{"id":784,"date":"2009-08-10T09:14:09","date_gmt":"2009-08-10T08:14:09","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/?p=784"},"modified":"2009-08-10T09:14:09","modified_gmt":"2009-08-10T08:14:09","slug":"mit-charme-und-orangen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/2009\/08\/10\/mit-charme-und-orangen_784","title":{"rendered":"Mit Charme und Orangen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Seit einem halben Jahr jagen EU-Schiffe Piraten am Horn von Afrika. Doch die zeigen sich bisher wenig beeindruckt<\/strong><\/p>\n<p><em><strong>&#8211; 2 Videobeitr\u00e4ge inklusive &#8211;<\/strong><\/em><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/08\/piraten_brucke.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/08\/piraten_brucke.jpg\" alt=\"\" title=\"piraten_brucke\" width=\"410\" height=\"307\" class=\"alignnone size-full wp-image-786\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/08\/piraten_brucke.jpg 410w, https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/08\/piraten_brucke-300x224.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 410px) 100vw, 410px\" \/><\/a><br \/>\nDas Schicksal der Besatzung auf dem kleinen Holzschiff h\u00e4ngt jetzt an einer Handvoll Eis. \u201eIch will das Eis sehen\u201c, gibt Fregattenkapit\u00e4n Ulrich Brosowsky energisch \u00fcbers Funkger\u00e4t durch. Der braungebrannte, sonst eher ruhige Mittvierziger und studierte P\u00e4dagoge steht von seinem Kommandanten-Drehstuhl auf. Durch die Fenster der Br\u00fccke sticht sein Blick hinaus aufs Wasser, wo, etwa dreihundert Meter entfernt, das Marine-Beiboot mit seinen Soldaten neben einem bunt bemalten Fischerkahn d\u00fcmpelt. Ein paar Meter von Brosowsky entfernt, drau\u00dfen an der Schiffswand, haben Maschinengewehrsch\u00fctzen die Szene im Visier. Bei knapp 40 Grad Hitze und sengender Sonne rinnt den st\u00e4mmigen Matrosen der Schwei\u00df in B\u00e4chen unter die Splitterschutzwesten. Noch einmal greift der Kapit\u00e4n zum Funkger\u00e4t. \u201eLasst euch jetzt das Eis zeigen!\u201c<\/p>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/video\/player?videoID=200907296d32c8\">Video von Bord der &#8222;Emden&#8220;<\/a><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/08\/piraten_nock.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/08\/piraten_nock.jpg\" alt=\"\" title=\"piraten_nock\" width=\"410\" height=\"307\" class=\"alignnone size-full wp-image-787\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/08\/piraten_nock.jpg 410w, https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/08\/piraten_nock-300x224.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 410px) 100vw, 410px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Brosowsky und seine Besatzung auf dem Bundeswehr-Kriegsschiff \u201eEmden\u201c sind im Auftrag der Europ\u00e4ischen Union unterwegs. Mitten im Golf von Aden, zwischen der afrikanischen und jemenitischen K\u00fcste, hat die Fregatte aus Wilhelmshaven eine der vielen Hundert so genannten Dhows gestoppt, die in den Gew\u00e4ssern kreuzen. Die meisten der traditionellen Holzkutter geh\u00f6ren harmlosen Thunfisch-Fischern. Doch diese spezielle Schaluppe, so schien es den Wachoffizieren der \u201eEmden\u201c schon durch die Ferngl\u00e4ser, k\u00f6nnte auf andere Beute aus sein. Dutzende F\u00e4sser Treibstoff liegen auf dem Kutter verzurrt, viel zu viel f\u00fcr ihn allein.