{"id":1510,"date":"2015-05-04T14:00:54","date_gmt":"2015-05-04T12:00:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=1510"},"modified":"2015-05-07T18:50:07","modified_gmt":"2015-05-07T16:50:07","slug":"kreuzberg-berlin-erster-mai","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2015\/05\/04\/kreuzberg-berlin-erster-mai\/","title":{"rendered":"Berlin, du bist mein Ruin"},"content":{"rendered":"<p><strong>Clowns und Hipster auf der Demo, Tocotronic im SO 36, S\u00e4ufer und Liebende, die sich nicht voneinander l\u00f6sen m\u00f6gen. Ein Erlebnisbericht vom 1. Mai aus Kreuzberg<\/strong><\/p>\n<p>I. Der doofe Clown<\/p>\n<p>Auf dem Mariannenplatz steht ein Metaclown namens Gregor Wollny. Er sieht aus wie der junge Helge Schneider ohne Bart, aber mit Turban. Er spielt kein Instrument, sagt kein Wort, und seine Kunstst\u00fccke funktionieren nicht. Mit einer Handbewegung bittet er zwei Kinder auf die B\u00fchne, l\u00e4sst das eine einen Kescher halten, das andere einen Plastikreifen, deutet an, dass er eine Barbiepuppe mit einer Konfettikanone durch den Reifen ins Netz schie\u00dfen werde. Immer wieder r\u00fcckt er die Kinder in Position, und als er den Startschuss gibt, f\u00e4llt die Puppe vor dem Reifen auf den Boden, und es regnet Konfetti. Wie um diesen Fauxpas wieder gutzumachen, bl\u00e4st er schnell ein paar Luftballons auf, tut so, als w\u00fcrde er sie zu Tierfiguren zusammenfalten, l\u00e4sst es dann aber doch sein und verschenkt die halbgeknickten R\u00f6hren ans Publikum. Am Schluss holt er ein Messer heraus, schaut auffordernd grimmig ins Rund, l\u00e4sst einen Schein in einen Hut fallen \u2013 und die Kinder kommen nach vorn und werfen M\u00fcnzen hinein. <!--more-->Wollny veralbert das Clownsein, er legt die Mechanismen offen, die billigen Tricks, die immer gleichen Rituale von Komik und Erstaunen, und zeigt, dass es auch beim Humor ums Gesch\u00e4ft geht. Als hinterher ein Vater neben mir seine Tochter entgegennimmt und sie fragt, ob es ihr gefallen habe, sagt sie: &#8222;Nee. Der Clown war doof.&#8220;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2015\/05\/brandt-text1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1513\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2015\/05\/brandt-text1.jpg\" alt=\"brandt-text1\" width=\"580\" height=\"326\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2015\/05\/brandt-text1.jpg 580w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2015\/05\/brandt-text1-300x169.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 580px) 100vw, 580px\" \/><\/a><\/p>\n<p>II. Tanzt, ihr Nutten<\/p>\n<p>Ich gehe weiter, dr\u00e4nge mich durch die Menge \u2013 50.000 sollen es sein \u2013 an den Fast-Food-St\u00e4nden vorbei, vor der Apothekenbar stehen die Toiletten- und Bierschlangen direkt nebeneinander. An einem Balkon h\u00e4ngt ein Transparent mit der Aufschrift: &#8222;Kacken 2 Euro&#8220;. Vor jedem Haus werden Gerichte und Getr\u00e4nke angeboten. Zwei Typen vorm Hanf-Haus in Neonglitzerklamotten verkaufen Tequila aus einem Bauchladen. Mitten auf der Oranienstra\u00dfe steht eine Selfie-Leiter \u2013 der Aufstieg kostet einen Euro. Alle wollen mit allem an den Menschenmassen auf dem Myfest verdienen, sogar mit Schei\u00dfe und Luft.