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Abstrakte Raumerfahrung

 
© Trevor Good

Die Tanztage Berlin werden 20.

Elf Tage lang präsentieren die Sophiensaele junge Berliner Experimente in zeitgenössischem Tanz und Choreographie.

Vielversprechend könnte die Performance von Antje Velsinger und Markus Popp alias Oval sein. Die Choreografin und der Produzent abstrakter elektronischer Musik präsentieren wall / paper / wall. Das 30-minütige Stück de- und rekonstruiert Räumlichkeit im weitestmöglichen Sinne.

Samstag gibt ab 22.30 Uhr zusätzlich ein Live-Set von Oval.

18 Uhr bzw. 19.30 Uhr | 07.-09. Januar 2011 | Sophiensaele | Sophienstraße 18 | Berlin Mitte

2 Kommentare

  1.   Antje Velsinger

    Wo hört Außen auf – wo fängt Innen an? Wie und wo positioniere ich meinen Körper im Raum? Betrete ich einen feststehenden Raum oder entsteht dieser erst durch die eigene Wahrnehmung – oder läuft beides parallel zueinander ab? Welche Erinnerungen, Emotionen und Geschichten sind im Innern des Körpers gespeichert? Welche Landschaften? Welche Türen lassen sich zu diesen inneren Räumen finden? Welche körperlichen Zustände und Bewegungen entstehen durch die Öffnung von Innenräumen und wie lassen sie sich für ein Publikum erfahrbar machen?

    Architektonische Räume, Erinnerungsräume, Emotionsräume, Klangräume – irgendwo darin, hindurch, dazwischen, sagt man, leben wir. In ihrer Performance „wall/paper/wall“ konstruieren der Musiker Markus Popp und die Performerin Antje Velsinger verschiedene Schichten innerer und äußerer Raumtexturen. Hierbei bewegen sie sich zunächst durch die Funktionalität des architektonischen Raumes, dann faltet sich plötzlich etwas auf – neue Räume werden geöffnet, spürbar gemacht und manchmal auch wieder geschlossen. Das Publikum wird hierbei zum Beobachter und gleichzeitig zum Zeugen des eigenen Blicks, denn kann man überhaupt den gleichen Raum teilen? Innerhalb der Performance überlagern und verkanten sich die verschiedenen Schichten, ein Möglichkeitsraum für individuelle und kollektive Erfahrung entsteht.

    Auch in musikalischer Hinsicht etabliert Markus Popp in wall/paper/wall ein Spannungsverhältnis zwischen zwei verschiedenen Modi. Hierbei changiert die musikalische Gestaltung zwischen abstrakten, elektronischen und emotional nicht kodierten Klangtexturen, welche die Funktionalität des Außenraumes auf subtile Weise sichtbar machen und musikalischen Themen, die mit der Öffnung von Innenräumen – Emotionsräumen auf Zeit – spielen. Durch diesen Wechsel zwischen Abstraktion und Emotion entsteht eine Brüchigkeit, die ebenfalls auf musikalischer Ebene die Frage nach denen im (Klang-)Raum gespeicherten Erinnerungen, Emotionen und Assoziationen aufwirft.

  2.   David Burkhardt

    „wall/paper/wall“

    Achsen, Punkte, Linien. Volumen.
    Rückzug, Öffnung, Austausch. Intimität.
    Man spricht von Geometrie, man spricht von Gefühl. Überhaupt, „man“ spricht. Menschen sprechen, Sprachen sprechen.
    Und dann Musik. Aus dem Computer in den RAUM. Digital, da gibt es zweierlei, und Wellen, da gibt es unendlich viel.

