{"id":1468,"date":"2015-04-29T08:00:31","date_gmt":"2015-04-29T06:00:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=1468"},"modified":"2018-01-17T16:02:16","modified_gmt":"2018-01-17T15:02:16","slug":"roman-schreiben-verena-boos-brandt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2015\/04\/29\/roman-schreiben-verena-boos-brandt\/","title":{"rendered":"Jeder gro\u00dfe Roman ist unbezahlbar"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wie schreibt man eigentlich ein gutes Buch? Unser Autor hat die Schriftstellerin Verena Boos \u00fcber Jahre begleitet \u2013 und pl\u00f6tzlich erschien ihr gro\u00dfartiges Deb\u00fct.<\/strong><\/p>\n<p><strong>I<\/strong><\/p>\n<p>Im November 2014 gab ich f\u00fcr die Endrundenteilnehmer des Berliner Literaturwettbewerbs Open Mike einen Workshop mit dem Titel <em>Thema und Stoffe \u2013 Wor\u00fcber wollen wir schreiben?.<\/em> Um die jungen Schriftsteller kennenzulernen, hatte ich ihnen zuvor eine E-Mail mit drei Fragen geschickt: &#8222;Wer bin ich? Was will ich? Und was ist mein verdammtes Problem?&#8220; Letzteres zielte auf einen m\u00f6glichen Grundkonflikt ab. Ich wollte herausfinden, was sie am st\u00e4rksten besch\u00e4ftigt, was sie aufreibt, um daraus mit ihnen zusammen ihr ganz pers\u00f6nliches Thema abzuleiten \u2013 eine Art literarische Gruppentherapie. Aber alle verstanden die Frage anders, und als wir uns in der Alten Post in Neuk\u00f6lln gegen\u00fcbersa\u00dfen, erz\u00e4hlten sie von ihren Schreibproblemen, davon, nicht anfangen oder fertigwerden zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wor\u00fcber sie, wenn sie schreiben, denn schreiben, wollte ich wissen.<\/p>\n<p>Das wollten sie nicht sagen.<\/p>\n<p>Wie, dachte ich, soll dann ein Gespr\u00e4ch zustande kommen?<\/p>\n<p>Das ist dein Problem, dachte ich, das Gespr\u00e4ch schon mit mir selbst f\u00fchrend.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Um nicht sechzig Minuten in Gedanken mit mir zu sprechen, forderte ich sie auf, mir ihre Geschichte zu verkaufen. &#8222;Stellt euch vor&#8220;, sagte ich, &#8222;wir sind in Hollywood. Ich bin Produzent, ein ber\u00fchmter Produzent nat\u00fcrlich, der ber\u00fchmteste von allen, der m\u00e4chtigste, und ihr seid Drehbuchautoren, kleine, unbekannte Drehbuchautoren, Anf\u00e4nger, jung und naiv, gerade aus dem Mittleren Westen hergezogen. Irgendwie habt ihr es in mein B\u00fcro geschafft. Ihr habt zwei Minuten. Erz\u00e4hlt mir, woran ihr gerade arbeitet, \u00fcberzeugt mich, warum ich euer Skript zu einem Film machen soll.&#8220;<\/p>\n<p>Aber keiner war bereit mitzumachen.<\/p>\n<p>Es waren vor allem zwei Schriftstellerinnen, die meine Idee total daneben fanden. Die eine, die sich am st\u00e4rksten weigerte \u2013 <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/kultur\/2014-11\/open-mike\/seite-2\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Doris Anselm<\/a> \u2013, gewann zwei Tage sp\u00e4ter den Open Mike. Die andere \u2013 <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/video\/2015-03\/4106759302001\/videolesung-verena-boos-liest-aus-blutorangen#\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Verena Boos<\/a> \u2013 sagte, sie m\u00fcsse mir nichts beweisen, sie habe ihr Thema und ihren Stoff bereits gefunden: Vergessen und Erinnerung, Schuld und S\u00fchne, die Verbrechen des Franco-Regimes, die Beteiligung der Deutschen am Spanischen B\u00fcrgerkrieg, spanische Soldaten in Wehrmachtsuniform, das Verdr\u00e4ngen der eigenen Verantwortung.<\/p>\n<p>Und da stellte sich heraus, dass ihr erster Roman bereits fertig war und im Fr\u00fchjahr bei Aufbau erscheinen w\u00fcrde: <em>Blutorangen<\/em> \u2013 der Familienroman einer Orangenh\u00e4ndlerdynastie, die Geschichte von drei Generationen, von den Drei\u00dfigerjahren bis in die Gegenwart.