<\/p>\n<p>Am Spreewaldplatz versammeln sich Polizisten und Demonstranten. Einige Hipster mit Vollb\u00e4rten und Wollm\u00fctzen halten Schilder mit ironischen Botschaften hoch: <em>Less Putin More Put Out<\/em> und <em>More Sun<\/em> und <em>Tanzt, ihr Nutten, der K\u00f6nig hat Laune.<\/em> Vor mir bringen sich ein paar Jugendliche in Position f\u00fcr den Schwarzen Block. Sie ziehen ihre Kampfgarderobe \u00fcber \u2013 schwarze Regenjacken, M\u00fctzen, Sonnenbrillen und Quarzhandschuhe \u2013 und lesen sich noch einmal die Flyer mit dem <em>Demo 1&#215;1<\/em> durch: Telefonnummer des Ermittlungsausschusses auf Arm oder Hand notieren; bei Verhaftung Aussage verweigern, nichts unterschreiben, in kein Gespr\u00e4ch verwickeln lassen. Von einem Wagen ruft ein Mann herunter: &#8222;Hier beginnt in wenigen Minuten die Auftaktkundgebung der Revolution\u00e4ren 1. Mai Demonstration 2015. Kommt her, stellt euch auf, wir wollen heute mit euch entschlossen, kollektiv und solidarisch auf die Stra\u00dfe gehen, f\u00fcr einen Bruch mit den herrschenden Verh\u00e4ltnissen, f\u00fcr eine Gesellschaft, in deren Zentrum die Bed\u00fcrfnisse der Menschen und nicht die Profite des Kapitals stehen. Es lebe die Revolution.&#8220; Einige Leute jubeln und klatschen, die anderen feiern, von den B\u00e4ssen der umliegenden Bars in Schwingung versetzt, unger\u00fchrt weiter.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2015\/05\/revolution-berlin.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1517\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2015\/05\/revolution-berlin.jpg\" alt=\"revolution-berlin\" width=\"580\" height=\"326\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2015\/05\/revolution-berlin.jpg 580w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2015\/05\/revolution-berlin-300x169.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 580px) 100vw, 580px\" \/><\/a><\/p>\n<p>III. Pl\u00fcndernde Omis<\/p>\n<p>&#8222;Das profitorientierte Wirtschaftssystem ist unserer Meinung nach urs\u00e4chlich f\u00fcr die meisten aktuellen Probleme auf der Welt, egal es um die Umstrukturierung in Kreuzberg und Neuk\u00f6lln, die Mietensteigerung geht oder um den Konflikt in der Ukraine, den Massenmord im Mittelmeer, wo mit milit\u00e4rischen Mitteln die Festung Europa ihren zusammengestohlen Reichtum verteidigt. Wir sind der Meinung, dass das wirtschaftliche System des Kapitalismus, das Armut, Krieg, Rassismus, Sexismus und Umweltzerst\u00f6rung verursacht, nicht reformierbar ist, dass man es nicht durch eine Wahl abschaffen kann, dass es nicht reicht, einige, sozial gerechte \u00c4nderungen durchzuf\u00fchren \u2026 Wir stehen f\u00fcr eine andere Gesellschaft \u2026&#8220;<\/p>\n<p>Dann erinnert der Sprecher an den Ursprung der Demonstration, an das Jahr 1987, als ein Stadtteilfest au\u00dfer Kontrolle geriet, die Polizei \u00fcber Nacht aus Kreuzberg vertrieben wurde und der Bolle-Supermarkt an der Manteuffel- Ecke Skalitzerstra\u00dfe gepl\u00fcndert wurde. &#8222;Nicht nur Hausbesetzer, Autonome haben sich an dieser Auseinandersetzung beteiligt, selbst die Seniorenstifte am Bethaniendamm, die alten Omis sind nachts losgezogen, um sich bei Bolle einzudecken.