{"id":4842,"date":"2014-08-21T11:59:41","date_gmt":"2014-08-21T09:59:41","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/fahrrad\/?p=4842"},"modified":"2014-08-21T12:42:41","modified_gmt":"2014-08-21T10:42:41","slug":"radreise-europa-thinius","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/fahrrad\/2014\/08\/21\/radreise-europa-thinius\/","title":{"rendered":"134.000 Kilometer durch ganz Europa"},"content":{"rendered":"<p><figure id=\"attachment_4840\" aria-describedby=\"caption-attachment-4840\" style=\"width: 540px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img decoding=\"async\" class=\" wp-image-4840 \" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/fahrrad\/files\/2014\/08\/20143101.jpg\" alt=\"\u00a9 Andreas Thinius\" width=\"540\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/fahrrad\/files\/2014\/08\/20143101.jpg 638w, https:\/\/blog.zeit.de\/fahrrad\/files\/2014\/08\/20143101-540x365.jpg 540w\" sizes=\"(max-width: 638px) 100vw, 638px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4840\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Andreas Thinius<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Es begann im Jahr 2002 mit einer Abfindung. &#8222;Andere kaufen sich davon ein Haus&#8220;, sagt Andreas Thinius. Der IT-Berater nutzte das Geld, um Europa mit dem Rad zu entdecken \u2013 die Erf\u00fcllung eines pers\u00f6nlichen Traums. Thinius bereiste drei Jahre lang den Kontinent in alle Himmelsrichtungen. Rund 63.000 Kilometer fuhr er in der Zeit.<\/p>\n<p>Inzwischen sind es fast 134.000 Reiseradkilometer geworden, in den vergangenen zw\u00f6lf Jahren. F\u00fcr Thinius nur eine sechsstellige Zahl. Wichtiger sind ihm die Menschen, die er unterwegs kennenlernt, und die unterschiedlichen Regionen Europas. <!--more--><\/p>\n<p>Die Reisen sind der Dreh- und Angelpunkt in seinem Leben. Thinius lebt gen\u00fcgsam, mag es, wie ein Nomade jeden Tag weiterzuziehen, drau\u00dfen zu leben, zu zelten und mit purer Muskelkraft die Welt zu entdecken. Radfahren geh\u00f6rte seit jeher zu Thinius&#8216; Leben. Bereits als Kind fuhr er mit seiner Familie in den Sommerferien mit dem Fahrrad in den Urlaub.<\/p>\n<p>Dieses Jahr ist er von Warschau \u00fcber Wei\u00dfrussland bis Moskau und Samara geradelt. Als Erholungstrip hat er anschlie\u00dfend eine Tour durch Norwegen, Schweden, Finnland, Estland, Lettland und zur\u00fcck nach Schweden drangeh\u00e4ngt. Seine Reisen dokumentiert er ganz exakt auf seiner Website <a href=\"http:\/\/www.cycleguide.info\/\" target=\"_blank\">cycleguide<\/a> \u2013 seinem individuellen Radroutenplan f\u00fcr Europa.<\/p>\n<p>Sein Fahrrad hat Thinius 1992 gekauft. Zehn Jahre sp\u00e4ter hat er es mit einen Nabendynamo und hydraulischen Bremsen aufger\u00fcstet. Nachdem eine Fluggesellschaft den Rahmen beim Transport ruiniert hat, baute er s\u00e4mtliche Teile an den Ersatzrahmen. Zweimal lie\u00df er seitdem den Rahmen schwei\u00dfen.<\/p>\n<p>In der heutigen Zeit ist das ungew\u00f6hnlich. Andere Langzeitreisende haben Sponsoren, die sie regelm\u00e4\u00dfig mit neuen R\u00e4dern, Taschen und Ausr\u00fcstung versorgen. Thinius will keine Geldgeber. Der mittlerweile selbstst\u00e4ndige IT-Berater finanziert seine Reisen selbst. Das findet er besser, als st\u00e4ndig\u00a0fotografieren oder seine Reisen via Video dokumentieren zu m\u00fcssen, als Gegenleistung f\u00fcr das Sponsoring. Er erlebt die Welt lieber unmittelbar statt \u00fcber das Display seiner Kamera.<\/p>\n<p>So wie den Abend seines 42. Geburtstags. Thinius fuhr mit 15 km\/h \u00fcber eine Landstra\u00dfe, als pl\u00f6tzlich 100 Meter vor ihm ein Elch auf der Stra\u00dfe stand. Sein erster Elch in freier Wildbahn. &#8222;Ich verfiel regelrecht in eine Schockstarre&#8220;, beschreibt er den Moment. An fotografieren war nicht zu denken. Stattdessen beobachtete er gebannt das massige Tier, wie es langsam nach rechts in den Wald trottete.<\/p>\n<p><strong>Russland heute einfacher zu erradeln<\/strong><\/p>\n<p>Die Nordeuropa-Tour war das beschauliche Kontrastprogramm zu seiner Russlandreise vier Wochen zuvor. Er fand sie anstrengend. Dabei war sie f\u00fcr ihn fast ein Heimspiel \u2013 Thinius war schon f\u00fcnf Mal in Russland. Allerdings nie auf denselben Stra\u00dfen. Thinius f\u00e4hrt keine Strecke zweimal. Bevor er sich mit seinem Rad auf vertrauten Asphalt begibt, steigt er lieber in Bus oder Bahn, um z\u00fcgig auf neue Wege zu treffen.