{"id":763,"date":"2009-07-24T16:26:11","date_gmt":"2009-07-24T15:26:11","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/?p=763"},"modified":"2009-07-24T16:26:11","modified_gmt":"2009-07-24T15:26:11","slug":"bah-fisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/2009\/07\/24\/bah-fisch_763","title":{"rendered":"B\u00e4h, Fisch!"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die europ\u00e4ische Fischereipolitik ist ein einziger Skandal.<br \/>\nWarum traut sich trotzdem kein Politiker an sie heran?<\/strong><\/p>\n<p>Markus Knigge und Mike Walker haben den vielleicht depremierendsten Job aller Br\u00fcsseler Lobbyisten. Aber daf\u00fcr daf\u00fcr erscheinen sie recht gut gelaunt.<\/p>\n<p>In einem indischen Restaurant im Schatten des Kommissions-Geb\u00e4udes sitzen mir die beiden jungen M\u00e4nner, ein Deutscher und ein Ire, gegen\u00fcber &#8211; und strahlen.<\/p>\n<p>&#8222;Wir sind die Fisch-Retter!&#8220;, sagen sie.<\/p>\n<p>Markus und Mike arbeiten f\u00fcr den PEW Environment Trust, einer Umweltschutzorganisation mit Stammsitz in den USA. In Br\u00fcssel hat die Organisationen vor gut einem Jahr eine B\u00fcro gegr\u00fcndet, und was Mike, Markus und ein halbes Dutzendes weiterer Mitarbeiter von dort aus versuchen, erscheint als ebenso nobler wie aussichtsloser Kampf gegen ein B\u00fcndnis von 26 sturk\u00f6pfigen Regierungen.<\/p>\n<p>Mike, Markus &#038; Co. m\u00f6chten Europa davon abbringen, pro Jahr mehr als vier Milliarden Euro auszugeben, um die Fischbest\u00e4nden in den Meeren zu vernichten. Diesen Effekt, kurz gefasst, attestieren die beiden n\u00e4mlich der Fischereipolitik der Europ\u00e4ischen Union.<\/p>\n<p>&#8222;Die Details sind sehr technisch und kompliziert&#8220;, sagt Markus und bestellt ein vegetarisches Curry. &#8222;Aber das Grundproblem ist ganz einfach: Wir fischen zu viel. Es gibt zu viele Boote f\u00fcr zu wenige Fische.&#8220;<\/p>\n<p>Jedes Jahr legen die Landwirtschaftsminister der EU-Mitgliedstaaten Fangquoten f\u00fcr Nord- und Ostsee fest. Und jedes Jahr, beklagen Kritiker wie Markus und Mike, \u00fcberziehen die Minister die Grenzwerte, welche nicht nur die EU-Kommission, sondern auch Wissenschaftler gerne s\u00e4hen. Zwar bem\u00fcht sich die EU-Verwaltung, die Fangquoten m\u00f6glichst niedrig zu halten, doch den meisten Regierungen, klagen Umweltsch\u00fctzer, gehe das kurzfristige Wohlergehen ihrer Fischer vor den langfristigen Bestandschutz der Schw\u00e4rme.<\/p>\n<p>In den vergangenen Jahre haben laut PEW-Angaben die Fanggrenzen im Durchschnitt 48 Prozent \u00fcber den wissenschaftlichen Empfehlungen gelegen. Die Quote f\u00fcr den schottischen Schellfisch allein sei 2007 achtmal h\u00f6her festgesetzt worden als Meeresbiologen angemahnt hatten.<\/p>\n<p>Schleppnetz-Trawler w\u00fcrfen au\u00dferdem zwischen 70 und 90 Prozent ihres Fanges zur\u00fcck ins Meer, weil die Fische entweder zu klein sind oder schlecht verk\u00e4uflich. Immer wieder dokumentieren Umweltsch\u00fctzer mit Kameras von Booten aus, wie tonnenweise toter Beifang \u00fcber Bord gesp\u00fclt wird &#8211; es ist eine unfassbare Vernichtung von Meeresleben. Der Kabeljau, eine vor wenigen Jahren noch stark verbreitete Art, ist in Nord- und Ostsee mittlerweile bestandgef\u00e4hrdet.