&#8220; Schlie\u00dflich ruft er zu einer &#8222;konfrontativen, offensiven Antwort&#8220; auf, zu Basisk\u00e4mpfen, um die herrschende Klasse zu st\u00fcrzen. Um 19 Uhr setzt sich der auf 18.000 Menschen angewachsene Zug durch die Ohlauer Stra\u00dfe, an der von Fl\u00fcchtlingen besetzten und von Polizeiwagen abgeschirmten Gerhart-Hauptmann-Schule, in Bewegung.<\/p>\n<p>IV. Spuckespr\u00fchendes R\u00fcckkopplungsraunen<\/p>\n<p>Ich kehre zur Oranienstra\u00dfe zur\u00fcck, ins SO 36, <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/kultur\/musik\/2015-04\/tocotronic-rotes-album-liebe\" target=\"_blank\">wo Tocotronic ihr elftes Studioalbum vorstellen.<\/a> Es hat keinen Titel, wird aber, weil es ganz in rot gehalten ist, inoffiziell <em>Das rote Album<\/em> genannt. Auf ihm, das war im Pre-Listening zu h\u00f6ren, sind \u00fcberwiegend Liebeslieder versammelt, die mich in ihrer Instrumentierung mal an The Smiths, mal an Sufjan Stevens erinnern, mal sph\u00e4risch orchestriert, mal verspielt vorgetragen, Songs mit Versen wie &#8222;Ich \u00f6ffne mich \/ \u00f6ffne mich g\u00e4nzlich \/ f\u00fcr dich \/ wir fliehen zu zweit \/ aus den Kerkern der Zeit&#8220;; &#8222;Du bist aus Zucker \/ du bist zart \/ du schmilzt dahin \/ du wirst nicht hart&#8220;; &#8222;Ich falle in den Schlaf \/ du hast mich ins Bett gebracht \/ und w\u00e4hrend ich noch spreche \/ hat sich mein Kopf davongemacht&#8220; \u2013 weshalb in den ersten Kritiken gleich von Kitsch und Kulturverfall die Rede ist. Dabei haben Tocotronic immer schon Liebeslieder geschrieben, von <em>Dr\u00fcben auf dem H\u00fcgel<\/em> (1995) \u00fcber <em>Jackpot <\/em>(1999) <em>F\u00fchre mich sanft<\/em> (2002), <em>Angel<\/em> (2005), <em>Wehrlos<\/em> (2007) bis hin zu <em>Ich will f\u00fcr dich n\u00fcchtern bleiben<\/em> (2013).<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, wann ich das letzte Mal im SO 36 war, aber es ist eine seltsame Erfahrung, sich in einem engen, vollen, schlauchartigen Raum wohler zu f\u00fchlen als in einer vollen Stra\u00dfe. Man muss am Anfang nicht bef\u00fcrchten, in Kotze zu treten, und die Musik, die einem entgegenschallt, stammt von einer einzigen Band und nicht von f\u00fcnf Gruppen gleichzeitig. Als Einstimmung kommt Prokofjews <em>Romeo und Julia<\/em> aus den Lautsprechern, dann betreten Arne Zank, Rick McPhail, Jan M\u00fcller und Dirk von Lowtzow die rot ausgeleuchtete B\u00fchne und spielen den <em>Prolog<\/em> ihres Albums, in dem es hei\u00dft: &#8222;Liebe wird das Ereignis sein.&#8220;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2015\/05\/tocotronic-so.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1518\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2015\/05\/tocotronic-so.jpg\" alt=\"tocotronic-so\" width=\"580\" height=\"326\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2015\/05\/tocotronic-so.jpg 580w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2015\/05\/tocotronic-so-300x169.