<\/p>\n<p>Russland hat sich ver\u00e4ndert, sagt Thinius. Das Land ist heute einfacher zu bereisen als Jahre zuvor. &#8222;Die Akzeptanz im Stra\u00dfenverkehr gegen\u00fcber Radfahrern w\u00e4chst&#8220;, sagt der Radtourist.\u00a0Jahrelang war er ein Exot auf der Stra\u00dfe. Oft wurde er unterwegs von Polizisten angehalten, die seinen Ausweis kontrollierten. In den einfachen Hotels, in denen er sich f\u00fcr f\u00fcnf bis sechs Euro pro Nacht einquartierte, fragte man ihn regelm\u00e4\u00dfig, ob er ein Spion sei. Das war dieses Jahr anders. Niemand behelligte ihn mit derlei Fragen.<\/p>\n<p>Thinius wollte unbedingt nach Russland, um die Stimmung der Menschen im Land zu ersp\u00fcren. Radfahren ist daf\u00fcr gut geeignet. &#8222;Du bist ganz nah an den Menschen dran und nimmst deine Umgebung mit allen Sinnen auf&#8220;, sagt er. Er \u00fcbernachtete oft bei Russen, die \u00fcber Couchsurfing Unterk\u00fcnfte anbieten. Seine Versuche, mit ihnen \u00fcber die Weltpolitik zu sprechen, wiegelten sie meistens ab. Dennoch fand er es wichtig, dort gewesen zu sein. &#8222;Die Russen sind ein sehr liebevolles und gastfreundliches Volk. Als radreisender Fremder ist man in Russland sehr willkommen&#8220;, sagt Thinius.<\/p>\n<p>Seine Gastgeber sprachen Englisch. Doch das war die Ausnahme. In der Regel sprechen die Menschen russisch und schreiben kyrillisch. Ein paar Brocken versteht und spricht Thinius mittlerweile, aber meist verst\u00e4ndigt er sich mit H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen. Das macht das Navigieren und Einkaufen zeitweise schwierig. Speziell auf dem Land, wo Thinius am liebsten unterwegs ist.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_4841\" aria-describedby=\"caption-attachment-4841\" style=\"width: 540px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img decoding=\"async\" class=\" wp-image-4841 \" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/fahrrad\/files\/2014\/08\/20142980.jpg\" alt=\"\u00a9 Andreas Thinius\" width=\"540\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/fahrrad\/files\/2014\/08\/20142980.jpg 640w, https:\/\/blog.zeit.de\/fahrrad\/files\/2014\/08\/20142980-540x405.jpg 540w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4841\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Andreas Thinius<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Die offiziellen Eurovelorouten meidet er. Das Fahren auf breiten, ausgebauten Radwegen entlang von Bett&amp;Bike-Hotels findet er langweilig. F\u00fcr ihn ist das Radurlaub \u2013 er versteht sich aber als Radreisender. In Russland war er die meiste Zeit auf abgelegenen Routen in der N\u00e4he der Wolga unterwegs.<\/p>\n<p>Dazu muss er seine Routen allerdings akribisch planen. Jede Tagesetappe misst etwa 100 Kilometer, und Thinius sucht die ideale Mischung aus Natur, Kultur und Einsamkeit. Ein toller Gebirgspass, ein alter Dom und ein Badesee auf einer Tour machen den Tag zum Erlebnis.<\/p>\n<p>Ruhetage gibt es auf seinem Plan nicht. Auf einer Tour hat er einmal einen Pausentag pro Woche eingelegt. V\u00f6llig \u00fcberfl\u00fcssig. &#8222;Ich kann das nicht&#8220;, sagt er. Am Mittag sa\u00df er wieder im Sattel und fuhr weiter. &#8222;Ich setze mich gerne hin und sp\u00fcre die Atmosph\u00e4re.&#8220; Aber um die Stimmung mit allen Sinnen aufzunehmen, reicht ihm oft eine Stunde. &#8222;Mich reizt eher die Vielfalt als die Tiefe&#8220;, sagt er.<\/p>\n<p>79 Touren hat er bisher auf seiner Website gelistet. Sein Ziel ist es, ein europaweites Radreisenetz aufzubauen mit Routen, die andere Reisende nachfahren k\u00f6nnen. Die einzelnen Etappen sind mit Kilometer- und H\u00f6henangaben versehen, Fotos illustrieren die Route.<\/p>\n<p>H\u00e4ufig fragen ihn seine Leser, warum er nicht die ganze Welt bereist. Thinius sagt dann immer: Weil Europa so ein gro\u00dfartiger Kontinent ist. Weil man auf kleinen Etappen unglaublich viel Kultur und unterschiedliche Natur erleben kann. Ihm reicht das v\u00f6llig. F\u00fcr ihn ist sein europ\u00e4ischer Radroutenplan cycleguide sein Lebensjob. Die IT-Beratung l\u00e4uft nebenbei weiter \u2013 Notebook, Smartphone und ein Akkupowerpack hat Thinius stets dabei, um im Notfall seinen Kunden von unterwegs zu helfen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es begann im Jahr 2002 mit einer Abfindung. &#8222;Andere kaufen sich davon ein Haus&#8220;, sagt Andreas Thinius. 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