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An der Festung Europa

 

Hinter meterhohen Eisengittern liegt das Flüchtlingslager in der spanischen Mittelmeer-Exklave Melilla. Eine Reise zu einem Grenzzaun

Irgendwo hinter den Alpen stehe ich in einer vierköpfigen Warteschlange in einem Flugzeug vor der Toilette. Die Frau, die sich hinter mich stellt, sieht mich eine Weile aufmerksam an und sagte dann: „Irgendwoher kenne ich Sie!“

Ich sage, dass ich mindestens drei Doppelgänger habe, und hoffe inständig, dass wir uns nicht kennen, denn ich fliege nach Afrika und auf dem Weg dorthin möchte ich niemanden kennen. Ich reise zu einem Grenzzaun. Ich möchte an einem Langgedicht arbeiten. Ich bin dann asozial und maulfaul, deshalb reise ich allein.

„Sind Sie auch mit Wörlitz unterwegs?“

Ich frage, was das sei.

„Die Reisegruppe!“

Ich verneine und frage, wo sie denn hinfahre.

„Nach …“

Sie sieht mich Hilfe suchend an.

„Wo liegt das denn?“

„In Spanien. Andalusien, glaube ich. Und Sie?“

„Ich steige in Málaga um und fliege weiter übers Mittelmeer, nach Melilla.“

„Ah, bei den Seychellen, schön!“

„Marokko“, sage ich.

„Marokko“, sagt sie, „auch schön!“

Neben mir sitzt ein vielleicht 20-Jähriger, der einen Fantasyroman liest, daneben seine Mutter, die seit drei Stunden Kreuzworträtsel löst, unterbrochen von einem Kaffee, einer Cola und einer Tüte Chips.

In Málaga steige ich in eine Zwei-Propeller-Maschine der Fluggesellschaft Air Nostrum, in der knapp 100 Sitze verankert sind. Berufspendler sitzen herum, die in ihren Feierabend fliegen, erschöpft sehen sie aus und gelangweilt. Sie kennen das, 45 Minuten Flug, andere fahren jeden Morgen von Neuss nach Düsseldorf. Sie kennen sich, nicken einander zu, man setzt sich, wo Platz ist. Manche haben nur eine Aktentasche dabei, die meisten nichts. Das Taxi fährt zum Hotel. Kurz hinter dem Flughafen lese ich an einer Wand: „Welcome to fortress europe„. Danke.

An einem der nächsten Tage stehe ich sehr früh auf und gehe zur Grenze. Ich werde sie ablaufen, einmal diesen Fleck Spanien umrunden. Ich verlasse die Stadt und gehe über eine staubige Fläche. Dutzende Militärfahrzeuge in der Ferne, ich höre Maschinengewehrfeuer. Gruppen von Soldaten kommen mir entgegengejoggt. Ich biege in eine Straße, rechts ein Truppenübungsplatz, auf dem Granaten abgefeuert werden, links bellen Hunde. Ich gehe durch einen Pinienwald und fotografiere aus sicherer Entfernung den Grenzzaun. In Marokko steht ein altes, geducktes, weiß gestrichenes Haus, vor dem sich ein Mann vor einem gelben Eimer wäscht.

Ich gehe näher an den Zaun heran. Er besteht aus drei Zäunen, unterschiedlich hoch, der äußerste ist sechs Meter hoch, feinmaschig und oben Richtung Marokko gebogen. Alle 20 Meter eine Kamera, alle 20 Meter ein Flutscheinwerfer. Eine asphaltierte Straße davor. Auf der Straße hält ein Jeep der Armee. Zwei Soldaten steigen aus. Niemand ist sonst hier. Sie werden mich gesehen haben, wie ich fotografiert habe, denke ich. Sie haben mich noch nicht entdeckt, ich gehe hinter einen Strauch, stecke die Kamera ein, setze den Sonnenhut auf und nehme die Wasserflasche in die Hand. Tourist, ich bin Tourist, ich laufe hier nur rum, klar. Ich gehe wieder los und sofort rufen sie. Ich bleibe stehen. Zwei Soldaten, ein älterer und ein jüngerer, laufen auf mich zu. Der Ältere geht vor, grüßt militärisch und redet drauf los. Der Jüngere bleibt im Abstand von fünf Metern seitlich des Anderen stehen und richtet sein MG auf mich. Mir zittern die Beine. Konzentriere dich, du hast nichts gemacht, die können dir nichts, keine Angst zeigen, alles normal. Ich unterbreche den Mann und frage mit der festesten mir zur Verfügung stehenden Stimme: „Do you speak English?“

A little! You made photos!

Yes, I do!

