{"id":96,"date":"2008-07-31T10:49:33","date_gmt":"2008-07-31T09:49:33","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/2008\/07\/31\/wissenswertes-uber-den-krieg_96"},"modified":"2008-07-31T10:49:33","modified_gmt":"2008-07-31T09:49:33","slug":"wissenswertes-uber-den-krieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/2008\/07\/31\/wissenswertes-uber-den-krieg_96","title":{"rendered":"Wissenswertes \u00fcber den Krieg"},"content":{"rendered":"<p><strong>Das Soldaten-Handbuch \u00fcber Afghanistan geh\u00f6rt in jede Politiker-Hosentasche<\/strong><\/p>\n<p>Vor allem der letzte Vers des Gedichts hat sich herumgesprochen in den afghanischen Feldlagern der Bundeswehr. Jeder Soldat hat die Zeilen im Marschgep\u00e4ck, wenn er an den Hindukusch aufbricht. Sie stehen in einem kleinen blauen B\u00fcchlein, das ihm die Bundesregierung in der Heimat reicht.<\/p>\n<p><em>Die h\u00f6ren sollen, sie h\u00f6ren nicht mehr,<br \/>\nVernichtet ist das ganze Heer,<br \/>\nMit dreizehntausend der Zug begann,<br \/>\nEiner kam heim aus Afghanistan.<\/em><\/p>\n<p>\u201eAfghanistan \u2013 Wegweiser zur Geschichte\u201c, so hei\u00dft das kleine blaue B\u00fcchlein, und herausgegeben hat es das Milit\u00e4rgeschichtliche Forschungsamt der Bundeswehr (es bietet den Band sogar zum kostenlosen <a href=\"http:\/\/www.mgfa.de\/html\/einsatzunterstuetzung\/afghanistan\">Download <\/a>an).<\/p>\n<p><a href='https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2008\/07\/afgbuch1.jpg' title='afgbuch.jpg'><img src='https:\/\/blog.zeit.de\/bittner-blog\/files\/2008\/07\/afgbuch1.jpg' alt='afgbuch.jpg' \/><\/a><\/p>\n<p>Das 200-Seiten-Paperback soll die 3500 Bundeswehrsoldaten bei ihrer Mission in Kabul, Kundus oder Faisabad politisch und kulturell trittsicher machen. Doch leider schafft es mehr als das. Denn was die Soldaten da zur Lekt\u00fcre bekommen, ist kein \u201eHurra\u201c-rufender Armee-Reisef\u00fchrer. Nein, der Band sammelt das wohl genaueste Wissen, das sich in deutscher Sprache \u00fcber Afghanistan auftreiben l\u00e4sst. Die Autoren sind s\u00e4mtlich Akademiker und Asienkenner von Rang, sie schreiben frei von politisch korrekter Zielsetzung, und sie schreiben auch noch verst\u00e4ndlich.<\/p>\n<p>Genau in dieser hohen Qualit\u00e4t liegt zugleich der Kollateralschaden des Buches. Denn je l\u00e4nger man liest, desto gr\u00f6\u00dfer werden die Zweifel. Die Zweifel daran, ob gelingen kann, woran sich die Bundeswehr seit sechs Jahren abm\u00fcht. Politiker und Nato-Diplomaten m\u00f6gen es ja noch so werbesprachlich umschreiben; das Ziel der insgesamt 52 000 Isaf-Soldaten ist es letztlich, eine neue Gesellschaft(sordnung) in Afghanistan aufzubauen.<\/p>\n<p>Ein solches Vorhaben w\u00e4re schon in einem Land ehrgeizig, das \u00fcber eine nationale Identit\u00e4t, eine funktionierende Zentralregierung und \u00fcber eine Perspektive auf Wohlstand verf\u00fcgt. Afghanistan besitzt das alles nicht, schildert das Buch mit manchmal entwaffnender N\u00fcchternheit. \u201eEs ist unm\u00f6glich zu sagen, wie viele ethnische Gruppen es in Afghanistan gibt. Sch\u00e4tzungen schwanken zwischen 50 und 200\u201c, hei\u00dft es im Abschnitt <em>Strukuren und Leb<\/em>enswelt \u2013 wobei die Zugeh\u00f6rigkeit zu einer Volkszugeh\u00f6rigkeiten je nach \u201eN\u00fctzlichkeitserw\u00e4gungen\u201c durchaus kurzfristig wechseln k\u00f6nne.<\/p>\n<p>\u201eDie Grenzen zwischen Freund und Feind verlaufen durch schwer erkennbare und unbest\u00e4ndige Allianzen, Koalitionen und Verhaltensmuster\u201c, lehrt das Kapitel <em>Zur Sicherheitslage<\/em>, und \u201edie Verdienstm\u00f6glichkeiten durch Drogenhandel oder Schmuggel liegen um ein Vielfaches h\u00f6her als die Geh\u00e4lter der durch die Internationale Gemeinschaft unterst\u00fctzten Regierung.\u201c<\/p>\n<p>Der deutsche Verteidigungs- der Au\u00dfenminister, die Kanzlerin und die Fraktionschefs im Bundestag werden das in erster Auflage 2006 erschiene Buch bestimmt gelesen haben. Sie entscheiden schlie\u00dflich dar\u00fcber, welche Art von Engagement der Bundeswehr in Afghanistan weiterhin sinnvoll und notwendig ist.