{"id":1031,"date":"2015-02-27T10:30:01","date_gmt":"2015-02-27T09:30:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=1031"},"modified":"2015-03-05T15:06:13","modified_gmt":"2015-03-05T14:06:13","slug":"karriere-manager-rammstedt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2015\/02\/27\/karriere-manager-rammstedt\/","title":{"rendered":"Alles muss man selber machen!"},"content":{"rendered":"<p><strong>Gestern wurden <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/karriere\/berufsleben\/warum-immer-mehr-manager-um-4-30-uhr-aufstehen-a-1020294.html\" target=\"_blank\">im Karriere-Teil von <em>Spiegel Online<\/em><\/a> eine Reihe von prominenten Wirtschaftslenkern bewundernd kurzportr\u00e4tiert, die <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/karriere\/berufsleben\/warum-immer-mehr-manager-um-4-30-uhr-aufstehen-a-1020294.html\">erz\u00e4hlen<\/a>, wie wahnsinnig fr\u00fch sie aufstehen und was sie dann alles erledigen. Nur mich hat man da nat\u00fcrlich wieder vergessen.<\/strong><\/p>\n<p>Einen Wecker braucht Tilman Rammstedt nicht. P\u00fcnktlich um vier weckt ihn t\u00e4glich eine Panikattacke. &#8222;Der fr\u00fche Morgen ist f\u00fcr mich die ideale Zeit, um alles sehr, sehr schlimm zu finden&#8220;, hat Rammstedt \u00fcber sich herausgefunden. Bis halb f\u00fcnf erledigt er die dringendsten Aufgaben des Tages (Verzweifeln, Seufzen, Haareraufen, Wimmern) direkt noch im Bett. &#8222;Selbsthass im Pyjama? Ja, das geht gut&#8220;, lacht der sympathische Managertyp.<!--more--><\/p>\n<p>Um halb f\u00fcnf folgt Fr\u00fchsport, der darin besteht, hektisch nach den Joggingschuhen zu suchen, bis ihm wieder einf\u00e4llt, dass er keine besitzt. &#8222;Ein schlechtes Ged\u00e4chtnis ist das Wichtigste in meinem Beruf&#8220;, sagt er schlie\u00dflich h\u00e4ufig. Sehr h\u00e4ufig. Auffallend h\u00e4ufig.<\/p>\n<p>Auch Familienleben ist fester Bestandteil des Morgenprogramms. Rammstedt weckt sie um kurz vor f\u00fcnf mit einem eingespielten Ritual: sich beim Versuch, leise in die K\u00fcche zu schleichen, den kleinen Zeh am Esstisch zu sto\u00dfen und laut schreiend und fluchend durch die Wohnung zu h\u00fcpfen. &#8222;Traditionen sind traditionell wichtig. Im Privatleben wie im Beruf&#8220;, betont der deutlich zu jung gebliebene 39-J\u00e4hrige. &#8222;Weihnachten zum Beispiel. Aber auch andere Tage. Dienstage. Oder Saarbr\u00fccken.&#8220;<\/p>\n<p>Zeit mit seiner Familie ist ihm wichtig. Seiner Familie ist Zeit mit ihm nicht ganz so wichtig. Also fr\u00fchst\u00fcckt er allein: nur lauwarmes Wasser (Rammstedt hat eine ausgepr\u00e4gte Affinit\u00e4t zur ayurvedischen Ern\u00e4hrung, seitdem er geh\u00f6rt hat, dass es wichtig sei, eine Affinit\u00e4t zu haben, auch wenn er nicht genau wei\u00df, was Ayurveda ist, oder eine Affinit\u00e4t, oder Ern\u00e4hrung, oder Rammstedt), das er vor dem Trinken noch erhitzt und durch einen Filter mit gemahlenen Kaffeebohnen gie\u00dft. &#8222;Das gibt dem Ganzen das gewisse Etwas&#8220;, schmunzelt der gelernte Hobbykoch. Dazu saisonales Obst, was f\u00fcr den Querdenker meist Nutella-Brot bedeutet. Beim Fr\u00fchst\u00fcck studiert er die Zeitung. Allerdings die Zeitung vom 14. Oktober 2011, dem letzten Tag seines Probeabonnements der <em>S\u00fcddeutschen Zeitung<\/em>. Er liest sie dennoch t\u00e4glich. Nicht umsonst hat er sich eigenh\u00e4ndig das chinesische Symbol f\u00fcr Beharrlichkeit auf den Oberarm t\u00e4towiert, oder zumindest damit angefangen.<\/p>\n<p>Ideal ist das fr\u00fche Aufstehen f\u00fcr Videokonferenzen mit S\u00fcdostasien. Leider kennt Tilman Rammstedt niemanden in S\u00fcdostasien. Er kannte mal jemanden in W\u00fcrzburg, aber auch nicht besonders gut. Doch weil, wie er sagt, &#8222;jedes Hindernis auch eine Chance darstellt, wenn auch ziemlich amateurhaft&#8220;, ruft er stattdessen seine Bekannten in Berlin an, um die zu fragen, ob sie vielleicht eine Videokonferenz mit ihm machen wollen. Sie wollen lieber nicht.