{"id":1425,"date":"2015-04-23T11:21:29","date_gmt":"2015-04-23T09:21:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=1425"},"modified":"2015-04-24T09:47:35","modified_gmt":"2015-04-24T07:47:35","slug":"armenien-genozid-grossvater-poladjan","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2015\/04\/23\/armenien-genozid-grossvater-poladjan\/","title":{"rendered":"Das Grauen wiederholt sich jeden Tag"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Gro\u00dfvater unserer Autorin hat das grausame Verbrechen an den Armeniern \u00fcberlebt. Erz\u00e4hlt hat er dar\u00fcber kaum. Versuch einer Ann\u00e4herung an das Unsagbare<\/strong><\/p>\n<p>Ein siebenj\u00e4hriger Junge kommt von der Schule nach Hause. In der Stube riecht es nach Ofen und Weihrauch. Der Junge setzt sich ans Fenster und beobachtet die Gendarmen, die mit geraden R\u00fccken und wichtigen Gesichtern durch die Stra\u00dfen von Ordu reiten, Geld einsammeln und gar nicht merken, welche Fratzen auf ihren R\u00fccken kleben.<\/p>\n<p>Auf dem Platz vor dem Haus sammeln sich Leute, sie schreien, aber was sie schreien, versteht der Junge nicht. Irgendwann fliegt ein Stein. Dann noch einer. Der Junge erkennt den Schneider, auch er hat einen Stein in der Hand. Das Fenster zerbricht, und die Splitter der Scheibe liegen auf dem grauen Steinboden verteilt, grau gl\u00e4nzend, wie das eine Auge der Mutter, das die Kinder immer im Blick hat, auch jetzt. Das andere Auge erlosch beim Kochen durch hei\u00dfes \u00d6l. Trotzdem ist die Mutter sch\u00f6n mit ihrem runden Gesicht und den schweren, vollen Haaren. Der Junge kauert in einer Ecke, das Auge der Mutter ruht auf ihm.<!--more--><\/p>\n<p>Es brennt in Ordu, einem Ort an der \u00f6stlichen Schwarzmeerk\u00fcste. Ordu, das klingt wie das Innere einer Walnuss, wie Hufe auf Sand.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter liegt der Junge im Bett, starrt ins Dunkel und denkt: Wenn jemand unser K\u00fcchenfenster kaputt macht, wenn der Vater nicht nach Hause kommt, wenn die Mutter im Haus herumgeistert, wenn die gro\u00dfe Schwester so lange am Bett der kleinen Geschwister sitzt, dann ist das sehr unheimlich, dann werden sie seinen siebten Geburtstag in diesem Jahr vielleicht nicht so feiern, wie sie ihn immer gefeiert haben.<\/p>\n<p>Der Junge ist vielleicht Hrant Poladjan, mein Gro\u00dfvater. Er hat es \u00fcberlebt, das Grauen, das man heute als den Genozid an den Armeniern bezeichnet, ein kompakter Begriff, ein Politikum, verbucht als eine der vielen Hypotheken im moralischen Schuldengebirge der Menschheit im zwanzigsten Jahrhundert.<\/p>\n<p>Mein Gro\u00dfvater ist gestorben, als ich zwei Jahre alt war, ich sa\u00df zu seinen F\u00fc\u00dfen, als sein Herz zu schlagen aufh\u00f6rte. Alles, was ich \u00fcber ihn wei\u00df, hat mir mein Vater erz\u00e4hlt. Und alles, was mein Vater \u00fcber ihn wei\u00df, hat ihm seine Mutter Lilja erz\u00e4hlt. Mein Gro\u00dfvater hat wenig erz\u00e4hlt, und nichts \u00fcber die Zeit in Ordu 1915.<\/p>\n<p>Ich fange nochmal an.<\/p>\n<p>Ich hei\u00dfe Katerina Poladjan. Ich habe einen armenischen Namen. Ich kann kein Armenisch. Ich lausche den Worten und verstehe sie nicht. Ich h\u00f6re nur das Raunen, das Rauschen. In Armenien konnte ich mich auf Russisch unterhalten. Ich bin hingefahren, ich wollte das Land sehen, dem ich meinen Namen verdanke.<\/p>\n<p>An einem Samstagnachmittag im Herbst 2014 klopfe ich an die Scheibe der Pforte in der Bezirksverwaltung von Artaschat. Hier soll es noch Verwandte geben. Ein unrasierter Mann mit Zigarette im Mund \u00f6ffnet ein kleines Fenster. Er betrachtet mich lange. &#8222;Ausl\u00e4nderin?&#8220; Ich nicke. &#8222;Aus Deutschland.