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Der Riss im Urvertrauen

 

Nirgendwo fühlen wir uns so sicher wie in unseren eigenen vier Wänden. Was, wenn diese Sicherheit porös wird? In Köln ist der Alptraum des Stürzens immerzu präsent.

Der Alptraum – ein Sturz
© Vladimir Rys/Getty Images

Es ist eines jener Löcher, die sich sonst nur in Alpträumen auftun. Eben noch gehe ich über eine Straße, öffne in meiner Wohnung eine Tür, sitze schreibend an meinem Tisch, denn nur beim Schreiben, wenn ein Wort das nächste ergibt, stürze ich ähnlich unvermittelt von einer Welt in die andere wie in einem Traum. Plötzlich reißt unter meinen Füßen der Boden auf. Die Straße versinkt in einem Krater, hinter der Tür rutscht das Zimmer in die Tiefe, der gerade begonnene Satz bricht ab und markiert mit dem Wort, das ich nicht mehr vollenden werde, den Zeitpunkt meines Verstummens.

Der freie Fall ist vielleicht deshalb oft Höhe- und Endpunkt eines Alptraums, weil er den totalen Verlust der Kontrolle bedeutet – über den Körper und die Umwelt, über die Sprache und über sich selbst. Wenn es einem Menschen den Boden unter den Füßen wegzieht, meinen wir mit diesem Sprachbild meist seinen durch einen unvermittelten Bruch in seinem Leben ausgelösten Sturz in eine persönliche Krise, den jähen Einbruch des Unwahrscheinlichen in das alltägliche, mehr oder weniger sicher gewähnte Leben. Eine durch höhere Gewalt ausgelöste Katastrophe, der plötzliche Verlust eines geliebten Menschen, die eigene Wohnung, die man von einer Minute auf die andere verlassen muss. Das Unwahrscheinliche aber ist das dunkle Herz jedes Alptraums, aus ihm heraus verzweigen sich die Angsttunnel. Ein schwarzes Loch tut sich auf. Die Astronomie bezeichnet mit dem Begriff ein charakteristisches Raumgebiet, das eine solch hohe Gravitation aufweist, dass Materie nur hineinfallen, nicht aber wieder hinausgelangen kann. Auch elektromagnetische Wellen werden absorbiert – das Lebenslicht eines Menschen, der in ein schwarzes Loch fällt, flackert, verdämmert, erlischt. Der Nachthimmel, der in den Anrufungen derer, die dem Universum ihr Leben anvertrauen, die Träume beschützen soll, öffnet sich zum Schlund. Doch selten stürzt ein Mensch, den ein schwarzes Loch verschluckt, tatsächlich von einer Sekunde auf die andere in den Tod, und am Ende des freien Falls in meinem Alptraum steht meist das Erwachen, der tödliche Aufprall ist zugleich die Rückkehr ins Leben.

Staub und Sirenengeheul

Für Khalil und Kevin, die beiden jungen Männer, die beim Einsturz des Kölner Stadtarchivs am 3. März 2009 ums Leben kamen, gab es diesen Aufprall nicht. Um 13 Uhr 58 neigt sich der Magazintrakt des Gebäudes nach vorn. Durch einen plötzlichen Wassereinbruch in der benachbarten U-Bahn-Baugrube der geplanten Nord-Süd-Bahn wird der Grund des Stadtarchivs unterspült. Das Gebäude sackt in den Krater, der dem Archiv den Boden entzieht. Es reißt das nördlich angrenzende Wohnhaus mit sich und begräbt Khalil und Kevin, die in ihren Wohnungen vielleicht gerade von einem Zimmer ins andere gegangen sind, an ihrem Schreibtisch gearbeitet oder einfach geträumt haben, unter Trümmern und Schutt. Am Haus, das sich südlich anschließt, brechen die Außenwand und große Teile der Wohnbereiche weg, binnen weniger Sekunden klaffen im Zuhause der Bewohner, in ihrem Leben riesige Löcher. Staub und Sirenengeheul dringen herein, Blicke, die Stadt.