<\/p>\n<p>Der Verdacht liegt nahe, dass das Boot als schwimmende Nachschubbasis f\u00fcr Piraten dient \u2013 also eines jener \u201eMutterschiffe\u201c sein k\u00f6nnte, von denen aus Seer\u00e4uber das viel befahrene Meer vor dem Suezkanal seit Monaten in das reinste Kriegsgebiet verwandeln. Aufgekratzt geht Kapit\u00e4n Brosowsky auf der Br\u00fccke auf und ab. Wenn die zehn Somalis Eisbarren zur K\u00fchlung an Bord haben, will er ihnen die Erkl\u00e4rung abnehmen, dass sie blo\u00df zu einer Fischerflotte geh\u00f6ren. Wenn nicht, verspricht dieser Vormittag ungem\u00fctlich zu werden.<\/p>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/video\/player?videoID=200907294013c3\">Interview mit dem Kommandanten<\/a><\/strong><\/p>\n<p>Auf der Br\u00fccke beobachtet die Wachmannschaft, junge M\u00e4nner und eine Frau, kaum einer \u00e4lter als 35 Jahre, mit angespannten Mienen, was sich vor dem schlanken Bug der \u201eEmden\u201c abspielt. Das graue 130-Meter-Schiff mit der gewaltigen, drehbaren 76-Millimeter-Kanone auf dem Vordeck muss auf den verlorenen Kutter so bedrohlich wirken wie ein Kampfstern. \u00dcber eine Kamera zoomt ein Soldat mit Sonnenbrand auf den Armen ein W\u00e4rmebild der Dhow heran. Bl\u00e4uliche Schatten von Menschen bewegen sich \u00fcber die Holzaufbauten.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/08\/pirtaten_monitor.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/08\/pirtaten_monitor.jpg\" alt=\"\" title=\"pirtaten_monitor\" width=\"410\" height=\"307\" class=\"alignnone size-full wp-image-788\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/08\/pirtaten_monitor.jpg 410w, https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/08\/pirtaten_monitor-300x224.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 410px) 100vw, 410px\" \/><\/a><\/p>\n<p>111 Mal griffen im Jahr 2008 Piraten in der Gegend Frachtschiffe an, 42 mal gelang es ihnen, mithilfe von Kalashnikows, Enterhaken und Raketenwerfern Schiffe zu kapern. Ganze \u00d6ltanker haben sie schon in ihre Gewalt gebracht. Volle vier Monate dauerte das Martyrium der Besatzung auf dem deutschen Frachter \u201eHansa Stavanger\u201c. Im April von Piraten geentert, kam das Schiff diese Woche f\u00fcr 2,75 Millionen Dollar L\u00f6segeld frei. Doch acht weitere Schiffe mit 157 Menschen an Bord halten Piraten noch immer besetzt. Es sind l\u00e4ngst keine armen Fischer mehr, die aus Verzweiflung Containerriesen entern. Am Horn von Afrika entsteht vielmehr eine hochger\u00fcstete maritime Mafia.<\/p>\n<p>Diesem Spuk, beschloss die Europ\u00e4ische Union im Herbst 2008, m\u00fcsse ein Ende gemacht werden. Und tats\u00e4chlich, die Mission \u201eAtalanta\u201c war f\u00fcr Br\u00fcsseler Verh\u00e4ltnisse geradezu in Speedboat-Geschwindigkeit auf den Weg gebracht.  Schon zum Jahreswechsel 2009 dampften die ersten Marine-Schiffe mit blauem Sternenbanner am Schornstein Richtung Afrika. Heute patrouillieren ein gutes Dutzend Boote aus Spanien, Deutschland, Frankreich, Griechenland, Italien und Schweden durch das Einsatzgebiet, dessen Gr\u00f6\u00dfe einem Viertel der Fl\u00e4che der EU entspricht. Zwei deutsche Fregatten, einen Einsatzgruppenversorger und ein Aufkl\u00e4rungsflugzeug hat Deutschland geschickt.