{"id":1345,"date":"2015-04-16T08:00:17","date_gmt":"2015-04-16T06:00:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=1345"},"modified":"2015-04-16T14:47:43","modified_gmt":"2015-04-16T12:47:43","slug":"germanwings-terror-literatur-draesner","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2015\/04\/16\/germanwings-terror-literatur-draesner\/","title":{"rendered":"Das Erleben des Sturzes"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Medialisierung des Terrors ist normal geworden. Die Literatur aber kann an der Darstellung des Schreckens nur scheitern. Gerade darin liegt ihre Wahrhaftigkeit.<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_1351\" aria-describedby=\"caption-attachment-1351\" style=\"width: 580px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2015\/04\/freitext-trauer.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1351\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2015\/04\/freitext-trauer.jpg\" alt=\"\u00a9 Getty Images\" width=\"580\" height=\"326\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2015\/04\/freitext-trauer.jpg 580w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2015\/04\/freitext-trauer-300x168.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 580px) 100vw, 580px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1351\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Getty Images<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Ein Flugzeug st\u00fcrzt ab. 150 Menschen sterben. Von 150 Opfern ist die Rede. Dann von 149. Selbstmord des Copiloten. Mord an allen anderen, wird gesagt. Trauer und Best\u00fcrzung sind gro\u00df. Politiker reisen an. Sofort.<\/p>\n<p>Man l\u00e4sst sich am Ort des Absturzes sehen. Frau Merkel und Herr Hollande h\u00f6chstpers\u00f6nlich. Wir verstehen das, haben Erfahrungen gemacht mit der Bildwichtigkeit und Bildmacht in unseren Mediendemokratien. Der Staatsf\u00fchrer als erfolgreicher Krisenmanager. Es r\u00e4cht sich, wenn sie solchen Gelegenheiten fernbliebe.<!--more--><\/p>\n<p>F\u00fcr den 17. April ist ein Trauergottesdienst im K\u00f6lner Dom anberaumt. Erwartet werden der Bundespr\u00e4sident, die Bundeskanzlerin, der franz\u00f6sische Staatspr\u00e4sident, der spanische K\u00f6nig u.a. Sp\u00e4testens jetzt dr\u00e4ngt sich die Frage danach auf, wie unser Staat mit den ihm zur Verf\u00fcgung stehenden symbolischen Mitteln umgeht. Sie sind &#8222;Kapital&#8220;: unersetzliche Instrumente in F\u00e4llen von Krise und Not. Sie bed\u00fcrfen des klugen und abw\u00e4genden Einsatzes. Emotional sind im Fall des Germanwings-Absturzes alle Akte des Beileides und Bekundens dieser Trauer nachzuvollziehen, allein: Emotion ist nicht Staatsr\u00e4son.<\/p>\n<p>Die Frage l\u00e4sst sich zuspitzen: Wie w\u00fcrde die Regierung antworten, welche staatlichen Reaktionsmuster des Trauerns, Helfens und Versicherns st\u00fcnden ihr zur Verf\u00fcgung, wenn es sich bei einem derartigen Geschehen tats\u00e4chlich um einen Terroranschlag handelte? Staatliche Symbole dienen der St\u00e4rkung, sie sollen uns unserer eigenen Identit\u00e4t versichern. Doch es handelt sich im Fall der Germanwings-Maschine nicht um einen Terroranschlag, sondern um einen Selbstmord mit T\u00f6tung anderer. G\u00e4be es zwischen dem tragisch ausgel\u00f6sten, indes nicht politisch gerichteten Absturz und einem terroristischen Attentat noch Unterschiede im offiziellen Reaktionsspektrum? W\u00e4ren sie gro\u00df genug?