{"id":753,"date":"2009-07-23T09:46:22","date_gmt":"2009-07-23T08:46:22","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/?p=753"},"modified":"2009-07-23T09:46:22","modified_gmt":"2009-07-23T08:46:22","slug":"da-hilft-nur-tucholsky","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/2009\/07\/23\/da-hilft-nur-tucholsky_753","title":{"rendered":"Da hilft nur Tucholsky"},"content":{"rendered":"<p><strong>Was ist das nun in Afghanistan \u2013 Krieg oder nicht Krieg?<\/strong><\/p>\n<p>Sie rollen mit Panzern durchs Gel\u00e4nde. Sie haben eine Offensive gestartet. Sie werden Opfer von Schusswechseln. Und sie erschie\u00dfen selbst. Ist es nun ein Krieg, den die Bundeswehr in Afghanistan f\u00fchrt?<\/p>\n<p>Das h\u00e4ngt nat\u00fcrlich von der Definition dessen ab, was wir unter Krieg verstehen wollen. Andere Nato-Soldaten, Amerikaner, Niederl\u00e4nder, Briten, Tschechen, Polen, Rum\u00e4nen oder Balten, die im S\u00fcden und Osten des Landes regelm\u00e4\u00dfige Schlachten mit Taliban-Verb\u00e4nden schlagen, halten den Norden des Landes, dort, wo die Deutschen stationiert sind, noch immer f\u00fcr vergleichsweise friedliches Gebiet. Zwar betreibt die Nato keinen Body Count. Doch im S\u00fcden des Landes haben nach inoffiziellen Angaben Isaf-Truppen allein im vergangenen Jahr etwa 20 000 Aufst\u00e4ndische get\u00f6tet \u2013 oder solche, die sie daf\u00fcr hielten.<\/p>\n<p>Wie der verteidigungspolitische Sprecher der Gr\u00fcnen, Winfried Nachtwei, k\u00fcrzlich bei einem Isaf-Besuch notiert hat, konzentrieren sich die Angriffe auf die Schutztruppen auf die Provinz Helmand (durchschnittlich 10,6 Angriffe pro Tag zwischen Oktober 2008 und Mai 2009), Kandahar (4,6 Angriffe pro Tag) und Kunar (4 Angriffe pro Tag). Die Regionen, in denen die Deutschen stationiert sind, bilden statistisch noch immer die ruhigsten. In Kundus gab es 0,7, in Kabul 0,6, in Badakhschan weniger als 0,1 Angriffe pro Tag.<\/p>\n<p>Doch es sind weder die Krieger anderer Nationen noch Statistiken, die definieren, was in Deutschland als Krieg gilt. Sondern die Bev\u00f6lkerung. &#8222;Das Volk&#8220; hat Kurt Tucholsky einmal gesagt, &#8222;versteht das meiste falsch, aber es f\u00fchlt das meiste richtig.\u201c<\/p>\n<p>\u00dcber Afghanistan denkt das Volk, die Bundeswehr sei dort, um den Einheimischen einen westlichen Lebensstil aufzuzwingen. Das ist falsch, weil die Afghanen wollen, dass die Nato-Truppen ihnen Schutz, Sicherheit und eigene Entwicklungsm\u00f6glichkeiten bieten. 90 Prozent der Afghanen, sagen Umfragen, wollen die Taliban nicht zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Was aber f\u00fchlt das Volk, wir Deutschen, \u00fcber den Afghanistan-Einsatz?<\/p>\n<p>Es f\u00fchlt zun\u00e4chst einmal, dass die alte Rechtfertigung, wonach Deutschlands Sicherheit am Hindukusch verteidigt werde, zumindest gr\u00fcndlich perforiert ist. Denn erstens hat es in Deutschland bereits Attentatsplanungen gegeben, die rein gar nichts mit Afghanistan zu tun hatten (etwa die \u201eKofferbomber\u201c von Kiel, die aus dem Libanon stammten und sich spontan zu ihren Taten entschlossen), sind Deutsche in Bombenexplosionen gestorben, deren Drahtzieher aus Afrika oder Asien kamen (Dscherba, Bali) und ist selbst der 11. September nicht ma\u00dfgeblich in Afghanistan vorbereitet worden, sondern in Hamburg-Harburg. Sicher, al-Qaida als quasi-milit\u00e4rische Organisation ist zerst\u00f6rt. Aber das Bild vom Funktionsprinzip Internet stimmt eben doch: Wird hier ein Server lahmgelehmt, \u00fcbernimmt dort ein anderer das Gesch\u00e4ft.<\/p>\n<p>Zweitens hat sich die Haupt-Trainingsdrehscheibe f\u00fcr Wanderdschihadisten l\u00e4ngst nach Pakistan verlagert. Doch Bundeswehr-Truppen dorthin zu verlegen, fordert kein Mensch. Deswegen breitet sich das Gef\u00fchl aus, Deutschland mache blo\u00df noch aus irgendwie altmodischer Solidarit\u00e4t mit in Afghanistan. Betreibe Verteidigungspolitik im G\u00e4nsemarsch, gewisserma\u00dfen.