<\/p>\n<p>Denn eine Konstante, so d\u00e4mmert es dem Leser mit leichtem Schauder, zeichnet die Historie Afghanistans schon immer aus: die stets aufs Neue eindrucksvolle Absto\u00dfung fremder M\u00e4chte. Schon im 19. Jahrhundert bezahlten Russen und Engl\u00e4nder entsetzliche Preise f\u00fcr ihr imperiales \u201eGreat Game\u201c um den Hindukusch. \u201eAm 6. Januar 1842 verlie\u00dfen etwa 17 000 britische Soldaten und Zivilpersonen Kabul in Richtung Dschlalabad\u201c, notiert der Bundeswehr-Wegweiser unter der Rubrik <em>Historische Entwicklungen<\/em>. \u201eDer Marsch des Konvois endete mit dem gr\u00f6\u00dften Debakel der britischen Kolonialgeschichte. Nach der g\u00e4ngigen \u00dcberlieferung t\u00f6teten afghanische Krieger alle Angeh\u00f6rigen des Trosses bis auf einen Milit\u00e4rarzt.\u201c Die ber\u00fchmte dichterische Verarbeitung des Massakers von Theodor Fontane (siehe oben) ist in dem B\u00fcchlein gleich mit abgedruckt.<\/p>\n<p>Am geografischen und gesellschaftlichen Zuschnitt des Landes hat sich, jedenfalls au\u00dferhalb der St\u00e4dte, in den vergangenen 150 Jahren kaum etwas ge\u00e4ndert. Afghanistan ist \u2013 nach allen europ\u00e4ischen Ma\u00dfst\u00e4ben \u2013 unbeherrschbar geblieben. Bergketten durchziehen das Land wie Festungszinnen, und immer noch kann hinter jeder ein anderer Kriegsf\u00fcrst lauern. \u201eGreifen ausl\u00e4ndische Kr\u00e4fte in die Machtstrukuren ein, laufen sie selbst Gefahr, Ziel von Angriffen zu werden\u201c, warnt der Bundeswehr-F\u00fchrer.<\/p>\n<p>Es mag zynisch klingen, aber die nahezu ununterbrochene Folge kolonialer (bis 1919), kommunistischer (1979 \u2013 88) und islamistischer (bis heute) Eroberungsz\u00fcge hat viele Afghanen eben nicht nur gelehrt, mit dem Krieg, sondern auch vom Krieg zu leben. \u201eAfghanistan bleibt ein Land, in dem ein erheblicher Anteil der m\u00e4nnlichen Bev\u00f6lkerung keinen anderen Beruf gelernt hat als den des Kriegers. (\u2026) Sch\u00e4tzungen gehen von 1800 illegalen bewaffneten Gruppen mit einer Gesamtst\u00e4rke von bis zu 130 000 K\u00e4mpfern aus.\u201c<\/p>\n<p>Gegen all das, gegen Narko-Warlords, Steinzeitislamisten und korrupte Polizisten, setzt die Bundesregierung einen allm\u00e4hlichen politischen Klimawandel. Zweitausend (seit 2002 gebaute) Schulen, Millionen von Kindern, die Lesen und Schreiben lernen, Asphaltstra\u00dfen f\u00fcr Wandel durch Handel, ist das denn keine sehenswerte Bilanz?, fragen Bundeswehr-Generale.<\/p>\n<p>Das ist sie, ohne Zweifel.<\/p>\n<p>Aber wenn der Au\u00dfenminister das blaue B\u00fcchlein doch gelesen hat, warum sagt er dann erst seit vergangener Woche, dass er \u201emit Sorge auf das Nachbarland Pakistan\u201c schaut? Es steht immerhin seit zwei Jahren im Bundeswehr-Handbuch, auf Seite 93, aus welcher Richtung all die Erfolge der Bundeswehr-Mission gef\u00e4hrdet werden: Die (Taliban)-\u201eKommandeure halten sich \u00fcber l\u00e4ngere Zeit in Pakistan oder in Ruher\u00e4umen des \u00fcbrigen Auslands auf, um dann \u00fcber schlecht gesicherte Grenzen zur\u00fcckzukehren und Aktionen gegen die Koalitionskr\u00e4fte zu organisieren. Dabei werden sie fallweise selbst von scheinbar erfolgreich demobilisierten Milizion\u00e4ren oder kriminellen Polizeichefs unterst\u00fctzt.\u201c<\/p>\n<p>Im Herbst will der Bundestag eintausend weitere Soldaten nach Afghanistan entsenden. Vielleicht sollte die Bundesregierung vorher versuchen, ein paar Antworten auf die wichtigsten Fragen zu geben, die das blaue B\u00fcchlein aufwirft.<\/p>\n<p><em>Wegweiser zur Geschichte \u2013 Afghanistan. Herausgegeben von Bernhard Chiari im Auftrag des Milit\u00e4rgeschichtlichen Forschungsamtes, Sch\u00f6ningh 2007, ISBN: 978-3-506-75664-0, 14,90 Euro<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Soldaten-Handbuch \u00fcber Afghanistan geh\u00f6rt in jede Politiker-Hosentasche Vor allem der letzte Vers des Gedichts hat sich herumgesprochen in den afghanischen Feldlagern der Bundeswehr. Jeder Soldat hat die Zeilen im Marschgep\u00e4ck, wenn er an den Hindukusch aufbricht. Sie stehen in einem kleinen blauen B\u00fcchlein, das ihm die Bundesregierung in der Heimat reicht. 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