{"id":5004,"date":"2014-09-12T13:01:49","date_gmt":"2014-09-12T11:01:49","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/fahrrad\/?p=5004"},"modified":"2014-09-12T14:10:32","modified_gmt":"2014-09-12T12:10:32","slug":"eine-deutsche-begeistert-chinesen-fuers-fixie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/fahrrad\/2014\/09\/12\/eine-deutsche-begeistert-chinesen-fuers-fixie\/","title":{"rendered":"Eine Deutsche begeistert Chinesen f\u00fcrs Fixie"},"content":{"rendered":"<p><figure id=\"attachment_5012\" aria-describedby=\"caption-attachment-5012\" style=\"width: 540px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-5012 size-medium\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/fahrrad\/files\/2014\/09\/Ines_Brunn_Natooke_3-540x360.jpg\" alt=\"Ines Brunn in ihren Fahrradladen \u00a9 Matjaz Tancic\" width=\"540\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/fahrrad\/files\/2014\/09\/Ines_Brunn_Natooke_3-540x360.jpg 540w, https:\/\/blog.zeit.de\/fahrrad\/files\/2014\/09\/Ines_Brunn_Natooke_3.jpg 639w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-5012\" class=\"wp-caption-text\">Ines Brunn in ihren Fahrradladen \u00a9 Matjaz Tancic<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Ines Brunn h\u00e4tte es einfacher haben k\u00f6nnen. Als Physikerin hatte sie in Peking einen angesehen und gut bezahlten Job in einem Telekommunikationskonzern. Aber dann beobachtete sie, wie vor ein paar Jahren jeden Monat Radwege in der einstigen Fahrrad-Hauptstadt Peking in Autospuren umgewandelt wurden. Brunn wollte die Zerst\u00f6rung der fahrradfreundlichen Stadt stoppen und er\u00f6ffnete in Peking einen Fixed Gear Shop. Sie selbst f\u00e4hrt seit ihrer Kindheit Kunstrad. Fr\u00fch brach sie mit den starren Regeln des Sports, studierte sehr akrobatische Choreographien ein. Damit ist sie weltweit bekannt geworden und wird heute international engagiert. Radfahren bedeutet ihr immer noch viel. Im Alltag f\u00e4hrt sie am liebsten Fixed Gear (also mit starrem Gang und ohne Freilauf).<\/p>\n<p>Der Schritt raus aus dem sicheren Job rein in die Existenzgr\u00fcndung mit einem Fixie-Shop war insofern ein Schritt, sich wieder mit dem Thema zu besch\u00e4ftigten, f\u00fcr das sie brennt. Aber es war auch ein Schritt gegen den Mobilit\u00e4tstrend. Denn 2008 wurden in dem einstigen Fahrradparadies jeden Tag 1.500 neue Autos zugelassen, ein Jahr sp\u00e4ter waren es schon doppelt so viele. Das kam nicht von ungef\u00e4hr. Die chinesische Regierung hatte \u00e4hnlich wie Deutschland den Autokauf gef\u00f6rdert. Wer sich einen Kleinwagen anschaffte, wurde in der Zeit der weltweiten Wirtschaftskrise mit Pr\u00e4mien und einen Steuernachlass belohnt. \u201eIch war zehn Tage im Urlaub und anschlie\u00dfend waren 30.000 mehr Autos auf den Stra\u00dfen. Das sp\u00fcrte man deutlich\u201c, sagt Ines Brunn. Und mit dem Mehr an Autos sank die Zahl der Radfahrer.<\/p>\n<p>Um den Chinesen die Lust am Radfahren wieder n\u00e4herzubringen, organisierte Brunn zun\u00e4chst Ausfahrten mit dem Fahrrad. Ihre ausl\u00e4ndischen Freunde kamen. Die chinesischen blieben weg. \u201eGlaubst du wirklich, ich bin so arm?\u201c, fragten sie die Deutsche emp\u00f6rt, wenn diese sie aufs Radfahren ansprach. &#8222;Das Fahrrad ist in China verp\u00f6nt\u201c, sagt Brunn, \u201ees gilt als das Verkehrsmittel der Armen.