{"id":928,"date":"2010-02-07T12:57:35","date_gmt":"2010-02-07T11:57:35","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/?p=928"},"modified":"2010-02-07T13:00:48","modified_gmt":"2010-02-07T12:00:48","slug":"zur-sache-bitte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/2010\/02\/07\/zur-sache-bitte_928","title":{"rendered":"Zur Sache, bitte"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wo blieb die Ehrlichkeit in M\u00fcnchen?<\/strong><\/p>\n<p>Karl-Theodor zu Guttenberg traf einen tieferen Nerv als er wollte. \u201eWir reden zu viel und wir erreichen zu wenig\u201c, sagte derVerteidigungsminister heute morgen vor der M\u00fcnchner Sicherheitskonferenz. Eigentlich hatte er mit der Bemerkung nur die Reform der Nato gemeint. Doch der Befund gilt \u00fcber einzelne Themen der Tagung hinaus. In M\u00fcnchen wurde mehr gebetet als bewegt. Die Konferenz, in anderen Jahren sehr wohl ein Klartext-Forum, geriet in wesentlichen Teilen zur Drum-herum-rede-Runde.<\/p>\n<p>Weder im Atom-Streit mit Iran noch bei der neuen Weltbewegung Global Zero gab es mehr als rhetorisches Geruckel zu besichtigen. Im Falle des Iran mag man den Mangel an Ehrlichkeit noch der Teheraner Seite ankreiden; sein Au\u00dfenminister gab schlicht keine belastbaren Signale von sich, die den Schluss erlauben k\u00f6nnten, Iran meine es ernst mit der Auslagerung der Urananreicherung.<\/p>\n<p>Die Idee der weltweiten nuklearen Totalabr\u00fcstung derweil ist im Begriff\u00a0 zum Opfer westlicher Denkfaulheit zu werden. Global Zero, das zeigte M\u00fcnchen, droht sich von einer ambitionierten Initiative zum Sekularreligions-Ersatz der Klimadebatte zu entwickeln.\u00a0Das ist mindestens schade, denn die Bedrohlichkeit von sich verchaotisierenden nuklearen Abschreckungsmechaniken rund im die Welt steht au\u00dfer Frage. Doch wenn die Reduzierungs-Bekenntnisse so leer bleiben wie bisher, werden sie bestenfalls in einem Nuklear-Kopenhagen enden.<\/p>\n<p>Drei Jahre ist es her, dass Henry Kissinger und andere Elder Statesmen den Ansto\u00df gaben, \u201edas nukleare Feuer zu b\u00e4ndigen, bevor es uns verzehrt.\u201c Seitdem haben sich zwar immer mehr Staatschefs und Prominente von Hollywood bis Peking zu dem Ziel bekannt \u2013 doch mit eben so beeindruckender Beharrlichkeit weigert sich die vielleicht gr\u00f6\u00dfte Friedensbewegung aller Zeiten, ihre Ambitionen zu rationalisieren und operationalisieren.<\/p>\n<p>Ein Klang von Stings \u201eRussians\u201c-Song lag in der Luft, als in M\u00fcnchen auch der russische Au\u00dfenminister Sergej Iwanow (5200 Sprengk\u00f6pfe) versicherte, er wolle die Overkill-Potenziale vom Planeten zu verbannen. \u201eGlaube ich wirklich an Global Zero?\u201c, kam er schnell zum Kern der Sache. \u201eNicht in meiner Lebensspanne. Aber ist das ein Grund, uns nicht zu bewegen?\u201c John Kerry, Senator der anderen Nukleargro\u00dfmacht (5400 Sprengk\u00f6pfe) sah das ebenso, gleichfalls Frank-Walter Steinmeier (0 Sprengk\u00f6pfe). Blo\u00df, wie l\u00e4sst sich ein Spiel stoppen, deren Attraktivit\u00e4t andere Player entweder weiterhin anh\u00e4ngen oder die sie gerade erst entdecken?<\/p>\n<p>Iran entzieht sich ganz offenbar der gew\u00fcnschten Dynamik, sich von westlicher Abr\u00fcstung \u201enach unten mitrei\u00dfen\u201c zu lassen. Das Regime schraubt, glaubt man j\u00fcngsten Medienberichten, vielmehr an moderner Sprengkopftechnik. Aus n\u00e4mlichem Grund wird erstens Israel keine der Bomben, die es offiziell nicht besitzt, nicht aufgeben. Zweitens wird das sunnitische Saudi-Arabien (vielleicht auch Kuwait) einem nuklearen Shiiten-Hegemon eigene Raketen entgegensetzen wollen. Der Markt f\u00fcr den entsprechenden Einkaufszug steht offen; Atomphysiker aus Russland, Raketentechnik aus Nord-Korea, Zentrifugen aus Pakistan.<\/p>\n<p>Apropos Pakistan: Der islamisische Staat (60 Sprengk\u00f6pfe) setzt den regionalen R\u00fcstungswettlauf mit Indien (50 \u2013 60 Sprengk\u00f6pfe, alle Sch\u00e4tzungen IISS) unbeeindruckt vom globalen Zero Talk fort. Beide Seiten sagen, sie w\u00fcrde ja gerne abr\u00fcsten \u2013 sofern die andere Seite anfange. \u00c4gypten, um auf den Nahen Osten zur\u00fcckzukommen, sagt derweil, es w\u00fcrde seine Atomwaffen-Absichten jederzeit begraben. Sobald Israel abr\u00fcste.<\/p>\n<p>Global Zero w\u00fcrde also vor allem eins erfordern: Diplomatische K\u00e4rrnerarbeit in jedem einzelnen Schauplatz, wo Arsenale entweder wachsen oder zum betonierten regionalstrategischen Kalk\u00fcl geh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Der Schl\u00fcssel zum einem glaubw\u00fcrdigen Anfang liegt in Iran. R\u00fcstet er auf, r\u00fcstet die Region auf. R\u00fcstet die Region auf, ist das historisch-politische Momentum, das sich f\u00fcr die Totalabr\u00fcstung bietet, verloren. \u201eDie Stra\u00dfe zu Global Zero f\u00fchrt nicht durch ein nukleares Teheran\u201c, formulierte es John Kerry vorsichtig in M\u00fcnchen. Schon wahr. Aber welche Stra\u00dfe f\u00fchrt zu einem nicht-nuklearen Teheran? Vielleicht, hoffentlich, sind wir n\u00e4chstes Jahr ein paar Meter weiter.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wo blieb die Ehrlichkeit in M\u00fcnchen? Karl-Theodor zu Guttenberg traf einen tieferen Nerv als er wollte. \u201eWir reden zu viel und wir erreichen zu wenig\u201c, sagte derVerteidigungsminister heute morgen vor der M\u00fcnchner Sicherheitskonferenz. Eigentlich hatte er mit der Bemerkung nur die Reform der Nato gemeint. Doch der Befund gilt \u00fcber einzelne Themen der Tagung hinaus. [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":66,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-928","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/928","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/66"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=928"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/928\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=928"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=928"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=928"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}