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Was ein Reporter erlebt, der das Gespräch mit den „Lügenpresse“-Kritikern sucht

 

Im Frühling lud das alternative Nachrichtenmagazin Compact seine Leser auf eine besondere Reise ein. Für 885 Euro ging es vier Tage in die Sächsische Schweiz. Burgen, Festungen, Preußens Glanz und Sachsens Gloria. Das Abendland, wie es einmal war. Reisestart war in Dresden, der Pegida-Hauptstadt, am 20. April, Adolf Hitlers Geburtstag. Zufall?

Die Reisegruppe war so klein, dass man sie leicht übersehen konnte. Lediglich ein blauer Sprinter wartete an diesem zugigen Mittwochmorgen um 9 Uhr am Dresdner Hauptbahnhof auf Passagiere. Der Fahrer stellte eine kleine Fußbank vor den Wagen, die sieben Teilnehmer waren nicht mehr die jüngsten. Auch zwei Reporter der ZEIT sind zum Abfahrtsort gekommen. Es ist nach Monaten und vielen Bemühungen unser letzter Versuch, ins Gespräch mit den Machern von Compact zu kommen. Doch als der Reiseführer und "Compact-Philosoph", Dr. Peter Feist, erscheint, schüttelt er die Hände aller Anwesenden, nur als er uns sieht, zieht er seine Hand weg. Wir fragen, warum? Er zischt: "Wegen Ihren Fragen, da sieht man doch, dass Sie nur Böses im Sinn haben." Dann steigt er in den Kleinbus und ist weg.

Wir hatten gehofft, es wäre anders. Einige Zeit zuvor hatte Peter Feist auf einer öffentlichen Veranstaltung von seiner Angst vor einem Bürgerkrieg in Deutschland erzählt. Um diesen zu verhindern, gäbe es nur eine Möglichkeit: "Wir müssen miteinander reden." Nur leider verweigere sich "die andere Seite" bisher dem Dialog. Wir nicht.

Wir wollten ein Porträt über den überraschenden und seltenen Auflagenerfolg eines neuen politischen Magazins schreiben. In der Vergangenheit wurde vor allem über Compact gesprochen – aber nicht mit den Machern. Viele Mythen und Gerüchte ranken sich um das Blatt, unter anderem sollte es von Putin finanziert und gesteuert werden. Darauf fanden wir trotz großen Rechercheaufwands jedoch keine Hinweise.

Verteilt über mehrere Monate haben wir mit über 60 Personen aus dem Umfeld der Zeitschrift, mit Weggefährten des Chefredakteurs und mit Experten im In- und Ausland gesprochen, haben interne Dokumente des Verlags ausgewertet und vieles gelesen, was Compact selbst veröffentlicht hat oder was über das Magazin berichtet wurde.

Im Februar schrieben wir dann eine Interviewanfrage an den Chefredakteur Jürgen Elsässer. Seine knappe Antwort: "Es sollte sich langsam herumgesprochen haben, dass wir dem Mainstream keine Interviews geben."

Von diesem Nein ließen wir uns nicht abschrecken und fuhren im März auf die Leipziger Buchmesse. Dort ist Compact seit Jahren mit einem Stand vertreten. Hier trafen wir auch auf den besagten Peter Feist und konnten uns mit ihm zunächst eine halbe Stunde lang unterhalten; Feist ist ein Mitarbeiter der ersten Stunde. Dann musste er weg, gab uns aber seine Mailadresse, damit wir ihm die offenen Fragen noch senden könnten. Außerdem versprach er uns, für einige seiner Aussagen, noch Links und Beweise zu senden. Eine Telefonnummer wollte er uns nicht geben. Drei Wochen später schrieben wir Feist eine Mail mit den Nachfragen. Zum Beispiel wollten wir wissen, wie hoch die konkrete verkaufte Auflage der Zeitschrift ist und wo wir mehr zu dem Brandanschlag auf die Redaktion von Compact erfahren könnten. Darüber hatten wir auf der Messe gesprochen.

Über den Versuch, mit den Compact-Machern ins Gespräch zu kommen
Stand auf der Leipziger Buchmesse 2016

Peter Feist antwortete Stunden später mit einer Nachricht ohne Anrede in einen Satz. "Sie hatten Ihre Chance (…) das wars dann." Ungeachtet des schroffen Tons versuchten wir per Mail den Grund seiner Verstimmung zu erfahren. Einige Tage später versuchten wir ihn telefonisch unter der Leipziger Festnetznummer zu erreichen, die im Impressum des Magazins als Redaktionskontakt angegeben ist. Eine Frauenstimme auf dem dort geschalteten Anrufbeantworter bat uns, eine Mobiltelefonnummer anzurufen. Dort meldete sich ein Mann:

– "Hallo, da bist du ja wieder, Günter."

Wir stellten uns vor, fragten nach der Redaktion und ob wir ein Mitglied sprechen könnten?

– Der Mann am anderen Ende sagte, er hätte uns verwechselt. Einen Redakteur könnten wir aber nicht sprechen. Wir sollten eine Mail schreiben.

Wir fragen: Wo erreichen wir Sie denn gerade, sitzt die Redaktion etwa in Leipzig? Wir dachten, das Magazin erscheint im brandenburgischen Werder.

– "Das kann ich Ihnen gar nicht so genau sagen, wo ich gerade bin."

Dann legte er auf.

Also schrieben wir erneut dem Chefredakteur Elsässer, ob er den Dialog mit uns vielleicht doch führen wolle. Elsässers Antwort: "Bedaure, lieber Herr Fuchs. Herzlich, J.E." Wenig später begaben wir uns im April nach Dresden, wo die Compact-Reise starten sollte. Doch Peter Feist wollte uns wie erwähnt nicht einmal mehr die Hand geben.