<\/p>\n<p>Ab halb sechs arbeitet Rammstedt seine Mails ab. Haupts\u00e4chlich sind das Entschuldigungsschreiben an die Bekannten, die er wegen der Videokonferenz geweckt hat. Er benutzt dazu sein &#8222;iPad&#8220;, wie er sein gebraucht gekauftes Medion-Laptop liebevoll nennt. \u00dcberhaupt ist ihm die Technikfeindlichkeit mancher seiner Manager-Kollegen fremd. &#8222;Ohne die neuen Technologien h\u00e4tten wir immer noch die alten Technologien&#8220;, salbadert der geb\u00fcrtige Wahlberliner. Auch die sozialen Netzwerke wollen gepflegt werden. &#8222;An Social Media kommt man heutzutage nicht drumherum&#8220;, wei\u00df Rammstedt. &#8222;Oder halt nur, indem man es nicht macht.&#8220; Er ist leidenschaftlicher Twitterer, vielleicht ein wenig zu leidenschaftlich, weil ihn seine Tweets immer zu sehr r\u00fchren, um sie abzuschicken. (&#8222;Das sind doch alles meine Kinder.&#8220;) \u00dcber seine Facebook-Freundeszahl will er keine genauen Angaben machen, aber sie bewege sich &#8222;im oberen zweistelligen Bereich.&#8220; Auch hier z\u00e4hlt f\u00fcr ihn nur Erfolg, Erfolg, Erfolg: Bis Ende 2015 will er Facebook zu Ende gespielt haben.<\/p>\n<p>Trotz aller Technisierung bleibt morgens aber auch Zeit f\u00fcr Spiritualit\u00e4t. Rammstedt glaubt zwar nicht &#8222;an einen Gott im eigentlichen Sinne&#8220;, aber irgendetwas m\u00fcsse da oben doch sein, also noch \u00fcber den Wolken. Etwas, das ihn lenkt, das ihm Kraft gibt, etwas, bei dem er sich nach seinem Tod \u00fcber den ganzen Schei\u00df beschweren kann. Eine halbe Stunde ist deshalb morgens f\u00fcr die Meditation reserviert. &#8222;Einfach nur dasitzen und atmen und an nichts denken. Au\u00dfer ans Atmen. Und ans Dasitzen. Und an die eingeschlafenen F\u00fc\u00dfe. Und wie verdammt langweilig das ist. Und was man alles noch machen muss. Und was man letzte Woche besser nicht gesagt h\u00e4tte. Und was man vor zw\u00f6lf Jahren besser h\u00e4tte sagen sollen. Und dass alles ab jetzt nur noch schlimmer und schlimmer wird. Und wie man sich wegen dieses beschissenen Atmens auf nichts richtig konzentrieren kann.&#8220;<\/p>\n<p>P\u00fcnktlich um acht sitzt Rammstedt am Schreibtisch. Es ist ihm sehr wichtig, immer der erste bei der Arbeit zu sein, was nicht besonders schwer ist, weil er alleine arbeitet, sehr alleine.<\/p>\n<p>&#8222;Ich habe im Laufe meiner Karriere gelernt, dass ich viel mehr erreiche, wenn ich fr\u00fch aufstehe&#8220;, sagt Rammstedt. Wenn andere sich noch einmal umdrehen, sei er zum Beispiel schon unfassbar m\u00fcde.<\/p>\n<p><em>Tilman Rammstedt war bis Ende 2013 CEO bei Tilman Rammstedt und ist seitdem dort als externer Berater t\u00e4tig. Au\u00dferdem ist er amtierender deutscher Vizemeister im Nickerchenmachen.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern wurden im Karriere-Teil von Spiegel Online eine Reihe von prominenten Wirtschaftslenkern bewundernd kurzportr\u00e4tiert, die erz\u00e4hlen, wie wahnsinnig fr\u00fch sie aufstehen und was sie [\u2026]<\/p>\n","protected":false},"author":1021,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-1031","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-schriftstellerleben"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v21.0 - https:\/\/yoast.com\/wordpress\/plugins\/seo\/ -->\n<title>Manager: Alles muss man selber machen * Freitext<\/title>\n<meta name=\"description\" content=\"Prominente Manager erz\u00e4hlen gern, wie wahnsinnig fr\u00fch sie aufstehen und was sie alles erledigen. 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