<\/p>\n<p>Allen voran Spanien, Italien, Portugal und Polen, berichten Mike und Markus, verlangten trotz alledem regelm\u00e4\u00dfig eine Erh\u00f6hung der Quoten. Denn erstens sichere die Fischerei Arbeitspl\u00e4tze in den K\u00fcstenregionen, und zweitens w\u00fcrden die Fangtechniken immer moderner &#8211; nicht zuletzt infolge reichlicher Subventionen, welche die Fischer in neues Ger\u00e4t investieren k\u00f6nnen. 4,3 Millionen Euro sch\u00fcttet die EU im laufenden Sieben-Jahres-Haushaltsplan an Fischereisubventionen aus (Details <a href=\"http:\/\/www.fishsubsidy.org\/\">hier<\/a>). Ergebnis: Die Ausbeutung der Meere wird immer leichter &#8211; und leichtsinniger.<\/p>\n<p>&#8222;Die technisch hochger\u00fcstete Fischereiflotte von Schweden zum Beispiel braucht ganze zwei bis drei Wochen, um die erlaubte Fangmenge f\u00fcr ein ganzes Jahr aus dem Wasser zu ziehen&#8220;, sagt Mike und bestellt ein H\u00fchnchen-Gericht. Dabei sei doch absehbar, welche langfristigen Folgen die \u00dcberfischung haben m\u00fcsse: &#8222;Ohne Fisch gibt&#8217;s irgendwann keine Fischerei mehr. Ist doch eigentlich logisch, oder?&#8220;<\/p>\n<p>Das Problem liegt also auf der Hand. Selbst die EU-Kommission r\u00e4umt ein, dass die gemeinsame Fischereipolitik gescheitert sei, weil sie die Fischbest\u00e4nde bedrohe statt sie zu sch\u00fctzen. Warum also \u00e4ndert die EU nicht den Kurs?<\/p>\n<p>Weil sich zun\u00e4chst einmal die Frage stellt, wer &#8222;die EU&#8220; in diesem Fall eigentlich ist. Und es sind nat\u00fcrlich vor allem diejenigen Staaten, denen das Thema Fischerei aus geografischen Gr\u00fcnden am Herzen liegt. Warum sollten sich schon die Regierungen von Tschechien, \u00d6sterreich oder Slowenien f\u00fcr niedrigere Fangquoten ins Zeug legen? Das verspricht nur politischen Streit. Die Initiativhoheit bleibt damit bei jenen Regierung, die ein Eigeninteresse an hohen Fangquoten haben. Daran, mit anderen Worten, die Fischer nicht als W\u00e4hler zu vergr\u00e4tzen. Zwischen 1994 und 2006, rechnet PEW vor, habe allein Spanien die H\u00e4lfte aller EU-Fischereisubventionen bezogen. Warum sollte Madrid ein Interesse daran haben, diesen Zufluss zu stoppen, wenn dies das schnelle Aus f\u00fcr viele, viele Fischer bedeuten w\u00fcrde?<\/p>\n<p>Dabei verspr\u00e4che das Thema \u00dcberfischung jedem Politiker, der sich traute, es anzufassen und in die \u00d6ffentlichkeit zu tragen, potentiell breite Zustimmung. Gr\u00fcne k\u00f6nnten den Umwelt-Skandal anprangern. Liberale den Subventionswahnsinn gei\u00dfeln. Und Konservative beides. Warum trotzdem nichts passiert, daf\u00fcr hat Mike seine eigene Erkl\u00e4rung:<\/p>\n<p>&#8222;Fische sind einfach nicht so niedlich wie Pandab\u00e4ren. Sie riechen ziemlich komisch, und keiner will sie knuddeln.&#8220;<\/p>\n<p>Stimmt. Wir essen sie lieber. Die Frage ist blo\u00df: Wie lange noch?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die europ\u00e4ische Fischereipolitik ist ein einziger Skandal. Warum traut sich trotzdem kein Politiker an sie heran? Markus Knigge und Mike Walker haben den vielleicht depremierendsten Job aller Br\u00fcsseler Lobbyisten. Aber daf\u00fcr daf\u00fcr erscheinen sie recht gut gelaunt. 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