{"id":7,"date":"2007-12-12T14:31:34","date_gmt":"2007-12-12T13:31:34","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/2007\/12\/12\/der-rat-der-weisen-darf-nicht-so-heisen_7"},"modified":"2007-12-12T14:31:34","modified_gmt":"2007-12-12T13:31:34","slug":"der-rat-der-weisen-darf-nicht-so-heisen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/2007\/12\/12\/der-rat-der-weisen-darf-nicht-so-heisen_7","title":{"rendered":"Der &#8222;Rat der Weisen&#8220; darf nicht so hei\u00dfen"},"content":{"rendered":"<p>Soll die Europ\u00e4ische Union eigentlich mehr sein als n\u00fctzlich? Mehr als nur n\u00fctzlich f\u00fcr den Warenaustausch, f\u00fcr die Lebensmittelsicherheit, f\u00fcr die wirtschaftliche Liberalisierung des Kontinents und f\u00fcr die Sicherung seiner Au\u00dfengrenzen?<\/p>\n<p>Nein, k\u00f6nnte man gelassen antworten. Es handelt sich bei der EU eben schlicht um ein Zweckb\u00fcndnis aus Staaten, die sich gegenseitig das Leben ein bisschen leichter machen wollen. Das ist nicht besonders herzerw\u00e4rmend, zugegeben. Aber darf man ernsthaft mehr erwarten?<\/p>\n<p>Ja. Man muss sogar.<\/p>\n<p>Denn siehe da, es gibt au\u00dferhalb Europas auch noch so etwas wie eine b\u00f6se Welt. Es gibt ein neo-imperiales Russland, das mit seinen Gasreserven hantiert wie ein Halbstarker mit einem Klappmesser. Es gibt immer weniger \u00d6l unter den B\u00f6den muslimischer Staaten, die von Terroristen ersch\u00fcttert werden. Es gibt neue Marktm\u00e4chte wie China oder Indien, die in rasender Geschwindigkeit Kapital und Ideen aus Europa absaugen und die f\u00fcr entscheidungstr\u00e4ge Demokratien mit solchem Sozialluxus wie Arbeiterrechten nur ein mildes L\u00e4cheln \u00fcbrig haben.<\/p>\n<p>W\u00e4hrenddessen l\u00e4uft Europa seit Jahrzehnten auf einem politischen Stand-by-Betrieb. Alle Systeme funktionieren ordentlich, noch dazu hat sich der Apparat mit dem Reform-Vertrag eine neue Bedienungsanleitung geschaffen. Blo\u00df: Wozu soll das noble Ger\u00e4t eigentlich dienen? Was ist die Aufgabe der EU jenseits der Sicherung inneren Friedens und Wohlstands? Diese historischen Gr\u00fcndungsziele sind schlie\u00dflich erreicht. Jetzt braucht es neue.<br \/>\nZum Beispiel die Vision eines Europas, das in der Lage ist, seinen Frieden und seinen Wohlstand gegen\u00fcber einem nicht ganz so friedlichen, daf\u00fcr umso aggressiver nach Wohlstand strebenden Rest der Welt zu erhalten. Zum Beispiel, indem es sich fragt, warum ein so unglaublich reicher Club wie die EU unglaubliche 50 Milliarden Euro j\u00e4hrlich in die Taschen seiner Bauern pumpt, w\u00e4hrend China in die modernsten Containerh\u00e4fen Welt investiert und High-Tech-Ingieure produziert wie am Flie\u00dfband.<\/p>\n<p>Ob Frankreichs Pr\u00e4sident Sarkozy diese Fragen vorschwebten, als er vor einigen Monaten vorschlug, einen &#8222;Rat der Weisen&#8220; ins Leben zu rufen, der sich mit der Zukunft Europas besch\u00e4ftigen solle, wissen wir nicht. H\u00f6chstwahrscheinlich hat der Mann eher im Sinn, sich seine Ansicht, die T\u00fcrkei geh\u00f6re geografisch und kulturell nicht zu Europa, von einem berufenen Gremium absegnen zu lassen.<br \/>\nJedenfalls l\u00f6ste sein Vorschlag in den anderen L\u00e4ndern keine h\u00f6rbare Begeisterung aus. Deutschland nickte immerhin freundlich und versprach Pr\u00fcfung.<\/p>\n<p>Ende dieser Woche nun wollen sich die EU-Regierungschefs bei ihrem halbj\u00e4hrlichen Gipfel in Br\u00fcssel \u00fcber den &#8222;Weisenrat&#8220; unterhalten.<\/p>\n<p>Das, was von deutscher Seite schon heute an Erwartungen zu h\u00f6ren ist, gibt Anlass zur Bef\u00fcrchtung, dass eine im Kern gute Idee bis zur Unkenntlichkeit verb\u00fcrokratisiert werden wird. So soll der &#8222;Weisenrat&#8220; schon einmal nicht &#8222;Weisenrat&#8220; hei\u00dfen, sondern &#8222;Reflexionsgruppe&#8220;. Das ist dann geschlechtlich ebenso korrekt wie klanglich widerw\u00e4rtig.<\/p>\n<p>Ferner ist der Bundesregierung vor allem klar, was der Rat <em>nicht <\/em>sein soll.<br \/>\nEr soll nicht \u00fcber die geografischen Grenzen der EU nachdenken (wegen des T\u00fcrkei-Streits).<br \/>\nEr soll nicht \u00fcber Institutionen nachdenken (das hat die EU lange genug getan, und die Ergebnisse stehen im Reformvertrag).<br \/>\nEr soll nicht viel l\u00e4nger tagen als ein Jahr.<br \/>\nEr soll seine Ergebnisse nicht vor der Europawahl 2009 ver\u00f6ffentlichen.<br \/>\nEr soll nicht mehr Mitglieder haben als ein knappes halbes Dutzend.<br \/>\nEs ist angeblich noch nicht klar, wen Deutschland als Kandidaten f\u00fcr den Rat bennen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Das Vorstellungsverm\u00f6gen Br\u00fcsseler Diplomaten reicht derzeit, nicht ganz im Ernst freilich, von Helmut Kohl bis Franz Beckenbauer.<\/p>\n<p>Schade eigentlich.<br \/>\nDie Idee h\u00e4tte weiser sein k\u00f6nnen als ihr Urheber.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Soll die Europ\u00e4ische Union eigentlich mehr sein als n\u00fctzlich? 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