<\/p>\n<p>Anders gefragt: Welchem Irrtum oder welcher Angst sitzen wir auf? Sehen die Taten von Andreas Lubitz einerseits und Mohammed Atta andererseits so \u00e4hnlich aus, dass wir sie nicht auseinanderhalten? Nicht auseinanderhalten wollen? Oder wollen wir \u00fcben? Welche \u00fcberschie\u00dfenden Bed\u00fcrfnisse treiben uns in diesen Wochen dazu, in unseren Reaktionen auf symbolischer Ebene den Selbstmord-T\u00e4ter mit dem Selbstmord-Attent\u00e4ter nahezu gleichzusetzen?<\/p>\n<p>\u00dcber Literatur und Terror wollte ich schreiben. Und muss mir selbst vorhalten: Wo habe ich nur angefangen\u2026 Doch hier kommt sie ins Spiel. Die j\u00fcngst erschienene Studie <em>Poetik des Terrors<\/em>, verfasst von einem Literaturwissenschaftler aus M\u00fcnster, kommt zu dem Schluss, zeitgen\u00f6ssische Literatur scheitere an der Darstellung von Terror.<\/p>\n<p>Damit hat Michael K\u00f6nig Recht. Gott sei Dank!, rufe ich. Denn was w\u00e4re hier ein &#8222;Gelingen&#8220;? Ich verstehe Literatur nicht als Umgangserfindungs- oder Riten-Ersatzorgan. Nicht als Medium, das entstehende Fragen \u00fcberkleistert, statt sie weiter aufzudecken, das beruhigt, statt uns die M\u00f6glichkeit zu bieten, dem ins Auge zu sehen, was wir als Bedrohung, als Gefahr oder sogar als Infragestellung unserer selbst erleben. Nicht als Antwortmittel dort, wo auch andere, Politiker, Psychologen, Religionsforscher tasten und fragen. Ich verstehe Literatur als Stimme, die aufgrund von genauer Beobachtung Fragen stellen, Themen aufdecken und verdeutlichen kann.<\/p>\n<p>Gegen das Gef\u00fchl, ausgesetzt zu sein und jeden Augenblick selbst Opfer werden zu k\u00f6nnen, wird sie nicht unmittelbar helfen. Im Gegenteil: Sie mag es verst\u00e4rken, erlebbar machen. Ansetzen kann man wie j\u00fcngst Michel Houllebecq: Sozialgeflechte von heute weiterspinnen, einen zwei Parameter ver\u00e4ndern \u2013 und erz\u00e4hlen, was daraus erwachsen k\u00f6nnte. Ein alter, bew\u00e4hrt literarischer Weg: vergr\u00f6\u00dfern, \u00fcbertreiben, zu Ende denken \u2013 radikal und gegen den Strich der W\u00fcnsche. Ansetzen aber kann man auch mit einer Streuung des Blickes durch Analyse, Klugheit sowie \u00d6ffnung der Perspektiven. Kann die Aufmerksamkeit lenken auf Menschen, gleich welcher Religion, die betroffen sind, aber im Medienstrom in der Regel \u00fcbersehen werden.<\/p>\n<p>Vor mehr als zehn Jahren, als ich f\u00fcr den Roman <em>Spiele<\/em> zu dem Terroranschlag von M\u00fcnchen w\u00e4hrend der Olympischen Spiele 1972 recherchierte \u2013 und oft h\u00f6rte: &#8222;30 Jahre lang hat niemand danach gefragt, jetzt kommen Sie und Leute von Steven Spielberg&#8220;, begriff ich die Medienbestimmtheit der Terrorakte, die wir seither erleben. Ein erstaunliches Statement, abgedruckt in der Beiruter Zeitung <em>Al-Sayad<\/em> eine Woche nach dem Anschlag, \u00f6ffnete mir die Augen:<\/p>\n<p>&#8222;<em>In our assessment and in light of the result, we have made one of the best achievements of Palestinian commando action. A bomb in the White House, a mine in the Vatican, the death of Mao Tse-tung, an earthquake in Paris could not have echoed through the consciousness of every man in the world like the operation at Munich. [\u2026] The choice of the Olympics, from the purely propagandistic view-point, was 100 per cent successful. It was like painting the name of Palestine on a mountain that can be seen from the four corners of the earth.