{"id":935,"date":"2010-02-10T14:34:28","date_gmt":"2010-02-10T13:34:28","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/?p=935"},"modified":"2010-02-10T17:44:00","modified_gmt":"2010-02-10T16:44:00","slug":"was-swift-verhindert-hat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/2010\/02\/10\/was-swift-verhindert-hat_935","title":{"rendered":"Was SWIFT verhindert hat"},"content":{"rendered":"<p><strong>Es gibt eine Liste der Anti-Terror-Erfolge. Warum hat das Europ\u00e4ische Parlament sie nicht diskutiert?<\/strong><\/p>\n<p>Es ist die vielleicht wichtigste Abstimmung, die es je abzuhalten hatte. Das Europ\u00e4ische Parlament will morgen dar\u00fcber entscheiden, ob weiterhin SWIFT-\u00dcberweisungsdaten aus Europa an die Vereinigten Staaten \u00fcbermittelt werden d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Die\u00a0Frage der Bankdaten\u00fcbermittlung\u00a0ist von einer\u00a0rechtpolitischen\u00a0Diskussion\u00a0zu einer transatlantischen Grundsatzangelegenheit aufgewachsen. W\u00e4hrend der M\u00fcnchner Sicherheitskonferenz am Wochenende appellierte Barack Obamas Sicherheitsberater James Jones an die Parlamentarier, das SWIFT-Abkommen nicht zu torpedieren; es unverzichtbar f\u00fcr die Terrorismusabwehr sowohl in den USA wie auch in der EU. Au\u00dfenminister Hillary Clinton lud die EU-Politiker nach Washington ein. Dort wolle sie ihnen die Nutzen der Datenanalyse erl\u00e4utern.<\/p>\n<p>Doch um genau diesen Nutzen in Augenschein zu nehmen, h\u00e4tten die EU-Abgeordneten nur wenige Meter zu Fu\u00df gehen m\u00fcssen. Im Br\u00fcsseler Ratsgeb\u00e4ue lag seit dem 1. Februar ein geheim gehaltener Bericht aus, der zehn F\u00e4lle auflistet, in denen SWIFT-Daten angeblich zur Aufkl\u00e4rung von Terrorangriffen oder islamistischen Netzwerken beigetragen haben. Zusammengetragen wurde die Liste von dem franz\u00f6sischen Ermittlungsrichter Jean-Louis Brugui\u00e8re, einem hartleibigen Terroristenj\u00e4ger.\u00a0Anders als die europ\u00e4ische \u00d6ffentlichkeit hatten EU-Parlamentarier Zugang zu dem Dokument. Doch in keiner der Debatten im EU-Parlament spielten die F\u00e4lle, die es auflistet, eine Rolle.<\/p>\n<p>Der <em>ZEIT<\/em> liegt die Brugi\u00e8re-Liste\u00a0vor. Die zehn F\u00e4lle, bei denen SWIFT-Daten demnach zu Ermittlungserfolgen gef\u00fchrt haben, sind:<\/p>\n<p><strong>1.<\/strong> Im Jahr 2006, zum 5. Jahrestag des 11. September, wollten islamistische Terroristen 12 Flugzeuge aus Europa \u00fcber New York, San Francisco, Boston und Los Angeles zum Absturz bringen. SWIFT-Daten, so der Rats-Bericht, h\u00e4tten nach den Anschlagversuchen &#8222;zu neuen Spuren gef\u00fchrt, Identit\u00e4ten best\u00e4tigt sowie Beziehungen zwischen den einzelnen Verantwortlichen der Terrorplanung ausgemacht.&#8220;<\/p>\n<p><strong>2.<\/strong> Trotz gegenteiliger Behauptungen des Bundeskriminalamtes (BKA) und des Bundesinnenministers h\u00e4tten im Sommer 2007\u00a0SWIFT-Daten noch <em>vor<\/em> der Festnahme der &#8222;Sauerland-Gruppe&#8220; nicht nur die Konto- und \u00dcberweisungsdaten eines ihrer Mitglieder ermittelt, sondern auch ergeben, dass der Verd\u00e4chtige Konten im Ausland unterhielt. Ebenfalls <em>vor<\/em> der Festnahme sei festgestellt worden, dass ein zweites Mitglied der Gruppe Finanzbeziehungen &#8222;mit Personen im Ausland&#8220; unterhielt. Diese Informationen seien der Bundesregierung \u00fcbermittelt worden.<\/p>\n<p><strong>3.<\/strong> Im Januar 2009 stellten US-Beh\u00f6rden Ermittlungen \u00fcber eine Gruppe Amerikaner an, die mit Hilfe von al-Qaida einen Anschlag in der Vereinigten\u00a0Staaten geplant haben sollen. Die Personen sollen mit einem mutma\u00dflichen al-Qaida-Mitglied in D\u00e4nemark in Verbindung gestanden haben. SWIFT-Daten h\u00e4tten &#8222;Geldfl\u00fcsse von und zu den drei Personen in den USA gezeigt.