{"id":705,"date":"2009-06-15T10:30:28","date_gmt":"2009-06-15T09:30:28","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/?p=705"},"modified":"2009-06-15T10:30:28","modified_gmt":"2009-06-15T09:30:28","slug":"in-der-kritiker-falle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/2009\/06\/15\/in-der-kritiker-falle_705","title":{"rendered":"In der Kritiker-Falle"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der EU-Schreck Hans-Peter Martin sagt viel Richtiges.<br \/>\nAber leider oft im falschen Ton<\/strong><\/p>\n<p>Im Europ\u00e4ischen Parlament sitzt Hans-Peter Martin weit au\u00dfen am Rand. \u201eGleich hinter mir haben sie diese Rechtsradikalen hingesetzt\u201c, klagt er. \u201eAuch so eine kleine Infamie.\u201c Selbst beschreibt sich der 51 Jahre alte \u00d6sterreicher und ehemalige Spiegel-Redakteur als ursozialdemokratisch. Und \u201esie\u201c, das ist die \u201everkommene Elite\u201c der EU-Politiker, die \u201enoch viel schlimmer\u201c sei als ihr Ruf.<br \/>\n\u201eSparsamkeit und Effizienz sind ihnen wesensfremd. Beim Abzocken hingegen fehlt weiterhin fast jeder Skrupel: Verschwendung, L\u00fcgen, abgeschmackte Intrigen, Prasserei, Umleitung von Euro-Millionen in private Taschen, eine zynische Gier ohne Ende und ein menschenverachtendes Desinteresse am W\u00e4hler \u2013 all dies bleibt eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit.\u201c<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/06\/europafalle_martin.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/06\/europafalle_martin.jpg\" alt=\"\" title=\"europafalle_martin\" width=\"153\" height=\"248\" class=\"alignleft size-full wp-image-707\" \/><\/a>Passagen wie diese vergiften ein Buch, das andernfalls verdienstvoll gewesen w\u00e4re. Aber leider tritt der Autor der \u201eEuropafalle\u201c schnurstracks in die Europakritiker-Falle. Statt schlicht mit k\u00fchlem Kopf die Missst\u00e4nde zu benennen, f\u00fcr die der EU-Apparat sich in der Tat sch\u00e4men sollte, pr\u00fcgelt Martin drauf los, schl\u00e4gt um sich und schreit wie ein Opfer grausamen Unrechts.<br \/>\nEin bisschen l\u00e4sst sich das nachvollziehen. Martin, der sich als \u201einvestigativer Abgeordneter\u201c versteht, deckte 2004 zusammen mit <em>stern TV<\/em> einen Spesenskandal im Europ\u00e4ischen Parlament auf. Etliche Abgeordnete trugen sich am Freitagmorgen noch schnell in die Anwesenheitsliste ein, die ihnen knapp 300 Euro Tagegeld garantiert, um sich direkt danach ins Wochenende zu verabschieden.<\/p>\n<p>Solches Nachhaken sch\u00e4tzen die W\u00e4hler. Bei den Europawahlen am 7. Juni erhielt die Liste Hans-Martin Martin in \u00d6sterreich 18 Prozent der Stimmen.<\/p>\n<p>Im Stra\u00dfburger Habitat aber gilt Martin als artfremd. Eine einge\u00fcbte Methode des EU-Establishments, Beschuss abzuwehren, funktioniert n\u00e4mlich so: Kritiker oder Nestbeschmutzer werden schlicht als \u201eEU-Feinde\u201c abstempelt, denn wer ein EU-Feind ist, sprich: keinen Wohlstand und keine Demokratie will, der hat sie doch wohl nicht alle an der Waffel.<\/p>\n<p>Traurig aber verst\u00e4ndlich, dass ein streitbarer Geist wie Martin in einem solchen Klima umso fester zum Au\u00dfenseiter gedeiht, ja, sich irgendwann in einer fast sklerotischen M\u00e4rtyrerhaltung wiederfindet. \u201eDas Ende von Wohlstand und Demokratie\u201c, lautet die Unterzeile seiner \u201eEuropafalle\u201c. Ach, wer soll das jetzt glauben.<\/p>\n<p>Schade, dass Martin der Europakritiker-Falle nicht auszuweichen versteht. Denn sein Buch birst nur so von spannenden Recherchen und Analysen. \u00dcber Gesetzgebung in Hinterzimmern. \u00dcber Korruption im Apparat. Oder \u00fcber das Gesetz der Schweigens (\u201edie EU-Omerta\u201c) zwischen Lobbyisten und Parlamentariern. Europafreunde sollten schlucken \u2013 und es lesen.<\/p>\n<p><em>Hans-Peter Martin:<br \/>\nDie Europafalle. Das Ende von Demokratie und Wohlstand<br \/>\nPiper 2009, 286 S., 19,50 Euro<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der EU-Schreck Hans-Peter Martin sagt viel Richtiges. Aber leider oft im falschen Ton Im Europ\u00e4ischen Parlament sitzt Hans-Peter Martin weit au\u00dfen am Rand. \u201eGleich hinter mir haben sie diese Rechtsradikalen hingesetzt\u201c, klagt er. \u201eAuch so eine kleine Infamie.\u201c Selbst beschreibt sich der 51 Jahre alte \u00d6sterreicher und ehemalige Spiegel-Redakteur als ursozialdemokratisch. 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