<\/p>\n<p><strong><br \/>\nII<\/strong><\/p>\n<p>Im Fr\u00fchjahr 2015 bin ich bei ihrer Buchpremiere im jungen Literaturhaus Lettr\u00e9tage am Mehringdamm im \u2013 wie es auf der Website hei\u00dft \u2013 &#8222;Kreativbezirk Berlin-Kreuzberg&#8220;. Als ich weiterlese und erfahre, dass man dort &#8222;neue und innovative Impulse f\u00fcr die Entwicklung der Literaturmetropole&#8220; setze, bin ich auf alles gefasst \u2013 nur nicht auf eine ganz normale Lesung in einer Erdgeschosshinterhofwohnung: die W\u00e4nde glatt und wei\u00df, von S\u00e4ulen geteilt, auf dem Boden Spanplatten, an der Decke eine Diskokugel, auf der B\u00fchne ein Tisch, zwei St\u00fchle und eine alte Wohnzimmerstehlampe. Drei\u00dfig Zuh\u00f6rer, sehr gemischt, Junge und Alte, M\u00e4nner und Frauen.<\/p>\n<p>Verena Boos liest von Familiengeheimnissen, von Tresorgeheimnissen, von spanischen Soldaten in Wehrmachtsuniform, von Blut und Schande, von Flucht und Migration, von Opfern und T\u00e4tern \u2013 und von der jungen Maite, ihrem Alter Ego, die Nachforschungen anzustellen beginnt und ihren Eltern keine Ruhe l\u00e4sst, bis alle R\u00e4tsel gekl\u00e4rt sind. Zwischendurch erz\u00e4hlt sie von ihrer Recherche, von NGOs, von B\u00fcrgerbewegungen, Angeh\u00f6rigenverb\u00e4nden, dem Verein zur Wiedererlangung der historischen Erinnerung. &#8222;Es ist ihnen ein Anliegen, dass die Toten dem Vergessen entrissen werden, dass die Opfer der Diktatur ihren Namen, ihre Biografie, ihre W\u00fcrde zur\u00fcckbekommen.&#8220;<\/p>\n<p>Bei der anschlie\u00dfenden Diskussion dreht sich alles um den Inhalt, Fragen zu Fakten und Figuren, dem wahren Hintergrund. \u00c4sthetik spielt keine Rolle, vor allem die \u00e4lteren G\u00e4ste erinnern mich an Seniorenstudenten aus dem Geschichtsstudium, die sich, wenn es nicht um Verifizierbares geht, f\u00fcrs Autobiografische und Finanzielle interessieren.<\/p>\n<p>&#8222;Abgesehen von den historischen Fakten, die mir als \u00e4ltere Generation ja bekannt sind&#8220;, sagt einer, &#8222;die Romanfiguren: Sind die alle frei erfunden, oder gibt es da \u00c4hnlichkeiten zu Personen, die so etwas durchlebt haben?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Die gibt es nicht und hat es nicht gegeben&#8220;, sagt sie. &#8222;Ich habe da keine famili\u00e4re Vorgeschichte, h\u00f6chstens eine wissenschaftliche&#8220;, und verweist auf ihre Doktorarbeit <em>Bypassing Regional Identity \u2013 A Study of Identifications and Interests in Scottish and Catalan Press Commentary on European Integration 1973-1993.<\/em><\/p>\n<p>&#8222;Sie haben unglaublich viel Recherche betrieben&#8220;, sagt ein anderer alter Mann, &#8222;und das ist ja ein gro\u00dfer Aufwand. Waren Sie sich dessen bewusst?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Nee.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Bedauern Sie das jetzt?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Nee.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;W\u00fcrden Sie sagen, es hat sich finanziell gelohnt?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Nee. Aber darum geht es ja auch nicht.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Um was denn?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Um Kunst. Um Sch\u00f6nheit. Darum, ein gutes Buch zu machen.&#8220;<\/p>\n<p><strong><br \/>\nIII<\/strong><\/p>\n<p>Hinterher stehen wir noch zusammen, unterhalten uns \u00fcber Blutorangen als Bindeglied zwischen den Familienmitgliedern, als Symbol f\u00fcr eine Art kontaminierte Fruchtbarkeit; \u00fcber die Blaue Division spanischer Freiwilliger, die an der Belagerung Leningrads durch deutsche Truppen teilnahm; \u00fcber die Massengr\u00e4ber zur Zeit der Milit\u00e4rdiktatur \u2013 und \u00fcber die junge Generation in Spanien, die mithilfe der erst im vergangenen Jahr gegr\u00fcndeten Partei Podemos politisch Einfluss zu nehmen versucht. &#8222;Ihr 1968&#8220;, sagt Verena Boos, &#8222;ist jetzt.