Ich sage, ich sei durch den Wald spaziert, und dass das mein erster Tag in Melilla sei und ich mir alles ansehen wolle. Er spricht sehr schnell in sein Funkgerät. Er steckt es wieder in die Halterung und sagt, ich habe Militäranlagen fotografiert und müsse jetzt mitkommen. Ich sehe den Jüngeren an, der völlig bewegungs- und ausdruckslos das MG auf mich hält. Vor dem Militärjeep hält ein Jeep der Guardia Civil. Zwei Männer steigen aus, sehen zu uns herüber und warten. Meine Beine zittern. Ich sage, dass ich den Wald fotografiert habe, die Bäume, weil ich diese Bäume besonders mag und es sie in der Stadt, in der ich lebe, nicht gebe und ich die Fotos meinen Kindern zeigen möchte, und dass ich aus Deutschland komme, und auch da sei es verboten, Militäranlagen zu fotografieren, das wisse ich. Er sieht genervt aus, der Jüngere bewegt sich nicht. Dann holt er wieder das Funkgerät heraus und spricht schnell hinein. Ich verstehe die spanischen Vokabeln für „Deutschland“ und „englisch“. Er nickt, salutiert wieder und die beiden gehen. Die Männer der Guardia Civil steigen ein. Es ist neun Uhr morgens, ich setze mich auf den Boden, nehme einen Schluck Wasser und sage: „Fuck!

Melilla: An der Festung Europa - Freitext

Ich laufe weiter am Zaun entlang, der lange Schatten auf die marokkanische Seite wirft. Zwischen dem Zaun und der Stadt stehen kaum Gebäude. Staubige Flächen, vereinzelt Agaven, Kakteen, zerrupfte Palmen, wenige Büsche, in denen Plastiktüten hängen. An dem Grenzübergang nach Farkhana stehen Autos mit arabischen Kennzeichen Schlange. Zumeist sind es zerschrammte, verbeulte Mercedes, an denen der Lack abgeplatzt ist, die woanders nicht mal verschenkt werden könnten. In jedem Auto ein junger Mann, der Rest ist vollgeladen mit dem Wohlstandsmüll aus Melilla. Die Wagen stehen dicht an dicht. Immer wieder stoßen sie gegeneinander, Bremslichter gehen zu Bruch, eine Frontscheibe splittert. Die Fahrer winken sich kurz zu, passiert eben, alles in Ordnung. Einige Männer sind zuständig dafür, etwas Ordnung in das Chaos zu bringen. Drängelt jemand vor, überholt jemand, weil ein Auto zu qualmen beginnt und geschoben werden muss, stellen sie sich ihm in den Weg, dirigieren die Autos, die zuvor kamen, an ihm vorbei. Es wird gebrüllt, geschimpft, geflucht. Kommt es doch zu Handgemengen, schreitet der spanische Polizist ein, der für diesen Abschnitt des Staus zuständig zu sein scheint, und da spanische Polizisten in Melilla Gott und Vaterland und Wächter der Grenze zugleich sind, genügt ein gezückter Schlagstock und die Streitenden gehen rasch auseinander. Sicher bekommen die Männer pro Fahrt einen Lohn, und je öfter sie fahren, desto höher ist der Tagesverdienst.

Der Boden seitlich der Straße ist voller Müll: leere Obstkisten, Plastik, Glasflaschen. Junge Männer tragen Rückbänke, Autoreifen, vier, fünf gestapelte Stoßstangen über die Grenze. Zurück kommen einige mit Eimern voller Obst. So geht es hin und her. Ich stehe eine Weile auf einem Betonklotz und sehe dann, wie einer der Männer, die für die Ordnung zuständig sind, von einem Auto angefahren wird und zur Seite fliegt. Bevor das Auto gegen den Betonklotz knallt, springe ich nach hinten weg und falle hin. Ein alter Mann hilft mir hoch, lächelt, und ich sehe sein desaströses Gebiss. Das Auto setzt schon wieder zurück. Der Mann, der angefahren wurde, steht wieder. Der Alte zieht mich mit und wir setzen uns auf einen Autoreifenstapel neben einen anderen alten Mann. Hinter uns, auf einer freien Fläche, werden die Autos gepackt. Zwischen Motorblock und Motorhaube kommen Bretter oder Säcke. Ich bin seit fünf Stunden unterwegs, ich habe einen heftigen Sonnenbrand im Nacken, es sind 30 Grad. Die beiden Alten, die den Eindruck machen, als würden sie hier jeden Tag sitzen, reden kein Wort. Kurz nachdem die Sonne am höchsten stand, hören wir den Muezzin in dem anderen Land.

Ich bin erschöpft von den Eindrücken, unfähig, aufzustehen, zu müde, um etwas zu trinken. Ich hätte etwas über Singvögel schreiben können, ein Buch über irgendeine Fähigkeit, das Einmaleins der Lyrik, 100 tolle Schreibaufgaben, was Abstraktes, Zusammengeklatschtes. Zusammenklatschen geht immer, da muss man nur die bescheuerte Postmoderne anzapfen und fertig ist die Bude. Nein, ich wollte hierher. Ich hatte angefangen, über Melilla zu schreiben, nachdem ich vor ein paar Jahren in einer 80 Meter langen Schlange in einem Supermarkt stand und in der Zeitung darüber las. Es war mir nicht neu, aber ich bekam dort eine kalte Wut auf das, was ich las, und begann das zu verachten, woran ich gerade schrieb. Jetzt reicht’s, dachte ich. Niemand hat mich gezwungen. Ich habe es mir ausgesucht. Es war mir klar, dass es anstrengend werden würde. Ich blieb zwei Stunden lang sitzen. In diesen beiden Stunden sah ich eine einzige Frau. Sie trug einen Bikini und fuhr in einem roten Land Rover nach Melilla. Weiter, dachte ich, und stand wieder auf. Sitzen kannst du auch in Berlin.