&#8220; Ich erz\u00e4hle ihm meine Geschichte, zeige ihm ein altes Foto, ein Gruppenbild in Schwarz\/Wei\u00df: Dreizehn ernste Gesichter blicken zum Fotografen, von dem sie zuvor kunstvoll arrangiert wurden. &#8222;Die Sache ist die&#8220;, sagt er, &#8222;ich kann dir nicht helfen&#8220;, aber direkt nebenan befindet sich das Fernsehstudio Ararat TV. Er f\u00fchrt mich hin\u00fcber, am Schreibtisch sitzt der Fernsehdirektor in Jeans und Jeanshemd, hinter ihm die Armenische Flagge und an der Wand gegen\u00fcber ein gro\u00dfer Fernseher. Es l\u00e4uft der sowjetische Zeichentrickfilm <em>Nu pogodi!<\/em> (Pass blo\u00df auf!) \u2013 genau wie vor zwanzig Jahren jagt der unglaublich l\u00e4ssige Wolf den gerissen kleinen Hasen. Der Pf\u00f6rtner aus der Bezirksverwaltung erz\u00e4hlt schnell meine Geschichte auf Armenisch, eine rundliche Dame bringt Kaffee und Kekse. Der Direktor raucht die dritte Zigarette, betrachtet das Foto und sagt dann: &#8222;Pass mal auf, wir filmen dich und das Foto. Wir produzieren hier die Sendung <em>Wo bist du, mein Herz?<\/em>, n\u00e4chste Woche wird eine Folge ausgestrahlt, und einen Tag sp\u00e4ter hast du deine Verwandten gefunden!&#8220; Er hebt den H\u00f6rer ab, um einen Kameramann aus dem Feierabend zur\u00fcck zu telefonieren. Ich hebe abwehrend die H\u00e4nde. Ich will nicht ins Fernsehen.<\/p>\n<p>Im Bus zur\u00fcck nach Jerewan lerne ich Lilith kennen. &#8222;Stell dir vor&#8220;, sagt sie zu mir, &#8222;du erz\u00e4hlst die Geschichte deines Gro\u00dfvaters, und jemand sagt dir, dass sie nicht wahr ist, dass du l\u00fcgst&#8220;.<\/p>\n<p>Ich fange nochmal an.<\/p>\n<p>Sona konnte nicht schwimmen. Immer, wenn es Hrants Zeit erlaubte, \u00fcbte der Siebenj\u00e4hrige mit der kleinen Schwester an einer Stelle, wo das Wasser ganz seicht war. Man konnte die einzelnen Sandk\u00f6rnchen am Grund erkennen und die kleinen Fische. Sona war ein mutiges M\u00e4dchen, aber im Wasser kam sie mit ihren kleinen Armen und Beinen durcheinander. Hrant hielt sie am Bauch, und sie lag auf seinen H\u00e4nden wie eine kleine, strampelnde Schildkr\u00f6te. Manchmal kitzelte er sie mit seinem Finger in ihrem Bauchnabel, und sie wand sich vor Lachen.<\/p>\n<p>&#8222;Fast jeder von uns kennt eine \u00e4hnliche Geschichte aus seiner Familie&#8220;, sagt Lilith. &#8222;Die letzten wenigen \u00dcberlebenden von 1915 werden bald tot sein. Was uns bleibt, sind Geschichten, die zu Ende sind und keinen Anfang finden.&#8220;<\/p>\n<p>Als Hrants kleine Geschwister geholt wurden, nahmen sie auch Sona mit. Sie steckten die Kinder in Boote und fuhren sie hinaus auf das Meer, das die alten Griechen <em>pontos axeinos<\/em> nannten, das tiefe, dunkle Wasser. Als Hrant Jahre sp\u00e4ter davon erfuhr, dachte er: &#8222;Sona konnte nicht schwimmen, und ich habe nicht geschafft, es ihr rechtzeitig beizubringen. Wir haben zu viel gelacht und nicht genug ge\u00fcbt. Wahrscheinlich w\u00e4re sie auch ertrunken, wenn sie h\u00e4tte schwimmen k\u00f6nnen. Aber vielleicht auch nicht. Es geschehen Wunder. Ich lebe, und das ist ein Wunder.&#8220;<\/p>\n<p>Das Grauen ist jetzt hundert Jahre her. Und wiederholt sich doch jeden Tag.<br \/>\nIch fange nochmal an.<\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;-<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? Aufgrund der gro\u00dfen Nachfrage gibt es jetzt einen Newsletter. <a href=\"http:\/\/bit.ly\/1xjyvzZ\" target=\"_blank\">Hier k\u00f6nnen Sie ihn abonnieren.<\/a><\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Gro\u00dfvater unserer Autorin hat das grausame Verbrechen an den Armeniern \u00fcberlebt. 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