf, Lateinamerika zu entdecken. Soeben trafen die 27 Staatschef der EU in Lima die Pr\u00e4sidenten Lateinamerikas, um \u00fcber gemeinsame Zukunftsaufgaben zu sprechen. Aus Sicht der Europ\u00e4ischen Union spielt S\u00fcdamerika auf [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":66,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[614],"tags":[],"class_list":["post-66","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-global-player-europa"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/66","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/66"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=66"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/66\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=66"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=66"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=66"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}