Eine ähnliche Erfahrung haben wir während unserer Recherche auch mit anderen Vertretern der selbst ernannten Gegenkultur gemacht. Als wir die Ex-Pegida-Aktivistin Kathrin Oertel bei einer Gerichtsverhandlung persönlich ansprachen und um einen Interviewtermin zu Compact baten, nahm sie zwar unsere Visitenkarte, gemeldet hat sie sich leider nie.

Oder bei RT Deutsch. Eine Mitarbeiterin des Auslandssenders der russischen Regierung hatte einmal mit Elsässer zusammen ein Buch herausgegeben. Wir stellten ihr eine private Interviewanfrage über ein Karrierenetzwerk. Nur 20 Minuten später hatten wir eine Mail vom "Chefredakteur Online" von RT Deutsch im Postfach. Wir sollten mit ihm reden. Als wir trotzdem versuchen, die RT-Frau telefonisch im Sender zu erreichen, bekommen wir eine zweite Mail ihres Chefs: Wir sollten seine Mitarbeiterin nicht weiter "stalken". Wir seien unseriös, unser Verhalten "unprofessionell". Eine Journalistenkollegin anzurufen, empfand er als "unorthodoxe" Recherchemethode, die wir unterlassen sollten.

Nicht unerwähnt bleiben soll jedoch, dass einige Macher von Alternativmedienprojekten und ehemalige Mitstreiter mit uns sprachen. Die teilweise stundenlangen Gespräche, beispielsweise mit dem Blogger Alexander Benesch von Recentr.com oder Frank Höfer, dem Gründer von NuoViso.tv, sowie Vertretern von KenFM und den NachDenkSeiten, empfanden wir als konstruktiv und fair.

5 Kommentare

  1.   Coqui

    Vielleicht wäre es hilfreich, zwischen den „Luegenpresse“ Kritikern und denen zu unterscheiden, die eine zunehmende Übertreibung/Polarisierung/Einseitigkeit selbst in den ehemals seriösen Medien (ZEIT,SZ, ARD, ZdF, FAZ auch der ZEIT erleben. Verständlich – weil sich selbst Nachrichten als „breaking news“ besser verkaufen, verständlich, weil Journalisten selbst bei der ZEIT nur Einjahresverträge haben, verständlich weil es zu viele „freie“ Journalisten gibt, die über alles und mit fast jeder Tendenz schreiben, solange nur ein Zeilenhonarar winkt, verständlich, weil kaum einer Zeit hat zu recherchieren…………
    Da lob ich mir den ECONOMIST

  2.   TK

    Wo bekommt man denn die im letzten Absatz genannten Interviews zu lesen? Wäre sehr daran interessiert.


  3. […] vorm Stream sitzen musste. Das ist fast trauriger als telefonieren zu müssen oder die Anstrengung, ein Interview mit den Machern der Compact einzufädeln. À propos: Ich habe letztens mal wieder Kriegerin geschaut und bin nach wie vor begeistert davon. […]

  4. Christian Fuchs  Christian Fuchs

    Lieber TK, einige Aussagen dieser Interviewpartner finden sich im Haupttext: http://www.zeit.de/2016/25/afd-compact-juergen-elsaesser
    Wir haben mit ihnen ja hauptsächlich über Compact gesprochen. Den meisten der Alternativmedienmacher haben wir jedoch Vertraulichkeit über die besprochenenden Inhalte versprochen – an diese Abmachung wollen wir uns gern halten.

  5.   RichTigstellung

    Herr Fuchs, die Aussagen zu RT Deutsch erscheinen mir doch sehr verkürzt. Wieso schreiben Sie nicht, dass besagte Mitarbeiterin Sie mehrmals aufgefordert hat, die Fragen schriftlich einzureichen, was Sie dann aber verweigerten und auf einem persönlichen Telefonat bestanden. Auch aus dem Mailverkehr mit dem Chefredakteur geht eindeutig hervor, dass dieser Sie lediglich aufforderte, die Kollegin nicht mehr anzurufen, sondern die Fragen ihr bitte schriftlich zukommen zu lassen.

    Das der von Ihnen beanstandete Vorwurf der „Unprofessionalität“ nicht unbegründet ist, ergebt sich selbst aus Ihrer eigenen Schilderung. „Wir stellten ihr eine private Interviewanfrage (…) Als wir versuchen, die RT-Frau telefonisch im Sender zu erreichen…“. Mehr muss man dazu nicht mehr sagen.

    Aus Gründen der Transparenz publiziere ich hier die Mail, auf der Ihre Darstellung aufbaut:

    „Sehr geehrter Herr Fuchs,

    ich bitte Sie, Ihre Versuche der Kontaktaufnahme mit unserer Kollegen Frau XXX, im Rahmen der unter seriösen Journalisten üblichen Vorgehensweise umzusetzen. Dass mir von meiner Mitarbeiterin bisher geschilderte Verhalten Ihrerseits, erachte ich als ziemlich unprofessionell und fordere Sie hiermit auf, davon Abstand zu nehmen, eine Mitarbeiterin von RT in dieser Form zu „stalken“.

    Sie können, wie es dem normalen Prozedere entspricht, Frau XXX eine schriftliche Anfrage stellen, die sie dann entsprechend beantworten kann. Von weiteren Versuchen, Ihrer eher „unorthodoxen“ Kontaktaufnahme zu Frau Pazio, bitte ich Sie abzusehen.

    Vielen Dank. “

    Besagter Online-Redakteur….

 

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