<\/em>&#8222;<\/p>\n<p><em>Terror goes media<\/em> wurde nicht erst 2001, sondern 1972 mit den ersten farbigen TV-Echtzeit\u00fcbertragungen weltweit erfunden.<\/p>\n<p>Auch als Autor bediene und f\u00fcttere ich ein Medium. Erkenne ich das, wird die Lage sofort komplexer. Das tut ihr gut. &#8222;Dem Terror&#8220; &#8222;gerecht werden&#8220; oder &#8222;an ihm scheitern&#8220; sind ihrerseits Schreckenskategorien. Denn wer f\u00e4llt das Urteil, und nach welchem Ma\u00dfstab soll es ergehen?<\/p>\n<p>Literarisch entscheidend ist all das, was das Wie des Sprechens betrifft. Greife ich selbst zu &#8222;terroristischen&#8220; Mitteln: \u00fcbertreibe, schie\u00dfe im metaphorischen Sinn, schildere (und preise dadurch auch?) Gewalt, Blutlust, Wut? Oder entscheide ich mich f\u00fcr eine Gegenstrategie?<\/p>\n<p>Da wirft einer eine Bombe ins Wasser. Es gibt: Die Waffe. Den Werfer. Den Teich. Die Zuschauer. Jemanden, der das Ding herausfischt. Er ist interessant, auch wenn es ihn nicht gibt. Gerade dann.<\/p>\n<p>Es gibt: die Wellen, die der Einschlag verursacht. Wirkungen der Tat \u2013 unmittelbar. Und \u00fcber 30 Jahre hinweg. Es gibt: die Schwierigkeiten, die wir damit haben, das Geschehen zu rekonstruieren. Weil man das, was daran unerh\u00f6rt und unaushaltbar ist \u2013 nicht sehen kann.<\/p>\n<p>Uneinholbar das Sterben der Opfer.<\/p>\n<p>Und des T\u00e4ters oder der T\u00e4ter.<\/p>\n<p>Der Akt des Werfens. Die Vorbereitung. Da steht jemand an einem Teich und st\u00fcrzt sich selbst als Bombe hinein. Niemand hat es gesehen. Wer es sah, ist tot. Was uns umtreibt, auch bei dem Absturz vom 24. M\u00e4rz, ist unsere Vorstellung. Unsere Empathie.<\/p>\n<p><em>Unfathomable<\/em>, unauslotbar \u2013 nennt Shakespeare diesen Moment in seinem Drama <em>Der Sturm<\/em>. Das Erleben des Sturzes. Das Atmen des Copiloten. Dieses Gehen durch einen Markt mit dem eigenen, in eine Waffe verwandelten K\u00f6rper. Der Augenblick des Z\u00fcndens. Hier kann Literatur ansetzen. Sie wird scheitern. Dieses Scheitern wird ihre Wahrhaftigkeit ausmachen. Indem sie die Wellen des Ereignisses zeigt \u2013 Wellen davor, Wellen danach \u2013 kann sie uns zeigen, was uns so verst\u00f6rt und anzieht. Gebannt starren wir auf die Nachrichten, die Bilder. Erwarten den Trauerakt. Was wir suchen, finden wir darin nicht. So klicken wir weiter, suchen zu vergessen, bleiben mit einem diffusen Gef\u00fchl der Angst zur\u00fcck. Auch Literatur wird sie uns nicht nehmen. Wird uns keine Antwort in vorgefertigter, konsumierbarer Form geben.<\/p>\n<p>Sie gelingt, wenn sie scheitert. Wenn sie uns n\u00e4her an das f\u00fchrt, was uns ber\u00fchrt und verst\u00f6rt, weil es auf der Grenze zwischen Leben und Tod stattfindet, in K\u00f6pfen und Seelen, xmal vor dem Akt, den wir wirklich nennen, xmal ihm hinterher.<\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;-<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? 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