\u201c Dass die Deutsche selbst zu jeder Verabredung mit dem Rad erschien, sahen ihre chinesischen Freunde oft nicht.<\/p>\n<p>&#8222;Wenn du etwas \u00e4ndern willst, musst du einen Fahrradladen aufmachen&#8220;, hatte ihr im Sommer 2008 ein guter Freund geraten.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-5007 size-medium\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/fahrrad\/files\/2014\/09\/Ines_Brunn_Natooke_1-540x360.jpg\" alt=\"\u00a9 Ines Brunn\" width=\"540\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/fahrrad\/files\/2014\/09\/Ines_Brunn_Natooke_1-540x360.jpg 540w, https:\/\/blog.zeit.de\/fahrrad\/files\/2014\/09\/Ines_Brunn_Natooke_1.jpg 639w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><\/p>\n<p>\u00a9 Ines Brunn<\/p>\n<p>Acht Monate hatte sie damals Fixed-Gear-Fahrer gesucht, um mit ihnen durch Peking zu radeln. Mit Hilfe von herk\u00f6mmlichen Fahrradshop-Betreibern konnte sie f\u00fcnf aufsp\u00fcren. Zwei von ihnen hatte sie selbst auf der Stra\u00dfe angesprochen. Sie glaubt, dass es damals auch nur diese f\u00fcnf Fixed-Gear-Fahrer in der Elf-Millionen-Einwohner-Stadt gab. Einen Shop, der diese R\u00e4der verkaufte, den gab es freilich gar nicht.<\/p>\n<p>Je l\u00e4nger sie \u00fcber den Vorschlag nachdachte, umso einleuchtender fand sie ihn. F\u00fcr Au\u00dfenstehende wollte sie das Unm\u00f6gliche: Chinesen f\u00fcrs Radfahren begeistern, ihnen Fahrr\u00e4der verkaufen, die sie cool fanden. Das war damals ein Widerspruch in sich. Aber das war es, was die Deutsche wirklich wollte. Sie k\u00fcndigte ihren Job und er\u00f6ffnete ein paar Monate sp\u00e4ter ihren Fixed Gear Shop <a href=\"http:\/\/www.natooke.com\/\" target=\"_blank\">&#8222;Natooke&#8220;<\/a>.<\/p>\n<p>Der Anfang war z\u00e4h. &#8222;Die Ausl\u00e4nder waren zwar begeistert\u201c, erinnert sie sich, &#8222;aber die Chinesen blieben weg.&#8220; Ab und an verliefen sich einheimische Passanten in den Laden mit den bunten Rahmen und Laufr\u00e4dern. Aber wenn sie h\u00f6rten, dass sie nur Fahrr\u00e4der verkaufte, machten sie auf dem Absatz kehrt. Ihre f\u00fcnf Fixed-Gear-Fahrer konnten ein paar Freunde animieren, bei ihr Fahrr\u00e4der zu kaufen, ansonsten lief der Verkauf eher schleppend an.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_5008\" aria-describedby=\"caption-attachment-5008\" style=\"width: 540px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-5008 size-medium\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/fahrrad\/files\/2014\/09\/Ines_Brunn_Natooke_5-540x360.jpg\" alt=\" \u00a9 Ines Brunn\" width=\"540\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/fahrrad\/files\/2014\/09\/Ines_Brunn_Natooke_5-540x360.jpg 540w, https:\/\/blog.zeit.de\/fahrrad\/files\/2014\/09\/Ines_Brunn_Natooke_5.jpg 639w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-5008\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Ines Brunn<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p><strong>Der Imagewandel<\/strong><\/p>\n<p>Das \u00e4nderte sich im Sommer 2009. Damals ver\u00f6ffentlichte das Mode-Magazin iLook ein Interview mit ihr. iLook ist laut Brunn ein Trendsetter f\u00fcr Peking. Im Folgejahr zogen weitere Mode-Magazine nach und 2011 posierten die ersten Models f\u00fcr die Fotostrecken bereits mit Fixies. Seitdem werden es immer mehr.