{"id":2413,"date":"2013-04-22T10:15:14","date_gmt":"2013-04-22T08:15:14","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/fahrrad\/?p=2413"},"modified":"2013-04-22T11:30:36","modified_gmt":"2013-04-22T09:30:36","slug":"ein-buch-verfuhrt-zum-radfahren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/fahrrad\/2013\/04\/22\/ein-buch-verfuhrt-zum-radfahren\/","title":{"rendered":"Ein Buch verf\u00fchrt zum Radfahren"},"content":{"rendered":"<p><figure id=\"attachment_2414\" aria-describedby=\"caption-attachment-2414\" style=\"width: 360px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img decoding=\"async\" class=\" wp-image-2414 \" alt=\"\u00a9 Mairisch Verlag\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/fahrrad\/files\/2013\/04\/coverphilosophie.jpg\" width=\"360\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/fahrrad\/files\/2013\/04\/coverphilosophie.jpg 1819w, https:\/\/blog.zeit.de\/fahrrad\/files\/2013\/04\/coverphilosophie-386x540.jpg 386w, https:\/\/blog.zeit.de\/fahrrad\/files\/2013\/04\/coverphilosophie-733x1024.jpg 733w\" sizes=\"(max-width: 1819px) 100vw, 1819px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2414\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Mairisch Verlag<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Jeder, der lange Touren bestreitet, kennt diese meditativen Momente auf dem Rad: Wenn die Beine wie ein Uhrwerk treten, sich der Kopf erst leert und irgendwann ein Problem oder eine Aufgabe sich zeigt, die beim Fahren durchgedacht werden will. In dem Buch <em>Die Philosophie des Radfahrens<\/em>, erschienen im<a href=\"http:\/\/www.mairisch.de\/\" target=\"_blank\"> Mairisch<\/a> Verlag, kann man 15 internationale Autoren eine Weile beim Denken begleiten.<\/p>\n<p>In Kapiteln mit Namen wie <em>Auf die harte Tour &#8230;<\/em>, <em>Aus den Schuhen auf den Sattel<\/em> oder <em>Au\u00dfer Kontrolle<\/em> wird das stundenlange gleichf\u00f6rmige Treten in der Natur zu einem philosophischen Ausflug mit sehr konkretem Bezug zum Radfahreralltag. Die Philosophieprofessoren, Sportjournalisten und Radprofis schreiben \u00fcber die Ethik von Wettbewerb und Erfolg, Verkehrspolitik im Ausland oder machen einfach nur Lust aufs Radfahren in all seinen Spielarten. Manche Erz\u00e4hlung ist am\u00fcsant, und h\u00e4ufig erkennt der Leser sich wieder, etwa wenn Steven D. Hales seine ersten Radreise schildert.<!--more--><\/p>\n<p>Wie viele Radnovizen ist er schlecht vorbereitet und noch schlechter ausgestattet zu seiner ersten Tour aufgebrochen. Die Folgen sind absehbar: Ein schmerzender Hintern, totale Ersch\u00f6pfung und zu allem \u00dcbel hat irgendwann einer seiner Mitfahrer einen schlimmen Unfall. Die Erkenntnisse, die Hales auf seinem Weg vom Laien zum Tourenfahrer sammelt, fasst er in sechs Lektionen zusammen. Die vierte lautet ebenso kategorisch wie realit\u00e4tsnah: &#8222;H\u00f6r auf zu heulen und rei\u00df dich zusammen. Und trage immer einen Helm.&#8220;<\/p>\n<p>Die sehr konkrete Sprache zieht sich durch alle Kapitel. Ebenso die Erkenntnis. Die Philosophieprofessorin Heather L. Reid hat lange Jahre auf eine Olympiateilnahme hin trainiert. Als sie die Qualifikation verpatzte, war sie trotz der Niederlage erstaunlich zufrieden. &#8222;Ich war ein gutes Rennen gefahren &#8230; habe meine Karten so gut ich konnte gespielt \u2013 meine Gegnerin war einfach schneller.&#8220; F\u00fcr sie war ihre Reaktion die logische Konsequenz aus vielen Jahren harter Arbeit im Radsport mit dem Ziel, eine olympische Athletin zu werden. In der Zeit lernte sie sich durchs Radfahren mit all seinen H\u00f6hen und Tiefen sehr genau kennen und verfolgte ihre Ideale. Radfahren war, wie sie sagt, ihr Weg zu mehr Weisheit und Tugend. Zu denen geh\u00f6ren ganz selbstredend auch Aufrichtigkeit und Sportsgeist \u2013 wichtige Attribute nicht nur f\u00fcr Philosophen.