<\/p>\n<p>Der Schifffahrtskorridor zwischen Arabien und Afrika ist die Achilles-Ferse des Welthandels. Etwa 90 Prozent des globalen Warenverkehrs quetschen sich durch die Meerenge. Rund 20 000 Schiffe pro Jahr bef\u00f6rdern \u00d6l aus Iran, Turnschuhe aus Bangladesh oder DVD-Spieler aus China \u00fcber diese Route gen Westen. Ein einziges von ihnen kann Ladungswerte von einer Milliarde Dollar an Bord haben.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/08\/piraten_einsatzgebiet_atalanta_quelle_bmvg.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/08\/piraten_einsatzgebiet_atalanta_quelle_bmvg.jpg\" alt=\"\" title=\"piraten_einsatzgebiet_atalanta_quelle_bmvg\" width=\"359\" height=\"269\" class=\"alignnone size-full wp-image-790\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/08\/piraten_einsatzgebiet_atalanta_quelle_bmvg.jpg 359w, https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/08\/piraten_einsatzgebiet_atalanta_quelle_bmvg-300x224.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 359px) 100vw, 359px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Mit der Schutzmission \u201eAtalanta\u201c hat Europa, so scheint es jedenfalls, ein sicherheitspolitisches Traumprodukt f\u00fcr das 21. Jahrhundert entwickelt: einen vorbildlich vernetzten, rundum sinnvollen, allseits akzeptierten Milit\u00e4reinsatz. Anders als beim ungeliebten Afghanistan-Einsatz der Nato versteht in Europa jedes Kind, warum es gut ist, Soldaten gegen Piraten in See zu schicken. Und bei genauem Hinsehen werden die Gr\u00fcnde gar noch nobler. Denn Europas blaue Jungs eskortieren nicht nur Handelschiffe. Sie sch\u00fctzen vor allem die Transportschiffe des UN-Weltern\u00e4hrungsprogramms, deren Kornladungen hungernden Somaliern das Leben retten. Methodisch besteht bei all dem wenig Gefahr, unschuldige Frauen und Kinder zu bombardieren oder selbst Soldaten zu verlieren.<\/p>\n<p>Besser geht\u2019s kaum, wenn man, wie die EU, zur smarten Milit\u00e4rmacht der Zukunft aufsteigen will. Hektisch bem\u00fcht sich derweil die deprimierte Nato, einen eigenen Flottenverband zu entsenden, die Operation \u201eOcean Shield\u201c. \u201eDer reinste Sch\u00f6nheitswettbewerb ist das hier\u201c, sagt ein Offizier hinter vorgehaltener Hand.<\/p>\n<p>Doch die  EU-Mission zeigt auch, wie vorsichtig-tastend sich Europa trotz aller Erfolge (kein von ihr eskortiertes Schiff wurde bisher von Piraten angegriffen) in die Welt der harten Sicherheitspolitik hineinwagt. Auf entscheidende Fragen der Piratenbek\u00e4mpfung n\u00e4mlich liefert \u201eAtalanta\u201c \u2013 in der griechischen Mythologie eine jungfr\u00e4uliche J\u00e4gerin \u2013 noch keine klaren Antworten. Wie viel Milde etwa kann man Seer\u00e4ubern gegen\u00fcber sinnvoller Weise walten lassen? Was geschieht mit ihnen, wenn man sie festnimmt? Und vor allem: Wie lange l\u00e4sst sich die Ursache der Piraterie politisch umschiffen, die Staatsruine Somalia?<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/08\/piratenemden_1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/08\/piratenemden_1.jpg\" alt=\"\" title=\"piratenemden_1\" width=\"392\" height=\"221\" class=\"alignnone size-full wp-image-793\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/08\/piratenemden_1.jpg 392w, https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/08\/piratenemden_1-300x169.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 392px) 100vw, 392px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Was die erste Frage betrifft, k\u00f6nnen sich, soweit ein erster Eindruck aus der Praxis, die Gejagten \u00fcber mangelnde Herzlichkeit der Europ\u00e4ischen Seestreitkr\u00e4fte nicht beschweren. \u201eHabt ihr das Obst schon \u00fcbergeben?