An kaum einem anderen Ort bewegt sich ein Mensch so sicher und voller Vertrauen in die Stabilität und Kontinuität seines Umfelds wie in seinem eigenen Zuhause. Gleichzeitig sind meine Gänge nirgends so ungeschützt und angreifbar wie in meiner Wohnung – in Gedanken versunken, einem Tagtraum nachhängend oder mit den Augen in einem Buch gehe ich von Zimmer zu Zimmer, schlampig gekleidet oder ungeduscht, manchmal sogar nackt, wissend, dass niemand mich sieht und der Boden mich trägt. Nirgends überdenke ich meinen nächsten Schritt so wenig wie auf dem Weg vom Zähneputzen ins Bett, bei der Arbeit am Schreibtisch überlasse ich mich der Selbstvergessenheit und dem unaufhaltsamen Fortschreiten der Zeit, im unverbrüchlichen Glauben daran, dass ein Wort das nächste ergibt, der Satz, der sich wie ein roter Faden durch mein Leben zieht, nicht abreißt. Meine Worte sind der Kitt für die Spalten und Risse, die meine Wahrnehmung der Welt durchziehen, oder ist es die Welt, die beständig Löcher in mein Denken und Fühlen sprengt, jedes Wort ein Grund, der nur notdürftig trägt. Wird es in seiner Verwundbarkeit von der Wirklichkeit unterminiert, verbogen und schließlich zerbrochen, breitet sich das schwarze Loch in Sekundenschnelle aus, wie in jenem Alptraum des freien Falls, den ich nirgendwo sonst so geborgen träume wie in meinen eigenen vier Wänden. Im blinden Glauben, dass die Mauern mich von den Abgründen des Unwahrscheinlichen abschirmen, vertraue ich mein Leben zwischen Schreibtisch und Bett der Stadt an, in der ich lebe, lege mein Schicksal in die Hände ihrer Bürgermeister, Stadtplaner und Architekten und hoffe, dass sie mir auf diesen wenigen Quadratmetern, in meinem persönlichsten und intimsten Lebensraum, nicht den Boden unter den Füßen wegziehen.

Leidenschaftlicher Anspruch auf Wahrheit

Die Setzrisse, die im Dezember 2008 ohne die nötigen Folgemaßnahmen am Archivgebäude festgestellt wurden, längst haben sie auch die Worte befallen – von den Verwerfungen der Spekulationen, Schuldzuweisungen und Polemiken sind sie porös geworden, doppelbödig, hohl. Am Bauzaun, der die Einsturzgrube absichert, hat die Initiative ArchivKomplex, ein Zusammenschluss von Künstlern, Architekten, Autoren und engagierten Bürgern, 24 Tafeln angebracht, die das Drama des 3. März 2009 von den ersten Rissen im Fundament über den Einsturz bis zur heutigen Suche nach den Ursachen erzählen, ein Ringen um Beweise, Zahlen und Fakten, die den Verursacher der Katastrophe in die Verantwortung nehmen könnten, damit der trübe, von Algen und Schlingpflanzen wie von Opheliahaar durchwaberte Tümpel der Traurigkeit, der sich auf dem Grund des Kraters gebildet hat, nicht irgendwann umkippt zu einem Sumpf des Vergessens. Einige Meter vom Bauzaun entfernt hängen weitere vier Tafeln, auf denen die Kölner Verkehrsbetriebe den Einsturz und seine Folgen dokumentieren.

Obwohl beide Darstellungen objektiv die gleichen Tatsachen, Zahlen und Daten verhandeln, spüre ich beim Lesen die Diskrepanz in der Sprache, leichte Verschiebungen im Wortlaut, mehr fühl- als hörbar, ein subkutanes Knirschen, aus dem der Riss entsteht – hier die Ohnmacht und Wut der Bürger und die Sensibilität der Künstler mit ihrem leidenschaftlichen Anspruch auf Wahrheit, dort der konziliante und bereits leicht historisierende Ton eines städtischen Betriebs, der mit seinen beauftragten Baufirmen schwer an den Folgen zu tragen haben könnte, sollte die Wahrheit, für deren Erforschung extra ein sogenanntes Besichtigungsbauwerk für Experten und Gutachter in die Baugrube eingelassen wurde, einmal aus dem Schlamm geborgen und zum Belastungsmaterial werden.

Der Kölner Stadtanzeiger indes flüchtet sich bei der Berichterstattung über das verhängnisvolle Loch, das sich bei den U-Bahn-Bauarbeiten in der Schlitzwand aufgetan und den Einsturz des Stadtarchivs verursacht haben soll, in den neutralen Konjunktiv, der sich alle Möglichkeiten offen hält: Sollte sich das bewahrheiten, könnte dies ein weiterer Hinweis sein, dass hier die Hauptursache für das Unglück zu finden ist. Die Wahrscheinlichkeitsform ist ein Weg, sprachliche Macht über das Unvorstellbare zu erlangen, das die Worte, je mehr sich beim Graben nach dem entscheidenden Riss anhäufen, um so gefährlicher aushöhlt.

Geistesgegenwärtiger Haustechniker

Seit dem Tod von Khalil und Kevin, für die die Stadt Köln zu jedem Jahrestag der Katastrophe immerhin zwei Blumenkränze an der Unglücksstelle niederlegt – rote Gerbera und weiße Margeriten in den Farben des Kölner Wappens – , geht dieser Riss durch die Grundfeste eines Urvertrauens, auf dem nicht nur mein Selbstverständnis als Kölner Bürger und mein Alltag als Schriftsteller baut, sondern jedes Lebensgebäude mehr oder weniger sicher steht – oder stehen sollte; kein Mensch kann dauerhaft mit der alptraumhaften Vorstellung leben, dass sich jeden Moment der Boden unter seinen Füßen auftut.

