{"id":803,"date":"2013-02-01T13:30:17","date_gmt":"2013-02-01T12:30:17","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/china\/?p=803"},"modified":"2013-02-06T09:15:53","modified_gmt":"2013-02-06T08:15:53","slug":"chinas-gewaltige-cyberforce","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/china\/2013\/02\/01\/chinas-gewaltige-cyberforce\/","title":{"rendered":"Chinas gewaltige Cyberforce"},"content":{"rendered":"<p>F\u00fcr Journalisten in China geh\u00f6ren Hacker-Angriffe zum Alltag.\u00a0&#8222;Liebe Journalisten-Freunde&#8220;, hei\u00dft es in einer E-Mail, die erst Anfang der Woche in meinem Postfach landete. Die Pekinger Landwirtschaftsuniversit\u00e4t habe eine neue Studie ver\u00f6ffentlicht. Thema: &#8222;Zustand der Biotope in und um Peking&#8220;.\u00a0 Ich w\u00fcrde den Verfassern eine gro\u00dfe Freude machen, die angeh\u00e4ngte Datei zu \u00f6ffnen. Unterzeichnet hatte die Mail ein gewisser Professor Wang.<\/p>\n<p>Komisch, denke ich. Biotope in der 20-Millionen-Metropole Peking? Kaum habe ich den Anhang angeklickt, jault der Virenscanner auf. Ich solle die Datei unverz\u00fcglich vernichten, in dem Dokument befinde sich ein Trojaner. Erst dann f\u00e4llt mir auf, dass der Mail gar keine PDF-Datei anh\u00e4ngt, sondern eine, die mit den kryptischen Buchstaben xft endet.<!--more--><\/p>\n<p>Die <em>New York Times<\/em> hat in ihrer Donnerstagausgabe <a href=\"http:\/\/www.nytimes.com\/2013\/01\/31\/technology\/chinese-hackers-infiltrate-new-york-times-computers.html?pagewanted=all\">berichtet<\/a>, dass chinesische Hacker \u00fcber Monate nicht nur einzelne Rechner, sondern das gesamte Netzwerk des Zeitungshauses infiltriert haben. Die Hacker h\u00e4tten sowohl Passw\u00f6rter von Journalisten gestohlen als auch gezielt nach Rechercheergebnissen gesucht. Einer ihrer China-Korrespondenten war im vergangenen Jahr den <a href=\"http:\/\/www.nytimes.com\/2012\/10\/26\/business\/global\/family-of-wen-jiabao-holds-a-hidden-fortune-in-china.html\">Gesch\u00e4ften der Familie von Chinas Premierminister Wen Jiabao nachgegangen<\/a> &#8211; was nach der Ver\u00f6ffentlichung f\u00fcr <a href=\"http:\/\/www.nytimes.com\/2012\/10\/26\/business\/global\/family-of-wen-jiabao-holds-a-hidden-fortune-in-china.html\">viel innenpolitische Brisanz<\/a> sorgte. Seitdem ist die Website der <em>New York Times<\/em> in China gesperrt. Nun <a href=\"http:\/\/online.wsj.com\/article\/SB10001424127887323926104578276202952260718.html?mod=WSJEUROPE_hps_LEFTTopWhatNews\">berichtet<\/a> das <em>Wall Street Journal,<\/em> dass das Netzwerk der Zeitung ebenfalls von der Volksrepublik aus durchsucht wurde. Auch die Nachrichtenagentur <em>Bloomberg<\/em> schreibt von Angriffen auf ihr Netz.<\/p>\n<p>Die chinesischen Hacker haben es keineswegs nur auf US-Medien abgesehen. Tats\u00e4chlich ist wahrscheinlich so gut wie jeder China-Korrespondent Ziel einer Cyber-Attacke gewesen. Meist sind es pers\u00f6nlich adressierte Mails mit der Aufforderung, den Anhang zu \u00f6ffnen. Aber auch Unternehmen und Privatpersonen trifft es. Wer auf seinem Windows betriebenem Rechner das Tonsignal eines Antiviren-Programms einschaltet, wird mit dem Alarmsignal dauerbeschallt.