\u201c, fragt Kapit\u00e4n Brosowsky das Einsatzteam im Beiboot. Anders als andere Schiffe der Atalanta-Flotte hat die Emden noch keine der f\u00fcr diese F\u00e4lle eigentlich vorgesehenen Geschenkrucks\u00e4cke an Bord. \u201eConsent Winning Gifts\u201c, hei\u00dfen die eigens designeten Taschen in der B\u00fcrokratensprache, frei \u00fcbersetzt etwa F\u00fcrchtet-euch-nicht-Beutel. Sie sollen, so will es die EU, bei Ann\u00e4herungen an verd\u00e4chtige Bootfahrer \u00fcberreicht werden. Gef\u00fcllt sind sie mit Kugelschreibern, Taschenlampen, Notizbl\u00f6cken und anderen \u201eSouvernirartikeln\u201c (Brosowsky) mit EU-Logo, nebst Informationsmaterial \u00fcber den Atalanta-Einsatz. Die \u201eEmden\u201c hilft sich einstweilen mit Bordmitteln. \u201eMit Charme und Orangen\u201c, sagt der Kapit\u00e4n, lie\u00dfe sich auch oft eine entspannte Amtosph\u00e4re schaffen. \u201eUnd die lockert hoffentlich die Zungen.\u201c<\/p>\n<p>Genau diese Lockerung ist infolge der Obst\u00fcbergabe zwischen der Dhow und dem Marinebeiboot offenbar soeben eingetreten. \u201eDer Schiffsf\u00fchrer l\u00e4dt uns ein, an Bord zu kommen und die K\u00fchlkammer anzusehen\u201c, meldet der Einsatztrupp \u00fcbers Walkie-Talkie. Brosowsky \u00fcberlegt. \u2013 Was, wenn das eine Falle ist? Soll er eine Auseinandersetzung riskieren? Festnahmen gar? Letztere n\u00e4mlich k\u00f6nnten den Deutschen im Zweifel ungelegener kommen als den Delinquenten selbst. Als vor wenigen Wochen eine schwedische Marineeinheit sieben Piraten aufgriff, berichtet eine Presseoffizierin des K\u00f6nigreiches, seien diese recht entz\u00fcckt gewesen \u00fcber den nordischen Lebensstil auf dem Versorger: \u201eSie haben gesagt, das sei ja der reinste Luxus hier, vor allem das Essen. Wir k\u00f6nnten sie solange festhalten, wie wir wollten. Das einzige Problem schien zu sein, dass wir weder Zigaretten noch Khat (ein in Somalia verbreitetes Rauschmittel, d.Red.) an Bord hatten.\u201c<\/p>\n<p>Zigaretten gibt es Bord der Emden reichlich, eine Stange f\u00fcr knapp f\u00fcnf Euro abends im kleinen Shop auf dem klaustrophobisch-engen Mannschaftsdeck. Eine kleine Linderung der H\u00e4rten, die ein Auslandseinsatz zur See mit sich bringt. \u201eEuropean Warship F 210\u201c lautet seit dem Atalanta-Einsatz die kuriose Funkkennung der \u201eEmden\u201c. In Dienst gestellt worden ist das Schiff 1983, in der Hochphase des Kalten Krieges. Die Luken aufs Au\u00dfendeck machen ein saugendes Ger\u00e4usch, wenn man sie \u00f6ffnet. Das Schiffsinnere steht unter \u00dcberdruck. Im Falle von \u2013 damals einkalkulierten \u2013 ABC-Angriffen sollte er verhindern, dass Kampfstoffe ins Boot eindringen.  \u201eIst f\u00fcr hier aber auch nicht schlecht\u201c, sagt ein Matrose und dr\u00fcckt kr\u00e4ftig gegen die Stahlt\u00fcr, \u201eh\u00e4lt das Ungeziefer drau\u00dfen.\u201c<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/08\/piraten_dusche.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/08\/piraten_dusche.jpg\" alt=\"\" title=\"piraten_dusche\" width=\"410\" height=\"307\" class=\"alignnone size-full wp-image-794\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/08\/piraten_dusche.jpg 410w, https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/08\/piraten_dusche-300x224.