{"id":836,"date":"2009-10-06T13:04:51","date_gmt":"2009-10-06T11:04:51","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/?p=836"},"modified":"2009-10-06T13:04:51","modified_gmt":"2009-10-06T11:04:51","slug":"problemkuhe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/2009\/10\/06\/problemkuhe_836","title":{"rendered":"Problemk\u00fche"},"content":{"rendered":"<p>Gestern Mittag, Br\u00fcssel, vorm Ratsgeb\u00e4ude: Die Polizei ist mit Wasserwerfern anger\u00fcckt und hat Stacheldrahtbarrieren \u00fcber die Stra\u00dfe gezogen. Ich h\u00e4tte mir eine Stra\u00dfenecke entfernt gerne ein Sandwich gekauft. Aber ein Beamter weist mich freundlich ab. \u201eZu gef\u00e4hrlich\u201c, sagt er und weist mit dem Daumen hinter sich. Vorm dem Ratsgeb\u00e4ude steigt eine dicke, schwarze Rauchs\u00e4ule in den Himmel. Erregte Rufe sind zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p>Bauern aus ganz Europa haben Autoreifen angez\u00fcndet, sie werfen Feuerwerksk\u00f6rper und, wie ich sp\u00e4ter erfahre, sogar Kastanien gegen das Ratsgeb\u00e4ude. Drinnen tagen die EU-Agrarminister. Wegen der, wie sie jetzt hei\u00dft, Milchkrise.<\/p>\n<p>Die Bauern demonstrieren f\u00fcr einen bizarren Zweck: Sie wollen weniger Milch produzieren. Weil sie zu wenig Geld mit der Milch verdienen. Weil es zu viel Milch gibt in Europa. Wegen der Wirtschaftskrise, sagen sie, sei der Absatz eingebrochen. 20 Cent bek\u00e4men sie in Deutschland gerade einmal f\u00fcr einen Liter. Der Produktionspreis betrage 32 Cent.<\/p>\n<p>Warum aber produzieren die Bauern dann nicht einfach weniger Milch? Warum funktioniert das preissteuernde Prinzip von Angebot und Nachfrage auf dem Milchmarkt nicht?<\/p>\n<p>Wegen, kl\u00e4rt mich am Abend eine agrarpolitische informierte Kollegin auf, der K\u00fche. \u201eK\u00fche wollen gemolken werden, Krise hin oder her.\u201c Und gef\u00fcttert. Und gestreichelt. Man k\u00f6nne sie nicht einfach abschalten wie eine Sprudelmaschine.<\/p>\n<p>Man kann K\u00fche noch nicht einmal in Kurzarbeit schicken.<\/p>\n<p>\u201eUnd schlachten?\u201c, frage ich die Kollegin nach dem zweiten Bier.<\/p>\n<p>\u201eNa ja\u201c, sagt sie, \u201eaber wenn die Milch-Nachfrage wieder anzieht, dann fehlen sie. Es dauert zwei Jahre, bis eine Kuh Milch gibt.\u201c<\/p>\n<p>\u201eUnd warum\u201c, frage ich \u201eschlie\u00dfen sich die Bauern nicht zusammen und fordern Mindestpreise von Aldi und Lidl? Macht die Opec doch auch.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIst kartellrechtlich verboten\u201c, wei\u00df die Kollegin.<\/p>\n<p>\u201eAber warum kostet die Milch in belgischen Superm\u00e4rkten dann doppelt so viel wie in Deutschland? Was machen die anders?\u201c<\/p>\n<p>Die Kollegin sagt etwas von anderen Genossenschaftsstrukturen, lokalen Vertriebsm\u00f6glichkeiten, mehr Anbietern, aber das \u00fcberzeugt alles irgendwie nicht.<\/p>\n<p>Am Ende der Tagung versprechen die EU-Agrarminister existenzgef\u00e4hrdeten Bauern Hilfszahlungen von 15 000 Euro bis 2010. Au\u00dferdem wollen sie die Exportbeihilfen f\u00fcr Milchprodukte f\u00fcr den Verkauf au\u00dferhalb der EU auf 600 Millionen Euro erh\u00f6hen.<\/p>\n<p>Ich bin ja immer noch\u00a0kein Milchexperte, aber wenn Bauern bei normaler Milchnachfrage gerade so \u00fcber die Runden kommen und bei einbrechender Nachfrage sofort ins Minus rutschen, dann, muht mich aus, wenn ich falsch liege, gibt es vielleicht doch einfach zu viele K\u00fche in Europa.<\/p>\n<p>Oder?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern Mittag, Br\u00fcssel, vorm Ratsgeb\u00e4ude: Die Polizei ist mit Wasserwerfern anger\u00fcckt und hat Stacheldrahtbarrieren \u00fcber die Stra\u00dfe gezogen. Ich h\u00e4tte mir eine Stra\u00dfenecke entfernt gerne ein Sandwich gekauft. Aber ein Beamter weist mich freundlich ab. \u201eZu gef\u00e4hrlich\u201c, sagt er und weist mit dem Daumen hinter sich. 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