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Selbst Hunde tragen Atemmasken

 
Hochhäuser sind in Peking derzeit nur in Facetten zu erkennen. FOTO: FELIX LEE
Hochhäuser sind in Peking derzeit als Schemen zu erkennen. FOTO: Felix Lee

Peking verblasst im Smog. Wenn ich aus meinem Fenster schaue, kann ich die Fassaden der gerade einmal 100 Meter entfernten Hochhäuser kaum mehr erkennen. Seit einer Woche hängen dicke, rußige Nebelschwaden in der Luft. Die Luftmessungen der US-Botschaft hier vor Ort ergaben Werte von über 500 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter. Die Weltgesundheitsorganisation hält alles über 30 Mikrogramm für gesundheitsgefährdend.

Fenster und Balkontür habe ich seit fünf Tagen nicht mehr geöffnet. Die nach Kohle und Schwefel riechende Luft dringt trotzdem durch die  Fensterritzen in die Wohnung und lässt zwischendurch das Lämpchen meines Luftreinigers rot aufleuchten. Rot signalisiert laut Gebrauchsanleitung eine „stark verschmutzte Umgebungsluft“. Inzwischen habe ich versucht, die Fensterrahmen mit Klebeband  zu versiegeln.

Eigentlich hatten wir einen recht milden Winter. Das heißt: Es wird weniger geheizt, weniger Kohle verfeuert, weniger Feinstaub liegt in der Luft, der sich mit den Abgasen der Autos und Fabriken zu Smog vermischt. Doch zurzeit herrscht über Chinas gesamten Nordosten eine  Inversionswetterlage. Die Meteorologen im chinesischen Staatsfernsehen erklären: Auf dem Boden sei es relativ kalt, oben in gut 50 bis 100 Meter Höhe sorge aber eine warme Schicht dafür, dass die Luft nicht weichen kann. So werde der Feinstaub auf den Boden gedrückt. 15 Prozent des gesamten chinesischen Staatsgebietes sollen derzeit von der Smogdecke betroffen sein. Hier leben 400 Millionen Menschen. Die Feinstaubwolke weht sogar bis in die südkoreanische Hauptstadt Seoul, rund tausend Kilometer von Peking entfernt.

Blick vom Balkon des Autors. FOTO: Lee
Blick vom Balkon des Autors. FOTO: Felix Lee

Ich habe mir vor einiger Zeit Regeln auferlegt. Bei Feinstaubwerten unter 100 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft gehe ich bedenkenlos außer Haus. Ab 200 Mikrogramm trage ich draußen eine Atemschutzmaske. Ab 300 Mikrogramm vermeide ich jeglichen Aufenthalt im Freien. Ab 400 Mikrogramm schalte ich die Luftreiniger in der Wohnung auf volle Pulle – auch wenn der Lärm kaum zu ertragen ist. Nach diesen Richtlinien dürfte ich eigentlich seit fünf Tagen keinen Fuß mehr vor die Tür setzen, denn die Belastung liegt seit Tagen konstant bei mehr als 400 Mikrogramm. Das geht natürlich auch nicht. Also hülle ich mich mit Atemschutzmaske, Kapuze und Schal so sehr ein, dass nur noch die Augen zu sehen sind. Obwohl selbst das meine Atemwege nicht vor den Kleinstpartikeln schützt, denke ich: besser als gar nichts vor Nase und Mund.

Auch meine Mitmenschen wagen sich nur noch verhüllt vor die Tür. Am dritten Tag des dichten Smogs rief die Pekinger Umweltbehörde Alarmstufe orange aus, die zweithöchste Gefahrenstufe. Seitdem ist die Zahl der Passanten auf den ansonsten sehr belebten Pekinger Straßen zurückgegangen. Spielende Kinder auf den Schulhöfen sind nicht mehr zu sehen. Ältere Menschen, die normalerweise morgens auf Plätzen und in Höfen Frühgymnastik und Tai-Chi machen, gehen nicht mehr ins Freie. Auf dem Kurznachrichtendienst Weibo sind Bilder zu sehen, auf denen selbst Hunde Atemmasken tragen.

Ein Fahrverbot gibt es allerdings nicht. Das gilt erst ab Alarmstufe Rot – die die Behörden noch nie ausgerufen haben. Im Gegenteil: Der Verkehr ist dichter denn je. Eine verrückte Situation: Um weniger der schlechten Luft ausgesetzt zu sein, setzen sich die Pekinger in ihre Autos.

20 Kommentare

  1.   EDL

    So siehts aus FSonntag … das ist unsere globalisierte Welt.

    Ziemlich einfältig, wehr da ausschließlich auf die anderen Schimpft und sich selbst, als Mitverursacher, auch unabsichtlich, nicht auch ein bisschen an die eigene Nase fasst.

  2.   deedl

    @10 Geheimer Mensch

    Jede Menge. Die chinesische Regierung hat E-Mobilität zur Schlüsseltechnologie erklärt, so baut BYD serienmäßig Elektrobusse (als einziger Hersteller weltweit):

    http://cleantechnica.com/2014/02/24/byds-ev-buses-can-go-30-hours-single-charge/

    und auch elektrische Taxis sind seit einigen Jahren im Einsatz:

    http://de.wikipedia.org/wiki/BYD_e6

    Daimler hat eine Kooperation mit BYD, weil die Chinesen dort mittlerweile mehr Knowhow im Bereich Elektroauto haben als wir.