<\/p>\n<p>Das Volk f\u00fchlt auch, dass sich Kanzlerin, Au\u00dfenminister und der (rhetorisch ohnehin abzuschreibende, will man mundartliche Wortpr\u00e4gungen wie &#8222;friedsche Entwicklung&#8220; nicht als kreativ gelten lassen) Verteidigungsminister vor einer ehrlichen, aktualisierten Diskussion um den Afghanistan-Einsatz dr\u00fccken. Eine klare Botschaft w\u00e4re zum Beispiel die: Deutschland stabilisiert Afghanistan, weil es will, dass aus einem Land mit einer Gesellschafts- und Herrschaftsform aus dem 12. Jahrhundert ein Staat wird, der in der globalisierten Welt wenigstens minimale moralische und markwirtschaftliche Wettbewerbschancen hat. In dem Frauen nicht gesteinigt und M\u00e4dchen nicht erschossen werden, nur weil sie zur Schule gehen m\u00f6chten. In dem nicht mehr 90 Prozent des Opiums f\u00fcr den weltweiten Heroinhandel produziert werden. In dem keine Steinzeitislamisten mehr an die Macht kommen, die Musik verbieten und Burkhas verordnen. &#8222;Es wird ja immer gerne Clausewitz zitiert, wonach der Krieg die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln ist&#8220;, sagt unl\u00e4ngst der britische Au\u00dfenminister David Miliband bei einem Besuch im Br\u00fcsseler Hauptquartier der Nato, &#8222;aber was wir in Afghanistan wollen, ist Politik als Fortsetzung der milit\u00e4rischen Anstrengungen.&#8220;<\/p>\n<p>Das alles w\u00e4re eine Rechtfertigung, die ohne al-Qaida-Beschw\u00f6rung ausk\u00e4me \u2013 ja, ehrlicherweise auskommen m\u00fcsste. Aber w\u00fcrde das reichen, um die Deutschen bei der Stange zu halten?<br \/>\nWohl nicht. Denn wenn die Sicherheit Deutschlands nicht gef\u00e4hrdet ist, ja dann, so f\u00fchlt das Volk, warum sollen dann deutsche Soldaten dort sterben? Andere V\u00f6lker m\u00f6gen ja anders f\u00fchlen. Amerikaner zum Beispiel, die es schlicht als heldenhaft erachten, f\u00fcr die Durchsetzung von Menschenrechten in den Gebirgen Mittelasiens zu fallen. Wir, als postheroische Gesellschaft, tun das nicht. Die Bundeswehr kennt keine Helden, sie kennt nur Opfer. An dieser ethischen Grundierung Nachkriegsdeutschlands \u00e4ndern auch Ehrenmale, Tapferkeitsorden und \u00f6ffentliche Gel\u00f6bnisse nichts.<\/p>\n<p>Das fehlende Faible f\u00fcrs Heldentum hat aber auch damit zu tun, dass es den Deutschen im vergangenen halben Jahrhundert gelungen ist, tats\u00e4chlich eine Armee von Staatsb\u00fcrgern in Uniform heranzuziehen. Deutschland verf\u00fcgt \u00fcber keine Kriegerkaste wie die Angelsachsen, also \u00fcber keinen Berufstand, der ebenso akzeptiert und geachtet w\u00e4re daf\u00fcr, dass seine Mitglieder auf Gehei\u00df der Regierung ihr Leben opfern. Die Vorstellung, dass es Profis gibt, die genau \u201edaf\u00fcr da\u201c sind und deren Corpsgeist eine gewisse Verlustunempfindlichkeit mit sich bringt, ist diesem Land (zum Gl\u00fcck) fremd geworden. &#8222;Wenn britische Soldaten ums Leben kommen, tut das politisch nicht weh. Bei uns geht der Verteidigungsminister dagegen zu jedem Begr\u00e4bnis&#8220;, sagt ein ranghoher deutscher Nato-Diplomat, &#8222;wenn britische Soldaten Taliban t\u00f6ten, gilt das in der Heimat als Erfolg. Bei uns nimmt nach jeder T\u00f6tung der Staatsanwalt Ermittlungen auf.&#8220;<\/p>\n<p>Die Deutschen verf\u00fcgen schlicht \u00fcber eine niedrigere, nennen wir es einmal: Kriegstoleranz als andere V\u00f6lker. Laut einer Umfrage des German Marshall Fund glauben nur 25 Prozent der Deutschen, dass es Umst\u00e4nde geben k\u00f6nnte, unter denen ein Krieg gerechtfertigt sein k\u00f6nnte. In Amerika glauben es 74 Prozent.<\/p>\n<p>Mit anderen Worten: Wir Deutschen lehnen einen Krieg doppelt so schnell ab wie andere Nationen. Ob diese Sensibilit\u00e4t in sich selbst richtig ist, das spielt \u2013 f\u00fcr das politische Inertialsystem Berlin \u2013 keine Rolle. Die wahlk\u00e4mpfenden Parteien werden nicht versuchen, die Kriegstoleranz der Deutschen zu ver\u00e4ndern. Im Gegenteil. Sie werden ihre Gef\u00fchle umso ernster nehmen, je n\u00e4her der 27. September r\u00fcckt.<\/p>\n<p><em>Zur Diskussion auf zeit.de (\u00fcber 50 Kommentare) hier <a href=\"http:\/\/kommentare.zeit.de\/article\/2009\/07\/23\/kein-faible-f%C3%BCrs-heldentum\">entlang<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was ist das nun in Afghanistan \u2013 Krieg oder nicht Krieg? Sie rollen mit Panzern durchs Gel\u00e4nde. Sie haben eine Offensive gestartet. Sie werden Opfer von Schusswechseln. Und sie erschie\u00dfen selbst. 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