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 410px) 100vw, 410px\" \/><\/a><\/p>\n<p>2014 Jahren soll die Emden durch einen neuen Fregattetyp (F125) ersetzt werden, einen, der f\u00fcr die \u201eassymetrischen\u201c Herausforderungen, wie Terror und Piraterie im Milit\u00e4rsprech hei\u00dfen, besser geeignet ist. Die neuen Schiffe sollen andockf\u00e4hig f\u00fcr Spezialkr\u00e4fte und vier Speedboote werden, ein Tarnkappen-Design bekommen und l\u00e4nger auf See bleiben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>An der \u201eEmden\u201c erscheint dagegen vieles schon etwas nostalgisch. Die 12-Mann-Schlafr\u00e4ume, zum Beispiel. Die Duschen mit dem Papp-Pfeil an der T\u00fcr, der sich auf \u201eMann\u201c oder \u201eFrau\u201c drehen l\u00e4sst. Oder der Bordingenieur, der zwar noch keine 30 ist, aber Gasturbinen und Frischwassergewinner erkl\u00e4ren kann als sei er im Maschinenraum aufgewachsen. Er ist einer der besch\u00e4ftigtsten M\u00e4nner an Bord. Statt mit Sonnencreme ist er mit \u00d6l beschmiert, und sein Lieblingswort lautet \u201enormaler Verschlei\u00df\u201c. Gerade ist der Backbord-Diesel ausgefallen. Letztes Jahr war es die Antriebswelle. \u201eF\u00fcr die Piratenjagd hei\u00dft das aber gar nicht\u201c, beschw\u00f6rt der blasse Techniker.<\/p>\n<p>Nur nach Hause, nach Wilhemshaven, w\u00fcrden seine Kameraden schon gerne p\u00fcnktlich kommen. Nach fast einem halben Jahr auf See wirken viele von ihnen ersch\u00f6pft. Auch deswegen ist die Neigung gering, jetzt noch Gefangene zu machen.<\/p>\n<p>Auf der \u201eEmden\u201c reisen f\u00fcr den Fall solcher Einquartierungen zwei Feldj\u00e4ger mit. Die Milit\u00e4rpolizisten w\u00fcrden, so schildern sie es, festgenommene Piraten zun\u00e4chst einmal nach demselben Ablauf behandeln w\u00fcrden wie Verd\u00e4chtige auf einem deutschen Polizeirevier. Sie w\u00fcrden Fotos machen, Fingerabdr\u00fccke nehmen, eine \u00e4rztliche Untersuchung abwarten, Dusch- und Waschgelegenheiten stellen und den Beschuldigten Gelegenheit geben, einen Anwalt anzurufen. Falls sie einen kennen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/08\/piraten_deck.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/08\/piraten_deck.jpg\" alt=\"\" title=\"piraten_deck\" width=\"410\" height=\"307\" class=\"alignnone size-full wp-image-796\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/08\/piraten_deck.jpg 410w, https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/08\/piraten_deck-300x224.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 410px) 100vw, 410px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Danach allerdings w\u00e4re Schluss mit deutscher Strafprozessrechtsordnung. Die Festgenommenen w\u00fcrden in nummerierte blaue Overalls gesteckt und mit Handschellen unter einer Sonnenschutzplane auf Deck angekettet. Einer der Feldj\u00e4ger hebt ein armdickes, gelbes Kunststofftau vom Decksboden auf. An ihm entlang w\u00fcrden die Piraten aufgef\u00e4delt. Betretenes Schweigen zwischen Crew und Reporter. Weht da ein Hauch von Guant\u00e1namo \u00fcber die \u201eEmden\u201c? Der Soldat zuckt mit den Schultern. Tja. Arrestzellen gibt es an Bord nun einmal nicht. Was soll man machen?