<\/p>\n<p>Etwa zu dieser Zeit griff auch die Politik das Thema nachhaltiger Verkehr auf. Der zentrale TV-Sender zeigte ein bis zwei Minuten dauernde Fernsehspots, die die Verkehrsprobleme und die Luftverschmutzung in chinesischen St\u00e4dten thematisierten. Der neue Kurs sah vor, die Menschen wieder dazu zu ermutigen, der Umwelt zuliebe aufs Fahrrad zu steigen. Auch Ines Brunn wirkte in einem dieser Spots mit.<\/p>\n\n<div class=\"embed-wrapper embed-wrapper--blocked js-embed-consent\" data-method=\"iframe\">\n<script class=\"raw__source\" type=\"text\/template\"><iframe loading=\"lazy\" frameborder=\"0\" height=\"315\" src=\"\/\/www.youtube.com\/embed\/EvxSBQXP2c8\" width=\"560\"><\/iframe><\/script>\n<div class=\"embed-wrapper__inner\">\n<div class=\"embed-wrapper__text\">\n<h3>Empfohlener redaktioneller Inhalt<\/h3>\n<p data-replace=\"no\">An dieser Stelle finden Sie externen Inhalt, der den Artikel erg\u00e4nzt. 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Sie wollte die junge Generation erreichen, bei der besonders gro\u00dfe und teure Autos beliebt sind. Aber auch Fixies haben ein cooles Image. Und so baute die Deutsche mit einem Freund in einer angesagten Bar zwei Fixies auf und lie\u00df die G\u00e4ste auf den R\u00e4dern gegeneinander antreten. Die Marketingaktion hatte Erfolg: Die bunten R\u00e4der waren nicht nur ein Blickfang, sondern die G\u00e4ste kamen auf den Geschmack. \u201eBeim dritten Mal war die Bar gerammelt voll und die Chinesen, die mitmachten, waren alle sehr stolz\u201c, sagt Brunn.<\/p>\n<p>Freitagabends organisiert sie seither regelm\u00e4\u00dfig einen <em>light ride<\/em>. Eine entspannte Ausfahrt, um mit dem Irrglauben aufzur\u00e4umen, Radfahrer seien langsam. \u201eChinesen glauben, wenn man mit dem Auto eine Stunde Fahrzeit braucht, sei man mit dem Fahrrad dreimal so lange unterwegs\u201c, sagt Brunn. Tats\u00e4chlich lag die gemessene Durchschnittsgeschwindigkeit in Peking im vergangenen Jahr bei etwa 19 km\/h. Bei freier Fahrt kann ein Fixie dagegen gut und gerne 30 km\/h erreichen \u2013 und wenn die Stra\u00dfen frei sind, dann ist man auf dem Rad tats\u00e4chlich beweglicher und schneller.<\/p>\n<p>In letzter Zeit beginnt ein Sinneswandel. China ist wieder fahrradaffiner geworden. \u201eMittlerweile gibt es etwa 50 Fixed-Gear-L\u00e4den in Peking\u201c, sagt Ines Brunn. \u201eSie sprie\u00dfen in ganz China wie Pilze aus dem Boden.\u201c Viele versuchen das schnelle Geld zu machen, aber f\u00fcr viele ist es ebenso wie f\u00fcr die Deutsche ein Lebensgef\u00fchl. Au\u00dferdem organisieren Fahrrad-Fans in verschiedenen Stadtteilen gemeinsame Ausfahrten, die gut besucht werden.<\/p>\n<p>Wenn Ines Brunn heute in Peking ausw\u00e4rts isst, schnappt sie regelm\u00e4\u00dfig Gespr\u00e4chsfetzen auf, in denen es ums Fahrrad geht. \u201eDas macht mich sehr gl\u00fccklich, sagt sie. Insbesondere weil das Fahrrad als Verkehrsmittel vor sieben Jahren noch ein absolutes Tabuthema war.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ines Brunn h\u00e4tte es einfacher haben k\u00f6nnen. Als Physikerin hatte sie in Peking einen angesehen und gut bezahlten Job in einem Telekommunikationskonzern. Aber dann beobachtete sie, wie vor ein paar Jahren jeden Monat Radwege in der einstigen Fahrrad-Hauptstadt Peking in Autospuren umgewandelt wurden. 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