{"id":1325,"date":"2015-04-14T16:03:31","date_gmt":"2015-04-14T14:03:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=1325"},"modified":"2015-04-15T15:54:12","modified_gmt":"2015-04-15T13:54:12","slug":"guenter-grass-bossong","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2015\/04\/14\/guenter-grass-bossong\/","title":{"rendered":"Oskar Matzerath ist eine ganze Epoche"},"content":{"rendered":"<p><strong>G\u00fcnter Grass hatte eine Meinungsmacht, die heute kein Intellektueller mehr f\u00fcr sich beanspruchen kann. Und es scheint auch nicht mehr erw\u00fcnscht.<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_1329\" aria-describedby=\"caption-attachment-1329\" style=\"width: 580px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2015\/04\/freitextgrassdasdas.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1329\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2015\/04\/freitextgrassdasdas.jpg\" alt=\"\u00a9 AP Photo\/Jens Meyer\" width=\"580\" height=\"326\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2015\/04\/freitextgrassdasdas.jpg 580w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2015\/04\/freitextgrassdasdas-300x168.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 580px) 100vw, 580px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1329\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 AP Photo\/Jens Meyer<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>In den vergangenen Jahren hat man sich gern \u00fcber G\u00fcnter Grass lustig gemacht, sofern man ihn nicht gleich ignorierte. Da war dieser Gigant, der einmal Inbegriff der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur war, und mutete nun in der Flut der H\u00e4me, die nach seinem in der <em>S\u00fcddeutschen Zeitung<\/em> publizierten Gedicht <em>Was gesagt werden muss<\/em> \u00fcber ihn herrollte, beinahe wie vom Alter geschrumpft und nicht mehr in unsere Zeit geh\u00f6rend an. Zugegeben, seine letzten ver\u00f6ffentlichten Gedichte waren weder \u00e4sthetisch noch politisch auf der H\u00f6he seines Werkes, der Wirbel um sie war aber eben deshalb wichtig, weil sie nicht blo\u00df das Scheitern eines einzelnen Mannes zeigten, sondern das Scheitern eines engagierten Literaturverst\u00e4ndnisses generell.<!--more--><\/p>\n<p>Die Annahme, Literatur k\u00f6nne in einer direkten Form politisch wirken und dringe tief in die Gesellschaft ein, die Idee, der Schriftsteller sei moralisches und intellektuelles Sprachrohr, anstatt als braves Zirkuspferd in der Arena zu traben, scheint ad acta gelegt \u2013 entweder mit einem Achselzucken oder mit der Vertr\u00f6stung, dass politische Literatur heute anders und meist subtiler agiere, so subtil mitunter, dass man gar nicht mehr mitbekommt, dass sie politisch ist. Die Grenzen eines Fachdiskurses vermag sie nur noch in seltenen F\u00e4llen zu \u00fcberschreiten, am Tag der Nobelpreisverleihung beispielsweise. Selbst einer Schriftstellerin wie Herta M\u00fcller, die dezidiert politisch ist, wird eher eine Meinungsspalte einger\u00e4umt, als dass sie selbst das Blatt bestimmen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich l\u00e4sst sich Grass&#8216; Rolle nicht jenseits seiner Zeit und au\u00dferhalb des Nachkriegsdeutschlands denken, in dem die Fassungslosigkeit angesichts eines unvorstellbaren Verbrechens und die immense Schuldfrage eine Lage schuf, der mit juristischen, philosophischen und politischen Antworten allein nicht beizukommen war. Literatur konnte hier etwas Notwendiges bewirken, n\u00e4mlich die Sprachlosigkeit nicht zum Schweigen werden zu lassen, sondern ihr Ausdruck zu geben. Oskar Matzerath, der Held von Grass&#8216; erstem Roman <em>Die Blechtrommel<\/em>, br\u00fcllt diese Sprachlosigkeit mit einem gellenden Schrei heraus, der nicht nur Glas, sondern auch \u00dcberzeugungen und Bekenntnisse zerspringen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Die Grenzen dessen, was der engagierte Schriftsteller tun kann und darf, lotete Grass in den folgenden Jahren nicht nur mit literarischen Ver\u00f6ffentlichungen, sondern auch pragmatisch als politischer Richtungsweiser aus und schnallte sich statt der Blechtrommel eine Werbetrommel f\u00fcr die SPD um. Ein so entschiedenes Eintreten eines Intellektuellen f\u00fcr eine politische Partei ist heute nur noch schwer vorstellbar, nicht nur, weil sich die politische Situation Deutschlands gravierend gewandelt, sich der harsche Kontrast zweier Lebens- und Weltanschauungskonzepte aufgeweicht hat, wie sie Links und Rechts, SPD und CDU einst markierten.