<\/p>\n<p>Gem\u00e4\u00df einem Abkommen mit der EU m\u00fcssten Festgenommenen einstweilen in Kenia vor Gericht gestellt werden. Im M\u00e4rz hat die deutsche Fregatte \u201eRheinland-Pfalz\u201c dies schon mit neun Piraten getan. Doch bis der Hafen von Mombasa erreicht ist, k\u00f6nnen ein paar Tage vergehen. Zu lange eigentlich, nach deutschen Standards, um Menschen ohne Haftbefehl festzuhalten. Aber sollen deswegen Richter an Bord mitfahren? Und m\u00fcssten die Festgesetzten nicht eigentlich auch in Deutschland vor Gericht gestellt werden? All das, sagen die Feldj\u00e4ger an Bord, seien berechtigte Fragen. Aber \u00fcber die m\u00fc\u00dfte Politiker entscheiden, nicht sie.<\/p>\n<p>Eine Idee, die die deutschen Justizminister diskutieren, lautet, den Internationalen Seegerichtshof in Hamburg um eine Strafrechtskammer zu erweitern; ein Den Haag f\u00fcr Piraten, gewisserma\u00dfen. Dann w\u00e4re blo\u00df noch die Frage, wo dieses Gericht am besten seinen Sitz haben sollte. Vielleicht doch eher in Afrika? Bisher sind 68 mutma\u00dfliche Piraten nach Kenia in Landhaft \u00fcberf\u00fchrt worden.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/08\/piraten_schiffe.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/08\/piraten_schiffe.jpg\" alt=\"\" title=\"piraten_schiffe\" width=\"410\" height=\"307\" class=\"alignnone size-full wp-image-797\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/08\/piraten_schiffe.jpg 410w, https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/08\/piraten_schiffe-300x224.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 410px) 100vw, 410px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die derzeit heikelste Frage aber lautet, wie weit die Bundesregierung gehen w\u00fcrde, um ein entf\u00fchrtes Schiff zu befreien. Am 4. April fiel die \u201eHansa Stavanger\u201c in die H\u00e4nde von Piraten, seitdem lagen deutsche Marineschiffe in der N\u00e4he, um die Szene zu beobachten. Die Soldaten auf der \u201eEmden\u201c sind dabei in den vergangenen Wochen Zeugen geworden, wie sich die GSG9 f\u00fcr eine Erst\u00fcrmung des Schiffes erst r\u00fcstete \u2013 und dann unverrichteter Dinge wieder abzog. Die deutsche Marine brachte dem Vernehmen nach nicht gen\u00fcgend Hubschrauber auf, um eine Befreiungsaktion starten zu k\u00f6nnen. Und die amerikanische Navy weigerte sich, die heikle Mission zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>Manch einer an Bord fragt sich nach der unn\u00fctzen Warterei, ob Berlin, gerade im Wahljahr, \u00fcberhaupt den erforderlichen politischen Willen besitzt, \u201eauch mal ein klares Zeichen zu setzen.\u201c Schlie\u00dflich w\u00fcrden die Piraten-Banden mit jeder L\u00f6segeldforderung gest\u00e4rkt. \u201eWir sehen doch gerade, dass die in die Glasfaser-Klasse aufsteigen\u201c, sagt ein Marine-Mann. Moderne, schnellere Boote geh\u00f6ren mittlerweile ebenso zum Arsenal der Seer\u00e4uber wie Schiffserkennungsger\u00e4te, Panzerf\u00e4uste und Satellitentelefone \u2013 sie r\u00fcsten schneller auf als die deutsche Marine. Nach einem halben Jahr \u201eAtalanta\u201c haben die Angriffe zudem keinesweg abgenommen; seit Jahresbeginn wurden 130 Attacken (Quelle: International Maritime Bureau) gez\u00e4hlt, schon mehr also als im gesamten Vorjahr. Andere Soldaten sind skeptisch, ob \u201eEskalationen\u201c weiter helfen w\u00fcrden. \u201eWir lernen hier schlie\u00dflich auch noch dazu\u201c, hei\u00dft es in der Offiziersmesse \u00fcber einem St\u00fcck heimatlichem Schweinebraten.