<\/p>\n<p>Hacker sind in allen L\u00e4ndern aktiv. Die USA gibt unumwunden zu, dass sogar ihre Beh\u00f6rden weltweit gezielt Rechner durchst\u00f6bern. Doch aus keinem Land kommen inzwischen so viele Cyber-Attacken wie aus China. Wie aus dem j\u00fcngsten <a href=\"http:\/\/www.akamai.com\/dl\/akamai\/akamai_soti_q312_exec_summary.pdf\">&#8222;State of the Internet&#8220;-Bericht der US-IT-Dienstleisters Akamai<\/a> zu entnehmen ist, hatten im dritten Quartal 2012 ein Drittel aller weltweiten Angriffe ihren Ursprung in der Volksrepublik. Im Vergleich zum zweiten Quartal habe sich die Zahl verdoppelt. Aus den USA k\u00e4men 13 Prozent aller Attacken, aus Russland 5. Die enorme Zunahme aus China steht ganz offensichtlich im Zusammenhang mit dem politisch hochsensiblen F\u00fchrungswechsel in Peking, der Anfang November stattfand.<\/p>\n<p>Wie viel von den chinesischen Angriffen tats\u00e4chlich im Zusammenhang mit staatlichen Beh\u00f6rden stehen, ist den Akamai-Analysten nicht bekannt. Diese Information ist auch schwer zu bekommen. Denn neben dem Staat haben auch zahlreiche Staatsunternehmen eigene Abteilungen eingerichtet, die weltweit Rechner ausspionieren. Hinzu kommen Tausende von kleinen Privatfirmen, die im Auftrag des Staates oder Staatsunternehmen hacken. An technischem Know-How mangelt es nicht. In der Volksrepublik ist nicht-lizensierte \u2013 also illegal erworbene \u2013 Software weit verbreitet. Das macht Rechner anf\u00e4llig f\u00fcr Cyber-Angriffe. Hackertum hat sich in China sehr viel st\u00e4rker als in anderen L\u00e4ndern zum Volkssport entwickelt \u2013 sei es, um Konkurrenten auszuspionieren, Kundeninformationen zu missbrauchen, Firmen zu erpressen oder einfach sich als Hacker in der Szene zu profilieren.<\/p>\n<p>Im Fall der Angriffe auf US-Medien ist das politische Motiv hingegen unverkennbar. Im Fall der <em>New York Times<\/em> seien nach Angaben der Zeitung lediglich Informationen im Zusammenhang mit den Recherchen des angeblichen Familienverm\u00f6gens des chinesischen Ministerpr\u00e4sidenten ausspioniert worden. Pers\u00f6nliche Daten der Journalisten wurden nicht gestohlen, obwohl die Hacker die Passw\u00f6rter von 53 pers\u00f6nlichen Computern geknackt haben. Und auch das <em>Wall Street Journal<\/em>\u00a0berichtet, die Infiltrierungsversuche galten ganz gezielt der China-Berichterstattung. Ein kommerzielles Interesse habe es nicht gegeben, sagte eine Sprecherin der Mutterfirma Dow Jones.<\/p>\n<p>Das chinesische Au\u00dfenministerium weist die Vorw\u00fcrfe zur\u00fcck und bezeichnet sie als &#8222;haltlos&#8220;. Das chinesische Gesetz verbiete Cyberangriffe und jegliche Handlungen, durch die die Sicherheit im Internet gef\u00e4hrdet werden k\u00f6nnte, hei\u00dft es in einer Stellungnahme.<\/p>\n<p>Noch w\u00e4hrend ich diese Zeilen aufschreibe, finde ich im Spam-Ordner \u00fcbrigens diese Mail: &#8222;Sehr geehrter Herr Lee, das Kulturb\u00fcro der tibetischen Provinzregierung l\u00e4dt Sie zu einer Reise nach Lhasa ein. Weitere Informationen entnehmen Sie der angeh\u00e4ngten Datei.&#8220; Reisen nach Tibet sind ausl\u00e4ndischen Journalisten verboten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr Journalisten in China geh\u00f6ren Hacker-Angriffe zum Alltag.\u00a0&#8222;Liebe Journalisten-Freunde&#8220;, hei\u00dft es in einer E-Mail, die erst Anfang der Woche in meinem Postfach landete. Die Pekinger Landwirtschaftsuniversit\u00e4t habe eine neue Studie ver\u00f6ffentlicht. Thema: &#8222;Zustand der Biotope in und um Peking&#8220;.\u00a0 Ich w\u00fcrde den Verfassern eine gro\u00dfe Freude machen, die angeh\u00e4ngte Datei zu \u00f6ffnen. 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