<\/p>\n<p>Als Lance Armstrong im Jahr 2000 bei der zw\u00f6lften Etappe der Tour de France auf der Zielgeraden Marco Pantani den Sieg \u00fcberlie\u00df, sch\u00e4umte der Italiener vor Wut. Raymond Angelo Belliotti beschreibt das sehr eindrucksvoll in seinem Kapitel <em>Au\u00dfer Kontrolle<\/em>. Kaum ein Sportler freut sich \u00fcber einen \u00fcberlassenen Sieg. Noch weniger aber \u00fcber Betrug. Die Professorin Reid war entt\u00e4uscht, als sie Jahre nach ihrer Niederlage erfuhr, das einige ihre Gegnerinnen gedopt und sie get\u00e4uscht hatten. Sie haben ihr die M\u00f6glichkeit verwehrt, sich wirklich mit ihnen zu messen. In ihrer Beschreibung bekommt man eine Idee davon, wie sich Tour-Teilnehmer f\u00fchlen m\u00fcssen, denen ein Sieg verwehrt wurde, weil die vermeintlichen Sieger sich Jahre sp\u00e4ter als Doper entpuppten.<\/p>\n<p>Sich messen, sich selbst kennenlernen, sich weiterentwickeln. Und Werte kultivieren wie Mut, Disziplin, Respekt und Gerechtigkeit. Das sind zentrale Punkte, \u00fcber die die Autoren in ihren Essays schreiben. Das h\u00f6rt sich abgehoben an, ist es aber gar nicht. Die Schreiber sind stets bodenst\u00e4ndig und lesernah.<\/p>\n<p>Selbst die aktuelle Verkehrspolitik kommt nicht zu kurz. Es gibt den Blick nach Kopenhagen und einen interessanten Beitrag \u00fcber das Ph\u00e4nomen <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/fahrrad\/2012\/10\/29\/critical-mass-radler-rauf-auf-die-strase\/\" target=\"_blank\">Critical Mass<\/a>. Die sehr verk\u00fcrzte sinngem\u00e4\u00dfe Zusammenfassung des Kapitels lautet: Critical Mass bietet keine L\u00f6sung f\u00fcr die aktuellen Verkehrsprobleme. Sie schafft aber Voraussetzungen, um dar\u00fcber nachzudenken, wie \u00f6ffentliche und soziale R\u00e4ume neu genutzt werden k\u00f6nnen. Sehr passend ist dazu die Einsch\u00e4tzung von Amy Stork, der Mitbegr\u00fcnderin des Pro-Fahrrad-Netzwerks <em>Shift in Portland<\/em>. Sie sch\u00e4tzt Critical Mass, weil es gut sei, einen radikalen Fl\u00fcgel zu haben, wenn man einen Kulturwandel bewirken wolle. Sie sagt: &#8222;Wenn die Leute Critical Mass sehen und ihnen die Bewegung radikal vorkommt, dann erscheint ihnen die Errichtung eines Fahrradweges vern\u00fcnftig. In Gegenden, wo es Critical Mass nicht gibt, kommt ihnen ein Fahrradweg radikal vor.&#8220;<\/p>\n<p><em>Philosophie des Radfahrens<\/em> ist kein Schm\u00f6ker. Es ist ein Buch, das man immer wieder gerne zur Hand nimmt, um ein Kapitel zu lesen. Radfahrer werden es m\u00f6gen. Schon allein wegen des imperativen Charakters, der einem immer wieder Lust macht, selbst aufs Rad zu steigen. Eine meiner Lieblingsstellen ist die, wo Hales den deutschen Philosophen Peter Sloterdijk aus <em>Du musst dein Leben \u00e4ndern<\/em> zitiert. &#8222;Gebirge kritisiert man nicht, man besteigt sie oder l\u00e4sst es bleiben&#8220;, schrieb Sloterdijk. Hales \u00fcbersetzt das mit: &#8222;Rei\u00dft euch zusammen, verlasst das Flachland und erobert den Gipfel!&#8220; Also: Auf geht\u2019s.<\/p>\n<p><em>J. Ilund\u00e1in-Agurruza \/ M. W. Austin \/ P. Reichenbach (Hg.): Die Philosophie des Radfahrens, Mairisch Verlag, Mai 2013, 208 Seiten. Hardcover 18,90 Euro, Kindle 9,90 Euro. <a href=\"http:\/\/www.mairisch.de\/Die_Philosophie_des_Radfahrens_Leseprobe.pdf\" target=\"_blank\">Hier<\/a> geht es zur Leseprobe.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jeder, der lange Touren bestreitet, kennt diese meditativen Momente auf dem Rad: Wenn die Beine wie ein Uhrwerk treten, sich der Kopf erst leert und irgendwann ein Problem oder eine Aufgabe sich zeigt, die beim Fahren durchgedacht werden will. 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