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 580px) 100vw, 580px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Keine Ch\u00f6re, Geigen, Keyboardkl\u00e4nge. Tocotronic pr\u00e4sentieren ihre Musik nackt, in einer Art rauen College-Rock-Version mit wilden Gitarrensoli und Schlagzeuggewittern. Nach den ersten beiden Liedern reckt Dirk von Lowtzow die Faust in die Luft \u2013 eine Geste, die das Publikum willig wiederholt. &#8222;Dankesch\u00f6n. Hallo, Berlin, hallo SO 36. Wir sind die Gruppe Tocotronic und w\u00fcnschen euch einen sch\u00f6nen 1. Mai. Wir spielen jetzt ein Lied aus dem Jahre 1995. Es geht auf eine wahre Begebenheit zur\u00fcck und handelt von Liebe&#8220; \u2013 erst gr\u00f6len die einen \u2013 &#8222;und Trunksucht&#8220; \u2013 dann gr\u00f6len die anderen. Und als die ersten Takte von <em>Du bist ganz sch\u00f6n bedient<\/em> anklingen, singen alle mit.<\/p>\n<p>Volle Bierbecher fliegen \u00fcber die K\u00f6pfe hinweg. Vor der B\u00fchne wird gepogt, es sind vor allem M\u00e4nner, die sich gegenseitig tanzend anrempeln, M\u00e4nner, die ihre Schultern aneinander sto\u00dfen, M\u00e4nner, die sich auf dem R\u00fccken liegend vom Publikum tragen lassen, bis sie nach hinten durchgereicht werden. Rituale wie auf jedem Punkkonzert, Gesten, die Zitate sind. Tocotronic bieten ein Best-of ihres \u0152uvres. Es sind nicht nur Hymnen meiner Jugend, sondern auch meines Erwachsenenlebens, Songs, die von Generationserfahrungen und pers\u00f6nlichen Ereignissen erz\u00e4hlen und allesamt eine Haltung besitzen. &#8222;Das hier ist Liebe&#8220;, sagt Dirk von Lowtzow einmal mit ausgebreiteten Armen und f\u00fcgt hinzu: &#8222;Keine Liebe jedoch f\u00fcr Staat und Nation. Aber hier leben, nein Danke.&#8220; Ein andermal k\u00fcndigt er einen Song mit den Worten an: &#8222;Berlin, Berlin, du bist mein Ruin.&#8220; Und die ersten Zeilen klingen heute, angesichts der fortschreitenden Gentrifizierung, ganz anders als noch vor acht Jahren: &#8222;Mein Ruin, das ist zun\u00e4chst \/ etwas, das gewachsen ist, \/ wie eine Welle, die mich tr\u00e4gt \/ und mich dann unter sich begr\u00e4bt.&#8220;<\/p>\n<p>Tocotronic spielen fast zwei Stunden und geben dreimal Zugaben, die jeweils in einem gewaltigen, flimmernden R\u00fcckkopplungsraunen gipfeln. Bei der letzten ist schon das Licht an, und aus den Lautsprechern kommt Musik, da st\u00fcrmen die, die schon ihre Jacken aus der Garderobe geholt haben, wieder zur\u00fcck zur B\u00fchne. Die Nacht will kein Ende nehmen. Irgendwann verabschiedet sich die Band dann doch mit einer klaren Ansage: &#8222;Fuuuuuuck youuuuuuu, Fronteeeeeeeeex.&#8220;<\/p>\n<p>Michael, ein alter Freund, dem ich ewig nicht begegnet bin, steht pl\u00f6tzlich neben mir und sagt: &#8222;Die habe ich in diesem Jahrhundert noch nicht gesehen.&#8220; Christian, den ich auch schon seit zwanzig Jahren kenne, wendet sich mir zu: &#8222;Toll, dass sie so viele alte Sachen spielen. Und dann ohne diesen ganzen Popanz.&#8220; Malte, der seine abgewetzte Trainingsjacke nicht mehr zukriegt, schreit mir spuckespr\u00fchend ins Ohr: &#8222;Das ist so geil! Wie im Luxor in K\u00f6ln damals! Wei\u00dft du noch \u2013 1996?