<\/p>\n<p>Auch hat sich der Diskurs fragmentiert und in verschiedene Zust\u00e4ndigkeitsbereiche aufgeteilt. Hier die Politik, da die Kunst, sprechen Sie, wenn Sie aufgefordert werden und f\u00fcr den Rest gilt: Ruhe, setzen. Ein Weisungsmonopol, wie es Grass innehatte, kann heute kein Intellektueller mehr f\u00fcr sich beanspruchen und es scheint auch nicht mehr erw\u00fcnscht. Die Frage ist, ob zu viel Stille irgendwann taub macht.<\/p>\n<p>Seit Grass&#8216; Beichte, Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein, erscheint vielen sein Engagement in anderem Licht. In der Tat, es beruhte offensichtlich nicht blo\u00df auf einem kollektiven, sondern auf einem sehr pers\u00f6nlichen Gef\u00fchl von Schuld und der Erz\u00e4hler, dem wir so gerne dabei zuh\u00f6rten, wie er das Unrecht anklagte, ist nicht zu jedem Zeitpunkt seines Lebens Widerstandsk\u00e4mpfer gewesen. Das ist unangenehm \u2013 f\u00fcr Grass, aber auch f\u00fcr uns, die wir darauf vertraut hatten, dass die Welt der T\u00e4ter und die der Ankl\u00e4ger scharf voneinander getrennt ist, dass wir nie und nimmer derlei verwechselten und nicht so blau\u00e4ugig sind wie Oskar Matzerath, der diese Eigenschaft immerhin schon im ersten Romansatz eingesteht. Wir haben uns f\u00fcr besser gehalten. Das war vermessen.<\/p>\n<p>Man kann fordern, dass jemand, der seine eigene Verstrickung jahrzehntelang verschwiegen hat, sich nicht als Moralapostel auff\u00fchren darf. Ja, das kann man und der Patriarch, der so durchdringend gesprochen hat, das andere \u00fcberh\u00f6rt wurden, ist auf diese Weise gest\u00fcrzt worden. Durch seine Beichte hat Grass aber eben deshalb noch einmal so stark wie einst provoziert, weil er das Dilemma seiner Generation und unseres Umgangs mit ihr in seiner Unaufl\u00f6sbarkeit unterstrich, anstatt uns eine unbequeme Ambivalenz abzunehmen. Diese Ambivalenz gilt es auszuhalten, und zwar f\u00fcr jeden Einzelnen von uns, der allwissende Erz\u00e4hler ist abgetreten. Oder vielmehr: Er ist auf Augenh\u00f6he mit uns.<\/p>\n<p>Als ich im vergangenen Jahr G\u00fcnter Grass bei einem Werkstattwochenende in L\u00fcbeck traf, um mit ihm und anderen Autoren \u00fcber entstehende Romane und Essays zu diskutieren, war ich beeindruckt davon, mit welch wacher Neugier er die Texte von uns las, wie sehr ihn die Literatur seiner Kollegen anging, wie begierig er die Diskussion verfolgte und sich selbst einbrachte, kritisierte und fragte, vorschlug und kommentierte und im Ausgleich wissen wollte, was wir von seinen Texten hielten.<\/p>\n<p>Hier, zwischen schlichten Holzm\u00f6beln und hanseatischem Giebelfachwerk, ging es mit Intensit\u00e4t, Ernst und Behutsamkeit um Literatur, wie ich es selten erlebt habe. Ich war mit einem Roman angereist, den ich verwerfen wollte, und fuhr mit einem Roman ab, den ich schreiben musste. Das war viel, aber es war nicht das Entscheidende. Die Literatur erhob sich wieder zu etwas, das auf all die schrille Aufgeregtheit, wie sie der heutige Literaturbetrieb produziert, verzichten konnte.<\/p>\n<p>Wir brauchten nichts von Amazonr\u00e4ngen und Werbema\u00dfnahmen zu wissen, weil wir selbstbewusst daran glaubten, dass die Sprache Wirkmacht genug ist. Hier machten die W\u00f6rter das Blatt. Auf Amazon steht G\u00fcnter Grass seit gestern wieder an der Spitze, aber darauf kommt es nicht an. Ein Amazonrang ist nur eine Zahl, Oskar Matzerath ist eine Epoche.<\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;-<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? 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