&#8220; Und das hat sie zum Schreiben des Romans inspiriert: wie die Nachfahren der Opfer um die Jahrtausendwende aufbegehren, wie sie die Exhumierung erzwingen und die T\u00e4ter benennen.<\/p>\n<p>Ihr Roman ist in einer kargen, bisweilen protokollarischen Sprache verfasst, ohne Pathos, ohne Ornament, und gerade dieser schlichte, zur\u00fcckhaltende Stil macht den Reiz ihrer Prosa aus. Verena Boos verbindet gro\u00dfes Erz\u00e4hltalent mit historischer Pr\u00e4zision. Nur der Anfang des Buches ist etwas schwerf\u00e4llig geraten, zu viele Zeitspr\u00fcnge, zu viele Figuren machen den Einstieg schwer. Da h\u00e4tte ich mir einen vorangestellten Stammbaum gew\u00fcnscht, eine Zeittafel, irgendeine \u00dcbersicht, die die Komplexit\u00e4t des Stoffes veranschaulicht.<\/p>\n<p>Urspr\u00fcnglich sei das Manuskript noch wesentlich umfangreicher gewesen als die jetzt vorliegenden 400 Seiten, aber dann habe sie die H\u00e4lfte wieder gestrichen, sagt sie, und dass sie 2010 so richtig angefangen habe mit dem Schreiben. Damals habe sie ihren Job als Leiterin des M\u00fcnchner Ronald-McDonald-Hauses, der Kinderhilfestiftung von McDonalds am Deutschen Herzzentrum, beendet und sei, ohne eine andere Alternative zu haben, nach Frankfurt gezogen. &#8222;Es war mit Schreiben nicht zu vereinbaren&#8220;, sagt sie. &#8222;Wenn man bedenkt, was ich vorher verdient habe oder was ich in der Zeit h\u00e4tte verdienen k\u00f6nnen, dann ist das nat\u00fcrlich ein superteurer Roman.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Jeder gro\u00dfe Roman ist unbezahlbar&#8220;, sage ich.<\/p>\n<p>Und sie sagt: &#8222;Das hast du damals auch gesagt.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Wann, damals?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Beim Textwerk-Seminar in M\u00fcnchen.&#8220;<\/p>\n<p>Und da erinnere ich mich an jenen Nachmittag im Literaturhaus, im Juli 2012, als ich eingeladen war, vor den zehn Teilnehmern der Schreibwerkstatt \u00fcber Recherche zu sprechen. Mir war nicht bewusst, dass Verena Boos dabei war, dass sie mir zuh\u00f6rte, es gab keinen Austausch, kein Gespr\u00e4ch, und ich litt unter dem F\u00f6hnwind. Zu dem Zeitpunkt habe der Titel noch <em>Familiengrab<\/em> gehei\u00dfen und sie habe schon sehr viel Material gehabt, sagt sie, mehr als alle anderen, die sich drei Mal im Abstand von ein paar Monaten trafen, um mit Lektoren und Schriftstellern die Fortschritte ihrer Arbeit zu besprechen. Und kurz danach unterschieb sie einen Buch-Vertrag beim Aufbau-Verlag, wurde f\u00fcr die Endrunde des Open Mike ausgew\u00e4hlt \u2013 machte noch vor Ver\u00f6ffentlichung ihres Deb\u00fcts Karriere als Schriftstellerin. Als sie sich von ihrem Publikum verabschiedet, l\u00e4chelt sie wie jemand, der die beste Entscheidung seines Lebens getroffen hat.<\/p>\n<p><iframe src='\/\/players.brightcove.net\/18140073001\/65fa926a-0fe0-4031-8cbf-9db35cecf64a_default\/index.html?videoId=4106759302001' allowfullscreen frameborder=0><\/iframe><\/p>\n<p>_________________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? Aufgrund der gro\u00dfen Nachfrage gibt es jetzt einen Newsletter. <a href=\"http:\/\/bit.ly\/1xjyvzZ\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hier k\u00f6nnen Sie ihn abonnieren.<\/a><\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie schreibt man eigentlich ein gutes Buch? Unser Autor hat die Schriftstellerin Verena Boos \u00fcber Jahre begleitet \u2013 und pl\u00f6tzlich erschien ihr gro\u00dfartiges Deb\u00fct. 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