    Im Raum, an diesem Abend: eine Tänzerin, ein Musiker, ein Publikum, viele Zuschauer. Man könnte noch andere Grenzen ziehen; Wände, Stühle und Türen voneinander unterscheiden, aber dann spricht man schon wieder eine bestimmte Sprache. Nennen wir die oben inventarisierten Elemente daher behelfsmäßig Informationen. Werden Informationen in Bewegung versetzt, entstehen Geschichten. Die Bewegung der Geschichte verändert die Information, die aufhört, Punkt zu sein und Durchlaufstelle wird.
    Vielleicht passiert solches im Stück wall/paper/wall: aus einem Inventar an Informationen, die im RAUM versammelt sind, organisieren Antje Velsinger und Markus Popp Geschichten. Der RAUM ist weiß, leer im Sinne von unbeschrieben, bar fester Determination. Der RAUM ist reines Potential narrativer Kombinatorik, und jede Kombination ist verhandelbar.
    In ihrer Performance betonen Velsinger und Popp die Diagonale durch Bedeutungsebenen: geometrisch-statische Formationen, flirrende Sounds, verbale Aussagen, sich teils wiederholende, teils singuläre körperliche Bewegungsdominanten werden dem Spiel der Kombinatorik ausgesetzt. Die Bewegung läuft quer durch solche für gewöhnlich getrennt verhandelten Felder hindurch. Achsen und Linien durch einander fremde Regime. Der Sinn, so oft zerfetzt in Partikularwahrnehmungen, wird eng geführt in einer komplexen Ganzheitlichkeit.
    Löcher in der Wand sind Halte- und Angelpunkte, um die sich der Körper dreht, und mit ihm dreht sich der RAUM. Klanglich heben sich die Amplituden schroff und stürzen immer wieder gen Stille: akustische Punkte. Die Klangpunkte stehen im Raum wie die Löcher in der Wand haften, und wandern doch auch umher zwischen den Lautsprechern. Dazu artikuliert Antje Velsinger einzelne Sätze, bricht beizeiten vor Vollendung ab, „erzählt“ keine prästrukturierte Geschichte, aber kommuniziert dennoch.
    Keines dieser Elemente ist hier für sich genommen eigentlich erwähnenswert, keines kann einzig bestehen. Erst im Spiel und in der Verknüpfung miteinander werden sie sinn-voll, erst durcheinander sich bedingend werden sie Informationen, und sind dann, als Teil von Zusammenhängen, doch schon und ohnehin stets anders, von-sich-deutend. Der Körper, den Raum hervorbringend, ist ihm zugleich ewig unterworfen (ähnliches sagt man manchmal von der Beziehung Mensch-Sprache): der Körper „ist“ immer irgendwo, aber was dieses „wo“ bedeuten soll ist unbeschreibbar ohne den Körper.
    Diese Vorgänge der Sinnproduktion sind zu genüge beschrieben worden, und wenn sie hier noch einmal, affirmativ, hervorgehoben werden, dann aufgrund einer Besonderheit: für gewöhnlich wird Bedeutung als Resultat von Abspaltungen auf einer Ebene beschrieben: eine Grenze im Territorium trennt territorial Gebiete; ein heller und ein dunkler Ton, nacheinender, erschaffen das Intervall. In wall/paper/wall jedoch treten ein Klang und eine Bewegung, ein Satzfetzen und Stühlerücken im Zuschauerraum in Zusammenhang und generieren Bedeutung, besser noch: machen sie erfahrbar als Sinn. Dies ist die Diagonale: nicht Abspaltungen innerhalb eines Regimes kreieren Sinn, sondern Konfrontationen von Elementen verschiedener Regime. Und die Regime beginnen zu wanken. Der RAUM wird zum Kraftwerk: metaphorischer Raum, akustischer Raum, imaginärer Raum und geometrischer Raum implodieren durch Bewegung in eins. (Vielleicht möge man, an dieser Stelle, die kleine Spielerei der Schreibweisen vergeben: der RAUM, als komplexer der diagonalen Kombinatorik, ist nicht länger und mehr als die Räume, aus denen er sich zusammensetzt).
    Was nicht heißen soll, dass sich wall/paper/wall ohne Strukturen ereignet. Totale Freiheit ist wohl einzig vorstellbar als vollkommene Haltlosigkeit. Und dennoch: als unerschöpfliches Jenseits (AußenRAUM) des präsent sich Ereignenden (InnenRAUM) halten Popp und Velsinger Freiheit unentwegt in Andeutung.
    Soviel zu sagen sei genug, denn mehr noch als in den Alltag übertragbare Erfahrungen scheinen hier Erfahrungsbedingungen erlebbar zu werden. Die „Antwort“ ist Empfinden eines reichen Reservoirs an Fragen. Indem sie den RAUM durchquert, sich mal in ihn einschließt und seine Begrenzungen daraufhin durchbricht, Türen und Fenster nach „draußen“ aufstößt (sprachlich, faktisch, metaphorisch) und dadurch „Innen“ und „Außen“ erst in relativer Abhängigkeit zueinander beschreibbar macht, nimmt uns Antje Velsinger an der Hand und zeigt uns einige mögliche Pfade durch einen RAUM unzähliger schlummernder Geschichten.

 

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