    Weiterhin ist China der größte Investor in erneuerbare Energien (natürlich soweit es geht selbst hergestellt):

    http://www.ft.com/cms/s/0/ccfb504a-5e32-11e2-8780-00144feab49a.html

    Natürlich dauert es noch viele Jahre, bis die Chinesen ihre Luft wieder sauber haben, aber sie arbeiten daran mit Verve und wir laufen Gefahr, dass sie uns dabei technisch abhängen.

  3.   CarstenH

    Schöner Artikel. Ich war im letzten Winter in Peking und habe mich ähnlich hilflos gefühlt. Maßnahmen waren regelmäßige nasse Fußbodenreinigung um Partikel zu „fangen“ und die bereits abgelagerten nicht immer wieder aufzuwirbeln. Wenn es die Zeit und das GEld irgendwie zulassen mal ein verlängertes Wochenende in den Süden fliegen… ach ne besser mit dem Zug fahren :-)

  4.   jay

    Schöne Grüße aus Peking,

    zur Zeit (20 Uhr Ortszeit) herrscht ein PM2.5 (EPA Messstandard) Feinstaub Wert von 488 und ein PM10 (chinesischer AQI Messstandard) von 266, beide Werte bedenklich hoch, ersterer sogar gefährlich hoch.
    Kein Hund trägt eine Maske und es befinden sich zwar weniger Menschen auf der Straße, aber selten geschützt.
    Nach Schwefel riecht es allerdings nicht, die SO2 Werte betragen gerade mal unbedenkliche 54.

    Die Werte wurden von einer amerikanischen Organisation ermittelt, allerdings auch in den am stärksten verschmutzten Bereichen der Stadt.
    Öffentliche Messwerte haben wie auch in den USA einen eher sehr günstigen Standort und sind somit eher bedingt zu vergleichen.

    Vor etwa gut 7 Tagen gab es noch blauen Himmel und wunderschönes kaltes Wetter mit PM10 Werten von deutlich unter 75 (chin. Grenzwert). Die krasse Smogentwicklung ist größtenteils auf die unglaublich ungünstige Wetterlage zurück zuführen (natürlich verursacht durch den Verkehr und die Zement- und Stahlindustrie, letztere ja massiv aus Europa und den USA outgesourced).

    Für den Großraum Beijing wurden kurzfristig über 800 Millionen $ zur Bekämpfung der Luftverschmutzung bereitgestellt, sowie im Januar weitere Gesetze verabschiedet.

    Informationen ohne Wertung, schöne grüße aus Beijing (alle Angaben leicht zu googlen)


  5. Willkommen in der Wirtschaftswunderwelt! Wenn das TTIP internationalen Großkonzernen erst einmal gestattet, gegen Umweltauflagen aufgrund ihres „marktverzerrenden Charakters“ zu klagen, dürften wir uns wohl auf ähnliche Zustände gefasst machen. Aber solange dabei Arbeitsplätze geschaffen werden…

  6.   CarstenB

    @ deedl und die anderen

    Und woher soll bitte die Energie für die E-Mobilität kommen? Aus Kohlekraftwerken? Das mit der E-Mobilität ist immer so ein schönes Schlagwort, aber meist nicht zu Ende gedacht. E-Mobilität ist erst grün, wenn die Strom grün erzeugt wird.

    Das Problem ist doch, dass inzwischen Geld ( Wirtschaftfähigkeit und Ökonomie) über der gesundheit der Menschen steht. Jedes Klimaziel wird doch von Ländern wie China, Indien, Brasilien erst unterzeichnet, wenn dadurch die mittelfristige Wirtschaftfsleitung nicht verringert wird. Wachstum über alles!!

    Das Argument, dass wir (Europa) auch mal viel ,,gequalmt,, haben lass ich nicht gelten, weil wir damals weltweite Vorreiter waren und Techniken entwickelt haben, um den CO2 Ausstoß zu verringern. Diese Technologien sind bekannt und somit weltweit verfügbar.

    Wenn ich aber mitbekomm, dass in China der Sprit so schlecht und verunreinigt ist, dass Automobilhersteller gezwungen sind, extra für China ihre Motoren anzupassen ( -> Verschlechterung von EU6 auf Niveau EU 3/4 ), dann läuft da schon etwas grundlegend falsch.

    Was ich in China halt immer so traurig finde, dass sich die Menschen zu wenig zu wehr setzten, bzw. es von der regierung nicht geduldet wird.

  7.   Antikommunist

    @Karl M.

    …immer noch nicht gemerkt?

    !!!!!!!!!!!!!!!!!! Kommunismus = Diktatur !!!!!!!!!!!

    siehe Nordkorea, Cuba, Vietnam…

  8.   der blinde rächer

    So viel zu der Behauptung, der einigermaßen an Umwelt- und Sozialstandarts orientierte europäische Kapitalismus würde von der Konkurrenz in Asien an die Wand gespielt. Wie wird es in einigen Jahren mit der Gesundheit der Chinesen aussehen? China ruiniert mit diesem Wahnsinn seine eigene Zukunft.

  9.   Biggi

    es wird hier soviel von guten und bösen menschen geschrieben.
    fakt ist aber auch gibt zuviele menschen in china. wenn dann alle noch autos haben möchten ist das schon schwierig. umweltprobleme entstehen auch immer durch überbevölkerung. wenig menschen, wenig verbrauch und die natur kommt damit zurecht.


  10. Kaum zu glauben, aber unsere Luft (oder die in den USA) war in den 60er und 70er Jahren genauso schlecht. Und wie bei uns: Erst kommt der Wohlstand, danach der Umweltschutz. Der nächste 5-Jahresplan beinhaltet jedenfalls schon immense Summen für Luftreinhaltungsmaßnahmen.

 

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