&#8220; Sie h\u00e4tten &#8222;wichtige Informationen enthalten, um neue Untersuchungsrichtungen zu er\u00f6ffnen. Europ\u00e4ische Partner haben die Informationen auch f\u00fcr eigene Ermittlungen genutzt.&#8220;<\/p>\n<p><strong>4.<\/strong> Nach der Terrorattacke auf ein Hotel in Mumbai im November 2008 h\u00e4tten SWIFT-Daten ergeben, dass mehrere Mitglieder der Lashkar-e-Tayyiba (LeT) &#8222;Verbindungen zu Personen und Organisationen in den USA und Europa&#8220; unterhielten. Die Informationen seien den entsprechenden Regierungen zugeleitet worden.<\/p>\n<p><strong>5.<\/strong> SWIFT-Daten h\u00e4tten einen Indonesier als Finanzchef der Terrorgruppe Jemaah Islamyah &#8222;entlarvt&#8220;. Sie h\u00e4tten auch gezeigt, dass die Gruppe, die unter anderem bei einem Anschlag auf ein Hotel in Jakarta am 17. Juli 2009 neun Menschen t\u00f6tete, Geldgeber in der Golfregion habe.<\/p>\n<p><strong>6.<\/strong> Als Reaktion auf einen Interpol-Sicherheitsalarm am 10. Februar 2009 seien SWIFT-Daten auf\u00a0 &#8222;85 Terroristen&#8220; \u00fcberpr\u00fcft worden, die von der Regierung von Saudi-Arabien wegen Verbindungen &#8222;zu al-Qaida in Saudi-Arabien, dem Irak und Afghanistan&#8220; gesucht wurden. &#8222;Die Ergebnisse entlarvten Decknamen, Namensvariationen und Finanznetzwerke von mindestens neun der Gesuchten. Mindestens eine der Personen k\u00f6nnte Finanzkontakte in mehrere europ\u00e4ische L\u00e4nder unterhalten.&#8220;<\/p>\n<p><strong>7.<\/strong> Anfang 2009 h\u00e4tten SWIFT-Informationen auf die Spur einer Person &#8222;in einem nordeurop\u00e4ischen Land&#8220; gef\u00fchrt, die Verbindungen zu al-Qaida unterhalten habe. Die Person habe einen Angriff auf ein Flugzeug geplant.<\/p>\n<p><strong>8.<\/strong> Ebenfalls 2009 h\u00e4tten SWIFT-Daten zur Aufkl\u00e4rung eines Unterst\u00fctzernetzwerks der asiatischen LeT gedient.<\/p>\n<p><strong>9.<\/strong> Ende 2008 seien SWIFT-Daten genutzt worden, um\u00a0&#8222;Beziehungen erkenntlich zu machen&#8220; zwischen ranghohen Mitgliedern von al-Qaida-affiliierten Gruppen in S\u00fcdost-Asien.<\/p>\n<p><strong>10.<\/strong> Mitte 2009 h\u00e4tten SWIFT-Daten Informationen \u00fcber Mitglieder der baskischen Terrorgruppe Eta ergeben. Diese Informationen seien &#8222;europ\u00e4ischen Regierungen&#8220; zugeleitet worden.<\/p>\n<p>Warum haben die Europa-Parlamentarier nicht auf Basis dieser (angeblichen) Fakten \u00fcber das Swift-Abkommen diskutiert? Wie belastbar die Liste ist, insbesondere wie ma\u00dfgeblich der Anteil von SWIFT-Erkenntnissen an den Ermittlungserfolgen wirklich war, wie neutral ein Gutachter wie Brugui\u00e8re ist, w\u00e4re weitere Fragen wert. Sie wurden bis heute nicht gestellt, weder in Br\u00fcssel noch in Stra\u00dfburg.<\/p>\n<p>Das EU-Parlament verkn\u00fcpft ein h\u00f6heres Interesse mit der SWIFT-Abstimmung als ein rein datenschutzrechtliches. Viele seiner Mitglieder wollen die Gelegenheit nutzen, um zu zeigen, dass das Parlament unter den Regeln des Lissabon-Vertrages ein vollwertiger Mitspieler im europ\u00e4ischen Gesetzgebungsprozess sein muss. Dieses Interesse ist berechtigt. Die Art und Weise aber, wie das Parlament versucht sich zu emanzipieren, spricht nicht f\u00fcr seine Reife.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt eine Liste der Anti-Terror-Erfolge. Warum hat das Europ\u00e4ische Parlament sie nicht diskutiert? Es ist die vielleicht wichtigste Abstimmung, die es je abzuhalten hatte. Das Europ\u00e4ische Parlament will morgen dar\u00fcber entscheiden, ob weiterhin SWIFT-\u00dcberweisungsdaten aus Europa an die Vereinigten Staaten \u00fcbermittelt werden d\u00fcrfen. Die\u00a0Frage der Bankdaten\u00fcbermittlung\u00a0ist von einer\u00a0rechtpolitischen\u00a0Diskussion\u00a0zu einer transatlantischen Grundsatzangelegenheit aufgewachsen. 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