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200 Meter weiter liegt das Auffanglager, umzäunt von meterhohen Eisengittern. Dort leben die, die es über den Zaun geschafft haben und nicht gleich durch eine der Türen im Zaun dem marokkanischen Militär übergeben wurden, was zwar illegal ist, aber darum schert sich niemand. Ein Flugzeug, das kurz zuvor das Rollfeld des Flughafens verlassen hat, fliegt in 50 Meter Höhe über das Lager. Auf der anderen Straßenseite, zwischen Lager und Zaun, ein Golfplatz, darauf drei Männer in weißen Hosen, orangefarbenen Poloshirts und Schirmmützen, die neben einem Caddy stehen. Hinter dem nächsten Hügel der muslimische Friedhof von Melilla, hügelab bis zum Zaun. In Marokko ebenso ein Friedhof.

Ich rede kaum. Niemand kann Englisch, abgesehen von diesem einen Soldaten, dem ich nicht mehr begegnen möchte. Die Leute sind sehr freundlich und neugierig. Ein Tourist, da! Er steht in der Apotheke und möchte Blasenpflaster und erklärt es mit den Füßen und beiden Händen, und die ganze Apotheke weiß nun Bescheid. In dem Café, in das ich jeden Tag gehe und einen Kaffee trinke, kommt der Mann hinter dem Tresen hervor, gibt mir die Hand und sagt: „My amigo anglaise!“ Ich rede nicht. Ich laufe am Zaun entlang, und dieser Zaun ist das schrecklichste, brutalste und perfideste Bauwerk, das ich bisher gesehen habe. Der macht mich aggressiv. Ich rede mit mir selbst, keine ganzen Sätze, es kommt einfach aus meinem Mund, ich sage: „Fuck!„, „Meine Fresse!“, „Verpiss dich, Sonne!“. Alle fünf Minuten fährt ein Jeep der Guardia Civil an mir vorbei. Ich bin mit einer Erkältung losgeflogen und während der beiden Landungen hatte ich heftige Schmerzen in der Stirn. Ich setze mich neben die Straße, trinke eine Wasserflasche aus, nehme ein Taschentuch und schnäuze die Nase. Blut ist im Taschentuch. „Fuck!„, sage ich wieder und denke dann: Passt doch bestens zu dieser Gegend.

Ich gehe weiter, meine Füße schmerzen. Zwei der Blasen bluten. Es ist nicht mehr weit bis zum Meer. Ich werde im Wasser laufen. Salzwasser, glaube ich, hilft. In Marokko ist Schulschluss. Ich sehe Gruppen von Kindern mit Schultaschen über eine verkarstete, staubige Fläche laufen. Vorbei am Flughafen, vorbei an Bäumen, aus denen es laut zwitschert. Ein Reiher fliegt auf, ich erschrecke, bleibe stehen und sehe ihm nach. Ich sage leise: „Heißa, du schöner Vogel!“ Hinter dem Zaun sind Zelte der marokkanischen Armee aufgebaut, dahinter ein weiterer Zaun. Die Guardia Civil fährt wieder vorüber.

An dem Grenzübergang nach Beni Ensar ist für Fußgänger eine schmale Öffnung gelassen worden. Einkäufe für den Eigengebrauch können mitgenommen werden. Einige transportieren größere Mengen Milch oder Windeln, Paletten mit Fanta-Dosen. Sie werden abgewiesen. Für diese Transporte gibt es 100 Meter weiter einen separaten Übergang. Die Öffnung wird von vier spanischen Polizisten überwacht. Wird der Andrang zu groß und eins der Gitter droht zu kippen, schlagen die beiden wahllos mit ihren Schlagstöcken auf die Leute ein. Ein Mann beschwert sich lautstark. Einer der Polizisten schlägt ihm mit der Faust ins Gesicht. Der Mann geht weiter nach hinten. Niemand reagiert darauf. Es ist normal. Ich kaufe bei einem der auf dem Boden sitzenden Händler ein paar Birnen und setze mich gegenüber von dem Grenzübergang auf einen Betonklotz, esse die Birnen und sehe mir das alles an. Es ist wie Fernsehen, weit weg. Ich sage: „Ist das alles abgefuckt!“

Ich laufe weiter zum Strand, vorbei an Lagerhallen, in denen die Güter zwischengelagert werden, die am nächsten Tag von Tagelöhnern zu Fuß über die Grenze gebracht werden. In der Ferne werden Schiffe gebaut. Patrouillenboote fahren auf dem Wasser. Ich ziehe die Schuhe aus, die Socken, mache die Pflaster ab. Die Blasen sehen mies aus. Ich gehe ins Wasser und bleibe dort eine Weile stehen. Das Salz wird helfen, ganz sicher. Ich sehe auf die Horizontlinie und höre, wie die Wellen anschlagen. Eine nach der anderen.