{"id":871,"date":"2009-10-30T16:55:28","date_gmt":"2009-10-30T15:55:28","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/?p=871"},"modified":"2009-10-30T16:55:28","modified_gmt":"2009-10-30T15:55:28","slug":"eine-gluckliche-fugung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/2009\/10\/30\/eine-gluckliche-fugung_871","title":{"rendered":"&#8222;Eine gl\u00fcckliche F\u00fcgung&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>So beschreibt der neue Au\u00dfenminister sein erstes Br\u00fcsseler EU-Treffen. Eine tapfere Haltung<\/strong><\/p>\n<p>Guido Westerwelle steigt\u00a0am Br\u00fcsseler Ratsgeb\u00e4ude\u00a0aus der schwarzen Staatslimousine, stellt sich vor die Kameras und sagt, es sei &#8222;eine gl\u00fcckliche F\u00fcgung&#8220;, dass er gleich an seinem ersten Tag als Au\u00dfenminister so viele seiner europ\u00e4ischen Kollegen treffen k\u00f6nne. Wenn blo\u00df sein Gesichtsausdruck zu diesem Gl\u00fcck passen w\u00fcrde. Westerwelles Physiognomie besiegt seine Psychologie an diesem ersten Amtstag. Alles andere w\u00e4re allerdings auch merkw\u00fcrdig.<\/p>\n<p>Als gerade erst ernannter Au\u00dfenminister ein EU-Gipfeltreffen absolvieren zu m\u00fcssen, d\u00fcrfte in Wahrheit ungef\u00e4hr eine so gl\u00fcckliche F\u00fcgung f\u00fcr Westerwelle sein wie\u00a0\u00a0f\u00fcr einen Nichtschwimmer der Sturz in ein Wettkampfbecken.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich hat ihn sein Stab noch gebrieft auf dem Weg nach Br\u00fcssel, \u00fcber die Kollegen, die er treffen wird, und \u00fcber die Themen, die auf ihn warten. Aber Europa, dieses Gehege aus 27 Regierungen, Temperamenten, Positionen und Politiken, erschlie\u00dft sich nicht aus Unterlagen. Das wei\u00df Westerwelle. Und er wei\u00df auch, dass die Br\u00fcsseler Journalisten das wissen. Deswegen versucht er gar nicht erst, Ahnung zu markieren. Statt dessen gibt er den dem\u00fctigen Newcomer.<\/p>\n<p>Er l\u00e4sst die Kanzlerin reden vor der Presse. Er nickt beflissen, wenn sie \u00fcber Institutionelles redet, \u00fcber Klimaschutz oder \u00fcber Europas k\u00fcnftige politische Spitzenposten.\u00a0Er f\u00fcgt Plattit\u00fcden hinzu. Es sagt in ihnen nichts Falsches, aber auch nichts Eigenes. Er stellt zum Beispiel &#8211; etwas zu\u00a0l\u00e4nglich &#8211; fest, dass es bei der Afghanistan-Politik nicht mehr nur um Afghanistan geht, sondern auch um Pakistan, &#8222;denn es ist nat\u00fcrlich zusammenh\u00e4ngend, was wir da zu besprechen haben.&#8220;<\/p>\n<p>Er sitzt vor einer blauen Europa-Wand, mit einem zusammengerissenem Gesicht, das nichts von seinem inneren Spagat verraten soll. Er ist einer, der horchen muss. Und gleichzeitig schon antworten soll. Auf der Abschlusspressekonferenz stellen drei ausl\u00e4ndische Kollegen Fragen auf Englisch, sie m\u00f6chten etwas \u00fcber die Beitrittsverhandlung mit Albanien wissen. Westerwelle greift zaghaft nach dem Kopfh\u00f6rer mit der Dolmetscherstimme. Dann scheint er zu merken, dass er die Frage auch so versteht, legt den Ohrclip wieder zur\u00fcck. Man sp\u00fcrt, dass er zwischen zwei Entscheidungen schwankt: Der Wichtigkeit, jedes Wort zu verstehen. Und Fotos von einem Guido mit Knopf im Ohr. Von einem Au\u00dfenminister, w\u00fcrden diese Bilder\u00a0sagen, der\u00a0mit dem Englischen k\u00e4mpft. Die Kanzlerin rettet ihn. Sie sagt, Albanien habe nicht auf der Tagesordnung gestanden.<\/p>\n<p>&#8222;Mit gro\u00dfer Freundlichkeit und gro\u00dfen Interesse&#8220;, betont Westerwelle mehrfach, sei er von Kollegen empfangen worden.\u00a0 Wenn es blo\u00df freudiger klingen w\u00fcrde.\u00a0Aber es klingt wie eine auswendig gelernte Floskel, wie ein Versatzst\u00fcck aus dem Au\u00dfenminister-Vokabular, das er sich f\u00fcr die ersten Tage zurecht gelegt hat.<\/p>\n<p>Wie er sich nach dem zweiten Tag im Amt f\u00fchle, m\u00f6chte\u00a0ein Kollege zum Schluss wissen. &#8222;Man ist ersch\u00f6pft&#8220;, sagt Westerwelle, &#8222;aber man ist auch zufrieden mit den Ergebnissen.&#8220; Der erste Teil klingt ehrlich. Der zweite wieder wie aus dem Vokabelheft f\u00fcr junge Au\u00dfenminister. Noch, sicher, ist nicht die Zeit f\u00fcr viel Eigenes. Noch ist Zeit f\u00fcr m\u00f6glichst wenig Falsches. Doch schon beim n\u00e4chsten EU-Gipfel wird der Anf\u00e4nger-Bonus nicht mehr gelten.<\/p>\n<p>Dann werden sich die Journalisten nicht mehr f\u00fcr sein Englisch, seine Krawatten und seinen Gesichtsausdruck interessieren. Sondern tats\u00e4chlich f\u00fcr seine Meinung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So beschreibt der neue Au\u00dfenminister sein erstes Br\u00fcsseler EU-Treffen. Eine tapfere Haltung Guido Westerwelle steigt\u00a0am Br\u00fcsseler Ratsgeb\u00e4ude\u00a0aus der schwarzen Staatslimousine, stellt sich vor die Kameras und sagt, es sei &#8222;eine gl\u00fcckliche F\u00fcgung&#8220;, dass er gleich an seinem ersten Tag als Au\u00dfenminister so viele seiner europ\u00e4ischen Kollegen treffen k\u00f6nne. 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