Seit jedoch die Mitarbeiter und Besucher des Stadtarchivs am 3. März 2009 genau diesen Alptraum nur überlebt haben, weil ein geistesgegenwärtiger Haustechniker und eine Lesesaalaufsichtskraft gerade noch rechtzeitig die Risse an der Gebäudefuge zwischen Archivmagazin und Bürotrakt entdeckten und verdächtige Geräusche vernahmen, Geräusche, die ich in meinem Leben noch nie gehört habe und hoffentlich nie wieder hören werde, wie mir neulich beim Zigarettenkauf die Besitzerin des Kiosks auf der Severinstraße erzählte, die an jenem Tag von dem unwahrscheinlichsten aller Alltagsgeräusche aus ihrem Laden getrieben wurde, nach draußen rannte und inmitten von Staub, Splittern und Schreien vor einem Abgrund stand –

Seit ich weiß, dass meine täglichen Wege durch die Stadt über unwägbaren Boden führen, vielleicht nicht faktisch, denn Kölns Straßen, zwar durchlöchert von weiteren U-Bahn-Gruben, Schächten für Kanalarbeiten und anderen von Absperrgittern schlampig gesicherten Klüften, tragen jeden meiner Schritte, allerdings auf einem Grund, den das kollektive Trauma, das die Bewohner der Severinstraße erlitten, bis ins tiefste Innere ihrer Träume erschüttert hat, sodass ich meine Gänge kreuz und quer durch die Stadt nun auf Straßen und Plätzen erledige, die am Rand meines Blickfelds, dort, wo die Wirklichkeit mit den Ängsten und dem Irrationalen verschwimmt, brüchig geworden sind von zahllosen Spalten und Schründen, aus denen der Untergrund glotzt –

Zertrümmerte Gesichter

Seit einige Meter von meiner Wohnung entfernt der Tunnel für eine U-Bahn gegraben wird, deren Notwendigkeit von den Kritikern stark angezweifelt wird, da die Bauarbeiten an der neuen Linie mit ihrem Ziel einer Zeitersparnis von nur acht Minuten auf dem Weg von der Endhaltestelle Marktstraße im Kölner Süden zum Hauptbahnhof wichtige, verkehrs- und menschenreiche Straßen und Plätze wie den Heumarkt, die Severinstraße, den Chlodwigplatz und die Bonner Straße unterwühlen, auch mehrere historische und – im Gegensatz zum Kölner Stadtarchiv – schon bei der Planung der U-Bahn von den Architekten als besonders schützenswert eingestufte Gebäude wie das Rathaus und die Kirche St. Maria im Kapitol mit ihrer zweiflügeligen romanischen Holztür aus dem 11. Jahrhundert, einer der kunsthistorisch bedeutendsten komplett erhaltenen Holztüren, die sich aber nun, in diesem Alptraum, auf das tiefe Loch des neu eröffneten U-Bahnhofs Heumarkt öffnet, der mit seinen drei Ebenen aus Glas, Stein und Stahl einer unterirdischen Kathedrale gleicht, von deren blanken Spiegelwänden die zertrümmerten Gesichter von Khalil und Kevin zu mir heraufstarren –

Seit der 44 Meter hohe Turm der Kirche St. Johann-Baptist sich durch die Untertunnelung steiler als berechnet zur Severinstraße neigte, was dem Menetekel, dem eine großräumige Evakuierung folgte, in der Presse bald den Namen des „schiefen Turms von Köln“ verlieh, der mit einer speziellen Stützvorrichtung vorm Abbruch bewahrt werden musste und der Welt das wohl einmalige Bild eines mit einem Eisengestänge am eigenen als unerschütterlich geglaubten Gotteshaus festgeketteten Kirchturms lieferte, gefolgt von anderen Kölner Possen wie der des wackelnden, vielleicht auch vom Zorn Gottes über die von wem auch immer zu verantwortende Pfuscherei im U-Bahn-Loch erzitternden Kölner Doms, aus dessen Fassade, zockelt die jüngst in Betrieb genommene Stadtbahn auf der Fünfhundert-Meter-Teilstrecke zwischen Hauptbahnhof und Heumarkt unter der Kathedrale hin und her, ganze Gesteinsbrocken brechen, sodass den Kölnern die Todesgefahr nun nicht nur von unten, sondern auch aus den luftigen und heiligen Höhen ihres meistgeliebten und im Karneval meistbesungenen Bauwerks droht, das mir und allen anderen über die Domplatte torkelnden und vom nächsten Kölsch träumenden Jecken mit gotischen Klinkern die Schädel einschlägt —

Seit ich

mein Haus nicht mehr

verlasse ohne dass ein Unbehagen

meinen Blick in die Tiefe zieht, steht über jedem

Schritt, den ich tue, jedem Traum, den ich

träume und jedem Wort, das ich

schreibe, Kölns dunkler

Stern.

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