<\/p>\n<p>Ein historischer Vergleich macht klar, was Seemacht auch bedeuten kann: Als die britische Regierung 1807 beschloss, die Sklaverei zu beenden, schickte das K\u00f6nigreiche seine Navy, um vor der Westk\u00fcste Afrikas Menschenh\u00e4ndler von ihrem Tun abzuschrecken. Bis zu 240 Schiffe waren daf\u00fcr im Einsatz, mit 40 000 Mann Besatzung. Bis 1840, schildert der britische Historiker Niall Ferguson (in &#8222;Empire&#8220;) habe die Royal Navy 425 Sklavenschiffe aufgebracht und nach Sierra Leone eskortiert, wo den Kapit\u00e4nen der Prozess gemacht wurde.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/08\/piraten_brosowski.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/08\/piraten_brosowski.jpg\" alt=\"\" title=\"piraten_brosowski\" width=\"399\" height=\"532\" class=\"alignnone size-full wp-image-798\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/08\/piraten_brosowski.jpg 399w, https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2009\/08\/piraten_brosowski-225x300.jpg 225w\" sizes=\"auto, (max-width: 399px) 100vw, 399px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Kapit\u00e4n Brosowsky entschlie\u00dft sich, jedenfalls heute, lieber zum defensiven R\u00fcckzug. Das Eis hat er zwar nicht gesehen. Aber seine Soldaten sollen die Dhow trotzdem nicht betreten. Schlie\u00dflich habe sich deren Besatzung \u201ekooperativ\u201c gezeigt. Er befiehlt dem Beiboot zur \u201eEmden\u201c zur\u00fcckzukehren \u2013 auch wenn Zweifel bleiben, wie er zugibt. \u201eAber es ist nicht Aufgabe von Atalanta, Piraterie mit allen Mitteln zu verhindern\u201c, sagt er. Und: \u201eAllein von See aus l\u00e4\u00dft sich das Problem ohnehin nicht l\u00f6sen.\u201c<\/p>\n<p>Dazu m\u00fcsste, das ist hier allen Beteiligten klar, vielmehr die Piraten-Heimat Somalia stabilisiert werden. Doch dort tobt seit Monaten ein Krieg zwischen einer schwachen \u00dcbergangsregierung und Clanmilizen, die sich nebenbei auch gegenseitig terrorisieren. Zudem gewinnen Islamisten an Boden, nachdem bereits mehrere Interventionen \u2013 unter anderem mit Hilfe Amerikas \u2013 blutig scheiterten. Nach UN-Sch\u00e4tzungen sind 1,2 Millionen auf der Flucht aus der Staatsruine. Es ist ein Afghanistan in Afrika, mit anderen Worten. Und damit keine Aufgabe, die Europas Milit\u00e4r sich zutrauen w\u00fcrde.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit einem halben Jahr jagen EU-Schiffe Piraten am Horn von Afrika. Doch die zeigen sich bisher wenig beeindruckt &#8211; 2 Videobeitr\u00e4ge inklusive &#8211; Das Schicksal der Besatzung auf dem kleinen Holzschiff h\u00e4ngt jetzt an einer Handvoll Eis. \u201eIch will das Eis sehen\u201c, gibt Fregattenkapit\u00e4n Ulrich Brosowsky energisch \u00fcbers Funkger\u00e4t durch. Der braungebrannte, sonst eher ruhige [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":66,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[616],"tags":[],"class_list":["post-784","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-imperium-europa"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/784","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/66"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=784"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/784\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=784"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=784"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=784"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}