&#8220;<\/p>\n<p>Bei mir will sich jedoch kein Retrogef\u00fchl einstellen. Ich denke eher, Tocotronic sind ein Beispiel daf\u00fcr, wie es auch sein kann, wenn man \u00fcber vierzig ist und einen Beruf und eine Familie hat: dass man sich nicht notwendigerweise verbiegen muss und spie\u00dfig wird und seinen dicken Bauch dreimal im Jahr in eine Konzerthalle tr\u00e4gt, um sich an der Nostalgie zu w\u00e4rmen und sich zu beweisen, wie cool man geblieben ist, weil man immer noch Rockmusik h\u00f6rt. Dirk von Lowtzow und Co. wirken j\u00fcnger als die meisten Gleichaltrigen im Publikum, und wer ihnen vorwirft, keine Punk-Songs mehr zu schreiben, deren Titel Parolen sein k\u00f6nnten, hat das Altern nicht verstanden. Es geht doch nicht darum, jung zu bleiben, sondern immer wieder neu jung zu sein, den jeweiligen Verh\u00e4ltnissen entsprechend, an der Gegenwart gemessen. Wer sich nur an fr\u00fcher erinnert und alles, was heute ist, daran misst, wird es in Zukunft schwer haben, weil die Vergangenheit nicht wiederkommt.<\/p>\n<p>V. Menschliche Skulpturen<\/p>\n<p>Als ich um Mitternacht wieder auf die Stra\u00dfe trete, sind die B\u00fchnen drau\u00dfen leer. Die Stra\u00dfen haben sich gelichtet. Am G\u00f6rlitzer Bahnhof flie\u00dfen die Pissrinnsale bis auf den Mittelstreifen hinaus. Ein Mann rempelt einen anderen an, der rennt ihm nach, ruft, &#8222;Du Hund, du Opfer, hast du Angst?&#8220;, w\u00e4hrend ein Mannschaftswagen neben ihnen herf\u00e4hrt. Hinter mir, am Kottbusser Tor gibt es einen Knall, Polizeiwagen mit Blaulicht rasen an mir vorbei. Vor mir, auf dem Fu\u00dfg\u00e4ngerstreifen unter der Hochbahn an der Skalitzer Stra\u00dfe, gibt es eine Schl\u00e4gerei, ineinander verkeilte M\u00e4nner wie bei einem Rugbyspiel. Aus ihrer Mitte, so kommt es mir vor, tritt die Wickelfrau. Wie immer hat sie bunte T\u00fccher um ihren Leib geschlungen, aber anders als sonst tr\u00e4gt sie diesmal einen wei\u00dfen Turban auf dem Kopf. Unger\u00fchrt geht sie \u00fcber den Unrat \u2013 Flaschen und Scherben und Plastikbecher \u2013 hinweg. Und als wir auf gleicher H\u00f6he sind, holt sie eine Schachtel Zigaretten heraus und z\u00fcndet sich eine an. Rauchend spaziert sie, die ewig Rastlose, durch die Nacht. Am Lausitzer Platz stehen betrunkene Paare k\u00fcssend und schwankend, ohne sich zu umarmen, voreinander. L\u00f6sten sich ihre Lippen, fielen sie um.<\/p>\n<p>VI. Berlin Blues<\/p>\n<p>Der Tag danach ist immer der schlimmste des ganzen Jahres. Der Stadtteilteil, der ehemalige Postzustellbezirk SO 36, ist wieder aufger\u00e4umt: sauber, ruhig und fast menschenleer. Als h\u00e4tte es diesen kulinarischen, alkoholischen, olfaktorischen, sexuellen und politischen Exzess nie gegeben. Ist dieser Tag nur mehr ein gesellschaftlich folgenloses Event, eine Art alternative Love Parade? Der Berliner Innensenator von der CDU spricht vom &#8222;friedlichsten 1. Mai seit 1987&#8220;. Auch wenn ich Gewalt ablehne und die Krawalle der Vergangenheit verurteile, klingt das wie ein Sieg f\u00fcr die falsche Seite, wie eine Best\u00e4tigung f\u00fcr die Politik, so weitermachen zu d\u00fcrfen wie bisher. Fl\u00fcchtlinge abschieben. Arme verdr\u00e4ngen. Kiffer kriminalisieren. Banken retten. Investoren hofieren. Das w\u00e4re tats\u00e4chlich der Ruin f\u00fcr Berlin.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Clowns und Hipster auf der Demo, Tocotronic im SO 36, S\u00e4ufer und Liebende, die sich nicht voneinander l\u00f6sen m\u00f6gen. Ein Erlebnisbericht vom 1. 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